Die Rückkehrer26.Mär 2019

Wühler im Visier

Wühler im Visier

Sus scrofa profitiert von Klimawandel und Bioenergieboom. Doch ob Wildschweine so gnadenlos gejagt werden müssen wie zuletzt, ist umstritten.

Wem gehört das Land? Das fragen wir in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 2.19 zum Thema Tierrechte und stellen große Wildtiere vor, die nach Deutschland zurückkehren. Für unsere Online-Serie „Die Rückkehrer" haben wir einige dieser Tierportraits für Sie ausgewählt. Wir präsentieren Ihnen jede Woche eines – zusammen mit zwei neuen Geschichten über den Bär und den Luchs. Dabei treibt uns die Frage um, ob zurückkehrende Wildtiere eine Erfolgsstory der Natur oder eine Bedrohung für den Menschen sind. Finden Sie es heraus!

Wildtiere, die nach Deutschland zurückkehren

Wildschweine sind wunderbare Tiere: Schlau, sozial, gesegnet mit supersüßen Frischlingen, die, wenn man genau hinsieht, schwarz-rot-golden gestreift sind. Aber was haben sie unter unseren Rückkehrern zu suchen? Tatsächlich war auch Sus scrofa Mitte des letzten Jahrhunderts in weiten Teilen Deutschlands ausgerottet. Heute aber ist allerorten von einer „Plage“ die Rede. Wildschweine sind Kulturfolger und fressen – wie wir – alles Mögliche. „Das Regulativ durch natürliche Nahrungsschwankungen ist weitgehend aufgehoben“, sagt Oliver Keuling von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. „Es gibt kaum noch Fehlmastjahre, weil Bäume wegen des Klimawandels und womöglich der Luftverschmutzung so viele Bucheckern und Eicheln erzeugen, dass die Wildschweine auch im Winter satt werden.“ Üppige Mais- und Rapsfelder tun das Übrige. Deutschland, ein Schweineparadies.

Wären da nicht die Jäger. Die blasen ins Horn wie nie und melden für die Saison 2017/18 eine Rekordjagdstrecke von 836.865 „Stück Schwarzwild“, das sind mehr geschossene Wildschweine als Frankfurt am Main Einwohner zählt. Der Anstieg um 42 Prozent gegenüber dem schon wildschweinreichen Vorjahr hat damit zu tun, dass die Jägerschaft dazu aufgefordert war, so viele Schwarzkittel wie möglich zu töten. Politiker und Agrarverbände hoffen, durch reduzierte Bestände den Vormarsch der Afrikanischen Schweinepest zu bremsen, die auch Mastbetriebe gefährdet. Abschussprämien wurden ausgelobt, Schonzeiten verkürzt. Natur- und Tierschutzverbände protestierten gegen die verstärkte Hatz. Denn eigentlich ist die drohende Schweineseuche Menschensache, eine Folge globaler Verkehrsströme und ausufernder Massentierhaltung. Oliver Keuling glaubt auch nicht daran, dass sich die Gefahr durch mehr Jagd kontrollieren lässt, wichtiger sei etwa eine bessere Müllentsorgung an Raststätten. Denn von Lkw- und Autofahrern weggeworfene Wurst- und Fleischreste sind bekannte Infektionsquellen.

Aber auch Keuling hält eine Bestandskontrolle für unverzichtbar – er ist, wie viele Wildschweinforscher, selber Jäger. Die Wildschweine würden sonst „alles fressen“ und auch den Bruterfolg seltener Vögel gefährden. Er findet: „Die Leute sollten lieber wenig Wildschwein als viel Hausschwein essen.“ Das sei nachhaltiger. Doch die Deutschen sind Wild-Muffel: Nicht mal ein Prozent des verzehrten Fleisches stammt aus Wald und Flur. Die Vermarktung der reichen Beute von 2018 ist schwierig, der Preis im Keller. Und Discounter verkaufen eher mal Wild aus Texas oder Australien. Apropos: Auf einem Aldi-Parkplatz in Groß Berkel bei Hameln rannte im Dezember ein Wildschwein eine 93-Jährige um, sie musste medizinisch versorgt werden. Offenbar war das Tier panisch vor einer Drückjagd im nahegelegenen Wald geflüchtet. Dabei lärmen „Treiber“ durchs Unterholz und scheuchen Jägern das verängstigte Wild vor die Flinte – Tierschützer fordern ein Ende dieser Praxis. Dem Wildschwein auf dem Parkplatz kann man kein Fehlverhalten vorwerfen.

Wolfgang Hassenstein

Illustrationen: Lisa Schweizer

Wo große Wildtiere nach Deutschland zurückkehren, stellt sich die Frage der Koexistenz. Weitere Portraits solcher Rückkehrer finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins. Das Heft 2.19 „Tierrechte" thematisiert das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sämtliche Ausgaben können Sie aber auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Lesen!

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