Warentransport 24.Apr 2017

Mission null Emission: Wie ein Segel-Frachter den Welthandel aufmischen will

Logistik wie vor hundert Jahren: Nach acht Monaten kehrt der Segelfrachter „Avontuur“ von seiner ersten Atlantiküberquerung zurück, beladen mit zwanzig Tonnen Kaffee und einigen Fässern Rum. Die Slow-Lieferkette ist zwar noch nicht wirtschaftlich, aber ein ökologischer Wink mit dem Zaunpfahl. 

Der Morgen des letzten Tages beginnt um 5.30 Uhr. Die Crew regt sich und klettert aus den Kojen. Acht Mann in einem Raum. Stöhnen, gähnen, strecken, lautes Gepolter. Jeder Schritt ist zu hören. Sie steigen in ihre Kleidung, dieselben wie am Vortag: Unterhose, lange Unterhose, Hose, Regenhose. Schnell Zähne putzen, dann die steile Leiter hinauf an Deck. Es ist windig und regnerisch, Aprilwetter an der deutschen Nordseeküste, aber die kalte Luft weckt die Lebensgeister.

Nach zehn Minuten steht die gesamte Mannschaft an Deck, elf Männer und drei Frauen. Die ersten Aufgaben: Anker lichten und Segel setzen. Körperliche Arbeit noch vor dem Frühstück. Cornelius Bockermann, der Kapitän des Schiffs und Initiator des Projekts, steht bereits am Steuer. Heute fährt er die „Avontuur“ nach einer achtmonatigen Jungfernfahrt das letzte Stück bis nach Bremen.

Die „Avontuur“, niederländisch für Abenteuer, ist kein gewöhnliches Segelschiff. Es ist ein Frachtsegler. In seinem Bauch transportiert das Schiff zwanzig Tonnen Kaffee aus Honduras und einige Fässer Rum und Gin, die an diesem Tag im Europahafen von Bremen ausgeladen werden sollen – per Handarbeit. Jeder 69 Kilo schwere Sack wird einzeln mit dem Lastenrad ins Lager transportiert. Das ist umständlich, aber emissionsfrei.

Denn darum geht es: Cornelius Bockermann ist angetreten, um zu zeigen, dass es auch anders geht, dass Waren aus aller Welt auch ohne den Ausstoß von klimaschädlichen Abgasen transportiert werden können. Der 58-Jährige, der seit über dreißig Jahren in der Seeschifffahrt tätig ist, will ein Zeichen setzen und die Menschen zu bewussterem Konsum anregen. „Neunzig Prozent aller globalen Handelswaren werden auf Frachtschiffen um die Welt gefahren“, sagt er, „und all diese Containerriesen werden mit Schweröl angetrieben, das an Land verboten ist. Wir verpesten damit die Luft und zerstören die Umwelt.“

Kapitän Cornelius Bockermann auf dem Segelfrachter Avontuur

Kapitän und Initiator des Projekts: Cornelius Bockermann. Foto: Bastian Henrichs

Die „Avontuur“ war acht Monate lang unterwegs, fuhr von Deutschland über Dänemark und die Kanarischen Inseln in die Karibik, Guadelupe, Bahamas, Honduras, und zurück über die Azoren bis nach Bremen. Auf rund 13.000 Seemeilen hat das Schiff 2500 Liter Diesel verbraucht. Bockermann ärgert sich jedes Mal, wenn er den Motor anschalten muss, ganz ohne geht es aber noch nicht. Für die nächste große Reise, so die Hoffnung, will er eine Brennstoffzelle einbauen und mit Elektromotor fahren. Solarzellen und Wind- und Wellengeneratoren zur Stromerzeugung kommen an Bord bereits jetzt zum Einsatz.

Für die Fahrt ist das Geld knapp

Nach 45 Minuten sind die Segel gesetzt, die Sonne bricht durch die Wolken. Lasse, der Koch, einer der wenigen, der fast die gesamte Reise an Bord war, hat Frühstück gemacht. Selbstgebackenes Brot, Weintraubenmarmelade von den Bahamas, Wurst, Käse, Kaffee. Es ist nicht genug Platz in der kleinen Küche, dem einzigen Aufenthaltsraum an Bord, es können nicht alle gleichzeitig essen. Nach kurzer Zeit tropft Kondenswasser von der Decke.

Lasse erzählt, dass er sich am meisten auf seine Freunde und seine Familie freut – und auf ein wenig Komfort und eine heiße Dusche. An Bord ist das Wasser kalt, Privatsphäre gibt es praktisch gar nicht. „Das hier ist kein Segelabenteuer“, sagt Kapitän Bockermann später. „Wir leben hier fast wie zu Zeiten als das Schiff gebaut wurde.“ Die „Avontuur“ feiert 2020 ihren 100. Geburtstag.

Dass es wenig Komfort gibt, liegt auch daran, dass das Geld knapp ist. Rund 1,3 Millionen Euro hat das Projekt bislang gekostet. Vor drei Jahren hatte Bockermann angefangen, das Schiff auf einer kleinen Werft in Elsfleth bei Bremen zu einem Frachtsegler umzubauen. Er scharrte einige alte Bekannte und Freunde um sich – Bootsbauer, Tischler, Metallbauer – und rekrutierte Menschen aus aller Welt, die das Projekt unterstützen wollten.

Rund 160 Freiwillige, meist junge Leute, haben geholfen. Sie blieben zwei Wochen oder zwei Monate, wie es gerade passte. Einige gehören immer noch zum Team, jeder der wollte, durfte ein Zeit lang mitsegeln. „Das hat mich am nachhaltigsten beeindruckt“, sagt Bockermann, „die Leute, die ich kennenlernen durfte, die viele Unterstützung, die Begeisterung, der Enthusiasmus und das Durchhaltevermögen der freiwilligen Helfer.“ Trotzdem stiegen die Kosten. Bockermann schuldet der Werft noch eine knappe halbe Million Euro.

Ein weit gereistes Alltagsprodukt: Zwanzig Tonnen Kaffee finden im Laderaum der „Avontuur“ Platz. Foto: Timbercoast

Den Optimismus hat sich Bockermann aber bewahrt. „Es war jetzt die erste Fahrt“, sagt er. „Wir fangen gerade erst an und die wenigsten Menschen und auch die wenigsten Unternehmen wissen, dass sie bei uns eine ökologische Lieferkette haben können. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir jetzt nur mit zwanzig Tonnen Kaffee ankommen.“ Der Laderaum hat je nach Ladung Kapazität für hundert Tonnen. Um wirtschaftlich zu sein, müsste der Laderaum voll sein, möglichst auf jeder Strecke. Eventuell klappt das nicht, dessen ist sich Bockermann bewusst. Doch mithilfe von Sponsoren, die Anteile ab 1000 Euro erwerben können, mehr Freiwilligen an Bord, die dafür bezahlen, dass sie segeln lernen, und einem kleineren Fahrgebiet, will er versuchen Geld zu verdienen, um irgendwann aus den roten Zahlen heraus zu kommen.

„Wir sind ein Tropfen im Ozean“

Das ist kein völlig unrealistisches Szenario, wie ein Beispiel aus den Niederlanden zeigt. Fairtransport fährt seit 2009 mit verschiedenen Schiffen Waren emissionsfrei. Die niederländische Reederei, mit der sich Bockermann zur „Sail Cargo Alliance“ zusammengeschlossen hat, betreibt einen kleinen Segelfrachter und den Ecoliner, ein 8000-Tonnen-Frachter mit vier riesigen Segeln. Zudem gibt es Versuche, Frachter mit Kites über die Meere zu ziehen oder mit Flüssiggas (LNG) emissionsarm anzutreiben, um das schmutzige Geschäft sauber zu machen, wie das Greenpeace Magazin in dem Artikel „Voller Qualm voraus“ im vergangenen Jahr berichtete.

Doch Bockermann bleibt realistisch. „Die Avontuur wird nichts verändern am globalen Welthandel. Wir sind weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein, eher ein Tropfen im Ozean“, sagt er. „Aber wir können zumindest Aufmerksamkeit erzeugen und vielleicht die Leute dazu bringen, bewusster zu konsumieren.“ Er will zeigen, dass unser Konsumverhalten ein großer Luxus ist. „Kaffee ist doch schon Luxus“, sagt er, „weil er eben einen sehr langen Weg zu uns zurücklegt. Und wie bezahlen wir diesen Luxus? In dem wir die Umwelt zerstören.“

Kurz vor der Ankunft in Bremen, der Europahafen ist schon in Sichtweite, ruft er die Mannschaft zusammen und hält eine kurze Ansprache. „Dies ist nicht das Ende einer langen Reise“, sagt er. „Es ist der Anfang von etwas Neuem.“ Dann schaut er durch sein Fernglas. „Sind doch ein paar Leute da“, murmelt er. Die Land-Crew, die von Bremen aus arbeitet und vor allem versucht Ladungen und Sponsoren zu finden, hat ein kleines Fest organisiert. Etwa dreihundert Menschen sind gekommen.

Segelfrachter Avontuur, Ankunft in Bremen

Europahafen Bremen: Die „Avontuur“ ist nach acht Monaten zurück von ihrer ersten Atlantiküberquerung. Foto: Bastian Henrichs

Die Menschen applaudieren als die „Avontuur“ anlegt, Freunde und Bekannte sind da, Freiwillige, die mitgeholfen haben das Boot zu bauen, einige hüpfen aufgeregt, winken, dann gibt es lange Umarmungen, Tränen fließen. „Es war ein intensives Erlebnis“, sagt die 66-jährige Hedi Stracke-Berkhout, 66, die das Projekt von Beginn an unterstützt hat und mehrere Wochen auf See dabei war. „Man gibt nicht nur, man kriegt so viel mehr.“

Wie es weitergeht, weiß keiner so genau. Es ist eine Willkommensparty und gleichzeitig eine Abschiedsfeier. Nicht jedoch für den Kapitän, der stolz und freudestrahlend inmitten seiner Unterstützer steht. „Ich bin nicht melancholisch“, sagt Bockermann. „Ich bin sehr optimistisch, dass es weitergeht. Es warten noch viele Aufgaben.“

Bastian Henrichs

Neue Ausgabe 24.Apr 2017

Haltung zeigen! Wie wir die Lebensqualität für alle Tiere verbessern

Hühner, Schweine und Rinder sollen ein gutes Leben haben, das fordern immer mehr Verbraucher und Politiker. Wir ziehen in unserer neuen Ausgabe Zwischenbilanz und stellen fest: Das Wohl der Tiere lässt sich verbessern – aber nur, wenn auch konventionelle Landwirte deutlich besser bezahlt werden.​

Die Einstellung gegenüber der Nutztierhaltung ist im Wandel: Achtzig Prozent der Deutschen fordern bessere Lebensbedingungen – und zwar für alle Tiere. Dennoch ist der Anteil von artgerecht erzeugtem Biofleisch bei Schweinen und Geflügel verschwindend gering. Grüne Minister in den Landwirtschaftshochburgen der Republik haben sich deshalb vorgenommen, die Tierhaltung in der Breite zu verbessern. 

Unser Autor Andreas Weber hat sich auf die Suche nach konventionellen Landwirten begeben, die Pionierarbeit leisten. Sie versuchen, ihren Legehennen und Mastschweinen die Langeweile zu vertreiben, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen, auch wenn ihre Schnäbel und Ringelschwänze unversehrt bleiben. Und sie gönnen ihren Tieren mehr Platz und Auslauf, ganz einfach, weil sie das richtig finden. Außerdem traf er auf Züchter, die eine überraschend effektive Möglichkeit gefunden haben, dem schmerzhaften Enthornen junger Kälber ein Ende zu bereiten. Vielversprechende Ansätze zeigen sich also in vielen Bereichen – doch bei den Besuchen konventioneller Vorzeigehöfe wird auch klar: Der Wunsch nach mehr Tierwohl wird nur in Erfüllung gehen, wenn die Gesellschaft bereit ist, sich den Mehraufwand der Landwirte etwas kosten zu lassen.

3/17

Der Agrarökonom Achim Spiller sieht nicht nur die Konsumenten und Landwirte in der Pflicht – sondern vor allem die großen Handelsunternehmen. Er fordert sie im Interview mit dem Greenpeace Magazin dazu auf, den Wunsch der Verbraucher nach mehr Tierwohl ernst zu nehmen und mutige Entscheidungen zu treffen. Ein Blick in die Niederlande zeigt: Es kann funktionieren. Dort hat Fleisch aus aus tiergerechterer Produktion in den Supermärkten einen Anteil von bis zu fünfzig Prozent.

Nicht nur leere Absichtserklärungen unterschreiben, sondern selbst aktiv werden – dieser Maxime folgt Sebastian Jünemann. Mit Unterstützung der linksalternativen Szene hat der Berliner aus einem Gerätewagen des Technischen Hilfswerks eine mobile Klinik für Kriegsgebiete gebaut. Mit seinem Verein „Cadus“ will er damit in Syrien Menschenleben retten. Wir haben ihn getroffen, kurz bevor er in die Krisenregion aufgebrochen ist.

