Recycling 28.Apr 2017

Wie die Teppich-Industrie versucht, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen

Alte Teppiche werden in Deutschland in aller Regel verbrannt. Einige Hersteller brüsten sich nun mit Nachhaltigkeitskonzepten und erwecken den Eindruck, dass sie alte Teppiche recyceln. Doch nur weniger als fünf Prozent davon werden tatsächlich wiederverwertet. Die EU fördert die Branche dennoch mit Millionen-Beträgen.

Die niederländische Firma Desso und das amerikanische Unternehmen Interface sind die Marktführer unter den Teppichherstellern in Europa. Jeder zweite ausgelegte Teppich wird in den Fabriken einer der beiden Firmen hergestellt. Sie sind außerdem die einzigen Unternehmen der Branche, die mit Nachhaltigkeitsstrategien werben.

So will die Firma Desso nach eigenem Bekunden soziale Verantwortung tragen und erneuerbare Energien nutzen. Vor allem wirbt der Teppichproduzent damit, gebrauchte Teppichböden zu recyceln und Schadstoffe zu vermeiden. Für das Recycling betreibt Desso eine Anlage in den Niederlanden. „Unternehmen müssen in der Lage sein, die Materialströme zu bestimmen, wenn das Produkt nach seiner Nutzung zurückgegeben wird“, schreibt Desso auf seiner Internetseite.

Außerdem preist Desso seine Cradle-to-Cradle Zertifikate. Diese hat das Unternehmen von der Umweltberatungsfirma EPEA aus Hamburg dafür erworben, dass einige seiner Produkte auf Umweltschädlichkeit und Recyclingfähigkeit überprüft worden sind. So haben einzelne Produkte ein Gold- oder Silberzertifikat für ihre Schadstoffarmut bekommen.

Tausende Quadratmeter Teppichböden werden täglich in der Fabrik des Marktführers Desso hergestellt. Nur ein Bruchteil der Auslegware findet den Weg zurück zur Aufbereitung in die niederländischen Werke. Foto: Willi Rose

Cradle-to-Cradle heißt „von der Wiege zur Wiege“. Nach dieser Philosophie gibt es keinen Abfall, sondern Unternehmen und Kunden dürften „intelligent verschwenden“ – solange Stoffströme geschlossen sind. Diese Denkschule geht auf den deutschen Chemiker Michael Braungart zurück, der mit Unterstützung seiner Ehefrau, der Ex-Umweltministerin Monika Griefahn, weltweit mehrere Beratungs- und Lizenzfirmen betreibt. „Im Mittelpunkt der Cradle to Cradle-Philosophie steht die Idee ,Abfall ist Nahrung’. Im Falle von Teppichböden hat Desso also eine Technologie entwickelt, mit der Teppiche zurückgenommen und deren Materialien recycelt oder wiederverwendet werden können.“ So beschreibt Desso selbst seinen Beitrag zur Cradle-to-Cradle-Denkschule.

Konkurrent Interface verfolgt seit 1994 einen Null-Abfall-Plan, „Mission Zero“ genannt, den das Unternehmen bis 2020 umgesetzt haben will. Kernelemente des Plans sind ähnlich wie bei Desso Müll vermeiden, erneuerbare Energien einsetzen, und den Stoffkreislauf schließen, also gebrauchte Teppiche zurücknehmen, die in einer eigenen Anlage in den Niederlanden in ihre Einzelteile zerlegt werden sollen.

Das grüne Image beider Teppichhersteller zahlt sich offenbar aus. Die Firmen gelten nicht nur als Branchenpioniere in Sachen Umweltschutz. Vor allem sind sie wirtschaftlich erfolgreich: Desso verkauft europaweit 187 Millionen Quadratmeter pro Jahr, Interface 208 Millionen – wie viel davon sie in Deutschland absetzen, wollen beide Hersteller auf Anfrage nicht verraten. Zum Vergleich: Die größten deutschen Firmen wie Vorwerk produzieren laut Branchenverband etwa 2,5 Millionen Quadratmeter.

Nur 3 Prozent der Teppiche landen wieder beim Hersteller

Doch: Wie Nachforschungen des Recherchezentrums CORRECTIV zeigen, nehmen die Marktführer nur kleine Mengen ihrer Teppiche tatsächlich zurück. Im Jahr 2015 hat Interface gerade einmal 900 Tonnen in Europa eingesammelt – das entspricht 1,5 Prozent der im selben Jahr verkauften Menge. Von einem Null-Abfall-Plan kann dabei nicht die Rede sein. Desso habe im selben Jahr 1342 Tonnen in Europa zurückgenommen, teilt die Firma nach zähem Hin und Her mit. Das entspricht nur drei Prozent der verkauften Menge. 

Interface antwortet nur vage und teilt mit: „Trotz der oft komplexen und technischen Herausforderungen haben wir uns dazu verpflichtet, nachhaltigere Geschäftsaktivitäten voranzutreiben.“ Konkurrent Desso reicht die Verantwortung an seine Kunden weiter und schreibt: „Desso handelt aktiv, um Marktbedingungen zu verbessern, und ermutigt seine Kunden zu Pro-Recycling-Verhalten.“

In dieser Anlage der Firma Renova werden auch alte Teppiche verbrannt. Foto: Willi Rose

Eine Studie der Deutschen Umwelthilfe hat ergeben, dass in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt rund 180 Millionen Quadratmeter verkauft wurden, der Branchenumsatz liegt bei 12 Milliarden Euro. Damit ist Deutschland der größte Absatzmarkt in Europa für Teppichhersteller. Etwa die Hälfte der Teppiche wird an private Haushalte verkauft, vierzig Prozent in gewerblichen Räumen verlegt, der Rest landet auf Schiffen, Messen, oder in Flugzeugen. Einmal ausgerollt und verlegt liegen diese Kunststoff-Mischungen bis zu zehn Jahre; je nachdem, wie stark sie beansprucht werden, und ob sich in der Zwischenzeit Stilrichtungen ändern oder Räume anders genutzt werden.

Desso trennt in seiner „Refinity“ Fabrik in den Niederlanden Teppichfasern von anderen Schichten. Die benutzen Fasern schickt der Hersteller in die Werke der Firma Aquafil nach Italien oder Slowenien, erst dort wird aus dem alten Teppichgarn Nylon zurückgewonnen. Schon bei Dessos Internetauftritt fällt auf: Rückenbeschichtungen werden an den Straßenbau weiterverkauft, andere Komponenten zur Verbrennung an die Zementindustrie weitergegeben. Sehen geschlossene Kreisläufe nicht anders aus?

Die eigene Refinity Anlage wird sogar seit 2010 von der Europäischen Union mit Steuergeldern unterstützt. Desso hat sich verpflichtet, bis zum Jahr 2013 in Europa mindestens 16.000 Tonnen gebrauchter Teppiche zurückzubekommen. Im Gegenzug hat das Unternehmen von der EU die Hälfte der 1,5 Millionen Euro teuren Anlage bezahlt bekommen. Auf Anfrage von CORRECTIV bei der Umweltabteilung der EU teilt eine Sprecherin mit, dass sie zufrieden seien mit Dessos Leistung: Die Anlage laufe gut, sogar die niederländische Königin Beatrix habe dort schon vorbei geschaut.

Zudem hat Desso im Jahr 2012 ein Leasingsystem eingeführt, bei dem die Firma Eigentümer des Teppichs bleibt. Doch selbst wenn das Programm noch nicht lange läuft und Desso seinen Kunden beim Abtransport hilft, räumt der Teppichhersteller ein, dass „das Rücknahme System doch noch nicht wirklich bedeutsam ist.“

Das mag auch daran liegen, dass Desso offenbar keinen Plan dafür hat, wie die Teppiche vom  Privatmarkt zurückgenommen werden sollen. Denn das Rücknahmesystem bezieht sich hauptsächlich auf den Verkauf von Teppichfliesen im gewerblichen Bereich. Wie groß der Verkauf auf dem Privatmarkt ist, will Desso nicht verraten. CORRECTIV hat alle Vertragshändler von Desso in Berlin kontaktiert. Das Ergebnis: Keiner der Teppich-Händler hat gesagt, von dem Rücknahmesystem etwas gehört zu haben.

Umwelthilfe wirft den Firmen Greenwashing vor

Verpassen sich die Marktführer Desso und Interface also grüne Siegel, die die Realität verschleiern? „Desso und Interface arbeiten im Vergleich zu anderen Herstellern mehr am Recycling. Doch vieles steckt hier noch in den Kinderschuhen“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Das würde sich beim Marketing der beiden Unternehmen allerdings nicht bemerkbar machen: die Firmen würden den Eindruck erwecken, Kreislaufstrukturen seien voll aufgebaut, während Recycling in der Praxis kaum stattfinde. „Die Diskrepanz zwischen Darstellung und Realität kann man als Greenwashing bezeichnen“, sagt Fischer.

Edmund Vankann ist einer, der sich auskennt mit Teppichböden. Er ist der Kopf des Branchenverbands Gemeinschaft umweltfreundlicher Teppichboden (GUT), in dem sich nach eigenen Angaben 95 Prozent der Hersteller versammeln. Auch er kritisiert Cradle to Cradle als ein unrealistisches Konzept in Zusammenhang mit Recycling: „Ein Goldzertifikat draufkleben, ist einfach. Es bleibt die Fragen, wie lässt sich die Rücknahme für alle umsetzen?“ Die GUT überlege, wie man die verschiedenen Produktionsmodelle der Hersteller so vereinheitlichen kann, dass ein branchenübergreifendes Recycling möglich ist. Bisher ohne Ergebnis, und so plädiert Edmund Vankann für die Verbrennung: „Teppiche brennen gut, denn die Rückenbeschichtungen enthalten viel Kreide.“

Gegen den Vorwurf des Greenwashings wehren sich die Unternehmen Desso und Interface. Desso schreibt: „Wir denken, dass die Menge von 20.000 Tonnen erreicht werden kann, auch wenn es länger dauert, als erwartet. Die Anschuldigung des Greenwashings ist völlig falsch und unbegründet mit Bezug auf das, was die Firma täglich leistet.“ Interface teilt mit: „Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben.“

Im Jahr 2016 wurden europaweit 1,6 Millionen Tonnen gebrauchter Teppichböden vernichtet. Wie viele Tonnen davon auf Deutschland fallen, ist unklar. Letzte Schätzungen gehen auf die Jahrtausendwende zurück, da wurde mit 400.000 Tonnen gerechnet. Da das Vergraben von gebrauchten Teppichen seit 2005 verboten ist, werden seither Teppichreste verbrannt. Benjamin Bongardt, Experte für Abfall beim Umweltverband Naturschutzbund, sagt, Müllverbrennung in Zementwerken und Verbrennungsanlagen sei heute eine weitgehend saubere und sichere Technik. Aber: Bei jeder Müllverbrennung würden wertvolle Ressourcen in der Luft aufgehen, und Kohlenstoffdioxid würde freigesetzt.

Deutschland wurde von Umweltverbänden lange als „Müllstaubsauger Europas“ bezeichnet. Denn hierzulande stehen über 100 Anlagen, die zusammen fast 25 Millionen Tonnen Abfall jährlich verbrennen. Lange waren die Anlagen nicht ausgelastet, noch im vergangenen Jahr musste etwa eine Million Tonnen Müll importiert werden. Kritiker sagen, dies sei ein Grund für niedrige Verbrennungspreise, die Anreize zum Recycling herabsetzen würden.

Der Stoff um den es geht: Teppichgarn besteht vielfach aus wertvollem Nylon, das recycelt werden kann. Dazu müssen sich die Hersteller auf einheitliche Produktionsmodelle einigen. Foto: Willi Rose

Wer verstehen will, warum alte Teppiche heute verbrannt werden, muss einen Blick zurück auf die Jahrtausendwende werfen. Im Brandenburgischen Premnitz wurde im Jahr 1999 Europas größte Teppichrecycling-Fabrik gebaut, die Polyamid 2000. Nur fünf Jahre nach dem Start wurde die Polyamid 2000 zerschlagen und verkauft. Heute steht auf dem Gelände eine Müllverbrennungsanlage.

André Karutz ist Chemiker in Rente, früher war Karutz bei Polyamid 2000 für den Ankauf gebrauchter Teppiche verantwortlich. Karutz sagt, die Fabrik scheiterte aus zwei Gründen. Erstens: Er konnte nicht genügend Teppiche besorgen, die Nylon enthielten. Die Betreiber der Fabrik hätten sich da verschätzt, er habe vergeblich in verschiedenen anderen Produkten nach einer Nylonsenke gesucht, schließlich musste er einen Großteil gebrauchter Teppiche aus den USA importieren. „Das war natürlich völlig unrentabel.“

Der zweite Grund für das Scheitern der Anlage wiegt schwerer: André Karutz sagt: „Die Fabrik war schlicht nicht in der Lage, die Teppiche zu recyceln.“ Wenn gebrauchte Teppiche zu viel Wasser enthielten, etwa weil sie im Regen gelagert wurden, mussten ganze Ladungen abgewiesen werden. Neben Problemen bei der Lagerung gab es auch Probleme bei der Identifikation der Teppiche, welche Inhaltsstoffe genau enthalten sind. Schließlich konnten die Teppiche nicht ausreichend in ihre Einzelteile zerlegt werden. Besonders die Trennung verschiedener Schichten und Kleber zwischen Fasern und Rücken bereitete den Chemikern Probleme.

