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Youth for Peace14.Nov 2018

„Wir alle wollen Frieden. Obwohl die meisten gar nicht wissen, was Krieg ist.“

„Wir alle wollen Frieden. Obwohl die meisten gar nicht wissen, was Krieg ist.“

Vor hundert Jahren ging der erste Weltkrieg zu Ende, aber noch immer gibt es rund um Europa Krieg. Ab diesem Mittwoch werden 500 Jugendliche bei der Jugendbegegnung „Youth for Peace“ über Ideen für den Frieden nachdenken. Die 19-jährige Raghad Alrez aus Syrien ist eine von ihnen und beschreibt im Interview, was Frieden für sie bedeutet.

Vergangenen Sonntag feierten internationale Staatschefs den 100. Jahrestag vom Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte Merkel & Co. zum Spitzentreffen nach Paris geladen. Doch auch in Berlin wird das Jubiläum vom Kriegsende für einen Appell an den Frieden aufgegriffen. So bringt das Deutsch-Französische Jugendwerk für fünf Tage 500 Jugendliche aus 48 verschiedenen Ländern in der deutschen Hauptstadt zusammen. „Youth for Peace“ heißt die Jugendbegegnung, die unter der Schirmherrschaft des Auswärtigen Amts steht, und an diesem Mittwoch startet. 

Die Jugendlichen werden in Workshops hundert Ideen für den Frieden erarbeiten und diese am Ende der Veranstaltung Politikern überreichen. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der französische Präsident Emmanuel Macron* werden am Sonntag mit den Jugendlichen über ihre Ideen diskutieren. Raghad Alrez ist eine der Jugendlichen. Sie ist 19 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren in Deutschland, weil sie mit ihrer Familie aus Syrien vor dem Krieg fliehen musst. Nun setzt sie sich in Deutschland für den Frieden ein. Wir haben mit ihr über ihre Kriegserfahrungen und Friedenshoffnungen gesprochen.

Warum haben Sie sich zur Youth for Peace -Veranstaltung angemeldet?

Ich nutze jede Gelegenheit, Menschen mit verschiedenen Kulturen und Hintergründen kennenzulernen. Eine Freundin hat auf Facebook gelesen, dass die noch nach Teilnehmern mit Fluchthintergrund suchen und mir davon erzählt. Ich habe recherchiert und fand die Sache gleich toll: 500 Schüler und Studenten aus ganz Europa – das sind richtig viele Menschen. Deshalb habe ich mich beworben und bin glücklich, dass es geklappt hat und ich dabei sein darf.

Was erwarten Sie sich von diesem Treffen?

Ich bin sehr gespannt auf die Anregungen von den anderen Teilnehmern. Wir werden über den ersten Weltkrieg sprechen und was man davon lernen kann. Ich hoffe, neue Ideen zu bekommen, wie man die Kriege, die es jetzt gibt, beenden kann. Und wie wir es schaffen, irgendwann keine Kriege mehr zu haben. Mir ist klar, dass es da keine einfachen Lösungen gibt, aber vielleicht kommen wir auf neue Ideen.

Hat den Krieg in Syrien erlebt und setzt sich nun in Deutschland für den Frieden ein: Die 19-Jährige Syrerin Raghad Alrez Foto: Privat

Sie haben in Syrien den Krieg erlebt. Wie ist es für Sie, mit Menschen in Deutschland darüber zu sprechen, die solche Erfahrungen nicht gemacht haben?

Gerade haben wir in der Schule den ersten Weltkrieg durchgenommen. Ich habe gleich ein Bild im Kopf gehabt, wie es in Syrien war. Bei den anderen ist das nicht so. Wenn meine deutschen Mitschüler über Krieg reden, klingt es so, als gäbe es das nur in der Vergangenheit: „Wie konnten die das damals bloß machen?“, fragen die dann. Ich glaube, manchmal verstehen die nicht, dass auch jetzt noch Menschen im Krieg leben müssen. Wir teilen ein Ziel: Wir alle wollen Frieden. Obwohl die meisten gar nicht wissen, was Krieg ist und wie es sich anfühlt, im Krieg zu leben.

Wie fühlt sich das an?

Es ist ein großes Gefühl von Unsicherheit. Man geht zur Schule und weiß nicht, ob man seine Familie wiedersehen wird. Neben meiner Schule sind einmal drei Bomben explodiert, die Häuser dahinter waren total zerstört. Es war reines Glück, dass uns nichts passiert ist. Immer wieder hörten wir Schüsse und Schreie, Leute, die demonstriert haben, sind erschossen worden. Dann haben wir zuhause gewartet. Das Haus zu verlassen, war zu gefährlich.

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin in Damaskus geboren und aufgewachsen. Als ich dreizehn war, sind wir dann vor dem Krieg zuerst nach Bosnien, dann nach Deutschland geflohen. In Syrien war mein Leben vor dem Krieg noch unkompliziert. Meine Familie musste sich keine Sorgen ums Geld machen. Ich mochte die Schule, hatte viele Freunde und Nachbarn und lebte im Kreis unserer großen Familie. Freitags haben wir uns immer alle bei unserer Oma getroffen und dort gegessen und viel gelacht. Damals hatte ich nicht so viele Sorgen wie jetzt. Aber es geht mir viel besser als denen, die jetzt noch dort sind.