Eine innovative Idee hatte auch das Kollektiv „Tools for Action“. Die Künstler bringen mit Folie und Luft Entspannung und Spaß in hitzige Demonstrationen. Mit aufblasbaren Würfeln mischen sie internationale Klimaschutzproteste und Veranstaltungen gegen Rechtsextreme auf. Und durchbrechen damit die festgefahrenen Linien zwischen Demonstranten und Polizisten.

In dieser Ausgabe zeigen wir außerdem den ungewöhnlichen Weg der Alpenbauern Marcel und Sabine Heinrich, die als „Hüter der verborgenen Vielfalt“ alte Kartoffelarten anbauen. Und wir tauchen ab in die Tiefen der Meere, um die Verwandlungskünste der Oktopusse, Sepien und Kalamare zu bestaunen: „Willkommen im Variantenreich“. Anlässlich des „Overshoot Day“, der die alljährliche Erschöpfung natürlicher Ressourcen markiert, zieht unser Reporter Dirk Gieselmann die Öko-Bilanz seines eigenen Lebens und stellt fest: „Ich bin ein Monster.“ Denn würde jeder Mensch so konsumieren wie er, bräuchte es drei weitere Erden. 

Diese und viele weitere spannende Geschichten finden Sie in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.17. Das Heft erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Bahnhofskiosk oder für 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – das ist neu – auf dem Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Hanna Gieffers

March for Science 21.Apr 2017

Wissenschaftler verteidigen die „Waffe der Aufklärung“

„Science, not Silence“ – unter diesem Motto werden Tausende am morgigen Earth Day in mehr als 500 Städten auf die Straße gehen. Ihr Protest richtet sich nicht nur gegen den wissenschaftsfeindlichen US-Präsidenten Trump. Es geht ihnen um mehr: um einen globalen Aufstand gegen „alternative Fakten“ und für die Freiheit der Wissenschaft.​

Die Trump-Regierung leugnet den Klimawandel, verordnet Maulkörbe, löscht wissenschaftliche Daten. In Ungarn und Polen stehen Wissenschaftler unter Druck, in der Türkei werden viele entlassen oder verhaftet, Gegen diese zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit gehen Menschen auf die Straße – auch in Deutschland. In zwanzig Städten sind hierzulande Demonstrationen geplant, etwa in Berlin, Köln, Dresden, Hamburg, Heidelberg, Münster, Stuttgart oder  Tübingen. Sogar in Helgoland soll es eine Veranstaltung geben. Viele Universitäten und Institutionen rufen zur Teilnahme am „March for Science" auf.

Zum Auftakt des inzwischen weltweiten Protests demonstrierten Wissenschaftler im Februar 2017 in Boston. Foto: picture alliance / AP Photo

„Wir wollen in einer Demokratie leben, in der gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage von Entscheidungen sind – und nicht bloß gefühlte Wahrheiten“, schreiben die Organisatoren der Protestmärsche in Deutschland. Der Naturwissenschaftler und TV-Journalist Ranga Yogeshwar sieht das genauso: „Was all diese autokratischen und zum Teil diktatorischen Systeme fürchten, ist die Waffe der Aufklärung, also das kritische Hinterfragen und den offenen Dialog – die Grundlagen der Wissenschaft.“ Gerade im Wahljahr in Deutschland seien die Proteste ein Weckruf mit der Botschaft: „Fakten sind nicht verhandelbar!“

Mit diesem Video rufen Wissenschaftler zur Teilnahme am „March for Science“ auf.

Mitinitiator der Protestmärsche in Deutschland ist der Bochumer Autor und Regisseur Claus Martin. Ihm geht es darum, Solidarität zu bekunden. Zugleich will er „ein starkes Signal senden, dass populistische Kräfte auch in Deutschland nicht noch stärker werden dürfen“. Da es sich um einen Marsch für die Wissenschaft und nicht für Wissenschaftler handelt, hofft er, dass nicht allein Forscher, sondern alle teilnehmen, die sich um die Demokratie sorgen. Martin rechnet bundesweit mit bis zu 30.000 Teilnehmern. Doch es gibt auch Bedenken: Manche Kritiker warnen, dass sich unabhängige Forscher mit der Teilnahme an den Demonstrationen für politische Interessen einspannen lassen und damit ihre wissenschaftliche Objektivität gefährden.

Die Christian-Albrechts-Universität in Kiel richtet heute Abend die Auftaktveranstaltung aus. Kurzvorträge führen in die Thematik ein, im Anschluss macht das „Project Lighthouse“, ein LED-Lichtkunstprojekt der Informatikstudenten, das Bekenntnis für die Wissenschaft weithin sichtbar.

Ein einzelner Mega-Event dürfte aber nicht ausreichen, um die Angriffe auf die Wissenschaft abzuwehren. Das wissen auch die Organisatoren. Deshalb wollen sie die globale Bewegung nach dem 22. April in Gang halten. „Das ist erst der Anfang“, verspricht Claus Martin. Und Yogeshwar ergänzt: „Wir brauchen eine Wissenschaft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und Erkenntnis paart mit gesellschaftlichem Dialog. Wissenschaftler sollten sich aktiver zu Wort melden. Die Stimme der Wissenschaft muss in gesellschaftliche Entscheidungen stärker einfließen.“

Die nächste Gelegenheit für die Unabhängigkeit der Wissenschaft zu demonstrieren, bietet der „Peoples Climate March“ am 29. April. Dann werden Zehntausende das Weiße Haus in Washington umzingeln. Protestmärsche gegen die Klimapolitik der Trump-Administration sind in insgeasamt 250 weiteren US-Städten und auch in Europa geplant, etwa in London, Zürich oder Kopenhagen.

Andrea Hösch

Hilfsaktion 19.Apr 2017

Berliner schicken medizinische Hilfe auf Rädern Richtung Mossul

Monatelang hat die Initiative „Cadus“ Spenden gesammelt, medizinische Ausrüstung und Fahrzeuge fit gemacht. Ihr Ziel: Der Einsatz einer mobilen Klinik im syrischen Bürgerkrieg. Jetzt ist das erste Team im Irak eingetroffen​.

Am Ende der langen Reise von Berlin nach Erbil baute der Zoll an der türkisch-irakischen Grenze die letzte Hürde auf. Fast einen Monat dauerten die Kontrollen der Lastwagen, in denen bald im Irak und in Syrien Verletzte operiert werden sollen. Dafür ist der Transport der Fahrzeuge auf Sattelschleppern über die mehr als 4000 Kilometer lange Strecke ohne größere Komplikationen verlaufen.

In Erbil werden die Trucks von den Sattelschleppern geladen, die den Fuhrpark der mobilen Klinik aus Berlin in den Nordirak transportiert haben. Foto: Fee Baumann

Nordsyrien ist weiterhin das Ziel der freiwilligen Helfer um „Cadus“-Initiator Sebastian Jünemann. „Wir fahren dahin, wo es weh tut“, hatte der erfahrene Katastrophenhelfer im Gespräch mit Greenpeace-Magazin-Autor Carsten Jasner angekündigt. Dieser hat für die Reportage „Ein Krankenhaus auf fünf Achsen“ im aktuellen Greenpeace Magazin die Vorbereitungen auf den Einsatz begleitet.

Kooperativ statt hierarchisch, innovativ und flexibel – so stellten sich Jünemann und seine Mitstreiter ihre Hilfsorganisation vor. Vor zwei Jahren ist aus diesen Idealen heraus „Cadus“ erwachsen. Ihr Ziel: Den Verwundeten im syrischen Bürgerkrieg mit einer mobilen Klinik zu helfen. Ein Krankenhaus auf Rädern, das hinter der Front binnen weniger Stunden einsatzfähig ist und so die Lücke schließt zwischen Lazaretten, deren Aufbau Tage braucht, und Sanitätern, die nur über die Ausrüstung verfügen, die sie tragen können.

„Cadus“ zeigt in diesem Video, wie desolat die medizinische Lage im syrischen Rojava ist. Video: „Cadus“

Rund dreißig Mitglieder zählt der Verein inzwischen, einige tausend Euro Spenden hat „Cadus“ eingesammelt. Ehrenamtliche Helfer haben monatelang die beiden Allrad-Trucks und den Anhänger repariert und umgerüstet. Zumeist aus zweiter Hand hat die Initiative medizinisches Gerät, Ausrüstung sowie Zelte erworben.

Jetzt bereitet sich das erste „Cadus“-Team aus Medizinern, Sanitätern und Technikern im kurdisch kontrollierten Nordirak auf seinen nächsten Einsatz vor. Für ein Teil des Teams scheiterte der erste Versuch ins Einsatzgebiet zu kommen bereits in der Türkei. Die Grenzpolizei hielt die Helfer aus Deutschland fest und schickte sie kurzerhand wieder zurück nach Berlin. „Wir waren darauf eingestellt, dass die türkischen Behörden schwer einzuschätzen sind“, sagt Jünemann. „Aber diese Abschiebung war schon krass.“ Offenbar wollte Ankara so die Hilfe für Kurden in Nordsyrien behindern, die im syrischen Bürgerkrieg von der türkischen Armee bekämpft werden.

Bevor es Richtung Nordsyrien geht, ist der erste Einsatz der mobilen Klinik im irakischen Mossul geplant. „Es wäre schräg, an dieser Katastrophe vorbeizufahren“, sagt Jünemann. Denn in der Stadt mit einstmals 2,9 Millionen Einwohnern tobt seit Monaten ein erbitterter Kampf zwischen der Miliz des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) und der irakischen Armee und ihren Verbündeten. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Die Infrastruktur ist in weiten Teilen der Stadt zusammengebrochen – auch weil der IS beim Rückzug aus seiner einstigen Hochburg alle wichtige Einrichtungen zerstört hat.

Die Initiative informiert ihre Unterstützer auf Facebook über die Schwierigkeiten auf der Reise Richtung Mossul. 

So ist auch das Al-Khansa-Krankenhaus ausgebrannt und schwer beschädigt. Als Kinderkrankenhaus war es einst eine wichtige Säule der medizinischen Versorgung der nordirakischen Metropole. Jetzt soll dort mit Hilfe der mobilen „Cadus“-Klinik eine chirurgische Traumaversorgung aufgebaut werden. „Unser Technikteam kann da mit einiger Improvisation schon eine Menge bewirken”, sagt Jünemann. Aber es wird mehr Technik vor Ort gebraucht, als im Klinik-Truck verfügbar ist – etwa ein mobiles Röntgengerät und ein Generator, um die Stromversorgung im ehemaligen Kinderkrankenhaus sicherzustellen.

Also muss „Cadus“ neue Spender finden. Jeder Euro wird direkt vor Ort eingesetzt, es gibt keine Verwaltungskosten, verspricht Jünemann. Und er hofft, dass möglichst schnell die rund 30.000 Euro zusammenkommen, die in Mossul dringend gebraucht werden. Die 600.000 Menschen, die noch in der Stadt ausharren, sind auf diese medizinische Hilfe von Außen angewiesen. „Wir wollen aus den Trümmern etwas entstehen lassen“, sagt der „Cadus“-Gründer. „Und das soll weiter wirken, wenn unsere mobile Klinik zum nächsten Einsatzort zieht.“

Matthias Lambrecht

tv-tipp 18.Apr 2017

„Nervöse Republik“ – ein Blick hinter die Kulissen von Politik und Medien

Ein Jahr lang hat Regisseur Stephan Lamby Politiker und Journalisten begleitet. Er war bei Parteitagen und Demonstrationen, bei Presseterminen und Krisensitzungen. Herausgekommen ist das Porträt einer Gesellschaft: verunsichert, hektisch, hysterisch.

Will ein Regisseur brutale Szenen besonders dramatisch aussehen lassen, so kann er ein beliebtes Mittel einsetzen: Klassischer Gesang aus dem Off. Während auf der Leinwand das Blut nur so spritzt, trällert im Hintergrund eine Opernsängerin vor sich hin. Eine krasse Schere aus Bild und Ton – mindestens irritierend, fast schon verstörend. Zwar fließt in Stephan Lambys Film „Nervöse Republik“ kein Blut, doch auch hier greift der Effekt: Lamby zeigt den wütenden Mob einer Zwickauer Demonstration, während im Hintergrund prunkvollem Gesang läuft. Er lässt Journalisten und Politiker allerlei Hasskommentare vorlesen. Und zeigt sie, wie sie von einem Termin zum nächsten eilen – im Auto, den Gang entlang, im Aufzug.

Am Mittwoch, den 19. April, wird „Nervöse Republik“ um 22.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Regisseur Stephan Lamby hat für den Film ein Jahr lang Spitzenpolitiker begleitet. Darunter Verteidigungsminister Thomas de Maizère (CDU) und Justizminister Heiko Maas (SPD), CDU-Generalsekretär Peter Tauber, SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht und AfD-Chefin Frauke Petry. Außerdem hat Lamby die Redaktionen von Bild.de und Spiegel Online besucht.