Eine Überarbeitung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes verspricht jetzt neue Hoffnung für das Teppichrecycling: Da Teppiche so gut brennen, weisen sie hohe Brennwerte aus, die es der Entsorgungsindustrie erlaubten, die ersten Stufen der Abfallhierarchie zu ignorieren und mit dem Müllauto unmittelbar zur Verbrennungsanlage zu fahren. Diese Heizwertklausel wurde Ende des vergangenen Jahres gestrichen. Ab Sommer 2017 sollen Entsorger alte Teppiche nach den ersten Stufen der Hierarchie behandeln.

Benedict Wermter, Amanda Chapparo, Delphine Reuter

Die AutorInnen sind Mitarbeiter des Recherchezentrums CORRECTIV. Die Redaktion, mit der unser Magazin kooperiert, finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wenn Sie CORRECTIV unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter  correctiv.org.

 

USA 28.Apr 2017

Bedrohung oder Witzfigur? Die ersten 100 Tage von Donald Trump als US-Präsident

Seit er im Januar vereidigt wurde, provoziert, verwirrt und verängstigt Trump die Welt via Tweets und Dekreten. Kein US-Präsident vor ihm war deswegen Zielscheibe von so viel Häme und Satire. Eine Zwischenbilanz in Cartoons.

„Ich werde der beste Präsident sein, den Gott je geschaffen hat“, prahlte Trump noch im Wahlkampf. Seit er im Amt ist, sorgt der neue US-Präsident fast täglich für Schlagzeilen. Er huldigt der Waffenlobby, droht Nordkorea, lässt Syrien und Afghanistan bombardieren – und besteht darauf, bei seinem Queen-Besuch im Herbst mit der goldenen Kutsche zu fahren

Er will zeigen, welch emsiger Volksvertreter er ist. „Ich werde für euch arbeiten. Ich werde keine Zeit haben, Golf zu spielen“, twitterte er einst. Doch schon kurze Zeit nach der Amtsübernahme überführte ihn die New York Times: Während sich Obama in den ersten zwölf Wochen keinen einzigen Tag auf dem Golfplatz vergnügte, gönnte sich Trump satte 19 Tage.

Vielleicht brauchte er die sportliche Betätigung ja auch, um sich „great again“ zu fühlen.

Es ist nicht die einzige Aussage, die Trump seit seiner Amtseinführung revidieren musste. Denn seine Präsidentschaft lief von Anfang an nicht rund. Er musste schon einige seiner engsten Mitarbeiter feuern – und bei dem Versuch, die Gesundheitsversicherung „Obamacare“ rückgängig zu machen, blamierte er sich. Es gelang ihm nicht einmal, in seiner eigenen Partei eine Mehrheit dafür zu organisieren.

Noch dazu ist er so unpopulär wie kein anderer US-Präsident zuvor – obwohl er öffenlich stets das Gegenteil behauptet. Rund 54 Prozent der US-Amerikaner missbilligen seine Amtsführung. Viele zeigen das lautstark, indem sie auf die Straße gehen. Wie zum Beispiel vergangenen Samstag beim „March for Science“, bei dem nicht nur in den USA, sondern in mehr als 600 Städten in vielen Ländern der Welt Menschen gegen Fake-News und für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gingen.

Davon unbeeindruckt fegt Trump weiterhin Umweltauflagen vom Tisch: Er gibt grünes Licht für umstrittene Pipelines, verordnet der Umweltbehörde einen Maulkorb, bestimmt einen Klimaskeptiker als deren Leiter und will noch immer aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen. Dass seine Administration eng mit der Öl- und Kohleindustrie verwoben ist, ist kein Geheimnis – Ex-Exxon-Mobil-Chef Rex Tillerson betraute er mit dem Amt des Außenministers. Und auch Trump selbst macht mit seinem Imperium Kohle mit der Kohle. Deshalb wirbt er bei jeder Gelegenheit für „beautiful clean coal“.

Doch da regt sich Widerstand von unerwarteter Seite: Ausgerechnet Unternehmen wie Exxon Mobil, Unilever, Nike, Nestlé und Ebay warnen vor einer Abbkehr vom globalen Klimaschutz. Selbst Energieminister Rick Perry, so berichtet die Nachrichtenagentur AFP, rät seinem Chef vom Ausstieg aus dem Klimaschutzabkommen ab und empfiehlt stattdessen neue Verhandlungen.

Rückschläge muss der Immobilienmilliardär auch bei seiner Einwanderungspolitik einstecken: Gerade erklärte ein Gericht in San Francisco einen Teil seines Dekrets für verfassungswidrig. Trump wollte jenen Städten und Landkreisen Bundesmittel streichen, die Einwanderern unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus Schutz gewähren und sie mit dem Nötigsten versorgen. Das Gericht wandte diese Abstrafung der sogenannten „Sancuary Cities“ ab. Schon Mitte März war Trumps Einreisebeschränkung für Menschen aus islamisch geprägten Ländern zum zweiten Mal vor Gericht gescheitert.

 

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Last but not least: die 1900 Kilometer lange Mauer entlang der Grenze zu Mexiko, das Herzensprojekt Donald Trumps. Zwar will er sie immer noch bauen. Aber vorerst gibt es dafür kein Geld. Im Haushaltsgesetz, das beide Kammern des US-Kongresses bis heute passieren muss, sind keine Mittel für das 20 Milliarden Euro teure Projekt eingeplant. 

Hätte Trump auf die Bewilligung der Mittel bestanden, hätte er einen „Government Shutdown“, also einen Stillstand der Regierungsgeschäfte riskiert. Genau am 100. Tag wäre der Trump-Regierung das Geld ausgegangen. Zum Jubiläum hätte er die Staatspleite verkünden müssen. Congratulations!

Andrea Hösch

Bayer-Monsanto-Fusion 27.Apr 2017

Kritik unerwünscht: Polizei verlegt Protest gegen Agrarchemie-Riesen Bayer

Am Freitag will der Bayer-Konzern auf seinem Aktionärstreffen die Übernahme von Monsanto feiern. Proteste gegen den neuen Agrarchemie-Riesen sollen die Freude nicht trüben. Wegen „Sicherheitsbedenken“ darf nicht direkt vor dem Versammlungsort demonstriert werden. Doch die Kritik an der Fusion wird immer lauter.

Sie wollen die Korken knallen lassen: Einige Tage vor der Hauptversammlung des neuen Partners Bayer konnte der US-Agrarkonzern Monsanto für das erste Quartal des Jahres einen Gewinnsprung auf umgerechnet 1,28 Milliarden Euro vermelden. Und auch Bayer selbst hat kürzlich eine Rekordbilanz für das Jahr 2016 präsentiert. Die Führungsriege will am kommenden Freitag in Bonn vor den versammelten Aktionären die satten Gewinne feiern und die Perspektiven der Firmenehe mit Monsanto in rosigen Farben ausmalen.

Bei der Party nicht erwünscht: Demonstranten, die die anstehende Fusion mit Monsanto kritisieren und die negativen Auswirkungen der Agrarchemieriesen auf die globale Landwirtschaft anprangern. Die Bonner Polizei erteilte dem Bündnis „Stop Bayer/Monsanto!” am Freitag vergangener Woche ein großflächiges Platzverbot. Die für den Tag der Hauptversammlung angemeldete Demonstration vor dem Versammlungsort, dem Bonner World Conference Center, sollte damit in die Nebenstraßen verbannt werden.

Ist dieser Demonstrant ein Sicherheitsrisiko? Für den kommden Freitag hat die Bonner Polizei dem geplanten Protest vor dem Ort der Bayer-Hauptversammlung ein Platzverbot erteilt. Foto: dpa

Die Polizei begründe ihre Entscheidung mit Sicherheitsbedenken, sagt Simon Ernst von der „Coordination gegen Bayer-Gefahren”, der die Veranstaltung angemeldet hat. Die Polizei fürchte etwa die angekündigten Proteste von Landwirten und Transparente, so Ernst: „Wenn man das zum Maßstab nimmt, ist eigentlich jede Demonstration ein Sicherheitsrisiko.” Im Umfeld des Kongresszentrums, zu dem der ehemalige Bonner Plenarsaal des Bundestages gehört, solle offenbar „eine private Bannmeile für Bayer durchgesetzt werden”, so Ernst.

„Das lässt in Sachen Demokratie nur Schlechtes ahnen – für den Fall, dass es dem Multi tatsächlich gelingen sollte, Monsanto aufzukaufen und damit zum größten Agro-Konzern der Welt aufzusteigen”, sagt die frühere Landwirtschaftsministerin Renate Künast von Bündnis 90/Die Grünen, die sich für die Veranstaltung als Rednerin angekündigt hat. Die Demo-Organisatoren haben Eilanträge vor dem Verwaltungsgericht Köln eingereicht, um das Demonstrationsrecht auf dem Platz vorm Bonner Kongresszentrum durchzusetzen. Doch am Dienstag dieser Woche hatte Bayer bereits Fakten geschaffen und ein großes Zelt auf dem Platz errichtet.

Das Verwaltungsgericht lehnte die Eilanträge der Bayer-Kritiker ab. Das am Donnerstag angerufene Oberverwaltungsgericht bestätigte diese Entscheidung. Das Zelt vor dem Eingang des Kongresszentrums sei nötig, um die Sicherheitskontrollen der Aktionäre zu organisieren, argumentierten die Richter. Allerdings hob das Gericht einige der Polizeiauflagen auf. Protestiert werden kann nun am Südrand des Platzes, in Sicht- und Hörweite der Hauptversammlung. Die Demonstranten dürfen Fahrzeuge mitbringen, eine Bühne aufstellen und die Lautsprecheranlage lauter stellen, als von der Polizei zunächst vorgegeben. Auch die Vorschrift zur Begrenzung der Größe von Fahnen und Transparenten im Demonstrationszug wurde kassiert.

Fusion zu Ungunsten der Kleinbauern im globalen Süden

Noch ist die umstrittene Fusion der beiden Konzerne nicht genehmigt. Bayer hatte im vergangenen Herbst die Übernahme verkündet. Die noch fällige Entscheidung der Wettbewerbshüter wird bis zum Jahresende erwartet.

Die Kritik am Zusammenschluss der beiden Unternehmen zum weltweit dominierenden Anbieter von Saatgut und Pestiziden hat sich zuletzt weiter verschärft. So warnten etwa die Organisationen „Brot für die Welt“ und „Misereor“ in dieser Woche vor den Folgen der Übernahme von Monsanto durch Bayer. Sie würde vor allem Kleinbauern in Entwicklungsländern treffen, die mit einer noch begrenzteren Auswahl bei Saatgut und Pestiziden und damit steigenden Preisen konfrontiert wären. „Kommt es zu einer Fusion, schrumpft der Raum für nichtkommerzielle Alternativen, weil die Marktmacht zu überwältigend ist”, sagte Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt. „Saatgutzüchtungen werden dann nur noch an den Interessen weniger Konzerne orientiert.“

Und wo industriell vertriebenes Saatgut großflächig eingesetzt werde, steige auch die Menge der verwendeten Agrarchemikalien. „Der massive Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden hat vor allem im globalen Süden verheerende Folgen”, erklärte Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel. Partnerorganisationen von Misereor berichteten über den intensiven und ungeschützen Einsatz von Pestiziden, verseuchte Böden und Wasserquellen.

Mitte April legte das Internationale Monsanto Tribunal, das im vergangenen Oktober in Den Haag getagt hatte, das Ergebnis seiner juristischen Arbeit vor. Im Rahmen des von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen einberufenen Tribunals wurden Zeugen gehört, Daten erhoben und die Vorwürfe gegen Monsanto nach Maßgabe der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte geprüft. Das Rechtsgutachten kam zu dem Ergebnis, dass die Geschäftspraktiken des US-Konzerns der Umwelt schaden und das Recht auf Gesundheit beeinträchtigen. Das Tribunal stützte sich dabei unter anderem auf Aussagen von Zeugen aus Frankreich und Argentinien. Diese hatten über Missbildungen bei Kindern berichtet, die durch den Einsatz von Monsantos Herbizide „Round Up“ hervorgerufen worden sein soll – Hauptwirkstoff ist Glyphosat.

