Insektensterben08.Feb 2019

„Wir müssen alles tun, um eine Katastrophe zu verhindern"

„Wir müssen alles tun, um eine Katastrophe zu verhindern"

Mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ möchte ein breites gesellschaftliches Bündnis in Bayern ein neues Naturschutzgesetz erzwingen. Warum dies notwenig ist und welche Probleme es dabei gibt, erklärt die Biologin und Mitinitiatorin Maiken Winter.

Unter dem Aufruf „Rettet die Bienen!“ läuft derzeit in Bayern ein Volksbegehren, das einen gesetzlichen Rahmen für mehr Biodiversität schaffen und die Politik zwingen soll, konkrete Maßnahmen zum Artenschutz zu ergreifen. Initiatorin ist die Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP), der sich die Grünen, SPD und Linke, diverse Naturschutzorganisationen, Imker, Bauern, Kirchengruppen, Unternehmen und Privatpersonen angeschlossen haben. Für ein erfolgreiches Volksbegehren müssen innerhalb von zwei Wochen, bis zum 13. Februar, zehn Prozent der bayerischen Wahlbevölkerung ihre Unterschrift abgeben – vor Ort in einem offiziellen Eintragungsort wie dem Rathaus. 950.000 Stimmen brauchen die Initiatoren also, rund 700.000 haben sie bereits zusammen.

Maiken Winter gehört zu den Mitinitiatoren des Volksbegehrens. Die Biologin hat lange Jahre in den USA zu Auswirkungen der Zerschneidung von Lebensräumen auf Populationen von Feldvögeln gearbeitet.

Frau Winter, was fordern Sie bei dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“?

Es geht uns nicht nur um den Insektenschutz – wobei dieser natürlich sehr wichtig ist, da Insekten an der Basis der Nahrungskette stehen. Die Biene ist bei unserem Anliegen allerdings ein sehr großer Sympathieträger, über sie kann man gut über Biodiversität, Populationsrückgänge und die Rolle von Bestäubern und anderen Lebewesen für uns Menschen sprechen. Es geht uns um den Erhalt der gesamten Artenvielfalt in Bayern. Denn leider gehen ja nicht nur Populationen von Insekten zurück, sondern auch die anderer Tiergruppen und vieler Pflanzen. Wir fordern daher unter anderem den Ausbau der Ökolandwirtschaft auf 30 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche bis zum Jahr 2030, eine stärkere Vernetzung von Biotopen im Offenland (Anm. d. Red.: alle Biotope, die nicht zum Wald zählen), den Schutz von Gewässerrandstreifen, und die Schaffung von Blühwiesen.

Was sind die Ursachen für das Artensterben in Bayern?

Bei uns – wie in vielen anderen Regionen – ist der Rückgang der Biodiversität besonders hoch im Offenland. Dies ist bei Feldvögeln schon seit Jahrzehnten bekannt. Diese haben sich in ihrem Bestand inzwischen um mehr als die Hälfte verringert; manche Arten um mehr als 80 Prozent – wie der Kiebitz oder das Rebhuhn. Die Hauptursachen dafür sind die Intensivierung der Landwirtschaft mit ihrem frühen und häufigen Mähen, übermäßiger Pestizid- und Düngemitteleinsatz und die Zerstörung und Verinselung von Lebensräumen. Da in Bayern 44 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden, ist es naheliegend, dass sich das Volksbegehren vor allem auf den Schutz der Natur im Offenland fokussiert. Dabei bezichtigen wir nicht den einzelnen Bauern, Schuld am Artenrückgang zu haben. Aber die Bauern tragen eine große Verantwortung, unser Gemeinwohl – sauberes Wasser, Artenvielfalt und die Erhaltung der Böden – zu sichern. Darin wollen wir sie unterstützen, indem wir Zielvorgaben setzen, die mit entsprechenden Fördermaßnahmen erreicht werden können.

Und der Ökolandbau führt zu den gewünschten Verbesserungen?