Lambys Film trägt den Untertitel „Ein Jahr Deutschland“. Und so gestaltet sich der Film auch wie ein rasanter Rückblick auf 2016. In Höchstgeschwindigkeit springt Lamby durch das Jahr: Tortenwurf auf Sahra Wagenknecht, Brexit-Referendum, Amoklauf in München, Donald Trumps Wahlsieg, Erfolge der AfD, Terroranschlag in Berlin und schließlich, Anfang 2017, die Nominierung von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidat. In 90 Minuten imitiert Lamby das irre Tempo, das in politischem Alltag und Nachrichtenredaktionen den Takt vorgibt. Eilmeldungen und Schlagzeilen ziehen vorüber, Politiker beziehen Stellung, springen ins Auto und rasen zum nächsten Termin. Eine „nervöse Republik“ in Aktion.

„Man hätte es auch hysterisch nennen können“, sagte Dokumentarfilmer Lamby bei der Vorstellung seines Films Ende März in Berlin. „Aber nervös, darin steckt das Wort ‚Verunsicherung’.“ Damit meint er insbesondere die Verunsicherung von Politik und Medien. Zweier Branchen, die sich – konfrontiert mit dem Anwachsen von Pegida und AfD – irritiert die Augen reiben und fragen: Haben wir uns zu weit von dieser Bevölkerungsgruppe entfernt?

Besonders deutlich wird das an den Aufnahmen von einer Kundgebung in Zwickau zum 1. Mai 2016. Justizminister Heiko Maas ist gekommen, um eine Rede zu halten. Doch die Demonstranten feinden ihn an. Sie pfeifen, schreien aus vollem Halse „Hau ab“ und „Volksverräter“. Sie halten Schilder in die Höhe: „Hier steht das ‚Pack’“ und „Meinungsfreiheit“ ist darauf zu lesen. Maas, der inmitten des Lärms kaum zu verstehen ist, ruft ins Mikrofon: „Wisst ihr eigentlich, wie lächerlich es ist, hier die Meinungsfreiheit hochzuhalten und nichts anderes zu tun als anderen zu verbieten, die Meinung zu sagen?“

Die Menge johlt, als Maas davonfährt

Wenige Minuten später läuft Maas zügig zu seinem Dienstwagen, steigt ein und rauscht davon. Die Zwickauer Menge johlt. Auch auf dem AfD-Parteitag, der zeitgleich in Stuttgart stattfindet, wird die Begegnung angesprochen. „In Zwickau ist heute der Herr Maas von der Ersten-Mai-Demo davongejagt worden“, verkündet der sächsische AfD-Politiker Uwe Wurlitzer. „Er ist mit seinem Auto geflohen, das fand ich richtig gut.“ Der AfD-Parteitag reagiert ähnlich wie die Demonstranten in Zwickau: mit frenetischem Applaus und Standing Ovations.

Heiko Maas verlässt die Kundgebung in Zwickau: „Es geht nur noch darum, wer man ist.“ Foto: NDR/ECO Media/Steffen Bohnert

„Der Hass in den Augen, den ich da gesehen habe – den habe ich so auch vorher noch nirgendwo gesehen“, sagt Maas später in einem Interview mit Lamby über seinen Auftritt in Zwickau. „Man wird wahrgenommen als jemand, der bekämpft werden muss. Es geht also nicht mehr um das, was man sagt, sondern nur noch darum, wer man ist.“ Viele Bürger, so zeigt der Film, haben das Vertrauen in das sogenannte „Establishment“, die „Elite“, verloren. Dazu zählen alle etablierten Parteien, aber auch die Medien.

Auf einer Pegida-Demonstration in Dresden wird Lambys Kamerateam wüst beschimpft. „Lügenpresse“ ist mitunter noch die frommste Beleidigung. Lamby fragt zwei junge Männer, welche Informationsquelle für sie die beste sei. Die Facebook-Seite von Pegida, antworten die beiden prompt.

„Wenn so viele Menschen uns lesen, dann vermutlich, weil wir so geistreich sind.“

Doch „Nervöse Republik“ ist keineswegs eine Schuldzuweisung, die ausschließlich Ungebildete, Abgehängte und Populisten verantwortlich macht. Die Dokumentation fragt vielmehr nach den Beweggründen für die heutige Situation. Dabei treten viele von Lambys Gesprächspartnern selbstkritisch auf. So sagt beispielsweise Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen: „Wir haben als Medien über Jahrzehnte hinweg unsere enormen Reichweiten als enorme Zustimmung interpretiert. Wir haben uns als relativ eitle Branche selber gesagt: ‚Naja, wenn so viele Menschen uns lesen, uns zuhören, im Fernsehen sehen, dann liegt das vermutlich daran, dass wir so geistreich, klug, analytisch und scharfsinnig sind.’“

Dabei sei ignoriert worden, dass es lange ja kaum Alternativen zu klassischen Medien gegeben habe – eine Situation, die sich mit dem Aufkommen von Social Media änderte. Reichelt sagt: „Viele Menschen haben nun auf einmal das Gefühl, Social Media geben ihnen jetzt Zugriff auf die Wahrheit, die wir (die Medien) ihnen jahrzehntelang vorenthalten haben könnten. Und das hat tatsächlich eine neue Parallelgesellschaft in der digitalen Welt geschaffen.“

„Nervöse Republik – ein Jahr Deutschland“ ist eine Dokumentation, die einen spannenden Einblick gibt, unter welchem Druck Politik und Medien stehen. Obwohl der Film beide Berufe stets als Gegenspieler begreift, blitzt doch immer wieder durch, wie sehr sich ihr Alltag ähnelt. Sie eilen durch helle gläserne Gebäude, sitzen an großen Konferenztischen. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley lässt sich über die aktuellen Umfrageergebnisse informieren. Bild.de-Chef Julian Reichelt checkt auf seinem Computer, welche Artikel am meisten Klicks bekommen. Sahra Wagenknecht erzählt, dass sie auf Facebook in einer Woche ungefähr eine Million Menschen erreicht, „das ist eine mittlere Zeitung“. Sie alle ringen um Aufmerksamkeit. Und sie alle erleben mit dem Erstarken der AfD einen Umbruch, der sie nervös macht.

Julia Huber

Der Film „Nervöse Republik – Ein Jahr Deutschland“ von Regisseur Stephan Lamby wird am 19. April um 22.45 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Am 20. April und am 25. April wird der Film im Ersten, dem NDR und dem RBB wiederholt.

Ostermärsche 13.Apr 2017

Warum gehen nur noch wenige für den Frieden auf die Straße?

Giftgasangriff in Syrien, drohende Aufrüstung und ein unberechenbarer US-Präsident wären Anlass genug, die Zahl der Teilnehmer an den alljährlichen Ostermärschen nach oben zu treiben. Einen größeren Zulauf erlebt die Friedensbewegung trotz der bedrohlichen Weltlage aber nicht. Dennoch hat sie in Deutschland einen starken Rückhalt.​

Es gibt derzeit viele Gründe, sich Gedanken über den Zustand der Welt, über Krieg und Frieden zu machen: Die Giftgasattacke auf Chan Scheichun in Syrien und der folgende Militärschlag der USA, Donald Trumps Drohungen an Nordkorea und der Plan der Bundesregierung, den Verteidigungsetat zu erhöhen. Es wächst die Gefahr, dass es zu einem neuen Aufrüstungswettlauf der Supermächte kommt. Und es bleibt die seit sechs Jahrzehnten unerfüllte und damit immer noch aktuelle Forderung, endlich alle Atomwaffen abzuschaffen.

Eine traditionelle Möglichkeit, sich zu engagieren bieten die Ostermärsche der Friedensbewegung. Von Karfreitag bis Ostermontag sind bundesweit etwa neunzig Veranstaltungen angemeldet: Demonstrationen, Mahnwachen, Friedensgebete, Fahrradtouren. Mehrere zehntausend Menschen werden auf die Straße gehen, um für friedliche Lösungen in den Kriegsgebieten zu demonstrieren.

Die täglichen Bilder von Krieg, Flucht und Leid aus den aktuellen Krisenherden hätten in diesem Jahr mehr Menschen einen Anstoß geben können, sich an den Demonstrationen zu beteiligen. Es sind aber nur vereinzelt neue Ostermärsche hinzugekommen, sagt Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative, derzeit gebe es keine Anzeichen, dass sich die Teilnehmerzahl signifikant erhöhe. Trotz der drängenden aktuellen Fragen sei unklar, wie viele Menschen diesmal an den Ostermärschen teilnehmen, sagt Golla. „Ostern ist klassische Ferienzeit auch für die Friedensbewegung. Und wenn das Wetter schlecht ist, demonstriert es sich auch nicht so gut. Wir rechnen mit einer ähnlichen Anzahl von Teilnehmende wie letztes Jahr.“ Während die Welt nicht unbedingt friedlicher geworden ist, hat die Friedensbewegung in Deutschland etwas Schwung eingebüßt. Ist der Pazifismus aus der Mode gekommen?

Willi van Ooyen, der sich seit über fünfzig Jahren in der Friedensbewegung engagiert und die Friedens- und Zukunftswerkstatt in Frankfurt leitet, erklärte kürzlich in der „taz“, dass es der Friedensbewegung immerhin gelungen sei, in Deutschland ein überwiegend pazifistisches Bewusstsein zu schaffen. Anderswo in Europa sei das nicht der Fall. Doch dieses Bewusstsein habe nicht unbedingt eine massenhafte Teilnahme an Friedensdemonstrationen zur Folge. „Die Mobilisierungsfähigkeit hängt davon ab, ob die Menschen glauben, dass ihr Protest etwas bewirken kann“, so van Ooyen

Die letzten großen Friedensdemonstrationen von 2003, als Hunderttausende gegen die Beteiligung der Bundeswehr am Irakkrieg auf die Straße gingen, haben gezeigt, dass die Friedensbewegung sich durchaus Gehör verschaffen kann. Eine derartige Zuspitzung sei in Syrien allerdings noch lange nicht erreicht, sagt Kristian Golla. „Der Konflikt ist sehr komplex. Da führen mindestens sechs Parteien einen Stellvertreterkrieg, das zu durchschauen ist schwierig.“ Klar sei aber, dass Veränderungen nötig sind. „Wir brauchen Lösungen, die sich an der Zivilbevölkerung orientieren.“ Das sehen auch andere Friedensaktivisten so. Die Kampagne "Macht Frieden" fordert die Bundesregierung auf, in Syrien auf die Akzeptanz der Genfer Konventionen zu pochen.

Die Friedensbewegung und der Pazifismus sind also nicht aus der Mode, ihre Kritik ist allerdings eher beständig als aktuell und eher grundsätzlich als punktuell. „Die allermeisten Ostermärsche werden die Brisanz der aktuellen Entwicklungen aufgreifen und deutlich machen“, sagt Golla. Entscheidend sei nicht die Teilnehmerzahl bei einzelnen Aktionen, sondern die Qualität der Veranstaltungen. Insgesamt richten sich die Proteste in diesem Jahr vor allem gegen die Erhöhung der Militärausgaben, gegen Einsätze der Bundeswehr, Rüstungsexporte und natürlich gegen Atomwaffen. „Es ist Quatsch noch mehr Geld für Rüstung und Militär auszugeben, das dann für wichtigere Dinge fehlt“, sagt der Vertreter des Netzwerk Friedenskooperative. „Der Einsatz des Militärs ist immer verbunden mit dem Versagen von Politik.“ Und die Bedrohung durch Atomwaffen sei in Zeiten eines unberechenbaren US-Präsidenten sehr präsent. „Auch in Deutschland sind Atomwaffen stationiert“, sagt Golla, der durchaus eine Eskalationsgefahr sieht: „Es glaubt zwar noch niemand, dass es passieren kann – besser wäre es jedoch, wenn die Möglichkeit gar nicht erst bestünde.“ 

Das ist auch die Meinung der großen Mehrheit der Deutschen. Eine Studie der Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs“ (IPPNW) aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass 85 Prozent der Bundesbürger den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland wünschen. Fast alle Befragten, 93 Prozent, forderten zudem ein völkerrechtliches Verbot. Der Ostermarsch in Büchel (Eifel), wo amerikanische Atomwaffen lagern, beginnt am Ostermontag um 14 Uhr.

Bastian Henrichs

Taschentuch-Werbung 11.Apr 2017

Tempo: „Und jedes Mal heult die Motorsäge auf“

Weil frischer Zellstoff in Wegwerfprodukten nichts verloren hat, rät das Umweltbundesamt zu Papiertaschentüchern aus Altpapier. Den Marktführer schert das nicht. Das Greenpeace Magazin veröffentlicht deshalb eine alternative „Tempo“-Reklame.