Interne Mails lassen Manipulation von Forschern durch Monsanto vermuten

Monsanto hatte die Einladung zur Teilnahme am Tribunal abgelehnt. „Das ist kein wirklicher Dialog. Es handelt sich hierbei um ein inszeniertes Ereignis, einen Scheinprozess“, heißt es in einem Offenen Brief des Konzerns. Indizien dafür, wie Monsanto stattdessen versucht, die öffentliche Meindung zu beinflussen, lieferten in den vergangenen Wochen ein Report von „Friends of the Earth“ Österreich sowie ein interner Mailwechsel, der im Zuge eines Prozesses in den USA öffentlich wurde. Die Mails belegen offenbar, wie Monsanto im Geheimen Einfluss auf Forscher und Behörden genommen hat. Dem Report „Buying Science“ zufolge, sollen einzelne Wissenschaftler sogar bezahlt worden sein, damit sie öffentlich Einschätzungen vertreten, die die Positionen des Agrarkonzerns stützen

Echte Dialogbereitschaft auf Seiten der Konzerne können die Kritiker jedenfalls bislang nicht erkennen. So scheiterte auch der Versuch von Bayer, vor der Hauptversammlung mit Vertretern von Umweltorganisationen ins Gespräch zu kommen. „Wenn Bayer noch einmal seinen Forderungskatalog herunterbetet, hat niemand etwas davon”, erklärt die Gentechnikexpertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Heike Moldenhauer, ihre Skepsis. Sie hatte als Voraussetzung für ein Gespräch Bayer aufgefordert, für Transparenz zu sorgen und genauere Informationen zu den Marktanteilen bei verschiedenen Produktsegmenten und nach Ländern vorzulegen. Doch das Unternehmen antwortete darauf nicht. Dem Konzern gehe es beim Dialogangebot lediglich um Kosmetik und nicht darum, tatsächlich das Produktportfolio zu ändern, sagt Moldenhauer: „Ich hätte Sorge, dass wir da nur missbraucht werden, weil Bayer seine Marktmacht nie aufgeben wird.“

Matthias Lambrecht

 

Neue Ausgabe 26.Apr 2017

Haltung zeigen! Wie wir die Lebensqualität für alle Tiere verbessern

Hühner, Schweine und Rinder sollen ein gutes Leben haben, das fordern immer mehr Verbraucher und Politiker. Wir ziehen in unserer neuen Ausgabe Zwischenbilanz und stellen fest: Das Wohl der Tiere lässt sich verbessern – aber nur, wenn auch konventionelle Landwirte deutlich besser bezahlt werden.​

Die Einstellung gegenüber der Nutztierhaltung ist im Wandel: Achtzig Prozent der Deutschen fordern bessere Lebensbedingungen – und zwar für alle Tiere. Dennoch ist der Anteil von artgerecht erzeugtem Biofleisch bei Schweinen und Geflügel verschwindend gering. Grüne Minister in den Landwirtschaftshochburgen der Republik haben sich deshalb vorgenommen, die Tierhaltung in der Breite zu verbessern. 

Unser Autor Andreas Weber hat sich auf die Suche nach konventionellen Landwirten begeben, die Pionierarbeit leisten. Sie versuchen, ihren Legehennen und Mastschweinen die Langeweile zu vertreiben, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen, auch wenn ihre Schnäbel und Ringelschwänze unversehrt bleiben. Und sie gönnen ihren Tieren mehr Platz und Auslauf, ganz einfach, weil sie das richtig finden. Außerdem traf er auf Züchter, die eine überraschend effektive Möglichkeit gefunden haben, dem schmerzhaften Enthornen junger Kälber ein Ende zu bereiten. Vielversprechende Ansätze zeigen sich also in vielen Bereichen – doch bei den Besuchen konventioneller Vorzeigehöfe wird auch klar: Der Wunsch nach mehr Tierwohl wird nur in Erfüllung gehen, wenn die Gesellschaft bereit ist, sich den Mehraufwand der Landwirte etwas kosten zu lassen.

3/17

Der Agrarökonom Achim Spiller sieht nicht nur die Konsumenten und Landwirte in der Pflicht – sondern vor allem die großen Handelsunternehmen. Er fordert sie im Interview mit dem Greenpeace Magazin dazu auf, den Wunsch der Verbraucher nach mehr Tierwohl ernst zu nehmen und mutige Entscheidungen zu treffen. Ein Blick in die Niederlande zeigt: Es kann funktionieren. Dort hat Fleisch aus aus tiergerechterer Produktion in den Supermärkten einen Anteil von bis zu fünfzig Prozent.

Nicht nur leere Absichtserklärungen unterschreiben, sondern selbst aktiv werden – dieser Maxime folgt Sebastian Jünemann. Mit Unterstützung der linksalternativen Szene hat der Berliner aus einem Gerätewagen des Technischen Hilfswerks eine mobile Klinik für Kriegsgebiete gebaut. Mit seinem Verein „Cadus“ will er damit in Syrien Menschenleben retten. Wir haben ihn getroffen, kurz bevor er in die Krisenregion aufgebrochen ist.

Eine innovative Idee hatte auch das Kollektiv „Tools for Action“. Die Künstler bringen mit Folie und Luft Entspannung und Spaß in hitzige Demonstrationen. Mit aufblasbaren Würfeln mischen sie internationale Klimaschutzproteste und Veranstaltungen gegen Rechtsextreme auf. Und durchbrechen damit die festgefahrenen Linien zwischen Demonstranten und Polizisten.

In dieser Ausgabe zeigen wir außerdem den ungewöhnlichen Weg der Alpenbauern Marcel und Sabine Heinrich, die als „Hüter der verborgenen Vielfalt“ alte Kartoffelarten anbauen. Und wir tauchen ab in die Tiefen der Meere, um die Verwandlungskünste der Oktopusse, Sepien und Kalamare zu bestaunen: „Willkommen im Variantenreich“. Anlässlich des „Overshoot Day“, der die alljährliche Erschöpfung natürlicher Ressourcen markiert, zieht unser Reporter Dirk Gieselmann die Öko-Bilanz seines eigenen Lebens und stellt fest: „Ich bin ein Monster.“ Denn würde jeder Mensch so konsumieren wie er, bräuchte es drei weitere Erden. 

Diese und viele weitere spannende Geschichten finden Sie in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.17. Das Heft erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Bahnhofskiosk oder für 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – das ist neu – auf dem Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Hanna Gieffers

Warentransport 24.Apr 2017

Mission null Emission: Wie ein Segel-Frachter den Welthandel aufmischen will

Logistik wie vor hundert Jahren: Nach acht Monaten kehrt der Segelfrachter „Avontuur“ von seiner ersten Atlantiküberquerung zurück, beladen mit zwanzig Tonnen Kaffee und einigen Fässern Rum. Die Slow-Lieferkette ist zwar noch nicht wirtschaftlich, aber ein ökologischer Wink mit dem Zaunpfahl. 

Der Morgen des letzten Tages beginnt um 5.30 Uhr. Die Crew regt sich und klettert aus den Kojen. Acht Mann in einem Raum. Stöhnen, gähnen, strecken, lautes Gepolter. Jeder Schritt ist zu hören. Sie steigen in ihre Kleidung, dieselben wie am Vortag: Unterhose, lange Unterhose, Hose, Regenhose. Schnell Zähne putzen, dann die steile Leiter hinauf an Deck. Es ist windig und regnerisch, Aprilwetter an der deutschen Nordseeküste, aber die kalte Luft weckt die Lebensgeister.

Nach zehn Minuten steht die gesamte Mannschaft an Deck, elf Männer und drei Frauen. Die ersten Aufgaben: Anker lichten und Segel setzen. Körperliche Arbeit noch vor dem Frühstück. Cornelius Bockermann, der Kapitän des Schiffs und Initiator des Projekts, steht bereits am Steuer. Heute fährt er die „Avontuur“ nach einer achtmonatigen Jungfernfahrt das letzte Stück bis nach Bremen.

Die „Avontuur“, niederländisch für Abenteuer, ist kein gewöhnliches Segelschiff. Es ist ein Frachtsegler. In seinem Bauch transportiert das Schiff zwanzig Tonnen Kaffee aus Honduras und einige Fässer Rum und Gin, die an diesem Tag im Europahafen von Bremen ausgeladen werden sollen – per Handarbeit. Jeder 69 Kilo schwere Sack wird einzeln mit dem Lastenrad ins Lager transportiert. Das ist umständlich, aber emissionsfrei.

Denn darum geht es: Cornelius Bockermann ist angetreten, um zu zeigen, dass es auch anders geht, dass Waren aus aller Welt auch ohne den Ausstoß von klimaschädlichen Abgasen transportiert werden können. Der 58-Jährige, der seit über dreißig Jahren in der Seeschifffahrt tätig ist, will ein Zeichen setzen und die Menschen zu bewussterem Konsum anregen. „Neunzig Prozent aller globalen Handelswaren werden auf Frachtschiffen um die Welt gefahren“, sagt er, „und all diese Containerriesen werden mit Schweröl angetrieben, das an Land verboten ist. Wir verpesten damit die Luft und zerstören die Umwelt.“

Kapitän Cornelius Bockermann auf dem Segelfrachter Avontuur

Kapitän und Initiator des Projekts: Cornelius Bockermann. Foto: Bastian Henrichs

Die „Avontuur“ war acht Monate lang unterwegs, fuhr von Deutschland über Dänemark und die Kanarischen Inseln in die Karibik, Guadelupe, Bahamas, Honduras, und zurück über die Azoren bis nach Bremen. Auf rund 13.000 Seemeilen hat das Schiff 2500 Liter Diesel verbraucht. Bockermann ärgert sich jedes Mal, wenn er den Motor anschalten muss, ganz ohne geht es aber noch nicht. Für die nächste große Reise, so die Hoffnung, will er eine Brennstoffzelle einbauen und mit Elektromotor fahren. Solarzellen und Wind- und Wellengeneratoren zur Stromerzeugung kommen an Bord bereits jetzt zum Einsatz.

Für die Fahrt ist das Geld knapp

Nach 45 Minuten sind die Segel gesetzt, die Sonne bricht durch die Wolken. Lasse, der Koch, einer der wenigen, der fast die gesamte Reise an Bord war, hat Frühstück gemacht. Selbstgebackenes Brot, Weintraubenmarmelade von den Bahamas, Wurst, Käse, Kaffee. Es ist nicht genug Platz in der kleinen Küche, dem einzigen Aufenthaltsraum an Bord, es können nicht alle gleichzeitig essen. Nach kurzer Zeit tropft Kondenswasser von der Decke.

Lasse erzählt, dass er sich am meisten auf seine Freunde und seine Familie freut – und auf ein wenig Komfort und eine heiße Dusche. An Bord ist das Wasser kalt, Privatsphäre gibt es praktisch gar nicht. „Das hier ist kein Segelabenteuer“, sagt Kapitän Bockermann später. „Wir leben hier fast wie zu Zeiten als das Schiff gebaut wurde.“ Die „Avontuur“ feiert 2020 ihren 100. Geburtstag.

Dass es wenig Komfort gibt, liegt auch daran, dass das Geld knapp ist. Rund 1,3 Millionen Euro hat das Projekt bislang gekostet. Vor drei Jahren hatte Bockermann angefangen, das Schiff auf einer kleinen Werft in Elsfleth bei Bremen zu einem Frachtsegler umzubauen. Er scharrte einige alte Bekannte und Freunde um sich – Bootsbauer, Tischler, Metallbauer – und rekrutierte Menschen aus aller Welt, die das Projekt unterstützen wollten.

Rund 160 Freiwillige, meist junge Leute, haben geholfen. Sie blieben zwei Wochen oder zwei Monate, wie es gerade passte. Einige gehören immer noch zum Team, jeder der wollte, durfte ein Zeit lang mitsegeln. „Das hat mich am nachhaltigsten beeindruckt“, sagt Bockermann, „die Leute, die ich kennenlernen durfte, die viele Unterstützung, die Begeisterung, der Enthusiasmus und das Durchhaltevermögen der freiwilligen Helfer.“ Trotzdem stiegen die Kosten. Bockermann schuldet der Werft noch eine knappe halbe Million Euro.

Ein weit gereistes Alltagsprodukt: Zwanzig Tonnen Kaffee finden im Laderaum der „Avontuur“ Platz. Foto: Timbercoast

Den Optimismus hat sich Bockermann aber bewahrt. „Es war jetzt die erste Fahrt“, sagt er. „Wir fangen gerade erst an und die wenigsten Menschen und auch die wenigsten Unternehmen wissen, dass sie bei uns eine ökologische Lieferkette haben können. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir jetzt nur mit zwanzig Tonnen Kaffee ankommen.“ Der Laderaum hat je nach Ladung Kapazität für hundert Tonnen. Um wirtschaftlich zu sein, müsste der Laderaum voll sein, möglichst auf jeder Strecke. Eventuell klappt das nicht, dessen ist sich Bockermann bewusst. Doch mithilfe von Sponsoren, die Anteile ab 1000 Euro erwerben können, mehr Freiwilligen an Bord, die dafür bezahlen, dass sie segeln lernen, und einem kleineren Fahrgebiet, will er versuchen Geld zu verdienen, um irgendwann aus den roten Zahlen heraus zu kommen.

