Artenforschung13.Mai 2019

Wissenschaftler entdecken zahlreiche neue Arten in Kolumbien

Wissenschaftler entdecken zahlreiche neue Arten in Kolumbien

Über Jahrzehnte des Bürgerkriegs waren Teile des südamerikanischen Landes sich selbst überlassen. Nun werden die unberührten Gebiete erforscht – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Maribel Arias folgt dem Lichtkegel ihrer Stirnlampe durch die Dunkelheit in Richtung Bach. Das Wasser rauscht, Frösche quaken, Insekten zirpen. Am Nachmittag hat Arias dort eine Falle aufgestellt. Die auf Hydrobiologie spezialisierte Forscherin hofft, dort ein zweites Exemplar einer bislang unbekannten Krebsart zu finden. Im Licht der Lampe liest sie Koordinaten von einem GPS-Gerät ab – jeder Fund muss mit einer entsprechenden Positionsangabe versehen werden.

Der Bach, der an Arias' Gummistiefeln vorbeirauscht, entspringt in 3000 Metern Höhe dem Páramo El Valle in Zentralkolumbien. Auf den Hochebenen der Anden stellen die Páramos – baumloses, karges Gras- und Sumpfland – komplexe Ökosysteme dar. Obwohl ihre Vegetation relativ karg ist, sind die wasserspeichernden Pflanzen und Sumpfgebiete wichtig für die Wasserversorgung der tieferliegenden Gebiete; bestimmte Tier- und Pflanzenarten sind nur hier anzutreffen.

Das Wasser des Páramo El Valle ist wichtig für die Trinkwasserversorgung der tiefer gelegenen Regionen. Foto: Martin Specht

Am nächsten Morgen taucht Arias auf dem Páramo El Valle in einen See, um dort Proben einer Algenart zu nehmen. Die Biologin ist Teil eines Teams von Wissenschaftlern, das seit Kurzem im Rahmen des Projekts „Colombia Bio“ forscht: Botaniker, Entomologen, Ornithologen, Herpetologen, Ichthyologen und Genetiker wollen ein möglichst breites Spektrum der in Kolumbien vorhandenen Biodiversität erfassen. Es ist eine Art wissenschaftlicher Neustart.

Denn in einigen abgelegenen Gebieten des Landes blieb die Natur über Jahrzehnte weitgehend unangetastet. Zu verdanken ist das gewissermaßen der FARC – der zahlenmäßig größten Guerilla-Organisation –, die diese Landstriche kontrollierte. „Damals war es wegen des Bürgerkriegs unmöglich sich – auch zu Forschungszwecken – frei im Land zu bewegen“, sagt Mailyn Gonzalez, die das Projekt leitet. Sie selbst verließ deshalb Kolumbien vor zwei Jahrzehnten, um in Europa Biologie zu studieren. Nachdem die Regierung 2016 ein Friedensabkommen mit der FARC geschlossen hat, können Wissenschaftler nun diese Gebiete erforschen.

Zwanzig Expeditionen wurden bereits unternommen, an fünf von ihnen war das Instituto Humboldt beteiligt, die Forschungseinrichtung, bei der Gonzalez arbeitet. Die erste Expedition ging ins nordöstliche Departamento Santander. „Bereits in der ersten Woche haben wir neun neue Arten entdeckt: Verschiedene Pflanzen, eine Froschart und einen Fisch, der in einem Höhlensystem lebt“, sagt Gonzalez. „Das war sehr überraschend für uns. Der Punkt ist, dass an diesem Ort niemals zuvor geforscht und Proben gesammelt worden sind. Alles war neu. In ganz Santander wurden in den letzten Jahrzehnten sieben neue Arten entdeckt. In nur einer Woche konnten wir das auf sechzehn erhöhen!“

Für die Ornithologen der Expedition sind die Vögel des Páramos hochinteressant. Einige Arten finden sich nur dort. Foto: Martin Specht

Dieses „alles war neu“, von dem die Biologin so begeistert spricht, ist vermutlich der Traum eines jeden Forschers. „Es ist das Aufregendste, was ich bislang erlebt habe“, sagt Gonzalez. Gemeinsam mit dem Expeditionsleiter Javier Barriga und dem wissenschaftlichen Leiter Hernando García hat sie die Ziele der Forschungsreisen ausgewählt. „Wir haben uns eine Landkarte Kolumbiens angeschaut, und die Zonen bestimmt, an denen wir biodiverse Hotspots vermuten“, erzählt sie. Kolumbien ist nach Brasilien das Land mit der höchsten Artenvielfalt weltweit. Etwa zehn Prozent aller bekannten Tier- und Pflanzenarten sind hier zu finden. Diese Hotspots glichen die Forscher mit Daten zu Sichtungen und Entdeckungen von Tieren und Pflanzen ab. Interessant waren die Gebiete, in denen sie eine hohe Biodiversität vermuteten, über die es aber keinerlei Informationen gab.