„Du bekommst 300 Mal im Leben Schnupfen“, heißt es in einer aktuellen Werbeanzeige der Taschentuchmarke Tempo. Und weiter: „Verwöhn deine Nase auf natürliche Weise.“ Koalabärchen kuscheln sich an die Plastikpackung, weil das Produkt mit Eukalyptusöl angereichert ist. So weit, so niedlich.

Doch wer sich schneuzt – was ja an sich nicht ehrenrührig ist – sollte auch an die Folgen denken: Die meisten Papiertaschentücher werden noch immer aus frischem Zellstoff hergestellt. Aus Bäumen also, frisch abgesägt! Deshalb folgt hier unsere Version der Tempo-Anzeige:

„Keine Anzeige“ von Tempo aus dem Greenpeace Magazin 3.17

Die Nachfrage nach Hygienepapier – dazu zählen auch Toilettenpapier, Küchenrollen und Servietten – ist in Deutschland binnen zehn Jahren von einer Million auf 1,5 Millionen Tonnen gestiegen. „Wir spülen damit unsere Wälder ins Klo“, warnt das Umweltbundesamt, eine sonst eher nüchterne Behörde. „Denn Hygienepapiere werden in der Regel nur einmal verwendet und gehen anschließend dem Papierkreislauf über die Kanalisation oder die Entsorgung verloren.“ Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche 19 Kilogramm pro Jahr. Man könnte damit eine Villa auslegen.

Die gute Nachricht für Verschnupfte: Es gibt umweltfreundliche Alternativen. Hygienepapiere sollten „ausschließlich aus bereits mehrfach recyclierten Sekundärfasern mittlerer und unterer Altpapierqualitäten bestehen“, so das UBA. Das trage entscheidend dazu bei, den Druck auf die Ressource Holz zu verringern. Die Stiftung Warentest erklärt: „Vorbehalte von Verbrauchern sind unbe­gründet: Recyceltes Papier ist nicht unhygie­nisch. Bei der Verarbeitung sterben alle Keime durch hohe Temperaturen ab. Auch die Qualität muss nicht leiden.“ Und in der Zeitschrift „Öko-Test“ erhielten 2015 von zwanzig getesteten Papiertaschentüchern nur die fünf aus Altpapier hergestellten die Note „gut“ – die Verwendung von frischem Zellstoff führte bei allen anderen zu einem drastischem Punktabzug.

Die Siegel, die sich auf den Packungen von Hygienepapieren aus Frischfasern finden, seien „aus Umweltsicht weniger hilfreich“

Tempo-Taschentücher haben gewiss auch Vorteile. Sie sind weich und „durchschnupfsicher“, nun ja, das sind andere eigentlich auch. Und sie lösen sich im Gegensatz zu Konkurrenzprodukten nicht auf, falls sie mal versehentlich mitgewaschen werden – keine Fussel, ein Pluspunkt für Schussel. Aber muss man deshalb gleich Bäume abhacken und Ressourcen verschwenden?

Durch die Verwendung von Altpapier würden pro Kilogramm Papier 2,4 Kilo Holz eingespart, erklärt das UBA, und darüber hinaus rund die Hälfte der Energie und zwei Drittel des Wassers. Leicht erkennbar sind die umweltfreundlichen Produkte aus Recyclingrohstoffen am Nachhaltigkeitszeichen „Der blaue Engel“.

Die Siegel, die sich auf den Packungen von Hygienepapieren aus Frischfasern finden, seien dagegen „aus Umweltsicht weniger hilfreich“. So stünden das FSC- und das – weniger strenge – PEFC-Zertifikat zwar für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung, sie sagten aber nichts über den Energie- und Wasserverbrauch oder den Einsatz von Chemikalien bei der Produktion aus. Angaben wie „chlorfrei gebleicht“ wiederum brächten keine Klarheit über die Art der Forstwirtschaft. Bei Tempo übrigens kommt kein elementares Chlor mehr zum Einsatz, das besonders umweltschädlich ist, allerdings noch Chlorverbindungen (ECF), auf die einige Wettbewerber ebenfalls verzichten.

Jede unnötige Nutzung wertvoller Holzressourcen erhöht den Druck auf Südamerikas Wälder

Der schwedische Papier- und Holzkonzern SCA, der die berühmte Marke vor zehn Jahren übernahm, teilt auf Anfrage mit, er verwende ausschließlich Rohstoffe mit FSC- oder PEFC-Zertifikat. Für die in Deutschland produzierten Tempo-Taschentücher werde Zellstoff aus dem Inland, aus den Niederlanden, Polen, Dänemark, Großbritannien, Norwegen, Schweden und Brasilien eingesetzt. Über die Anteile der jeweiligen Länder werden allerdings keine Angaben gemacht. Das UBA berichtet, immer mehr Fasern für den deutschen Hygienepapiermarkt stammten aus Brasilien. Dort wurden in der Vergangenheit riesige Urwaldflächen in monotone, artenarme Eukalyptusplantagen umgewandelt – unter maßgeblicher Beteiligung der Papier- und Zellstoffindustrie. Auch wenn das FSC-Siegel weitere Abholzungen ausschließt und SCA darauf verweist, dass ein Teil seiner Flächen unter Schutz stehe: Jede unnötige Nutzung wertvoller Holzressourcen erhöht den Druck auf Südamerikas Wälder.

Mit teuren Anzeigen und immer neuen Produktvarianten arbeitet die berühmte Marke daran, ihren Image weiter zu veredeln und den hohen Marktanteil zu verteidigen. Und dafür ist Tempo jeder Quatsch recht: „Das beste Tempo aller Zeiten“ mit „antibakteriellem und antiviralem Wirkstoff im Inneren des Tuches“, verheißt eine Werbung. Die Botschaft ist: Tu dir was Gutes, „auf natürliche Weise“ – und vergiss die Umwelt. Offenbar hat die Strategie Erfolg: Der Anteil von Altpapier in der Produktion von Hygienepapier ist zwischen 2002 und 2012 von 75 auf 50 Prozent gesunken.

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe mit dem Tempo-Motiv können Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Bahnhofskiosk und für 29,50 Euro im Abo erhalten. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und dem Smartphone lesen. Dort stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Fotografie 07.Apr 2017

Schön und schrecklich zugleich – diese Bilder zeigen, warum wir das Wasser besser schützen müssen

Kann Umweltzerstörung ästhetisch sein? Der Fotograf Edward Burtynsky verbindet in seinen Bildern von zerstörten Landschaften auf wundersame Weise Poesie und Aufklärung. Bis Ende August ist die Ausstellung „Wasser“ in Wien zu sehen.

Er ist einer der bildmächtigsten Chronisten der zeitgenössischen Fotografie. Seine Strategie ist Überwältigung. Edward Burtynsky ist neben Sebastião Salgado der Spezialist, um die großen, globalen Themen in Bildern einzufangen. In seinen großformatigen Ansichten zeigt er die von Menschenhand veränderten Landschaften und fürht den Betrachtern vor Augen, welche Konsequenzen ihr Umgang mit den Ressourcen auf ihren Lebensraum hat.

Endlich Klimawandel verstehen: Die digitale Klima-Uni für alle

Wasser als Lebensadern des Planeten: So zeigt Burtynsky etwa das Colorado River Delta in Mexiko. Foto: Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Immer wieder begegnen uns die Arbeiten des Fotografen, der sich nach seinem eigenen Verständnis seit über 30 Jahren in den „Dienst der Kultur der Nachhaltigkeit“ stellt. Häufig werden diese in Magazinen publiziert, erscheinen als Bildbände oder werden in großen Ausstellungen gezeigt. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, im „Kunst Haus Wien“ seine bisher größte Werkserie zu begutachten, die den lakonischen Titel „Wasser“ trägt.

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Brutale Eingriffe in die Natur: Burtynsky lässt den gewaltigen Xiaolangdi Damm in der chinesischen Provinz Henan auf die Betrachter wirken. Foto: Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Die weltweite Erdölförderung, die Abgründe des Bergbaus, brutale Naturumgestaltung wie die Errichtung des Drei-Schluchten-Damms – schon in früheren Arbeiten beschäftigte sich der Kanadier mit großangelegten Eingriffen in die Landschaft. Zuletzt hat er in einen Zeitraum von fünf Jahren an seinem epischen Bilderbogen über Wasser gearbeitet. Dafür bereiste er alle Kontinente, um Herkunft, Nutzung und Verteilung des Wassers aufzuzeigen. Die Verschwendung der lebenswichtigen Ressource thematisiert er in seinen Bildern ebenso wie durch Mangel verursachte ökologische Extremsituationen.

Burtynsky macht abgelegene Quellen, halbleere Seen, gigantische Staudämme und vom Austrocknen bedrohte Landschaften zu seinen bildlichen Sujets. Dort, wo Wasserquellen kontrolliert und Flussläufe umgeleitet werden, gibt es Gewinner und Verlierer. Mit steigender Bevölkerungszahl und zunehmenden Extremwettersituationen in Folge des Klimawandels wird Wasser zukünftig ein immer kostbareres Gut – der Fotograf dringt mit seinen Bilder tief in die Konflikte rund um die Ressource Wasser vor und nimmt die Betrachter seiner Bilder mit sich.

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Wie aus einem Gemälde der Romatik: Den Olfusá Fluss fotografierte Burtynsky 2012 auf Island. Foto: Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Oft genug wähnt man als Besucher der Ausstellung sich in dem Gefühl, vor großen Gemälden zu stehen. Die Erhabenheit von Caspar David Friedrichs Ansichten oder William Turners Licht – all das scheint sich in Burtynskys Fotos wiederzufinden.

Oft sind seine Aufnahmen auch von einer großen Abstraktion geprägt. Die Rätselhaftigkeit uneindeutiger Szenen verleiht den Bildern ihren besonderen Reiz, dann, wenn etwa Flüsse wie der Colorado oder der Sacramento River aus großer Höhe gezeigt werden, deren austrocknenden Mündungen Spuren in der Landschaft zurücklassen, die sich für den Betrachter als faszinierendes Zusammenspiel aus Farben, Linien und Formen präsentieren.

Doch so schnell, wie die Überwältigung entsteht, verkehrt sich diese in Bestürzung, wenn man der Bedeutung der dargestellten Situation gewahr wird: Eben hat man noch das Schillern des Uferstreifens bewundert, nun sieht man dass das Wasser ölverseucht ist. In einem Moment leuchtet das Wasser auf einem Bild verführerische rot, im nächsten erkennt man darin die sichtbare Folge des Nickelabbaus.

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Diese surreal anmutendene Flusslandschaft nahm der Fotograf im spanischen Càdiz auf. Foto:  Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Burtynsky will das Schreckliche nicht schrecklich aussehen lassen. Einige Kritiker werfen ihm deshalb einen übertriebenen Ästhetizismus vor. Aber sein Selbstverständnis ist eben anders als das eines reinen Dokumentarfotografen. Seine Aufnahmen bedienen beides: sie sind poetisch und sie dienen der Aufklärung. „Durch die Kunst kann der Mensch für die Folgen seines Handelns sensibilisiert werden, (...) weil wir durch die Kunst unser Bewusstsein erhöhen und unsere Geschichten entwickeln“, sagt er.

Bis zum 27. August 2017 kann man sich im Kunst Haus Wien vom Sog der Bilder Burtynsky selbst überzeugen.

Peter Lindhorst

Atomkraft 07.Apr 2017

Das Aus für das AKW Fessenheim verzögert sich weiter

Längst ist die Schließung des ältesten, französischen Atomkraftwerks beschlossen. Doch der Stromkonzern EDF verschiebt den Abschalt-Antrag – zum Ärger der Bundesregierung.

Die französische Regierung kann die Abschaltung des Atomkraftwerks Fessenheim vor der Präsidentschaftswahl nicht mehr in trockene Tücher bringen. Der Antrag zum Entzug der Betriebserlaubnis für die Meiler im Elsass – direkt an der deutschen Grenze – soll voraussichtlich frühestens im kommenden Jahr gestellt werden, entschied der Stromkonzerns EDF laut einer Mitteilung am Donnerstag.

Damit kann die Regierung vorerst nicht wie geplant per Dekret die Stilllegung der zwei Reaktoren einleiten. Die Abschaltung von Fessenheim war ein Wahlkampfversprechen von Präsident François Hollande, der im Mai aus dem Amt scheidet.

Deutschland fordert wegen Sicherheitsbedenken schon länger die Schließung des Kraftwerks und bezeichnete die Entscheidung des EDF-Verwaltungsrats als „große Enttäuschung“. „Damit wurde eine wichtige Chance vertan“, teilte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter mit. „Die Hängepartie geht also weiter.“ Die Pariser Umweltministerin Ségolène Royal betonte aber, dass mit dem Beschluss festgehalten werde, dass die Schließung „unumkehrbar und unvermeidbar“ sei.