„Wir sind ein Tropfen im Ozean“

Das ist kein völlig unrealistisches Szenario, wie ein Beispiel aus den Niederlanden zeigt. Fairtransport fährt seit 2009 mit verschiedenen Schiffen Waren emissionsfrei. Die niederländische Reederei, mit der sich Bockermann zur „Sail Cargo Alliance“ zusammengeschlossen hat, betreibt einen kleinen Segelfrachter und den Ecoliner, ein 8000-Tonnen-Frachter mit vier riesigen Segeln. Zudem gibt es Versuche, Frachter mit Kites über die Meere zu ziehen oder mit Flüssiggas (LNG) emissionsarm anzutreiben, um das schmutzige Geschäft sauber zu machen, wie das Greenpeace Magazin in dem Artikel „Voller Qualm voraus“ im vergangenen Jahr berichtete.

Doch Bockermann bleibt realistisch. „Die Avontuur wird nichts verändern am globalen Welthandel. Wir sind weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein, eher ein Tropfen im Ozean“, sagt er. „Aber wir können zumindest Aufmerksamkeit erzeugen und vielleicht die Leute dazu bringen, bewusster zu konsumieren.“ Er will zeigen, dass unser Konsumverhalten ein großer Luxus ist. „Kaffee ist doch schon Luxus“, sagt er, „weil er eben einen sehr langen Weg zu uns zurücklegt. Und wie bezahlen wir diesen Luxus? In dem wir die Umwelt zerstören.“

Kurz vor der Ankunft in Bremen, der Europahafen ist schon in Sichtweite, ruft er die Mannschaft zusammen und hält eine kurze Ansprache. „Dies ist nicht das Ende einer langen Reise“, sagt er. „Es ist der Anfang von etwas Neuem.“ Dann schaut er durch sein Fernglas. „Sind doch ein paar Leute da“, murmelt er. Die Land-Crew, die von Bremen aus arbeitet und vor allem versucht Ladungen und Sponsoren zu finden, hat ein kleines Fest organisiert. Etwa dreihundert Menschen sind gekommen.

Segelfrachter Avontuur, Ankunft in Bremen

Europahafen Bremen: Die „Avontuur“ ist nach acht Monaten zurück von ihrer ersten Atlantiküberquerung. Foto: Bastian Henrichs

Die Menschen applaudieren als die „Avontuur“ anlegt, Freunde und Bekannte sind da, Freiwillige, die mitgeholfen haben das Boot zu bauen, einige hüpfen aufgeregt, winken, dann gibt es lange Umarmungen, Tränen fließen. „Es war ein intensives Erlebnis“, sagt die 66-jährige Hedi Stracke-Berkhout, 66, die das Projekt von Beginn an unterstützt hat und mehrere Wochen auf See dabei war. „Man gibt nicht nur, man kriegt so viel mehr.“

Wie es weitergeht, weiß keiner so genau. Es ist eine Willkommensparty und gleichzeitig eine Abschiedsfeier. Nicht jedoch für den Kapitän, der stolz und freudestrahlend inmitten seiner Unterstützer steht. „Ich bin nicht melancholisch“, sagt Bockermann. „Ich bin sehr optimistisch, dass es weitergeht. Es warten noch viele Aufgaben.“

Bastian Henrichs

March for Science 21.Apr 2017

Wissenschaftler verteidigen die „Waffe der Aufklärung“

„Science, not Silence“ – unter diesem Motto werden Tausende am morgigen Earth Day in mehr als 500 Städten auf die Straße gehen. Ihr Protest richtet sich nicht nur gegen den wissenschaftsfeindlichen US-Präsidenten Trump. Es geht ihnen um mehr: um einen globalen Aufstand gegen „alternative Fakten“ und für die Freiheit der Wissenschaft.​

Die Trump-Regierung leugnet den Klimawandel, verordnet Maulkörbe, löscht wissenschaftliche Daten. In Ungarn und Polen stehen Wissenschaftler unter Druck, in der Türkei werden viele entlassen oder verhaftet, Gegen diese zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit gehen Menschen auf die Straße – auch in Deutschland. In zwanzig Städten sind hierzulande Demonstrationen geplant, etwa in Berlin, Köln, Dresden, Hamburg, Heidelberg, Münster, Stuttgart oder  Tübingen. Sogar in Helgoland soll es eine Veranstaltung geben. Viele Universitäten und Institutionen rufen zur Teilnahme am „March for Science" auf.

Zum Auftakt des inzwischen weltweiten Protests demonstrierten Wissenschaftler im Februar 2017 in Boston. Foto: picture alliance / AP Photo

„Wir wollen in einer Demokratie leben, in der gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage von Entscheidungen sind – und nicht bloß gefühlte Wahrheiten“, schreiben die Organisatoren der Protestmärsche in Deutschland. Der Naturwissenschaftler und TV-Journalist Ranga Yogeshwar sieht das genauso: „Was all diese autokratischen und zum Teil diktatorischen Systeme fürchten, ist die Waffe der Aufklärung, also das kritische Hinterfragen und den offenen Dialog – die Grundlagen der Wissenschaft.“ Gerade im Wahljahr in Deutschland seien die Proteste ein Weckruf mit der Botschaft: „Fakten sind nicht verhandelbar!“

Mit diesem Video rufen Wissenschaftler zur Teilnahme am „March for Science“ auf.

Mitinitiator der Protestmärsche in Deutschland ist der Bochumer Autor und Regisseur Claus Martin. Ihm geht es darum, Solidarität zu bekunden. Zugleich will er „ein starkes Signal senden, dass populistische Kräfte auch in Deutschland nicht noch stärker werden dürfen“. Da es sich um einen Marsch für die Wissenschaft und nicht für Wissenschaftler handelt, hofft er, dass nicht allein Forscher, sondern alle teilnehmen, die sich um die Demokratie sorgen. Martin rechnet bundesweit mit bis zu 30.000 Teilnehmern. Doch es gibt auch Bedenken: Manche Kritiker warnen, dass sich unabhängige Forscher mit der Teilnahme an den Demonstrationen für politische Interessen einspannen lassen und damit ihre wissenschaftliche Objektivität gefährden.

Die Christian-Albrechts-Universität in Kiel richtet heute Abend die Auftaktveranstaltung aus. Kurzvorträge führen in die Thematik ein, im Anschluss macht das „Project Lighthouse“, ein LED-Lichtkunstprojekt der Informatikstudenten, das Bekenntnis für die Wissenschaft weithin sichtbar.

Ein einzelner Mega-Event dürfte aber nicht ausreichen, um die Angriffe auf die Wissenschaft abzuwehren. Das wissen auch die Organisatoren. Deshalb wollen sie die globale Bewegung nach dem 22. April in Gang halten. „Das ist erst der Anfang“, verspricht Claus Martin. Und Yogeshwar ergänzt: „Wir brauchen eine Wissenschaft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und Erkenntnis paart mit gesellschaftlichem Dialog. Wissenschaftler sollten sich aktiver zu Wort melden. Die Stimme der Wissenschaft muss in gesellschaftliche Entscheidungen stärker einfließen.“

Die nächste Gelegenheit für die Unabhängigkeit der Wissenschaft zu demonstrieren, bietet der „Peoples Climate March“ am 29. April. Dann werden Zehntausende das Weiße Haus in Washington umzingeln. Protestmärsche gegen die Klimapolitik der Trump-Administration sind in insgeasamt 250 weiteren US-Städten und auch in Europa geplant, etwa in London, Zürich oder Kopenhagen.

Andrea Hösch

Hilfsaktion 19.Apr 2017

Berliner schicken medizinische Hilfe auf Rädern Richtung Mossul

Monatelang hat die Initiative „Cadus“ Spenden gesammelt, medizinische Ausrüstung und Fahrzeuge fit gemacht. Ihr Ziel: Der Einsatz einer mobilen Klinik im syrischen Bürgerkrieg. Jetzt ist das erste Team im Irak eingetroffen​.

Am Ende der langen Reise von Berlin nach Erbil baute der Zoll an der türkisch-irakischen Grenze die letzte Hürde auf. Fast einen Monat dauerten die Kontrollen der Lastwagen, in denen bald im Irak und in Syrien Verletzte operiert werden sollen. Dafür ist der Transport der Fahrzeuge auf Sattelschleppern über die mehr als 4000 Kilometer lange Strecke ohne größere Komplikationen verlaufen.

In Erbil werden die Trucks von den Sattelschleppern geladen, die den Fuhrpark der mobilen Klinik aus Berlin in den Nordirak transportiert haben. Foto: Fee Baumann

Nordsyrien ist weiterhin das Ziel der freiwilligen Helfer um „Cadus“-Initiator Sebastian Jünemann. „Wir fahren dahin, wo es weh tut“, hatte der erfahrene Katastrophenhelfer im Gespräch mit Greenpeace-Magazin-Autor Carsten Jasner angekündigt. Dieser hat für die Reportage „Ein Krankenhaus auf fünf Achsen“ im aktuellen Greenpeace Magazin die Vorbereitungen auf den Einsatz begleitet.

Kooperativ statt hierarchisch, innovativ und flexibel – so stellten sich Jünemann und seine Mitstreiter ihre Hilfsorganisation vor. Vor zwei Jahren ist aus diesen Idealen heraus „Cadus“ erwachsen. Ihr Ziel: Den Verwundeten im syrischen Bürgerkrieg mit einer mobilen Klinik zu helfen. Ein Krankenhaus auf Rädern, das hinter der Front binnen weniger Stunden einsatzfähig ist und so die Lücke schließt zwischen Lazaretten, deren Aufbau Tage braucht, und Sanitätern, die nur über die Ausrüstung verfügen, die sie tragen können.

„Cadus“ zeigt in diesem Video, wie desolat die medizinische Lage im syrischen Rojava ist. Video: „Cadus“

Rund dreißig Mitglieder zählt der Verein inzwischen, einige tausend Euro Spenden hat „Cadus“ eingesammelt. Ehrenamtliche Helfer haben monatelang die beiden Allrad-Trucks und den Anhänger repariert und umgerüstet. Zumeist aus zweiter Hand hat die Initiative medizinisches Gerät, Ausrüstung sowie Zelte erworben.

Jetzt bereitet sich das erste „Cadus“-Team aus Medizinern, Sanitätern und Technikern im kurdisch kontrollierten Nordirak auf seinen nächsten Einsatz vor. Für ein Teil des Teams scheiterte der erste Versuch ins Einsatzgebiet zu kommen bereits in der Türkei. Die Grenzpolizei hielt die Helfer aus Deutschland fest und schickte sie kurzerhand wieder zurück nach Berlin. „Wir waren darauf eingestellt, dass die türkischen Behörden schwer einzuschätzen sind“, sagt Jünemann. „Aber diese Abschiebung war schon krass.“ Offenbar wollte Ankara so die Hilfe für Kurden in Nordsyrien behindern, die im syrischen Bürgerkrieg von der türkischen Armee bekämpft werden.

Bevor es Richtung Nordsyrien geht, ist der erste Einsatz der mobilen Klinik im irakischen Mossul geplant. „Es wäre schräg, an dieser Katastrophe vorbeizufahren“, sagt Jünemann. Denn in der Stadt mit einstmals 2,9 Millionen Einwohnern tobt seit Monaten ein erbitterter Kampf zwischen der Miliz des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) und der irakischen Armee und ihren Verbündeten. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Die Infrastruktur ist in weiten Teilen der Stadt zusammengebrochen – auch weil der IS beim Rückzug aus seiner einstigen Hochburg alle wichtige Einrichtungen zerstört hat.

Die Initiative informiert ihre Unterstützer auf Facebook über die Schwierigkeiten auf der Reise Richtung Mossul. 

So ist auch das Al-Khansa-Krankenhaus ausgebrannt und schwer beschädigt. Als Kinderkrankenhaus war es einst eine wichtige Säule der medizinischen Versorgung der nordirakischen Metropole. Jetzt soll dort mit Hilfe der mobilen „Cadus“-Klinik eine chirurgische Traumaversorgung aufgebaut werden. „Unser Technikteam kann da mit einiger Improvisation schon eine Menge bewirken”, sagt Jünemann. Aber es wird mehr Technik vor Ort gebraucht, als im Klinik-Truck verfügbar ist – etwa ein mobiles Röntgengerät und ein Generator, um die Stromversorgung im ehemaligen Kinderkrankenhaus sicherzustellen.