Wie geht es Ihren Verwandten und Freunden, die noch in Syrien leben?

Wenn ich mit ihnen telefoniere, spüre ich, dass sie ganz anders sind als früher. Früher hat man sich gegenseitig geholfen, der Familie, den Nachbarn. Jetzt hat dafür keiner mehr Energie. Es ist, als wären die Menschen dort nackt und verletzlich. Die Fassade des Alltags, die sie früher hatten, fehlt ihnen. Auf für das Aufrechterhalten der Fassaden haben sie keine Energie mehr. Auf Facebook sehe ich Bilder und Videos von leeren Straßen, die früher voller Leben waren. Und die Menschen auf den Bildern haben so einen leeren Blick.

Sie leben nun seit zwei Jahren in Deutschland. Wie geht es Ihnen hier?

Ich mache mir Sorgen, dass auch hier meine Zukunft bedroht sein könnte, wenn Parteien wie die AfD noch stärker werden. In meiner alten Schule habe ich viel Rassismus erlebt. Gerade die Schüler, die nicht gut Deutsch konnten, wurden immer beleidigt. Und das Schlimmste war, dass keiner was gesagt hat. Auch die, die das nicht gut fanden, haben nichts dagegen getan. Man spürt so eine Unsicherheit bei den Menschen hier, Rassismus und Nationalismus werden immer stärker und keiner mit Sicherheit sagen kann, wo das hinführt. Das erinnert mich an das Gefühl am Anfang des Kriegs in Syrien: Keiner wusste, was kommt, aber alle haben gehofft, dass es nicht so schlimm wird. Unsere Hoffnungen wurden enttäuscht. 

Das Bild zeigt den Rauch, der von einer Bombenexplosion im Justizpalast von Damaskus aufsteigt. Foto: dpa

In Deutschland sind Sie vegan geworden und machen sich Gedanken um Umwelt- und Klimaprobleme. Wie war das damals, als Sie noch in Damaskus gelebt haben? Welche Rolle spielen Umweltprobleme, wenn in der eigenen Stadt Bomben explodieren?

In Deutschland habe ich mich gegen Tierprodukte entschieden, um meine CO2-Emissionen zu verringern. Ich habe nachgelesen, wie schlecht Tierproduktion fürs Klima ist, und fühle mich verantwortlich. Es ist ein kleiner Schritt, der aber einiges verändern kann, wenn viele ihn gehen. Aber wäre ich noch in Syrien, würde ich wohl nicht über den Klimawandel nachdenken. Da hat man andere Sorgen, es geht einfach ums Überleben und Weitermachen. Ich glaube, die Situation muss für die Menschen sicher werden, erst dann können sie sich für Umwelt und Bildung einsetzen. Ich sehe das als Luxus an, dass ich mich hier sozial engagieren kann, beispielsweise bei der Malteserorganisation.

Was machen Sie da?

Wir helfen einer Gruppe von Mädchen mit Fluchthintergrund bei den Hausaufgaben und beim Deutsch lernen. Manchmal machen wir auch Ausflüge, gehen zum Beispiel Klettern. Wir wollen in diesen kleinen eineinhalb Stunden in der Woche eine Stimmung aufbauen, die diese Kinder sonst oft nicht haben. Eine freie, fröhliche Stimmung, wo man einfach man selbst sein kann. Über Probleme sprechen, aber auch mal über Mode und Jungs. Man muss keine Politikerin sein, um etwas zu bewegen. Ich möchte einmal Ärztin werden. Das wollte ich schon als Kind. Denn egal was an einem Tag sonst Schlechtes passiert, als Ärztin kann man abends nach Hause gehen und hat anderen Menschen wirklich geholfen.

Was ist Ihre Idee für den Frieden?

Ich glaube, wir müssen gut zueinander sein, die anderen fair behandeln – egal ob Frau oder Mann, egal, ob wer Geld hat oder nicht. Denn dann wird es schwieriger, Hass zwischen zwei Seiten zu schüren. Aber das allein reicht nicht. Es braucht auch Bildung. In Syrien ist die Tradition oft wichtiger als die Bildung. Viele Sachen werden einfach gemacht, ohne sie zu hinterfragen.  Wenn man nachfragt warum, stellt sich heraus, dass der einzige Grund dafür ist, „dass Oma es schon so gemacht hat“. Tradition macht die Menschen stolz und verschlossen. Aber um andere Meinung zu verstehen und zu akzeptieren, muss man offen sein. Und dafür braucht man Bildung – keine Tradition. Und genau darüber möchte ich mit den anderen Jugendlichen auf dem Youth for Peace-Treffen sprechen. Ich hoffe sehr, dass wir gemeinsam Ideen entwickeln können, die mehr Frieden in die Welt bringen.

Interview: Ruth Fulterer

Aufmacherbild: Jennifer Sanchez

*Korrekturhinweis: In einer vorigen Version des Textes stand, dass Außenminister Heiko Maas an der Veranstaltung teilnimmt. Das haben wir korrigiert, da aufgrund einer kurzfristigen Programmänderung nun Steinmeier und Macron mit den Jugendlichen diskutieren.

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Frieden – 1.19
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