Fessenheim ist das älteste noch laufende französische Atomkraftwerk. Die Pariser Regierung und EDF hatten sich im Januar auf eine Entschädigung von rund 490 Millionen Euro für die Kosten der Schließung geeinigt. Demnach soll Fessenheim stillgelegt werden, sobald ein neuer Reaktor in Flamanville am Ärmelkanal ans Netz geht. Der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) soll nach langen Verzögerungen nun Ende 2018 fertig sein, als möglicher Termin für die Abschaltung wird daher 2019 genannt.

Die Pariser Regierung wollte diesen Ablauf noch vor der Wahl in ein Dekret gießen. Dem verweigerte sich das Unternehmen nun: Der Verwaltungsrat wies Konzernchef Jean-Bernard Lévy zwar an, den Antrag zu stellen. Das soll aber frühestens sechs Monate vor der Inbetriebnahme des neuen Reaktors geschehen.

Zudem gibt es zwei Bedingungen: Zunächst soll klargestellt werden, dass die Betriebserlaubnis für Fessenheim erst bei Inbetriebnahme des EPR entzogen wird. Das ist ein Unsicherheitsfaktor, da die Atomaufsicht derzeit noch Materialprobleme am Reaktorbehälter prüft. Zweitens solle Fessenheim nur dann geschlossen werden, wenn dies möglich ist, um die gesetzliche Obergrenze für Atomstrom einzuhalten. Das französische Energiewendegesetz begrenzt den Atompark des Landes auf eine Leistung von 63,2 Gigawatt.

Die geplante Schließung stößt in Frankreich schon lange auf heftigen Widerstand der Gewerkschaften. Zwar gehört EDF mehrheitlich dem Staat, laut französischen Medien enthielten sich dessen Vertreter im Verwaltungsrat bei der Fessenheim-Entscheidung aber wegen eines Interessenkonfliktes.

Im laufenden Präsidentschaftswahlkampf liegen die Haltungen der Kandidaten zu Fessenheim weit auseinander. Während der als Favorit gehandelte Sozialliberale Emmanuel Macron ebenfalls für die Schließung ist, sind die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Konservative François Fillon dagegen.

dpa

Mehr zu den Positionen der französischen Präsidentschaftsbewerber zur Atomkraft finden Sie hier: „Zwei Kanidaten planen den Atomausstieg“

naturschutz 05.Apr 2017

Streit um zu viele Wildschweine: Ist nun jedes Mittel recht?

Der Klimawandel und ein verbessertes Nahrungsangebot in der Landwirtschaft führen zu einer sprunghaften Vermehrung des Schwarzwilds. Jäger versuchen mit teils umstrittenen Methoden, die Population zu begrenzen – und heizen deren Wachstum selber an.

Sie haben großen Hunger, sind mobil, anpassungsfähig und schlau. Und sie sind inzwischen fast überall: Ob in Sachsen, Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen, ob am Stadtrand von Hamburg oder in den Parks von Berlin – eine stark angewachsene Wildschweinpopulation macht Landwirten und Hausbesitzern zu schaffen, weil die Tiere auf der Suche nach Futter Äcker, Wiesen und Gärten durchwühlen. Doch auch Umweltschützer sind in Sorge, weil sie um das ökologische Gleichgewicht im Wald fürchten.

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Auf der Suche nach Wurzeln, Würmern und Maden durchwühlen Wildschweine das Erdreich – und können dabei in Feldern oder Gärten Schaden anrichten. Foto: Fritz Pölking/OKAPIA

In einigen Regionen ist die Zahl der Tiere in den vergangenen Jahren förmlich explodiert, denn die Lebensbedingungen für das Schwarzwild sind immer besser geworden. Dazu trägt nicht zuletzt die Landwirtschaft selbst bei, die den Maisanbau zur Biogasproduktion beinahe verdreifacht hat. In den oft ausgedehnten Äckern können die Schweine tagelang unbemerkt schlemmen. Aber auch im Wald ist der Tisch immer reicher gedeckt – dank des Klimawandels produzieren Kastanien, Eichen oder Buchen mehr Früchte. So gibt es kaum mehr Gebiete, in die die intelligenten Allesfresser nicht vorgedrungen sind. Selbst im Alpenvorland, wo es mangels Nahrung seit Jahrhunderten keine Wildschweine gab, fühlen sie sich inzwischen heimisch.

Die Zahl der Abschüsse ist deutlich angestiegen

Da natürliche Feinde – trotz der Rückkehr der Wölfe – die großen Wildschwein-Populationen nicht in Schach halten können, sind die Jäger gefordert, die Vermehrung des Schwarzwildes zu begrenzen, da sind sich fast alle einig. Die Zahl der Abschüsse ist in den vergangenen Jahren in allen betroffenen Regionen deutlich angestiegen. In Schleswig-Holstein zum Beispiel wurden im Jagdjahr 2015/2016 bereits 12.556 Tiere geschossen – im Jahr 2005 waren es noch 8206 und 1980 gerade mal 1569. Dabei fallen vielerorts sogar die Tabus: Die Schonzeiten sind aufgehoben, Jungtiere, Alttiere und Leitbachen dürfen das ganze Jahr geschossen werden. Im Dunkeln werden Scheinwerfer oder Nachtsichtgeräte eingesetzt, um die Tiere auszumachen.

Der Landrat des brandenburgischen Oder-Spree-Kreises hat sogar eine „Erlegungsprämie“ von zwanzig Euro pro Tier ausgelobt, um die Jäger zu zusätzlichen Abschüssen zu motivieren. Dort fürchtet man nicht nur die weitere Zerstörung der Oderdeiche, die von den Wildschweinen auf der Suche nach Wurzeln, Würmern oder Maden immer wieder aufgewühlt werden. Mit der Begrenzung der Population soll auch verhindert werden, dass sich die in Teilen Osteuropas grassierende Afrikanische Schweinepest ausbreitet und auf Hausschweinbestände übergreift.

Auch im mecklenburgischen Landkreis Vorpommern-Greifswald fürchten die Verantwortlichen die Ausbreitung der Seuche. Selbst die Rekordabschusszahlen der vergangenen Jahre – 10.170 Tiere töteten die Jäger hier in der Saison 2015/2016 – erscheinen ihnen nicht mehr ausreichend. Deshalb greift man dort nun zu ungewöhnlichen Maßnahmen: So werden Kastenfallen aufgestellt, sogenannte Saufallen, in denen Gruppen von Wildschweinen gefangen und dann einzeln entnommen und außerhalb der Hörweite der anderen Tiere getötet werden. Vor allem auf Jungtiere bis zu einem Alter von 15 Monaten haben es die Jäger dabei abgesehen, da die krankheitsanfälligeren Frischlinge die Schweinepest häufiger übertragen.

Tierschützer kritisieren Jagdmethoden

Bei Tierschützern stößt diese Art der Jagd auf scharfe Kritik: Tierschutzwidrige Jagd- und Tötungsmethoden müssten der Vergangenheit angehören, fordert der Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes, Marius Tünte: „Dazu zählen beim Schwarzwild unter anderem der Saufang, aber auch Hetzjagden.“ Die Jagd müsse, wenn überhaupt, tierschutzgerecht erfolgen und bedürfe zudem laut Tierschutzgesetz eines vernünftigen Grundes. Die Schonzeiten müssten eingehalten werden: Im Spätwinter, wenn das Wild Ruhe benötigt, dürfe die Jagd nicht gestattet sein.

Für den Tierschutzbund ist die Populationsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte ein Beleg dafür, dass die Jagd den Wildschweinbestand nicht regulieren kann. „Wenn überhaupt weiterhin gejagt werden soll, müssten überregionale Konzepte erarbeitet werden, an die sich die Jagdausübungsberechtigten zu halten haben“, sagt Tünte.

Naturschützer fordern Absprachen über Reviergrenzen hinweg

Eine bessere revierübergreifende Kommunikation unter den Jägern ist nach Einschätzung von Markus Bathen, dem Jagdexperten des Naturschutzbund Deutschland (Nabu), die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Wildschweinjagd, die den Anforderungen des Tier- und Naturschutzes gerecht wird. „Eine Rotte Wildschweine kann sich über Reviergrenzen hinweg bewegen“, sagt Bathen. Deshalb müssten die Jäger sich regelmäßig austauschen – auch um zu vermeiden, dass die falschen Tiere geschossen werden. Denn die Rotten werden von weiblichen Schweinen, den Leitbachen, angeführt. Werden diese Tiere getötet, kann das zu einer Aufteilung der Rotte führen und das Fortplanzungsverhalten verändern, da sich infolge der fehlenden Orientierung an der Leitbache die Jungtiere früher vermehren.

Der Nabu macht sich zudem für das Prinzip der Intervalljagd stark – mit organisierten Treibjagden während zweier Wochen im Herbst, durchgeführt von gut ausgebildeten Jägern mit Hunden, die für die Wildschweinjagd trainiert wurden. Damit könne der Stress für die Tiere vermindert werden, der auch Ursache für vermehrte Schäden in Wald und Flur sei. „Wenn Wildschweine das ganze Jahr geschossen werden, sorgt das bei den Tieren für ständige Störung“, erklärt Bathen. „Die Tiere laufen dann längere Strecken, haben dadurch mehr Energieverbrauch, einen höherer Futterbedarf – und richten bei der Futtersuche größeren Schaden an.“

Fütterung durch Jäger heizt Vermehrung der Wildschweine noch an

Der Ökologische Jagdverband (ÖJV) sieht Defizite bei der Ausbildung der Jäger. „Wir fordern seit Jahren, dass es regelmäßige Schießleistungsnachweise geben muss“, sagt dessen Bundesvorsitzende Elisabeth Emmert. Bislang seien die nur zum zum Erwerb des Jagdscheins vorgeschrieben. Vor allem aber müssten die Jäger damit aufhören, Wildschweine im Winter mit Mais anzufüttern. „Deshalb sind die Probleme auch hausgemacht“, sagt Emmert. „Mit der sogenannten Kirrung versuchen viele Jäger die Tiere herauszulocken – heizen damit aber die Vermehrung der Schwarzwildbestände noch weiter an.“

Matthias Lambrecht

protest 03.Apr 2017

Wohin die Bewegung „Pulse of Europe“ steuern könnte

Ein positives Gefühl, kurzweilige Reden und generell gehaltene Forderungen – das ist das Erfolgsrezept von neuen Bewegungen wie „Pulse of Europe“. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss aber mehr kommen, sagen Protestforscher. Ein Beispiel aus der Schweiz könnte als Vorbild dienen.

Der Rathausmarkt in Hamburg färbt sich langsam blau. Überdeckt wird der Platz an diesem Sonntagnachmittag von einem Teppich aus Europaflaggen. Die meisten der 1000 Demonstranten tragen sie – an einer Holzstange, als Fähnchen oder als Luftballon in der Hand. Ein ähnliches Bild zeigt sich seit einigen Wochen immer sonntags in vielen Städten Europas. 

40.000 Unterstützer, 68 Städte aus elf europäischen Ländern: Pulse of Europe schafft es, viele Menschen auf die Straßen zu bringen und eine seltene Euphorie für Europa zu erwecken. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte die Bewegung als vorbildliches Beispiel für gesellschaftliches Engagement. Die Frage ist, wie lange die Begeisterung noch anhalten kann. Ähnlich dezentral organisierte Initiativen wie „Occupy“ in den USA oder „Nuit Debout“ in Frankreich sind nach einigen Monaten wieder in sich zusammengefallen. Woran liegt das – und was kann Pulse of Europe von erfolgreichen Bewegungen wie „Operation Libero“ aus der Schweiz lernen?

pulse

Am Sonntag waren mehr als 1000 Teilnehmer auf dem Platz vor dem Rathaus in Hamburg bei der Demonstration von Pulse of Europe.   Foto: dpa

„Das Interesse an der Bewegung Pulse of Europe ist aktuell sehr hoch“, sagt Dieter Rucht, Soziologe und Vorstand des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin. Sie wirke gerade bei jungen Leuten anziehend – durch kurzweilige Demonstrationen, den Einsatz von Social-Media-Aktionen, der flachen Hierarchien und der Politik des offenen Mikros. Ein Gegenstück zu drögen Vereinssitzungen mit Tagesordnungspunkten. „Auf längere Sicht sehe ich jedoch keine große Zukunft für die Initiative“, sagt Rucht. Falls sie sich nicht weiterentwickelt, könne sie sich bis zum Winter erschöpft haben. Problematisch sei vor allem, dass keine konkreten Forderungen formuliert werden, nachhaltige Strukturen fehlen und kein klarer Adressat etabliert sei.