Also muss „Cadus“ neue Spender finden. Jeder Euro wird direkt vor Ort eingesetzt, es gibt keine Verwaltungskosten, verspricht Jünemann. Und er hofft, dass möglichst schnell die rund 30.000 Euro zusammenkommen, die in Mossul dringend gebraucht werden. Die 600.000 Menschen, die noch in der Stadt ausharren, sind auf diese medizinische Hilfe von Außen angewiesen. „Wir wollen aus den Trümmern etwas entstehen lassen“, sagt der „Cadus“-Gründer. „Und das soll weiter wirken, wenn unsere mobile Klinik zum nächsten Einsatzort zieht.“

Matthias Lambrecht

tv-tipp 18.Apr 2017

„Nervöse Republik“ – ein Blick hinter die Kulissen von Politik und Medien

Ein Jahr lang hat Regisseur Stephan Lamby Politiker und Journalisten begleitet. Er war bei Parteitagen und Demonstrationen, bei Presseterminen und Krisensitzungen. Herausgekommen ist das Porträt einer Gesellschaft: verunsichert, hektisch, hysterisch.

Will ein Regisseur brutale Szenen besonders dramatisch aussehen lassen, so kann er ein beliebtes Mittel einsetzen: Klassischer Gesang aus dem Off. Während auf der Leinwand das Blut nur so spritzt, trällert im Hintergrund eine Opernsängerin vor sich hin. Eine krasse Schere aus Bild und Ton – mindestens irritierend, fast schon verstörend. Zwar fließt in Stephan Lambys Film „Nervöse Republik“ kein Blut, doch auch hier greift der Effekt: Lamby zeigt den wütenden Mob einer Zwickauer Demonstration, während im Hintergrund prunkvollem Gesang läuft. Er lässt Journalisten und Politiker allerlei Hasskommentare vorlesen. Und zeigt sie, wie sie von einem Termin zum nächsten eilen – im Auto, den Gang entlang, im Aufzug.

Am Mittwoch, den 19. April, wird „Nervöse Republik“ um 22.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Regisseur Stephan Lamby hat für den Film ein Jahr lang Spitzenpolitiker begleitet. Darunter Verteidigungsminister Thomas de Maizère (CDU) und Justizminister Heiko Maas (SPD), CDU-Generalsekretär Peter Tauber, SPD-Generalsekretärin Katarina Barley, Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht und AfD-Chefin Frauke Petry. Außerdem hat Lamby die Redaktionen von Bild.de und Spiegel Online besucht.

Lambys Film trägt den Untertitel „Ein Jahr Deutschland“. Und so gestaltet sich der Film auch wie ein rasanter Rückblick auf 2016. In Höchstgeschwindigkeit springt Lamby durch das Jahr: Tortenwurf auf Sahra Wagenknecht, Brexit-Referendum, Amoklauf in München, Donald Trumps Wahlsieg, Erfolge der AfD, Terroranschlag in Berlin und schließlich, Anfang 2017, die Nominierung von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidat. In 90 Minuten imitiert Lamby das irre Tempo, das in politischem Alltag und Nachrichtenredaktionen den Takt vorgibt. Eilmeldungen und Schlagzeilen ziehen vorüber, Politiker beziehen Stellung, springen ins Auto und rasen zum nächsten Termin. Eine „nervöse Republik“ in Aktion.

„Man hätte es auch hysterisch nennen können“, sagte Dokumentarfilmer Lamby bei der Vorstellung seines Films Ende März in Berlin. „Aber nervös, darin steckt das Wort ‚Verunsicherung’.“ Damit meint er insbesondere die Verunsicherung von Politik und Medien. Zweier Branchen, die sich – konfrontiert mit dem Anwachsen von Pegida und AfD – irritiert die Augen reiben und fragen: Haben wir uns zu weit von dieser Bevölkerungsgruppe entfernt?

Besonders deutlich wird das an den Aufnahmen von einer Kundgebung in Zwickau zum 1. Mai 2016. Justizminister Heiko Maas ist gekommen, um eine Rede zu halten. Doch die Demonstranten feinden ihn an. Sie pfeifen, schreien aus vollem Halse „Hau ab“ und „Volksverräter“. Sie halten Schilder in die Höhe: „Hier steht das ‚Pack’“ und „Meinungsfreiheit“ ist darauf zu lesen. Maas, der inmitten des Lärms kaum zu verstehen ist, ruft ins Mikrofon: „Wisst ihr eigentlich, wie lächerlich es ist, hier die Meinungsfreiheit hochzuhalten und nichts anderes zu tun als anderen zu verbieten, die Meinung zu sagen?“

Die Menge johlt, als Maas davonfährt

Wenige Minuten später läuft Maas zügig zu seinem Dienstwagen, steigt ein und rauscht davon. Die Zwickauer Menge johlt. Auch auf dem AfD-Parteitag, der zeitgleich in Stuttgart stattfindet, wird die Begegnung angesprochen. „In Zwickau ist heute der Herr Maas von der Ersten-Mai-Demo davongejagt worden“, verkündet der sächsische AfD-Politiker Uwe Wurlitzer. „Er ist mit seinem Auto geflohen, das fand ich richtig gut.“ Der AfD-Parteitag reagiert ähnlich wie die Demonstranten in Zwickau: mit frenetischem Applaus und Standing Ovations.

Heiko Maas verlässt die Kundgebung in Zwickau: „Es geht nur noch darum, wer man ist.“ Foto: NDR/ECO Media/Steffen Bohnert

„Der Hass in den Augen, den ich da gesehen habe – den habe ich so auch vorher noch nirgendwo gesehen“, sagt Maas später in einem Interview mit Lamby über seinen Auftritt in Zwickau. „Man wird wahrgenommen als jemand, der bekämpft werden muss. Es geht also nicht mehr um das, was man sagt, sondern nur noch darum, wer man ist.“ Viele Bürger, so zeigt der Film, haben das Vertrauen in das sogenannte „Establishment“, die „Elite“, verloren. Dazu zählen alle etablierten Parteien, aber auch die Medien.

Auf einer Pegida-Demonstration in Dresden wird Lambys Kamerateam wüst beschimpft. „Lügenpresse“ ist mitunter noch die frommste Beleidigung. Lamby fragt zwei junge Männer, welche Informationsquelle für sie die beste sei. Die Facebook-Seite von Pegida, antworten die beiden prompt.

„Wenn so viele Menschen uns lesen, dann vermutlich, weil wir so geistreich sind.“

Doch „Nervöse Republik“ ist keineswegs eine Schuldzuweisung, die ausschließlich Ungebildete, Abgehängte und Populisten verantwortlich macht. Die Dokumentation fragt vielmehr nach den Beweggründen für die heutige Situation. Dabei treten viele von Lambys Gesprächspartnern selbstkritisch auf. So sagt beispielsweise Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen: „Wir haben als Medien über Jahrzehnte hinweg unsere enormen Reichweiten als enorme Zustimmung interpretiert. Wir haben uns als relativ eitle Branche selber gesagt: ‚Naja, wenn so viele Menschen uns lesen, uns zuhören, im Fernsehen sehen, dann liegt das vermutlich daran, dass wir so geistreich, klug, analytisch und scharfsinnig sind.’“

Dabei sei ignoriert worden, dass es lange ja kaum Alternativen zu klassischen Medien gegeben habe – eine Situation, die sich mit dem Aufkommen von Social Media änderte. Reichelt sagt: „Viele Menschen haben nun auf einmal das Gefühl, Social Media geben ihnen jetzt Zugriff auf die Wahrheit, die wir (die Medien) ihnen jahrzehntelang vorenthalten haben könnten. Und das hat tatsächlich eine neue Parallelgesellschaft in der digitalen Welt geschaffen.“

„Nervöse Republik – ein Jahr Deutschland“ ist eine Dokumentation, die einen spannenden Einblick gibt, unter welchem Druck Politik und Medien stehen. Obwohl der Film beide Berufe stets als Gegenspieler begreift, blitzt doch immer wieder durch, wie sehr sich ihr Alltag ähnelt. Sie eilen durch helle gläserne Gebäude, sitzen an großen Konferenztischen. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley lässt sich über die aktuellen Umfrageergebnisse informieren. Bild.de-Chef Julian Reichelt checkt auf seinem Computer, welche Artikel am meisten Klicks bekommen. Sahra Wagenknecht erzählt, dass sie auf Facebook in einer Woche ungefähr eine Million Menschen erreicht, „das ist eine mittlere Zeitung“. Sie alle ringen um Aufmerksamkeit. Und sie alle erleben mit dem Erstarken der AfD einen Umbruch, der sie nervös macht.

Julia Huber

Der Film „Nervöse Republik – Ein Jahr Deutschland“ von Regisseur Stephan Lamby wird am 19. April um 22.45 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Am 20. April und am 25. April wird der Film im Ersten, dem NDR und dem RBB wiederholt.

Ostermärsche 13.Apr 2017

Warum gehen nur noch wenige für den Frieden auf die Straße?

Giftgasangriff in Syrien, drohende Aufrüstung und ein unberechenbarer US-Präsident wären Anlass genug, die Zahl der Teilnehmer an den alljährlichen Ostermärschen nach oben zu treiben. Einen größeren Zulauf erlebt die Friedensbewegung trotz der bedrohlichen Weltlage aber nicht. Dennoch hat sie in Deutschland einen starken Rückhalt.​

Es gibt derzeit viele Gründe, sich Gedanken über den Zustand der Welt, über Krieg und Frieden zu machen: Die Giftgasattacke auf Chan Scheichun in Syrien und der folgende Militärschlag der USA, Donald Trumps Drohungen an Nordkorea und der Plan der Bundesregierung, den Verteidigungsetat zu erhöhen. Es wächst die Gefahr, dass es zu einem neuen Aufrüstungswettlauf der Supermächte kommt. Und es bleibt die seit sechs Jahrzehnten unerfüllte und damit immer noch aktuelle Forderung, endlich alle Atomwaffen abzuschaffen.

Eine traditionelle Möglichkeit, sich zu engagieren bieten die Ostermärsche der Friedensbewegung. Von Karfreitag bis Ostermontag sind bundesweit etwa neunzig Veranstaltungen angemeldet: Demonstrationen, Mahnwachen, Friedensgebete, Fahrradtouren. Mehrere zehntausend Menschen werden auf die Straße gehen, um für friedliche Lösungen in den Kriegsgebieten zu demonstrieren.

Die täglichen Bilder von Krieg, Flucht und Leid aus den aktuellen Krisenherden hätten in diesem Jahr mehr Menschen einen Anstoß geben können, sich an den Demonstrationen zu beteiligen. Es sind aber nur vereinzelt neue Ostermärsche hinzugekommen, sagt Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative, derzeit gebe es keine Anzeichen, dass sich die Teilnehmerzahl signifikant erhöhe. Trotz der drängenden aktuellen Fragen sei unklar, wie viele Menschen diesmal an den Ostermärschen teilnehmen, sagt Golla. „Ostern ist klassische Ferienzeit auch für die Friedensbewegung. Und wenn das Wetter schlecht ist, demonstriert es sich auch nicht so gut. Wir rechnen mit einer ähnlichen Anzahl von Teilnehmende wie letztes Jahr.“ Während die Welt nicht unbedingt friedlicher geworden ist, hat die Friedensbewegung in Deutschland etwas Schwung eingebüßt. Ist der Pazifismus aus der Mode gekommen?

Willi van Ooyen, der sich seit über fünfzig Jahren in der Friedensbewegung engagiert und die Friedens- und Zukunftswerkstatt in Frankfurt leitet, erklärte kürzlich in der „taz“, dass es der Friedensbewegung immerhin gelungen sei, in Deutschland ein überwiegend pazifistisches Bewusstsein zu schaffen. Anderswo in Europa sei das nicht der Fall. Doch dieses Bewusstsein habe nicht unbedingt eine massenhafte Teilnahme an Friedensdemonstrationen zur Folge. „Die Mobilisierungsfähigkeit hängt davon ab, ob die Menschen glauben, dass ihr Protest etwas bewirken kann“, so van Ooyen

Die letzten großen Friedensdemonstrationen von 2003, als Hunderttausende gegen die Beteiligung der Bundeswehr am Irakkrieg auf die Straße gingen, haben gezeigt, dass die Friedensbewegung sich durchaus Gehör verschaffen kann. Eine derartige Zuspitzung sei in Syrien allerdings noch lange nicht erreicht, sagt Kristian Golla. „Der Konflikt ist sehr komplex. Da führen mindestens sechs Parteien einen Stellvertreterkrieg, das zu durchschauen ist schwierig.“ Klar sei aber, dass Veränderungen nötig sind. „Wir brauchen Lösungen, die sich an der Zivilbevölkerung orientieren.“ Das sehen auch andere Friedensaktivisten so. Die Kampagne "Macht Frieden" fordert die Bundesregierung auf, in Syrien auf die Akzeptanz der Genfer Konventionen zu pochen.