Es gibt weltweit viele Studien, die belegen, dass ökologisch betriebene Landwirtschaftsflächen eine höhere Artenvielfalt und höhere Populationsdichten haben als jene konventioneller Betriebe. Erst kürzlich hat das Thünen Institut dazu eine neue Studie veröffentlicht. Das Ergebnis zeigt, dass sich der Ökolandbau positiv auf die Biodiversität auswirkt. So sind im Schnitt die Artenzahlen der Ackerflora um 95 Prozent höher als im konventionellen Landbau, die der Feldvögel um 35 Prozent und der blütenbesuchenden Insekten um 23 Prozent.

Wer hat den Gesetzesentwurf, um den es bei dem Volksbegehren geht, erstellt?

Der Gesetzesentwurf wurde mit Hilfe von Wissenschaftlern – Expertinnen und Experten der verschiedenen Pflanzen- und Tiergruppen und der Landwirtschaft – , ÖDP-Politikern und einer Rechtsanwaltskanzlei erstellt. Aber auch Bauern und Imker sind beteiligt, um die Notwendigkeiten vor Ort und die Machbarkeit unserer Forderungen abwägen zu können. Hier haben uns übrigens einige Biobauern gesagt, dass die Forderungen ruhig stärker hätten sein können. Uns war aber ein Kompromiss zwischen effektivem Naturschutz und Machbarkeit sehr wichtig, um den Bauern klar zu zeigen, dass wir mit ihnen, nicht gegen sie arbeiten wollen. Bei dem Prozess wurden sämtliche Naturschutzgesetze der verschiedenen Bundesländer durchforstet, um zu sehen, was woanders schon praktiziert wird und was bei uns noch fehlt. Andere Bereiche wurden zusätzlich noch aufgestockt, sodass wir, wenn wir erfolgreich sind, das progressivste Naturschutzgesetz in Deutschland haben werden.

Wie konkret sind denn die Maßnahmen, die Sie in Ihrem Gesetzesentwurf vorschlagen?

Wir können mit dem Volksbegehren nur Ziele vorgeben. Wie diese Ziele erreicht werden, dürfen wir nicht ansprechen, da wir keinerlei Einfluss auf die Finanzen haben dürfen. Die Maßnahmen, mit denen die Zielvorgaben erreicht werden können – zum Beispiel Ausgleichszahlungen – werden erst nach dem Erfolg des Volksentscheids von der Regierung erarbeitet. Leider wird das nun vom Bauernverband so vermittelt, als ob wir Bauern enteignen oder zu Maßnahmen zwingen wollen.

Sie selbst sind auch Wissenschaftlerin. Die Forschung möchte ja als neutrale und interessenunabhängige Instanz mit hoher Glaubwürdigkeit betrachtet werden. Wie vereinbaren Sie Ihr Engagement als Aktivistin mit der Arbeit als Forscherin?

Wir sind inzwischen in der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen so weit vorangeschritten, dass ich es für unverantwortlich halte, als Wissenschaftlerin nicht aktiv zu werden. Basierend auf unserem Wissen über den Rückgang der Biodiversität ist es in unserer Verantwortung, alles zu tun, eine Katastrophe zu verhindern. Wer sonst soll aufstehen und überzeugend für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen sprechen als die Menschen, die sich am meisten mit der Materie befasst haben und Falschaussagen und wissenschaftliche Fakten auseinanderhalten können? Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die verstehen, um was es geht, sich selbst ganz klar positionieren. Und zum Glück tun das auch viele. Beispielsweise unterstützen einige Professoren des Max-Planck-Instituts für Ornithologie das Volksbegehren ausdrücklich.

Interview: Sebastian Tilch; Aufmacherbild: picture alliance / Blickwinkel

Das Interview erschien erstmals in längerer Fassung auf der Webseite vom Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (Nefo). Die Plattform wurde 2009 zur Politikvernetzung der deutschen Biodiversitätsforschung über Institutionsgrenzen hinweg etabliert. Das Team sitzt am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ und am zur Leibniz-Gemeinschaft gehörenden Museum für Naturkunde Berlin. Sebastian Tilch ist Online-Redakteur und Pressereferent von Nefo.

Warum wir die Artenvielfalt zum Überleben brauchen, zeigen wir auch im Greenpeace Magazin. In unserer Ausgabe „Wahrer Reichtum – Warum wir jetzt lernen müssen, die Natur mit anderen Augen zu sehen“ gehen wir der Frage nach, was Artenreichtum bedeutet – und wie wir ihn erhalten können.

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