„Jede langfristige Bewegung braucht konkrete Zwischenziele“

Die Politologin Ulrike Guérot, Direktorin der Denkfabrik European Democracy Lab in Berlin schlägt auf „Spiegel Online“ vor, die Bewegung solle nur eine Forderung verfolgen: Die Wahlrechtsgleichheit für das europäische Parlament. Denn bislang haben bei den Wahlen zum Europaparlament Stimmen aus kleinen EU-Mitgliedsstaaten mehr Einfluss. Auch der Soziologe Rucht warnt: „Jede langfristige Bewegung braucht konkrete Zwischenziele, an denen sie ihren Erfolg messen kann.“  

Doch statt konkreter Forderungen findet sich auf der Seite von Pulse of Europe nur ein allgemein gehaltener „10-Punkte-Plan“: Europa dürfe nicht scheitern, die Menschen sollen wieder wählen gehen und Reformen seien nötig. Alles ist sehr generell formuliert: „Die europäische Idee muss wieder verständlicher und bürgernäher werden. Sie muss von unten nach oben getragen werden. Europa soll wieder Freude bereiten.“

Pulse of Europe surft aktuell auf dieser Welle des Gemeinschaftsgefühls. Der Mitinitiator der Bewegung, Daniel Röder (44), will Emotionen zurück in die Europadebatte bringen. „Im Moment ist es für uns nicht die Zeit, kopfgesteuerte Diskussionen zu führen“, sagte der Frankfurter Anwalt im ZDF-Morgenmagazin Mitte März. Er denke vorerst nur bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich Anfang Mai, bei der die Populistin Marine Le Pen verhindert werden soll.

Schweizer Initiative als Vorbild?

„Das ist unser zweiter Meilenstein“, sagt Monika Meyer (37), die jeden Sonntag die Demonstrationen in Hamburg organisiert. Der erste war die Wahl in den Niederlanden. Meyer engagiert sich zum ersten Mal politisch und investiert neben ihrer 40-Stunden-Arbeitswoche jeden Abend mindestens zwei Stunden für die Bewegung. „Unsere beiden Anfangsziele, ein Zeichen für Europa zu setzen und Europa wieder auf die politische Agenda zu bringen, haben wir erreicht“, sagt sie. Mitte April treffen sich alle Städteteams in Frankfurt, um die Zeit bis zur Deutschen Bundestagswahl zu planen. „Es ist klar, dass wir nicht fünf Jahre lang mit wöchentlichen Demonstrationen weiter machen werden.“ Wie genau sich die Bewegung in Zukunft aufstellt, werde aber erst im April entschieden.

flavia

Flavia Kleiner (pinker Blazer), Gründerin von „Operation Libero“, freut sich zusammen mit ihren Mitstreitern über die Ablehnung der Schweizer „Durchsetzungsinitiative“ im Februar 2016.    Foto: „Operation Libero“

Bei ihrer Zukunftsplanung könnte sich Pulse of Europe ein Beispiel an der Schweizer Initiative „Operation Libero“ nehmen. Im Herbst 2014 hatte die 26-jährige Geschichtsstudentin Flavia Kleiner die Bewegung, ähnlich wie Pulse of Europe, mit einigen Freunden gegründet.

„Die Bewegung ist aus einem Schockzustand entstanden“, sagt sie. Die Schweiz hatte gerade nach einer Volksabstimmung, getragen von der konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), beschlossen, nur noch eine bestimmte Zahl an Flüchtlingen pro Jahr aufzunehmen. Kleiner wusste sofort: sie will künftig nicht mehr nur studieren, Sport machen und Katzenvideos schauen. „Ich hatte die Wahl zwischen Auswandern, den Kopf in den Sand stecken oder aktiv werden“, sagt sie. Sie entschied sich für Letzteres. 

Erfolgreich gegen Fremdenfeindlichkeit

Ihr Erfolgsrezept: Die Bewegung hatte klare Gegner und konkrete Forderungen. Und hat im Vorfeld weiterer kritischer Volksabstimmungen gezielt mobil gemacht, zum Beispiel vor der „Durchsetzungsinitiative“ im Februar 2016, die die Abschiebung von Ausländern ohne Einzelfallprüfung wegen Bagatelldelikten möglich machen sollte. Kleiner und ihre Mitstreiter waren erfolgreich – mit Memes, einer Internetseite zur Faktenkontrolle, mit „Onlinewarriors“, die gegen Trolle in den Kommentarspalten angeschrieben haben, mit Flyern und Plakaten. Die Schweizer stimmten gegen die „Durchsetzungsinitiative“ und die Operation Libero war plötzlich in der ganzen Schweiz bekannt.     

Mittlerweile hat sich die Bewegung als feste Größe in der Schweiz etabliert. „Wichtig ist, dass wir unsere Ziele und Strategien immer wieder besprechen“, sagt Kleiner. Viele junge Bewegungen würden sich über die Ausrichtung zerstreiten. „Wir achten sehr darauf, dass unser Engagement Spaß macht und gehen nach der Arbeit zum Beispiel oft noch ein Bier trinken“, sagt sie. Mittlerweile arbeiten fünf Halbzeitkräfte für die Initiative.

Die Bewegung hat große Ziele: Die Schweiz soll ein „Chancenland“ sein und für „internationale Vernetztheit, für Freiheit, für Fortschritt und Rechtsstaatlichkeit“ stehen, fordern Kleiner und ihre Mitstreiter. Diese Ziele übersetzen sie in konkrete nationale und regionale Forderungen und Aktionen. Aktuell engagieren sie sich regional für den Asyl-Sozialhilfekredit im Kanton Bern. Dort, wo das Geld des Bundes für Asylsuchende nicht reicht, darf der Kanton mit 18,6 bis 30,8 Millionen Euro nachhelfen. Dagegen hatte die SVP eine Volksinitiative eingereicht, über die am 21. Mai dieses Jahres abgestimmt wird.

Immer wieder melden sich bei Kleiner Bürgerinitiativen aus der Schweiz und dem Ausland, um sich Tipps zu holen. „Wir sind sehr offen und helfen gerne“, sagt Kleiner. Denn es gibt viel zu erzählen.  

Hanna Gieffers

Protest mal anders: Mit aufblasbaren Würfeln mischt das Künstlerensemble „Tools for Action“ internationale Proteste und Demonstrationen auf. Lesen Sie dazu unsere Reportage „Luftwiderstand“ im kommenden Greenpeace Magazin 3.17. Die Ausgabe finden Sie ab dem 13. April am Kiosk. Hier geht es zum Abo.

interview 31.Mär 2017

„Wir müssen Erfolg nach dem Nutzen für das Gemeinwohl bemessen“

Umweltzerstörung und Klimawandel lassen uns keine andere Chance als einen radikalen Wirtschaftswandel einzuleiten, sagt Christian Felber. Der Attac-Mitgründer und Wirtschaftsdozent aus Salzburg zeigt in seinem neuen Buch „Ethischer Welthandel“ , wie das gehen kann.

Sie machen – auch bei Ihren Vorträgen – gerne mal einen Kopfstand. Wollen Sie Ihre Zuhörer mit dieser Übung zum Perspektivenwechsel bewegen?

Christian Felber: Unsere Wirtschaft steht in vielerlei Hinsicht auf dem Kopf. Die Aktivitäten, die sich in unserer Gesellschaft in ihr Gegenteil verkehrt haben, will ich wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Wir müssen uns zum Beispiel fragen: Warum erhalten Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern? Warum gibt es Freihandel für Fleisch aus Massentierhaltung? Wieso müssen Menschen unter unerträglichen Bedingungen arbeiten? Und warum konsumieren wir mehr als uns glücklich macht? Was ist Mittel, und was ist Zweck?

Was verwechseln wir da Ihrer Meinung nach?

Wirtschaft und Handel sind Mittel, aber nicht Zweck. Sie sollen dem Gemeinwohl dienen, nicht dem Profit. Das Ziel unseres Handelns sollte es stattdessen sein, die Menschenrechte zu schützen, den Ressourcenverbrauch zu verringern, den sozialen Zusammenhalt zu festigen und ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Daran muss sich gesellschaftlicher Erfolg bemessen lassen. Das ist im übrigen nichts Neues: In der Geschichte finden sich viele Beispiele dafür, dass die Wirtschaft dem Allgemeinwohl zugute kommen soll. Und auch im Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet. Nur leider haben es die Verfasser und Gesetzgeber versäumt, diese Pflicht zu konkretisieren.

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In der Wirtschaft läuft vieles verkehrt, sagt Christian Felber – zum Beispiel, dass Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern erhalten. Foto: picture alliance / blickwinkel

Erwarten Sie, dass die Politik das Steuer in diesem Sinne herumreißt?

Sie könnte das tun, formal liegt die Macht bei der Politik. Aber faktisch bestimmen weniger die Parlamente als die Kapitalinteressen transnationaler Konzerne das politische Geschehen.

Wie wollen Sie diesem globalen System nun begegnen?

Mit dem Konzept der Gemeinwohlökonomie. Die Unternehmen, die bei uns mitmachen, erstellen nicht nur eine monetäre Bilanz, sondern bewerten viele weitere Kriterien, beispielsweise wie ökologisch produziert wird, wie human die Arbeitsbedingungen sind, wie demokratisch Entscheidungen getroffen und wie sozial gerecht Erträge verteilt werden. Kurz gesagt, wie sehr das Wirtschaften dem Allgemeinwohl nützt. Für sie ist „Gemeinwohl“ wie ein Label für gelungenes Wirtschaften – und für die Kunden ein Anreiz, diese Produkte zu kaufen. Den Anfang haben vor gut sechs Jahren zwölf Unternehmen gemacht. Inzwischen ist daraus eine internationale Bewegung entstanden. Rund 400 Betriebe, Organisationen und Kommunen sind bereits gemeinwohlbilanziert. Diese Vision kommt bei der Basis quer durch alle Parteien gut an, auch Bürgermeister und erste Landesregierungen wie etwa Baden-Württemberg begrüßen die Idee. Nur der Bundestag und der EU-Gesetzgeber ignorieren uns derzeit noch.

Dennoch glauben Sie, dass sich Ihr alternatives Wirtschaftskonzept für die ganze Welt anwenden lässt?

Grundsätzlich ja, vorausgesetzt, es wächst dezentral und demokratisch. Falls nicht alle gleichzeitig mitmachen, gibt es dann eben keinen Freihandel mehr. Unternehmen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, dürfen als Gegenleistung am Freihandel teilnehmen. Die anderen werden mit höheren Zöllen oder Steuern belegt. Auf lange Sicht überleben können dann nur ethische Betriebe.

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Christian Felber – am 28. März 2017 wurde er mit dem Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ von „Zeit Wissen“ ausgezeichnet. Foto: José Luis Roca

Wie stellen Sie sich eine Welt voller „ethischer Betriebe“ vor?

Atom- und Kohlekraftwerke wären abgeschaltet, Kredite und Subventionen gäbe es nur für Erneuerbare Energien. Der mobilisierte Individualverkehr würde durch intelligente Mobilitätslösungen auf Basis einer Siedlungspolitik der kurzen Wege ersetzt. Biobauern, die ethisch arbeiten und das Tierwohl achten, bekämen faire Preise, Produkte aus tierquälerischer Massentierhaltung wären so teuer, dass sie niemand mehr kaufen würde. Außerdem plädiere ich dafür, dass wir Unternehmen in ihrer Größe beschränken und einen weltweit für alle Menschen gleichen ökologischen Fußabdruck einführen. Per Kreditkarte hätte jeder eine bestimmte Menge CO2 zur Verfügung – wenn sie leer ist, ist eben Schluss mit Golfen.

Klingt ein bisschen nach Ökodiktatur. Wo bleibt denn da die Freiheit?

Ganz im Gegenteil, gleiche Rechte für alle ist ein zutiefst liberaler Ansatz. Wenn wir wirklich allen Menschen – und nicht nur den Deutschen – und auch zukünftigen Generationen die gleichen Umweltverbrauchsrechte einräumen, ist die Begrenzung der Konsumfreiheit der einzelnen Person auf ein global nachhaltiges Maß genauso liberal wie die Beschränkung des Wahlrechts auf eine Stimme pro Person. Die Freiheit ist vielmehr dadurch in Gefahr, dass wir in den Industrieländern extrem über unsere Verhältnisse leben und die Lebensgrundlagen aller zerstören.

Hand aufs Herz: Hat die Gemeinwohl-Ökonomie eine reale Chance?

Ohne eine grundlegende Reform der Demokratiemodelle wird es keine Veränderungen geben. Deshalb haben wir die Idee der „Souveränen Demokratie“ entwickelt: Zunächst könnten verfassungsgebende Konvente im Lokalen und dann auf Bundesebene Grundsatzfragen aller Politikfelder diskutieren, die dann von der Bevölkerung abgestimmt werden. So könnte der Souverän die Weichen für ein nachhaltiges, verantwortungsbewusstes Wirtschaften stellen, die der Bundestag dann umsetzen muss. Wir beginnen im Kleinen und werden immer größer: Anfangs haben zwölf Unternehmen Ernst gemacht, jetzt könnte die EU als größter Wirtschaftsraum der Welt vorangehen und ihr Wirtschaften nach ethischen Zielen ausrichten. Ich bin überzeugt, der Rest der Welt würde nachziehen.

Interview: Andrea Hösch

energiepolitik 31.Mär 2017

Was steckt hinter den Plänen des Leag-Konzerns in der Lausitz?