Die Friedensbewegung und der Pazifismus sind also nicht aus der Mode, ihre Kritik ist allerdings eher beständig als aktuell und eher grundsätzlich als punktuell. „Die allermeisten Ostermärsche werden die Brisanz der aktuellen Entwicklungen aufgreifen und deutlich machen“, sagt Golla. Entscheidend sei nicht die Teilnehmerzahl bei einzelnen Aktionen, sondern die Qualität der Veranstaltungen. Insgesamt richten sich die Proteste in diesem Jahr vor allem gegen die Erhöhung der Militärausgaben, gegen Einsätze der Bundeswehr, Rüstungsexporte und natürlich gegen Atomwaffen. „Es ist Quatsch noch mehr Geld für Rüstung und Militär auszugeben, das dann für wichtigere Dinge fehlt“, sagt der Vertreter des Netzwerk Friedenskooperative. „Der Einsatz des Militärs ist immer verbunden mit dem Versagen von Politik.“ Und die Bedrohung durch Atomwaffen sei in Zeiten eines unberechenbaren US-Präsidenten sehr präsent. „Auch in Deutschland sind Atomwaffen stationiert“, sagt Golla, der durchaus eine Eskalationsgefahr sieht: „Es glaubt zwar noch niemand, dass es passieren kann – besser wäre es jedoch, wenn die Möglichkeit gar nicht erst bestünde.“ 

Das ist auch die Meinung der großen Mehrheit der Deutschen. Eine Studie der Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs“ (IPPNW) aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass 85 Prozent der Bundesbürger den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland wünschen. Fast alle Befragten, 93 Prozent, forderten zudem ein völkerrechtliches Verbot. Der Ostermarsch in Büchel (Eifel), wo amerikanische Atomwaffen lagern, beginnt am Ostermontag um 14 Uhr.

Bastian Henrichs

Taschentuch-Werbung 11.Apr 2017

Tempo: „Und jedes Mal heult die Motorsäge auf“

Weil frischer Zellstoff in Wegwerfprodukten nichts verloren hat, rät das Umweltbundesamt zu Papiertaschentüchern aus Altpapier. Den Marktführer schert das nicht. Das Greenpeace Magazin veröffentlicht deshalb eine alternative „Tempo“-Reklame.

„Du bekommst 300 Mal im Leben Schnupfen“, heißt es in einer aktuellen Werbeanzeige der Taschentuchmarke Tempo. Und weiter: „Verwöhn deine Nase auf natürliche Weise.“ Koalabärchen kuscheln sich an die Plastikpackung, weil das Produkt mit Eukalyptusöl angereichert ist. So weit, so niedlich.

Doch wer sich schneuzt – was ja an sich nicht ehrenrührig ist – sollte auch an die Folgen denken: Die meisten Papiertaschentücher werden noch immer aus frischem Zellstoff hergestellt. Aus Bäumen also, frisch abgesägt! Deshalb folgt hier unsere Version der Tempo-Anzeige:

„Keine Anzeige“ von Tempo aus dem Greenpeace Magazin 3.17

Die Nachfrage nach Hygienepapier – dazu zählen auch Toilettenpapier, Küchenrollen und Servietten – ist in Deutschland binnen zehn Jahren von einer Million auf 1,5 Millionen Tonnen gestiegen. „Wir spülen damit unsere Wälder ins Klo“, warnt das Umweltbundesamt, eine sonst eher nüchterne Behörde. „Denn Hygienepapiere werden in der Regel nur einmal verwendet und gehen anschließend dem Papierkreislauf über die Kanalisation oder die Entsorgung verloren.“ Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche 19 Kilogramm pro Jahr. Man könnte damit eine Villa auslegen.

Die gute Nachricht für Verschnupfte: Es gibt umweltfreundliche Alternativen. Hygienepapiere sollten „ausschließlich aus bereits mehrfach recyclierten Sekundärfasern mittlerer und unterer Altpapierqualitäten bestehen“, so das UBA. Das trage entscheidend dazu bei, den Druck auf die Ressource Holz zu verringern. Die Stiftung Warentest erklärt: „Vorbehalte von Verbrauchern sind unbe­gründet: Recyceltes Papier ist nicht unhygie­nisch. Bei der Verarbeitung sterben alle Keime durch hohe Temperaturen ab. Auch die Qualität muss nicht leiden.“ Und in der Zeitschrift „Öko-Test“ erhielten 2015 von zwanzig getesteten Papiertaschentüchern nur die fünf aus Altpapier hergestellten die Note „gut“ – die Verwendung von frischem Zellstoff führte bei allen anderen zu einem drastischem Punktabzug.

Die Siegel, die sich auf den Packungen von Hygienepapieren aus Frischfasern finden, seien „aus Umweltsicht weniger hilfreich“

Tempo-Taschentücher haben gewiss auch Vorteile. Sie sind weich und „durchschnupfsicher“, nun ja, das sind andere eigentlich auch. Und sie lösen sich im Gegensatz zu Konkurrenzprodukten nicht auf, falls sie mal versehentlich mitgewaschen werden – keine Fussel, ein Pluspunkt für Schussel. Aber muss man deshalb gleich Bäume abhacken und Ressourcen verschwenden?

Durch die Verwendung von Altpapier würden pro Kilogramm Papier 2,4 Kilo Holz eingespart, erklärt das UBA, und darüber hinaus rund die Hälfte der Energie und zwei Drittel des Wassers. Leicht erkennbar sind die umweltfreundlichen Produkte aus Recyclingrohstoffen am Nachhaltigkeitszeichen „Der blaue Engel“.

Die Siegel, die sich auf den Packungen von Hygienepapieren aus Frischfasern finden, seien dagegen „aus Umweltsicht weniger hilfreich“. So stünden das FSC- und das – weniger strenge – PEFC-Zertifikat zwar für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung, sie sagten aber nichts über den Energie- und Wasserverbrauch oder den Einsatz von Chemikalien bei der Produktion aus. Angaben wie „chlorfrei gebleicht“ wiederum brächten keine Klarheit über die Art der Forstwirtschaft. Bei Tempo übrigens kommt kein elementares Chlor mehr zum Einsatz, das besonders umweltschädlich ist, allerdings noch Chlorverbindungen (ECF), auf die einige Wettbewerber ebenfalls verzichten.

Jede unnötige Nutzung wertvoller Holzressourcen erhöht den Druck auf Südamerikas Wälder

Der schwedische Papier- und Holzkonzern SCA, der die berühmte Marke vor zehn Jahren übernahm, teilt auf Anfrage mit, er verwende ausschließlich Rohstoffe mit FSC- oder PEFC-Zertifikat. Für die in Deutschland produzierten Tempo-Taschentücher werde Zellstoff aus dem Inland, aus den Niederlanden, Polen, Dänemark, Großbritannien, Norwegen, Schweden und Brasilien eingesetzt. Über die Anteile der jeweiligen Länder werden allerdings keine Angaben gemacht. Das UBA berichtet, immer mehr Fasern für den deutschen Hygienepapiermarkt stammten aus Brasilien. Dort wurden in der Vergangenheit riesige Urwaldflächen in monotone, artenarme Eukalyptusplantagen umgewandelt – unter maßgeblicher Beteiligung der Papier- und Zellstoffindustrie. Auch wenn das FSC-Siegel weitere Abholzungen ausschließt und SCA darauf verweist, dass ein Teil seiner Flächen unter Schutz stehe: Jede unnötige Nutzung wertvoller Holzressourcen erhöht den Druck auf Südamerikas Wälder.

Mit teuren Anzeigen und immer neuen Produktvarianten arbeitet die berühmte Marke daran, ihren Image weiter zu veredeln und den hohen Marktanteil zu verteidigen. Und dafür ist Tempo jeder Quatsch recht: „Das beste Tempo aller Zeiten“ mit „antibakteriellem und antiviralem Wirkstoff im Inneren des Tuches“, verheißt eine Werbung. Die Botschaft ist: Tu dir was Gutes, „auf natürliche Weise“ – und vergiss die Umwelt. Offenbar hat die Strategie Erfolg: Der Anteil von Altpapier in der Produktion von Hygienepapier ist zwischen 2002 und 2012 von 75 auf 50 Prozent gesunken.

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe mit dem Tempo-Motiv können Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Bahnhofskiosk und für 29,50 Euro im Abo erhalten. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und dem Smartphone lesen. Dort stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Fotografie 07.Apr 2017

Schön und schrecklich zugleich – diese Bilder zeigen, warum wir das Wasser besser schützen müssen

Kann Umweltzerstörung ästhetisch sein? Der Fotograf Edward Burtynsky verbindet in seinen Bildern von zerstörten Landschaften auf wundersame Weise Poesie und Aufklärung. Bis Ende August ist die Ausstellung „Wasser“ in Wien zu sehen.

Er ist einer der bildmächtigsten Chronisten der zeitgenössischen Fotografie. Seine Strategie ist Überwältigung. Edward Burtynsky ist neben Sebastião Salgado der Spezialist, um die großen, globalen Themen in Bildern einzufangen. In seinen großformatigen Ansichten zeigt er die von Menschenhand veränderten Landschaften und fürht den Betrachtern vor Augen, welche Konsequenzen ihr Umgang mit den Ressourcen auf ihren Lebensraum hat.

Endlich Klimawandel verstehen: Die digitale Klima-Uni für alle

Wasser als Lebensadern des Planeten: So zeigt Burtynsky etwa das Colorado River Delta in Mexiko. Foto: Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Immer wieder begegnen uns die Arbeiten des Fotografen, der sich nach seinem eigenen Verständnis seit über 30 Jahren in den „Dienst der Kultur der Nachhaltigkeit“ stellt. Häufig werden diese in Magazinen publiziert, erscheinen als Bildbände oder werden in großen Ausstellungen gezeigt. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, im „Kunst Haus Wien“ seine bisher größte Werkserie zu begutachten, die den lakonischen Titel „Wasser“ trägt.

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Brutale Eingriffe in die Natur: Burtynsky lässt den gewaltigen Xiaolangdi Damm in der chinesischen Provinz Henan auf die Betrachter wirken. Foto: Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Die weltweite Erdölförderung, die Abgründe des Bergbaus, brutale Naturumgestaltung wie die Errichtung des Drei-Schluchten-Damms – schon in früheren Arbeiten beschäftigte sich der Kanadier mit großangelegten Eingriffen in die Landschaft. Zuletzt hat er in einen Zeitraum von fünf Jahren an seinem epischen Bilderbogen über Wasser gearbeitet. Dafür bereiste er alle Kontinente, um Herkunft, Nutzung und Verteilung des Wassers aufzuzeigen. Die Verschwendung der lebenswichtigen Ressource thematisiert er in seinen Bildern ebenso wie durch Mangel verursachte ökologische Extremsituationen.

Burtynsky macht abgelegene Quellen, halbleere Seen, gigantische Staudämme und vom Austrocknen bedrohte Landschaften zu seinen bildlichen Sujets. Dort, wo Wasserquellen kontrolliert und Flussläufe umgeleitet werden, gibt es Gewinner und Verlierer. Mit steigender Bevölkerungszahl und zunehmenden Extremwettersituationen in Folge des Klimawandels wird Wasser zukünftig ein immer kostbareres Gut – der Fotograf dringt mit seinen Bilder tief in die Konflikte rund um die Ressource Wasser vor und nimmt die Betrachter seiner Bilder mit sich.

Endlich Klimawandel verstehen: Die digitale Klima-Uni für alle

Wie aus einem Gemälde der Romatik: Den Olfusá Fluss fotografierte Burtynsky 2012 auf Island. Foto: Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Oft genug wähnt man als Besucher der Ausstellung sich in dem Gefühl, vor großen Gemälden zu stehen. Die Erhabenheit von Caspar David Friedrichs Ansichten oder William Turners Licht – all das scheint sich in Burtynskys Fotos wiederzufinden.

Oft sind seine Aufnahmen auch von einer großen Abstraktion geprägt. Die Rätselhaftigkeit uneindeutiger Szenen verleiht den Bildern ihren besonderen Reiz, dann, wenn etwa Flüsse wie der Colorado oder der Sacramento River aus großer Höhe gezeigt werden, deren austrocknenden Mündungen Spuren in der Landschaft zurücklassen, die sich für den Betrachter als faszinierendes Zusammenspiel aus Farben, Linien und Formen präsentieren.

Doch so schnell, wie die Überwältigung entsteht, verkehrt sich diese in Bestürzung, wenn man der Bedeutung der dargestellten Situation gewahr wird: Eben hat man noch das Schillern des Uferstreifens bewundert, nun sieht man dass das Wasser ölverseucht ist. In einem Moment leuchtet das Wasser auf einem Bild verführerische rot, im nächsten erkennt man darin die sichtbare Folge des Nickelabbaus.