Die spektakulären Ergebnisse der Expeditionen haben selbst die daran beteiligten Wissenschaftler überrascht. Universitäten und Forschungseinrichtungen im In- und Ausland werden noch auf Jahre hinaus mit der Auswertung beschäftigt sein. Doch besteht die Gefahr, dass nach den Forschern Holzfäller, Goldsucher und Viehzüchter anrücken und großen Schaden anrichten. Die zentrale Frage lautet daher: Wie kann die Natur in den ehemals unzugänglichen Gebieten weiter geschützt werden?

„Es wird von den Menschen abhängen, die dort leben“, meint Gonzalez. „Im Grunde sind es die Menschen vor Ort, die entscheiden, ob sie einen Baum fällen oder nicht. Oder brandroden. Oder ob sie es anderen gestatten, dies auf ihrem Territorium zu tun. An einem bestimmten Punkt sollten sie begreifen, dass es um ihren Lebensraum geht.“ Deshalb gilt es, nicht allein die Natur zu untersuchen. „Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, die biologischen und die sozialen Aspekte als Kombination zu sehen“, sagt Gonzalez. „Wir sammeln in diesen Zonen eine Vielzahl biologischer Daten, aber wenn die soziale Komponente fehlt, gibt es keine Garantie, dass diese erstaunliche Biodiversität überlebt.“

Im Anschluss an die Expedition werden die Funde im Instituto Humboldt zu Forschungszwecken präpariert und katalogisiert. Foto: Martin Specht

Natürlich ist zum Schutz der Natur auch die Politik gefragt. Diese hat je nach Region ein mehr oder weniger starkes Interesse an den Ergebnissen der Forschung. In Santander etwa besuchte der Gouverneur das Expeditionsteam vor Ort. „Es ist gut zu sehen“, sagt Gonzalez, „dass sich ein Entscheidungsträger für diese Dinge interessiert.“ Die erhobenen Daten stellen die Wissenschaftler den Verantwortlichen zur Verfügung. „Das spielt vielleicht einmal eine Rolle, wenn Entscheidungen über die Nutzung dieser Territorien getroffen werden müssen“, erklärt die Biologin. Das lässt sich nach dem vielversprechenden Neustart in der Feldforschung jedenfalls hoffen. Die Daten, die Maribel Arias und die anderen Wissenschaftler bei der Expedition auf dem Páramo El Valle gesammelt haben, zeigen, wie wertvoll solche Ökosysteme für die Trinkwasserversorgung der Regionen sind; nun plant die Regierung des Departamentos Antioquia die wichtigsten Páramos von den Grundbesitzern abzukaufen und unter Naturschutz zu stellen.

An anderen Orten dagegen ist der Druck, der auf der Natur lastet, enorm. Im Nationalpark Chiribiquete fallen immer mehr Waldflächen illegaler Abholzung zum Opfer. Ein Problem, das auch in anderen Teilen Kolumbiens anzutreffen ist. Wenn die Waldvernichtung in diesem Tempo weitergeht, werden bis zum Jahr 2050 mehr als sieben Millionen Hektar verschwunden sein.

„Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Expeditionen ist, dass das Land noch lange nicht vollständig erforscht sein wird“, sagt Gonzalez. Die Biologin hofft, dass sich mit der wissenschaftlichen Arbeit nicht nur der Blick auf die Natur ändert, sondern sich das Bild des gesamten Landes wandelt. „Oft wurde Kolumbien lediglich im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg gesehen“, sagt sie. „Doch nun gewinnen die Biodiversität und die Natur an Bedeutung in der Wahrnehmung.“

Martin Specht

Aufmacherbild: Zwei Biologen untersuchen nachtaktive Amphibien. Die Sichtungen werden präzise dokumentiert. Foto: Martin Specht

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