Die Lausitzer Braunkohlefirma Leag will weniger Kohle abbauen als erwartet. Einige hundert Menschen können deshalb in ihren Häusern bleiben und einige Millionen Tonnen Kohle im Boden. Die Klimaziele sind damit aber immer noch nicht zu erreichen. Und die finanziellen Risiken der Sanierung nach dem Austieg könnten noch größer werden.

Erleichterung in den Dörfern Grabko, Atterwasch und Kerkwitz: Über Monate haben die Bewohner der drei Orte am Rande des Tagebaus Jänschwalde gegen die Abbaupläne des Braunkohle-Konzerns Leag protestiert, die sie aus ihrer Heimat vertrieben hätten. Mit Plakaten in Vorgärten und an Straßenlaternen sowie auf einem Sternmarsch hatten sie gefordert, ihre Häuser und die Lausitzer Landschaft zu erhalten und sie nicht den Profitinteressen eines Unternehmens zu opfern.

Endlich Klimawandel verstehen: Die digitale Klima-Uni für alle

Teile der Lausitz gleichen durch den Braunkohletagebau einer Wüste. Eine Renaturierung wird Milliarden kosten. Foto: Ruben Neugebauer/Greenpeace

Seit der Aufsichtsratssitzung der Leag am Donnerstagabend ist klar, dass es dieses Profitinteresse am Tagebaugebiet Jänschwalde nach 2023 nicht mehr geben wird. Doch bis dahin sollen hier noch 68 Millionen Tonnen Kohle gefördert werden, um das benachbarte 3000 Mega-Kraftwerk zu befeuern. Zwei der 500-Megawatt-Blöcke des Kraftwerks werden 2018 vorerst abgeschaltet und Teil der Energie-Sicherheitsreserve. Dass sie jemals wieder ans Netz gehen, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Auch die Pläne für einen Kraftwerksneubau hat die Leag längst beerdigt. Deshalb wird auch die Braunkohle aus dem geplanten Anschluss-Tagebau Jänschwalde-Nord nicht mehr gebraucht. Die rund 900 Einwohner der drei betroffenen Dörfer können in ihren Häusern bleiben.

Gute Nachrichten von der Leag-Aufsichtsratssitzung gibt es ebenfalls für zwei Dörfer am Rande des Tagebaus Nochten bei Weißwasser. 157 Millionen Tonnen Braunkohle werden hier im Boden bleiben, die Ortschaften bleiben verschont. Vorangetrieben wird der Anbau allerdings im Sonderfeld Mühlrose. Die rund 200 Bewohner des gleichnamigen Ortes müssen dafür weichen. Damit ist die Belieferung des Kraftwerks Boxberg noch bis 2030 gesichert – mit einer Förderung von insgesamt 362 Millionen Tonnen des fossilen Brennstoffs

Bis 2020 will Leag über weitere Ausweitung des Braunkohleabbaus entscheiden

Auch im Tagebau Reichwalde wird der Braunkohleabbau vorerst ungebremst weitergehen: Die Leag hält an den Plänen fest, bis 2045 weitere 331 Millionen Tonnen im Kraftwerk Boxberg zu verstromen und die Emissionen des Klimakillers Nummer eins in die Atmosphäre zu blasen.

Und die Leag, ehemals Braunkohle-Tochter des schwedischen Vattenfall-Konzerns, die 2016 vom tschechischen Finanzinvestor EPH, übernommen wurde, behält sich vor, bis 2020 über den Abbau in Welzow Süd zu entscheiden. Für gut zehn Jahre reichen die 265 Millionen Tonnen im Abbaugebiet I noch, um das 1600-Megawatt-Kraftwerk zu versorgen. Weitere 204 Millionen Tonnen könnten im Abbaugebiet II gefördert werden. Für 820 Menschen, die in diesem Gebiet wohnen, bedeutet das weitere Unsicherheit. Doch bevor sich die Leag dazu entschließt, will sie die Wahl der neuen Bundesregierung im Herbst und die Entwicklung der Strompreise nach dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke abwarten.

Angesichts der verbleibenden Klimarisiken durch die Braunkohle-Verstromung in der Lausitz, ist die Begeisterung bei Umweltschutzverbänden über die Beschlüsse der Leag auch nur verhalten: Das Unternehmen scheine zwar die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, ziehe aber keine Konsequenzen, bemängelt Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz der Umweltstiftung WWF: „Mit der heutigen Entscheidung suggeriert die Leag, Kohle habe Bestand. Dem ist nicht so. Deutschland hat sich mit dem Pariser Klimaschutzabkommen dazu verpflichtet, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen. Für die Umsetzung bedeutet das: Deutschland muss möglichst schnell einen geordneten und sozialverträglichen Kohleausstieg auf den Weg bringen und bis 2035 abschließen.“ Der WWF fordere ein Moratorium für neue und die Erweiterungen bestehender Tagebaue.

Umweltschützer fordern Stopp für neue Tagebaue und Gesetz zum Kohleausstieg

Nach Einschätzung des Greenpeace Energie-Experten Karsten Smid spekuliert die Leag auf ein Scheitern der Energiewende und blamiere damit die Bundesregierung, die sich mit dem Klimaabkommen zu einer Halbierung der CO2-Emissionen bis 2030 verpflichtet habe. „Die Ankündigung weiterer Tagebaue ist für die Bundesregierung vor diesem Hintergrund ein klimapolitischer Offenbarungseid. Jetzt muss ein Gesetz zum Ausstieg aus der Kohle beschlossen werden”, fordert Smid. Bleibe es bei der Entscheidung der Leag, würden durch den zusätzlichen Tagebau zudem rund 1700 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und die Umwelt zur Mondlandschaft verunstaltet.

Dass hinter den neuen Plänen der Leag finanzielles Kalkül zu Lasten der Steuerzahler steckt, vermutet die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen im brandenburgischen Landtag, Heide Schinowsky. Der ausgeweitete Abbau der Tagebaue Welzow Süd II und Nochten II sei für eine sichere Energieversorgung nicht mehr notwendig. Mit der Verzögerung der Entscheidung für Welzow Süd spekuliere die Leag offenbar darauf, „das Runterfahren der Braunkohleverstromung ähnlich wie beim Kohlekompromiss vor zwei Jahren im Rahmen eines bundesweiten Kohleausstiegsplans versilbert zu bekommen“, so Schinowsky.

Tatsächlich dürfte es bei einem Verzicht auf den Abbau in Welzow Süd für die Leag noch schwerer werden, die nötigen finanziellen Mittel zu erwirtschaften, die für die Sanierung der Tagebaue und die Renaturierung nach dem Ende des Braunkohleabbaus gebraucht werden. Die Kosten werden derzeit auf rund 3 Milliarden Euro veranschlagt, Umweltschützer gehen aber davon aus, dass sie noch weitaus höher liegen können. Bislang hat die Leag dafür nur rund 1,5 Milliarden Euro zurückgestellt. Dennoch hält es die Landesregierung in Brandenburg bislang nicht für nötig, das Bergrecht anzuwenden, um die Leag zur Bildung ausreichender und sicherer finanzieller Reserven zu verpflichten.

Grüne kritisieren „blindes Vertrauen“ der brandenburgischen Landesregierung 

In einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Schinowsky erklärte die Landesregierung in dieser Woche, dass sie zunächst das Ergebnis eines Gutachtens abwarten wolle, das Brandenburg und Sachsen derzeit vorbereiten, um zu beziffern, wie teuer die „Wiedernutzbarmachung der Oberfläche im Lausitzer Braunkohlebergbau” tatsächlich wird. Erst danach solle im Rahmen „der künftig zu führenden bergrechtlichen Verfahren” sichergestellt werden, dass das Unternehmen seinen Vorsorgeverpflichtungen auch nachkommt.

Bis dahin verlässt sich die Landesregierung darauf, dass „die Braunkohlegesellschaften im Zuge des Verkaufsprozesses durch Vattenfall AB finanziell so ausgestattet wurden, dass sie alle Verpflichtungen eigenständig bedienen können“. So viel Vertrauen in die Unternehmen könnte sich als ziemlich leichtsinnige Gutgläubigkeit erweisen: „Trotz erheblicher begründeter Zweifel an der Rücklagenbildung der Leag hat die Landesregierung bisher nichts unternommen, um die notwendigen Gelder zu sichern“, kritisiert Schinowsky. „Das Bittere am augenscheinlich blinden Vertrauen der Landesregierung gegenüber dem Bergbaubetreiber ist, dass der Steuerzahler hierfür im Zweifelsfall aufkommen muss.“

Nach der Einigung über die Verkaufsbedingungen hatten Vattenfall und EPH im vergangenen Jahr zwar angekündigt, dass dem verkauften Unternehmen 1,7 Milliarden Euro als Mitgift mitgegeben werden, um künftigen Verpflichtungen nachkommen zu können. Doch zum Verbleib dieser Summe machen Leag, EPH und Vattenfall inzwischen keine Angaben mehr. Die grüne Abgeordnete fordert die Landesregierung auf, unverzüglich mitzuteilen, wann das Gutachten in Auftrag gegeben werde und wann mit Ergebnissen zu rechnen sei: „Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, wie hoch die Folgekosten der Braunkohle voraussichtlich sein werden und ob der neue Eigentümer der Braunkohlesparte es schafft, dafür aufzukommen.”

Matthias Lambrecht

AKW Gundremmingen 29.Mär 2017

Operation am offenen Herzen: In Bayern soll ein noch laufendes AKW zurückgebaut werden

Bis zum Jahr 2022 sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz genommen werden. Das Beispiel Gundremmingen zeigt, wie aufwändig und umkämpft der Rückbau ist.

Rund dreißig Demonstranten stehen vor dem Sportzentrum in Gundremmingen. Der Grund für ihren Protest steht zwei Kilometer entfernt: Die Blöcke B und C des Atomkraftwerks Gundremmingen. Block B soll bald abgebaut werden, Block C bis 2021 weiter in Betrieb bleiben. Vor dem Sportzentrum ist man sich einige: Die gesamte Anlage soll sofort vom Netz genommen und so schnell wie möglich stillgelegt werden. Drinnen diskutieren derweil bei einem „Erörterungstermin“ Vertreter des bayerischen Umweltministeriums und des Anlagenbetreibers RWE mit Bürgern, Umweltschutzorganisationen und Protestinitiativen über die Rückbaupläne.

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Block B des AKW Gundremmingen geht im Dezember vom Netz. Umweltschützer wollen, dass auch Block C mit stillgelegt wird. Foto: picture alliance / Blickwinkel

Spätestens am 31. Dezember 2022 werden die letzten Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz gehen. Danach folgen Jahrzehnte des Rückbaus. Der ist kompliziert, noch komplizierter ist jedoch das Management der radioaktiven Abfälle. Bisher verbleibt der strahlende Müll meist an Ort und Stelle, die alten Meiler werden so oft zu Zwischenlagern. Das Gesetz für die Suche nach einem deutschen Endlager für hoch radioaktiven Atommüll beschloss der Bundestag erst letzte Woche – nun liegen zumindest Kriterien und ein Ablauf für die Auswahl eines Standorts fest, der Atommüll eine Million Jahre lang sicher lagern kann und bis 2031 feststehen soll.

Einen koordinierten Masterplan gibt es nicht

Für die Stilllegung und den Rückbau von kerntechnischen Anlagen sind in Deutschland die Betreiber zuständig, für die Genehmigung die einzelnen Bundesländer. Der ehemalige Bundesumweltminister Peter Altmaier kündigte vor Jahren an, einen Masterplan für einen zentral koordinierten, standardisierten und vereinfachten Rückbau entwickeln zu wollen, um organisatorischen Problemen und zeitlichen Verzögerungen vorzubeugen. Dazu kam es allerdings nie. Die Herausforderung bleibt in der Hand der einzelnen Länder, die auf eine gute Zusammenarbeit mit den Betreibern angewiesen sind.

16 Anlagen befinden sich in Deutschland derzeit in verschiedenen Phasen der Stilllegung. Für die verbliebenen acht Kraftwerke, die noch am Netz sind, wurden jeweils Stromkontingente und feste Abschalttermine vorgegeben. Erst nach einem erfolgreichen Genehmigungsverfahren, das bis zu sieben Jahre dauert, beginnt der Rückbau der Anlagen, der wiederum zehn Jahre oder mehr in Anspruch nehmen kann.

Das Beispiel Gundremmingen zeigt, wie aufwändig und umstritten der Rückbau von AKWs ist. Am 31. Dezember 2017 wird Block B vom Netz gehen, Block C darf hingegen noch bis 2021 weiterlaufen. Dieser Teilabbau ist vielen ein Dorn im Auge. 150 Einwände gegen diese Pläne gab es insgesamt, am Dienstag legten rund 50 Bürger, Vertreter der lokalen Bürgerinitiative Forum, der Landesfraktion der Grünen, dem „Umweltinstitut München“ und auch der Regierungs- und Landesvertretung in Österreich ihre Einwände persönlich dar. Die Vertreter des bayerischen Umweltministeriums und von RWE saßen auf der Bühne und stellten sich der Kritik an dem geplanten Vorgehen.