Endlich Klimawandel verstehen: Die digitale Klima-Uni für alle

Diese surreal anmutendene Flusslandschaft nahm der Fotograf im spanischen Càdiz auf. Foto:  Edward Burtynsky, courtesy Admira, Milan / Galerie Springer Berlin / Metivier Gallery, Toronto

Burtynsky will das Schreckliche nicht schrecklich aussehen lassen. Einige Kritiker werfen ihm deshalb einen übertriebenen Ästhetizismus vor. Aber sein Selbstverständnis ist eben anders als das eines reinen Dokumentarfotografen. Seine Aufnahmen bedienen beides: sie sind poetisch und sie dienen der Aufklärung. „Durch die Kunst kann der Mensch für die Folgen seines Handelns sensibilisiert werden, (...) weil wir durch die Kunst unser Bewusstsein erhöhen und unsere Geschichten entwickeln“, sagt er.

Bis zum 27. August 2017 kann man sich im Kunst Haus Wien vom Sog der Bilder Burtynsky selbst überzeugen.

Peter Lindhorst

Atomkraft 07.Apr 2017

Das Aus für das AKW Fessenheim verzögert sich weiter

Längst ist die Schließung des ältesten, französischen Atomkraftwerks beschlossen. Doch der Stromkonzern EDF verschiebt den Abschalt-Antrag – zum Ärger der Bundesregierung.

Die französische Regierung kann die Abschaltung des Atomkraftwerks Fessenheim vor der Präsidentschaftswahl nicht mehr in trockene Tücher bringen. Der Antrag zum Entzug der Betriebserlaubnis für die Meiler im Elsass – direkt an der deutschen Grenze – soll voraussichtlich frühestens im kommenden Jahr gestellt werden, entschied der Stromkonzerns EDF laut einer Mitteilung am Donnerstag.

Damit kann die Regierung vorerst nicht wie geplant per Dekret die Stilllegung der zwei Reaktoren einleiten. Die Abschaltung von Fessenheim war ein Wahlkampfversprechen von Präsident François Hollande, der im Mai aus dem Amt scheidet.

Deutschland fordert wegen Sicherheitsbedenken schon länger die Schließung des Kraftwerks und bezeichnete die Entscheidung des EDF-Verwaltungsrats als „große Enttäuschung“. „Damit wurde eine wichtige Chance vertan“, teilte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter mit. „Die Hängepartie geht also weiter.“ Die Pariser Umweltministerin Ségolène Royal betonte aber, dass mit dem Beschluss festgehalten werde, dass die Schließung „unumkehrbar und unvermeidbar“ sei.

Fessenheim ist das älteste noch laufende französische Atomkraftwerk. Die Pariser Regierung und EDF hatten sich im Januar auf eine Entschädigung von rund 490 Millionen Euro für die Kosten der Schließung geeinigt. Demnach soll Fessenheim stillgelegt werden, sobald ein neuer Reaktor in Flamanville am Ärmelkanal ans Netz geht. Der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) soll nach langen Verzögerungen nun Ende 2018 fertig sein, als möglicher Termin für die Abschaltung wird daher 2019 genannt.

Die Pariser Regierung wollte diesen Ablauf noch vor der Wahl in ein Dekret gießen. Dem verweigerte sich das Unternehmen nun: Der Verwaltungsrat wies Konzernchef Jean-Bernard Lévy zwar an, den Antrag zu stellen. Das soll aber frühestens sechs Monate vor der Inbetriebnahme des neuen Reaktors geschehen.

Zudem gibt es zwei Bedingungen: Zunächst soll klargestellt werden, dass die Betriebserlaubnis für Fessenheim erst bei Inbetriebnahme des EPR entzogen wird. Das ist ein Unsicherheitsfaktor, da die Atomaufsicht derzeit noch Materialprobleme am Reaktorbehälter prüft. Zweitens solle Fessenheim nur dann geschlossen werden, wenn dies möglich ist, um die gesetzliche Obergrenze für Atomstrom einzuhalten. Das französische Energiewendegesetz begrenzt den Atompark des Landes auf eine Leistung von 63,2 Gigawatt.

Die geplante Schließung stößt in Frankreich schon lange auf heftigen Widerstand der Gewerkschaften. Zwar gehört EDF mehrheitlich dem Staat, laut französischen Medien enthielten sich dessen Vertreter im Verwaltungsrat bei der Fessenheim-Entscheidung aber wegen eines Interessenkonfliktes.

Im laufenden Präsidentschaftswahlkampf liegen die Haltungen der Kandidaten zu Fessenheim weit auseinander. Während der als Favorit gehandelte Sozialliberale Emmanuel Macron ebenfalls für die Schließung ist, sind die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Konservative François Fillon dagegen.

dpa

Mehr zu den Positionen der französischen Präsidentschaftsbewerber zur Atomkraft finden Sie hier: „Zwei Kanidaten planen den Atomausstieg“

naturschutz 05.Apr 2017

Streit um zu viele Wildschweine: Ist nun jedes Mittel recht?

Der Klimawandel und ein verbessertes Nahrungsangebot in der Landwirtschaft führen zu einer sprunghaften Vermehrung des Schwarzwilds. Jäger versuchen mit teils umstrittenen Methoden, die Population zu begrenzen – und heizen deren Wachstum selber an.

Sie haben großen Hunger, sind mobil, anpassungsfähig und schlau. Und sie sind inzwischen fast überall: Ob in Sachsen, Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen, ob am Stadtrand von Hamburg oder in den Parks von Berlin – eine stark angewachsene Wildschweinpopulation macht Landwirten und Hausbesitzern zu schaffen, weil die Tiere auf der Suche nach Futter Äcker, Wiesen und Gärten durchwühlen. Doch auch Umweltschützer sind in Sorge, weil sie um das ökologische Gleichgewicht im Wald fürchten.

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Auf der Suche nach Wurzeln, Würmern und Maden durchwühlen Wildschweine das Erdreich – und können dabei in Feldern oder Gärten Schaden anrichten. Foto: Fritz Pölking/OKAPIA

In einigen Regionen ist die Zahl der Tiere in den vergangenen Jahren förmlich explodiert, denn die Lebensbedingungen für das Schwarzwild sind immer besser geworden. Dazu trägt nicht zuletzt die Landwirtschaft selbst bei, die den Maisanbau zur Biogasproduktion beinahe verdreifacht hat. In den oft ausgedehnten Äckern können die Schweine tagelang unbemerkt schlemmen. Aber auch im Wald ist der Tisch immer reicher gedeckt – dank des Klimawandels produzieren Kastanien, Eichen oder Buchen mehr Früchte. So gibt es kaum mehr Gebiete, in die die intelligenten Allesfresser nicht vorgedrungen sind. Selbst im Alpenvorland, wo es mangels Nahrung seit Jahrhunderten keine Wildschweine gab, fühlen sie sich inzwischen heimisch.

Die Zahl der Abschüsse ist deutlich angestiegen

Da natürliche Feinde – trotz der Rückkehr der Wölfe – die großen Wildschwein-Populationen nicht in Schach halten können, sind die Jäger gefordert, die Vermehrung des Schwarzwildes zu begrenzen, da sind sich fast alle einig. Die Zahl der Abschüsse ist in den vergangenen Jahren in allen betroffenen Regionen deutlich angestiegen. In Schleswig-Holstein zum Beispiel wurden im Jagdjahr 2015/2016 bereits 12.556 Tiere geschossen – im Jahr 2005 waren es noch 8206 und 1980 gerade mal 1569. Dabei fallen vielerorts sogar die Tabus: Die Schonzeiten sind aufgehoben, Jungtiere, Alttiere und Leitbachen dürfen das ganze Jahr geschossen werden. Im Dunkeln werden Scheinwerfer oder Nachtsichtgeräte eingesetzt, um die Tiere auszumachen.

Der Landrat des brandenburgischen Oder-Spree-Kreises hat sogar eine „Erlegungsprämie“ von zwanzig Euro pro Tier ausgelobt, um die Jäger zu zusätzlichen Abschüssen zu motivieren. Dort fürchtet man nicht nur die weitere Zerstörung der Oderdeiche, die von den Wildschweinen auf der Suche nach Wurzeln, Würmern oder Maden immer wieder aufgewühlt werden. Mit der Begrenzung der Population soll auch verhindert werden, dass sich die in Teilen Osteuropas grassierende Afrikanische Schweinepest ausbreitet und auf Hausschweinbestände übergreift.

Auch im mecklenburgischen Landkreis Vorpommern-Greifswald fürchten die Verantwortlichen die Ausbreitung der Seuche. Selbst die Rekordabschusszahlen der vergangenen Jahre – 10.170 Tiere töteten die Jäger hier in der Saison 2015/2016 – erscheinen ihnen nicht mehr ausreichend. Deshalb greift man dort nun zu ungewöhnlichen Maßnahmen: So werden Kastenfallen aufgestellt, sogenannte Saufallen, in denen Gruppen von Wildschweinen gefangen und dann einzeln entnommen und außerhalb der Hörweite der anderen Tiere getötet werden. Vor allem auf Jungtiere bis zu einem Alter von 15 Monaten haben es die Jäger dabei abgesehen, da die krankheitsanfälligeren Frischlinge die Schweinepest häufiger übertragen.

Tierschützer kritisieren Jagdmethoden

Bei Tierschützern stößt diese Art der Jagd auf scharfe Kritik: Tierschutzwidrige Jagd- und Tötungsmethoden müssten der Vergangenheit angehören, fordert der Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes, Marius Tünte: „Dazu zählen beim Schwarzwild unter anderem der Saufang, aber auch Hetzjagden.“ Die Jagd müsse, wenn überhaupt, tierschutzgerecht erfolgen und bedürfe zudem laut Tierschutzgesetz eines vernünftigen Grundes. Die Schonzeiten müssten eingehalten werden: Im Spätwinter, wenn das Wild Ruhe benötigt, dürfe die Jagd nicht gestattet sein.

Für den Tierschutzbund ist die Populationsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte ein Beleg dafür, dass die Jagd den Wildschweinbestand nicht regulieren kann. „Wenn überhaupt weiterhin gejagt werden soll, müssten überregionale Konzepte erarbeitet werden, an die sich die Jagdausübungsberechtigten zu halten haben“, sagt Tünte.

Naturschützer fordern Absprachen über Reviergrenzen hinweg

Eine bessere revierübergreifende Kommunikation unter den Jägern ist nach Einschätzung von Markus Bathen, dem Jagdexperten des Naturschutzbund Deutschland (Nabu), die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Wildschweinjagd, die den Anforderungen des Tier- und Naturschutzes gerecht wird. „Eine Rotte Wildschweine kann sich über Reviergrenzen hinweg bewegen“, sagt Bathen. Deshalb müssten die Jäger sich regelmäßig austauschen – auch um zu vermeiden, dass die falschen Tiere geschossen werden. Denn die Rotten werden von weiblichen Schweinen, den Leitbachen, angeführt. Werden diese Tiere getötet, kann das zu einer Aufteilung der Rotte führen und das Fortplanzungsverhalten verändern, da sich infolge der fehlenden Orientierung an der Leitbache die Jungtiere früher vermehren.

Der Nabu macht sich zudem für das Prinzip der Intervalljagd stark – mit organisierten Treibjagden während zweier Wochen im Herbst, durchgeführt von gut ausgebildeten Jägern mit Hunden, die für die Wildschweinjagd trainiert wurden. Damit könne der Stress für die Tiere vermindert werden, der auch Ursache für vermehrte Schäden in Wald und Flur sei. „Wenn Wildschweine das ganze Jahr geschossen werden, sorgt das bei den Tieren für ständige Störung“, erklärt Bathen. „Die Tiere laufen dann längere Strecken, haben dadurch mehr Energieverbrauch, einen höherer Futterbedarf – und richten bei der Futtersuche größeren Schaden an.“

Fütterung durch Jäger heizt Vermehrung der Wildschweine noch an

Der Ökologische Jagdverband (ÖJV) sieht Defizite bei der Ausbildung der Jäger. „Wir fordern seit Jahren, dass es regelmäßige Schießleistungsnachweise geben muss“, sagt dessen Bundesvorsitzende Elisabeth Emmert. Bislang seien die nur zum zum Erwerb des Jagdscheins vorgeschrieben. Vor allem aber müssten die Jäger damit aufhören, Wildschweine im Winter mit Mais anzufüttern. „Deshalb sind die Probleme auch hausgemacht“, sagt Emmert. „Mit der sogenannten Kirrung versuchen viele Jäger die Tiere herauszulocken – heizen damit aber die Vermehrung der Schwarzwildbestände noch weiter an.“

Matthias Lambrecht

protest 03.Apr 2017

Wohin die Bewegung „Pulse of Europe“ steuern könnte

Ein positives Gefühl, kurzweilige Reden und generell gehaltene Forderungen – das ist das Erfolgsrezept von neuen Bewegungen wie „Pulse of Europe“. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss aber mehr kommen, sagen Protestforscher. Ein Beispiel aus der Schweiz könnte als Vorbild dienen.