Ein aktuelles Gutachten warnt vor der Möglichkeit einer Kernschmelze

Stoff zur Diskussion gibt es ausreichend: Das Kernkraftwerk Gundremmingen ist bis heute das leistungsstärkste in Deutschland – und das letzte, das wie die Anlage in Fukushima einen Siedewasserreaktor hat. Immer wieder gab es Zwischenfälle, Umweltverbände warnen vor den Risiken der alten Meiler, zuletzt forderten die Landesfraktion der Grünen Anfang März die sofortige Abschaltung. Sie hatten ein Gutachten in Auftrag gegeben, das zu einem schwerwiegenden Urteil kam: Die Not- und Nachkühlung des AKWs ist mangelhaft.

Der Gutachter, Manfred Mertins, war hochrangiger Sachverständiger der Gesellschaft für Reaktor und Strahlensicherheit und unter anderem der Projektleiter der Erarbeitung der aktuellen AKW-Sicherheitsanforderungen. Seinen Analysen zufolge erfüllt das Not- und Nachkühlsystem der Anlage in Gundremmingen nicht die Vorschriften – und kann im Notfall nicht mit Sicherheit eine Kernschmelze verhindern. Die Bundes- und Landtagsfraktion der Grünen forderte als Konsequenz aus dem Gutachten die sofortige Abschaltung der Blöcke B und C. Die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) lehnte den Antrag jedoch ab.

Die Grünen kritisieren zudem die Pläne der Betreiber, die beiden Blöcke nicht gleichzeitig stillzulegen. Die beiden Blöcke B und C des Atomkraftwerks Gundremmingen würden seit jeher sowohl vom Antragsteller wie von der Genehmigungsbehörde als eine Anlage behandelt. Dass RWE versuche, beim Abbau aus dieser einen Anlage zwei zu machen, sei rechtlich nicht statthaft, heißt es im schriftlichen Einwand der Fraktion. Zudem verweisen sie auf Gefahren und Risiken, die durch den zeitversetzten Abbau entstehen könnten.

Vor einem Jahr etwa war durch eine Fehlhandlung eines externen Mitarbeiters eine Armatur des in vollem Betrieb befindlichen Reaktors betätigt und damit eine Reaktorschnellabschaltung ausgelöst worden. „Es benötigt daher nicht viel Fantasie sich die möglichen gefährlichen Unfälle vorzustellen, wenn Abbauarbeiten an einem Block ausgeführt werden, obwohl der andere Block noch in Betrieb ist“, so Fraktionsvorsitzender Ludwig Hartmann.

RWE: „Wir bauen keine Systeme ab, die wir brauchen“

RWE betont, dass Gundremmingen der einzige Standort in Deutschland sei, an dem es eine Gesamtanlage mit zwei Anlagenteilen gebe. Deshalb sei ein schrittweises Vorgehen unumgänglich. Erst wenn das Kraftwerk frei von Kernbrennstoffen ist, solle der Antrag zur Stilllegung des gesamten Komplexes gestellt werden. Und frei davon sei das AKW Gundremmingen eben erst Mitte der 2020er Jahre.

Nach dem Willen des Betreibers RWE liegen die Brennstoffelemente aus Block B also im Abklingbecken, während die Arbeiter die nicht mehr benötigten Teile aus der Anlage demontieren. Das sei für die Arbeiter und für die Bevölkerung mit größeren Risiken verbunden, meinen die Grünen. „Erst beide Reaktoren stilllegen, dann die abgebrannten Brennelemente aus dem Abklingbecken entfernen und dann abreißen“, fordert darum der energiepolitische Sprecher der Landtags-Grünen, Martin Stümpfig. Der schließt sich auch der Bund Naturschutz in Bayern an.

Die Replik von RWE ist schlicht: „Wir bauen keine Systeme ab, die wir brauchen“, sagte der Leiter der kerntechnischen Genehmigungsverfahren, Cord-Henrich Lefhalm. Die Sicherheit für Mensch und Umwelt stehe an erster Stelle.

Für die Demonstranten vor dem Sportzentrum in Gundremmingen ist klar: Sicher wären die Bürger und die nahe Umwelt nur, wenn beide Blöcke sofort vom Netz genommen und schnellstmöglich stillgelegt würden. Ihr Slogan lautet: „Wer B sagt muss auch C sagen“.

Julia Lauter

USA 29.Mär 2017

Worum es bei Trumps Anti-Klimaschutz-Dekret geht

Donald Trump reißt die Errungenschaften seines Vorgängers Barack Obama ein. Aber selbst Kohlebosse sind skeptisch. Die wichtigsten Fragen zu Trumps neuester Verordnung im Überblick.

Worum geht es?

Um mehrere Maßnahmen. Trump hob ein Moratorium auf, durch das öffentliches Land nicht mehr zur Förderung von Kohle verpachtet werden konnte. Er änderte Begrenzungen der Methan-Emissionen in der Öl- und Gasindustrie. Und er sagt einem Kernanliegen Obamas den Kampf an: Die Umweltbehörde EPA soll den „Clean Power Plan“ auf den Prüfstand stellen.

Damit wollte der Demokrat die CO2-Emissionen amerikanischer Kraftwerke eindämmen. Der Kohlendioxid-Ausstoß sollte bis 2030 im Vergleich zu 2005 um 32 Prozent sinken. Aber mehr als zwei Dutzend mehrheitlich republikanisch geführte US-Bundesstaaten und mehrere Unternehmen aus dem Energiesektor klagten vor verschiedenen Gerichten dagegen. Der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof der USA, legte Obamas Pläne vor einem Jahr auf Eis – wegen rechtlicher Bedenken.

Hat Trump so einfach freie Hand?

Nein, es gibt Hürden. Der Präsident und sein EPA-Chef Scott Pruitt stehen vor dem Problem, dass sie etwas neues vorlegen müssen, sobald sie den „Clean Power Plan“ aufkündigen. So hat es der Supreme Court vorgegeben. Allerdings gibt es dafür keine Frist, die Regierung könnte das Thema also einfach aussitzen. Dann drohen ihr aber möglicherweise Klagen.

Steigen die USA offiziell aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aus?

Nein. Ein offizieller Austritt wäre wohl zu kompliziert und würde Jahre in Anspruch nehmen, vielleicht auch zu viel Aufmerksamkeit erregen. Stattdessen scheint sich die Strategie der Regierung aufs Nichtstun zu beschränken: einfach keine Anstrengungen zur Umsetzung des Abkommens zu unternehmen. Das ist zwar nicht im Sinne des Vertrags, es drohen aber keinerlei Sanktionen – und für das Ziel des Regelwerks ist es genauso schädlich wie ein Austritt.

Wie schätzen Experten den Inhalt des Dekrets ein?

Mark Muro von der Washingtoner Denkfabrik „Brookings“ meint, es sei eine weitgehend symbolische Geste. „Lasst uns nicht vergessen, dass Trumps großer Erlass zum Kohlenstoff größtenteils zahnlos und überschätzt ist“, schrieb Muro bei Twitter.

Michael Gerrard, Professor für Klimarecht an der Columbia Universität, erwartet dagegen fatale Konsequenzen. Schon mit dem „Clean Power Plan“ hätten die USA die Zusagen des Pariser Abkommens nur schwer einhalten können, sagte er der „Deutschen Presse-Agentur“. Ohne die Vorgaben sei es praktisch unmöglich. Die Politik beruhe auf der Leugnung des Klimawandels sowie dem Wunsch, der Kohleindustrie einen Gefallen zu tun.

Kommen die Jobs in den Zechen nun zurück?

Daran glauben nicht mal die größten Unterstützer von Trumps Kurs. „Er sollte seine Erwartungen zurückschrauben“, sagte etwa Robert Murray, Chef des größten privaten US-Kohlekonzerns Murray Energy, der britischen Tageszeitung „Guardian“. Selbst wenn neue Werke mit „sauberen“ Fördertechnologien gebaut würden, geht Murray nicht davon aus, dass sich der Marktanteil von Kohle-Energie signifikant steigern lässt.

Laut Zahlen der für die Branche zuständigen Behörde Mine Safety and Health Administration ist die Zahl der Beschäftigten in der US-Kohleindustrie von 2008 bis 2015 von knapp 128.000 auf rund 98.500 Mitarbeiter gefallen. In den 1970er Jahren verdienten noch etwa 250.000 Menschen ihr Geld in diesem Wirtschaftszweig.

Doch selbst die größten Gegner der Obama-Regulierung räumen ein, dass die Stellen vor allem dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallen sind, der sich nicht rückgängig machen lässt. „Trump kann die Jobs nicht zurückbringen“, glaubt Kohle-Boss Murray. Es könne nur darum gehen, Chancengleichheit mit der Konkurrenz aus Bereichen wie Wind- oder Solarenergien herzustellen, die hohe Subventionen einstreiche.

Kann Trump den Trend zu erneuerbaren Energien stoppen?

„Der größte Teil der Fortschritte, die das Land bei der Reduzierung von Abgasen gemacht hat, wurde durch Marktkräfte herbeigeführt und nicht durch Politik“, meint Brookings-Experte Muro. Der technologische Wandel habe die Kosten erneuerbarer Energien bereits erheblich gesenkt und damit ein Umdenken bei Investoren und Unternehmen bewirkt. Bald schon würden Wind und Solar ohne staatliche Bezuschussung wettbewerbsfähig werden.

Tatsächlich hat die Finanzwelt längst begonnen, in bedeutendem Ausmaß Investitionen aus fossilen Energien abzuziehen. So haben sich etwa Nachfahren des US-Öltycoons John D. Rockefeller mit zahlreichen anderen Großinvestoren zu einer „Divestment“-Bewegung zusammengeschlossen, die Gelder von traditionellen Energiequellen wie Kohle oder Ölsand in erneuerbare Alternativen umschichtet.

Die „Clean Energy Revolution“ sei angesichts der mittlerweile verfestigten Tech- und Markttrends gar nicht mehr aufzuhalten, erklärt Muro.

Maren Hennemuth und Hannes Breustedt (dpa)

deepwater horizon 15.Jul 2016

Die ganz große Rechnung: BP muss 61,6 Milliarden Dollar für die Katastrophe von Deepwater Horizon zahlen

Die Gesamtkosten für die Schäden durch die Ölplattform Deepwater Horizon belaufen sich auf 61,6 Milliarden Dollar. Noch immer leiden Meerestiere im Golf von Mexiko unter dem Ölleck von April 2010.

Die Umweltkatastrophe von Deepwater Horizon kostet BP Global insgesamt 61,6 Milliarden Dollar (etwa 55 Milliarden Euro) – mit Steueranpassung 44 Milliarden (etwa 39,5 Milliarden Euro). 2015 war der Konzern noch von geringeren Kosten, insgesamt 55,5 Milliarden Dollar, ausgegangen. Der Konzern hat bereits Beträge in Milliardenhöhe gezahlt. In diesem Quartal soll eine weitere Zahlung in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar für verbleibende Schäden getätigt werden.

Im April 2010 war die Ölplattform des Konzerns BP Global „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko explodiert. Elf Menschen starben als die Plattform unterging. Über Monate konnte das Leck am Bohrloch nicht versiegelt werden. In Folge dessen flossen 3,19 Millionen Barrel Öl in den Golf und richteten eine der größten Umweltkatastrophen der Erdölforderung auf See an.

Die Ölplattform Deepwater Horizon hatte mit ihrer Explosion im April 2010 eine der größten Umweltkatastrophen zur Folge  Foto: Daniel Beltrá / Greenpeace

„In den vergangenen Monaten haben wir erhebliche Fortschritte gemacht, die noch offenen Kosten für die Bohrinsel Deepwater Horizon zu ermitteln. Heute können wir die verbleibenden Kosten des Vorfalls abschätzen“, so BPs Finanzvorstand Brian Gilvary, in einer Pressemittelung des Konzerns. „Wichtig ist, dass wir einen klaren Plan für das Kostenmanagement haben, der unseren Investoren eine sichere Zukunft bietet.“ Er versicherte, dass mögliche weitere Aufwendungen keinen materiellen Einfluss mehr auf die Ertragslage des Konzerns haben werden.

Wissenschaftler fanden im April dieses Jahres Anzeichen dafür, dass das Öl immer noch Schaden anrichtet. Sie stellten eine hohe Anzahl von Totgeburten bei Delphinen im Bereich des ehemaligen Ölteppichs fest. 88 Prozent der Delphinbabies wiesen abnormale oder unterentwickelte Lungen auf, schreiben die Forscher in einer Studie im Journal für Krankheiten von aquatischen Organismen. Zwischen 2010 und 2012 starben im Golf, neben vielen anderen Meerestieren, Delphine vor allem an Lungenkrankheiten, die die Wissenschaftler auf den Kontakt mit Öl zurückführen.

Anica Beuerbach