Der Rathausmarkt in Hamburg färbt sich langsam blau. Überdeckt wird der Platz an diesem Sonntagnachmittag von einem Teppich aus Europaflaggen. Die meisten der 1000 Demonstranten tragen sie – an einer Holzstange, als Fähnchen oder als Luftballon in der Hand. Ein ähnliches Bild zeigt sich seit einigen Wochen immer sonntags in vielen Städten Europas. 

40.000 Unterstützer, 68 Städte aus elf europäischen Ländern: Pulse of Europe schafft es, viele Menschen auf die Straßen zu bringen und eine seltene Euphorie für Europa zu erwecken. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte die Bewegung als vorbildliches Beispiel für gesellschaftliches Engagement. Die Frage ist, wie lange die Begeisterung noch anhalten kann. Ähnlich dezentral organisierte Initiativen wie „Occupy“ in den USA oder „Nuit Debout“ in Frankreich sind nach einigen Monaten wieder in sich zusammengefallen. Woran liegt das – und was kann Pulse of Europe von erfolgreichen Bewegungen wie „Operation Libero“ aus der Schweiz lernen?

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Am Sonntag waren mehr als 1000 Teilnehmer auf dem Platz vor dem Rathaus in Hamburg bei der Demonstration von Pulse of Europe.   Foto: dpa

„Das Interesse an der Bewegung Pulse of Europe ist aktuell sehr hoch“, sagt Dieter Rucht, Soziologe und Vorstand des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin. Sie wirke gerade bei jungen Leuten anziehend – durch kurzweilige Demonstrationen, den Einsatz von Social-Media-Aktionen, der flachen Hierarchien und der Politik des offenen Mikros. Ein Gegenstück zu drögen Vereinssitzungen mit Tagesordnungspunkten. „Auf längere Sicht sehe ich jedoch keine große Zukunft für die Initiative“, sagt Rucht. Falls sie sich nicht weiterentwickelt, könne sie sich bis zum Winter erschöpft haben. Problematisch sei vor allem, dass keine konkreten Forderungen formuliert werden, nachhaltige Strukturen fehlen und kein klarer Adressat etabliert sei.

„Jede langfristige Bewegung braucht konkrete Zwischenziele“

Die Politologin Ulrike Guérot, Direktorin der Denkfabrik European Democracy Lab in Berlin schlägt auf „Spiegel Online“ vor, die Bewegung solle nur eine Forderung verfolgen: Die Wahlrechtsgleichheit für das europäische Parlament. Denn bislang haben bei den Wahlen zum Europaparlament Stimmen aus kleinen EU-Mitgliedsstaaten mehr Einfluss. Auch der Soziologe Rucht warnt: „Jede langfristige Bewegung braucht konkrete Zwischenziele, an denen sie ihren Erfolg messen kann.“  

Doch statt konkreter Forderungen findet sich auf der Seite von Pulse of Europe nur ein allgemein gehaltener „10-Punkte-Plan“: Europa dürfe nicht scheitern, die Menschen sollen wieder wählen gehen und Reformen seien nötig. Alles ist sehr generell formuliert: „Die europäische Idee muss wieder verständlicher und bürgernäher werden. Sie muss von unten nach oben getragen werden. Europa soll wieder Freude bereiten.“

Pulse of Europe surft aktuell auf dieser Welle des Gemeinschaftsgefühls. Der Mitinitiator der Bewegung, Daniel Röder (44), will Emotionen zurück in die Europadebatte bringen. „Im Moment ist es für uns nicht die Zeit, kopfgesteuerte Diskussionen zu führen“, sagte der Frankfurter Anwalt im ZDF-Morgenmagazin Mitte März. Er denke vorerst nur bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich Anfang Mai, bei der die Populistin Marine Le Pen verhindert werden soll.

Schweizer Initiative als Vorbild?

„Das ist unser zweiter Meilenstein“, sagt Monika Meyer (37), die jeden Sonntag die Demonstrationen in Hamburg organisiert. Der erste war die Wahl in den Niederlanden. Meyer engagiert sich zum ersten Mal politisch und investiert neben ihrer 40-Stunden-Arbeitswoche jeden Abend mindestens zwei Stunden für die Bewegung. „Unsere beiden Anfangsziele, ein Zeichen für Europa zu setzen und Europa wieder auf die politische Agenda zu bringen, haben wir erreicht“, sagt sie. Mitte April treffen sich alle Städteteams in Frankfurt, um die Zeit bis zur Deutschen Bundestagswahl zu planen. „Es ist klar, dass wir nicht fünf Jahre lang mit wöchentlichen Demonstrationen weiter machen werden.“ Wie genau sich die Bewegung in Zukunft aufstellt, werde aber erst im April entschieden.

flavia

Flavia Kleiner (pinker Blazer), Gründerin von „Operation Libero“, freut sich zusammen mit ihren Mitstreitern über die Ablehnung der Schweizer „Durchsetzungsinitiative“ im Februar 2016.    Foto: „Operation Libero“

Bei ihrer Zukunftsplanung könnte sich Pulse of Europe ein Beispiel an der Schweizer Initiative „Operation Libero“ nehmen. Im Herbst 2014 hatte die 26-jährige Geschichtsstudentin Flavia Kleiner die Bewegung, ähnlich wie Pulse of Europe, mit einigen Freunden gegründet.

„Die Bewegung ist aus einem Schockzustand entstanden“, sagt sie. Die Schweiz hatte gerade nach einer Volksabstimmung, getragen von der konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), beschlossen, nur noch eine bestimmte Zahl an Flüchtlingen pro Jahr aufzunehmen. Kleiner wusste sofort: sie will künftig nicht mehr nur studieren, Sport machen und Katzenvideos schauen. „Ich hatte die Wahl zwischen Auswandern, den Kopf in den Sand stecken oder aktiv werden“, sagt sie. Sie entschied sich für Letzteres. 

Erfolgreich gegen Fremdenfeindlichkeit

Ihr Erfolgsrezept: Die Bewegung hatte klare Gegner und konkrete Forderungen. Und hat im Vorfeld weiterer kritischer Volksabstimmungen gezielt mobil gemacht, zum Beispiel vor der „Durchsetzungsinitiative“ im Februar 2016, die die Abschiebung von Ausländern ohne Einzelfallprüfung wegen Bagatelldelikten möglich machen sollte. Kleiner und ihre Mitstreiter waren erfolgreich – mit Memes, einer Internetseite zur Faktenkontrolle, mit „Onlinewarriors“, die gegen Trolle in den Kommentarspalten angeschrieben haben, mit Flyern und Plakaten. Die Schweizer stimmten gegen die „Durchsetzungsinitiative“ und die Operation Libero war plötzlich in der ganzen Schweiz bekannt.     

Mittlerweile hat sich die Bewegung als feste Größe in der Schweiz etabliert. „Wichtig ist, dass wir unsere Ziele und Strategien immer wieder besprechen“, sagt Kleiner. Viele junge Bewegungen würden sich über die Ausrichtung zerstreiten. „Wir achten sehr darauf, dass unser Engagement Spaß macht und gehen nach der Arbeit zum Beispiel oft noch ein Bier trinken“, sagt sie. Mittlerweile arbeiten fünf Halbzeitkräfte für die Initiative.

Die Bewegung hat große Ziele: Die Schweiz soll ein „Chancenland“ sein und für „internationale Vernetztheit, für Freiheit, für Fortschritt und Rechtsstaatlichkeit“ stehen, fordern Kleiner und ihre Mitstreiter. Diese Ziele übersetzen sie in konkrete nationale und regionale Forderungen und Aktionen. Aktuell engagieren sie sich regional für den Asyl-Sozialhilfekredit im Kanton Bern. Dort, wo das Geld des Bundes für Asylsuchende nicht reicht, darf der Kanton mit 18,6 bis 30,8 Millionen Euro nachhelfen. Dagegen hatte die SVP eine Volksinitiative eingereicht, über die am 21. Mai dieses Jahres abgestimmt wird.

Immer wieder melden sich bei Kleiner Bürgerinitiativen aus der Schweiz und dem Ausland, um sich Tipps zu holen. „Wir sind sehr offen und helfen gerne“, sagt Kleiner. Denn es gibt viel zu erzählen.  

Hanna Gieffers

Protest mal anders: Mit aufblasbaren Würfeln mischt das Künstlerensemble „Tools for Action“ internationale Proteste und Demonstrationen auf. Lesen Sie dazu unsere Reportage „Luftwiderstand“ im kommenden Greenpeace Magazin 3.17. Die Ausgabe finden Sie ab dem 13. April am Kiosk. Hier geht es zum Abo.

interview 31.Mär 2017

„Wir müssen Erfolg nach dem Nutzen für das Gemeinwohl bemessen“

Umweltzerstörung und Klimawandel lassen uns keine andere Chance als einen radikalen Wirtschaftswandel einzuleiten, sagt Christian Felber. Der Attac-Mitgründer und Wirtschaftsdozent aus Salzburg zeigt in seinem neuen Buch „Ethischer Welthandel“ , wie das gehen kann.

Sie machen – auch bei Ihren Vorträgen – gerne mal einen Kopfstand. Wollen Sie Ihre Zuhörer mit dieser Übung zum Perspektivenwechsel bewegen?

Christian Felber: Unsere Wirtschaft steht in vielerlei Hinsicht auf dem Kopf. Die Aktivitäten, die sich in unserer Gesellschaft in ihr Gegenteil verkehrt haben, will ich wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Wir müssen uns zum Beispiel fragen: Warum erhalten Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern? Warum gibt es Freihandel für Fleisch aus Massentierhaltung? Wieso müssen Menschen unter unerträglichen Bedingungen arbeiten? Und warum konsumieren wir mehr als uns glücklich macht? Was ist Mittel, und was ist Zweck?

Was verwechseln wir da Ihrer Meinung nach?

Wirtschaft und Handel sind Mittel, aber nicht Zweck. Sie sollen dem Gemeinwohl dienen, nicht dem Profit. Das Ziel unseres Handelns sollte es stattdessen sein, die Menschenrechte zu schützen, den Ressourcenverbrauch zu verringern, den sozialen Zusammenhalt zu festigen und ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Daran muss sich gesellschaftlicher Erfolg bemessen lassen. Das ist im übrigen nichts Neues: In der Geschichte finden sich viele Beispiele dafür, dass die Wirtschaft dem Allgemeinwohl zugute kommen soll. Und auch im Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet. Nur leider haben es die Verfasser und Gesetzgeber versäumt, diese Pflicht zu konkretisieren.

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In der Wirtschaft läuft vieles verkehrt, sagt Christian Felber – zum Beispiel, dass Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern erhalten. Foto: picture alliance / blickwinkel

Erwarten Sie, dass die Politik das Steuer in diesem Sinne herumreißt?

Sie könnte das tun, formal liegt die Macht bei der Politik. Aber faktisch bestimmen weniger die Parlamente als die Kapitalinteressen transnationaler Konzerne das politische Geschehen.

Wie wollen Sie diesem globalen System nun begegnen?

Mit dem Konzept der Gemeinwohlökonomie. Die Unternehmen, die bei uns mitmachen, erstellen nicht nur eine monetäre Bilanz, sondern bewerten viele weitere Kriterien, beispielsweise wie ökologisch produziert wird, wie human die Arbeitsbedingungen sind, wie demokratisch Entscheidungen getroffen und wie sozial gerecht Erträge verteilt werden. Kurz gesagt, wie sehr das Wirtschaften dem Allgemeinwohl nützt. Für sie ist „Gemeinwohl“ wie ein Label für gelungenes Wirtschaften – und für die Kunden ein Anreiz, diese Produkte zu kaufen. Den Anfang haben vor gut sechs Jahren zwölf Unternehmen gemacht. Inzwischen ist daraus eine internationale Bewegung entstanden. Rund 400 Betriebe, Organisationen und Kommunen sind bereits gemeinwohlbilanziert. Diese Vision kommt bei der Basis quer durch alle Parteien gut an, auch Bürgermeister und erste Landesregierungen wie etwa Baden-Württemberg begrüßen die Idee. Nur der Bundestag und der EU-Gesetzgeber ignorieren uns derzeit noch.

Dennoch glauben Sie, dass sich Ihr alternatives Wirtschaftskonzept für die ganze Welt anwenden lässt?

Grundsätzlich ja, vorausgesetzt, es wächst dezentral und demokratisch. Falls nicht alle gleichzeitig mitmachen, gibt es dann eben keinen Freihandel mehr. Unternehmen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, dürfen als Gegenleistung am Freihandel teilnehmen. Die anderen werden mit höheren Zöllen oder Steuern belegt. Auf lange Sicht überleben können dann nur ethische Betriebe.

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Christian Felber – am 28. März 2017 wurde er mit dem Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ von „Zeit Wissen“ ausgezeichnet. Foto: José Luis Roca

Wie stellen Sie sich eine Welt voller „ethischer Betriebe“ vor?

Atom- und Kohlekraftwerke wären abgeschaltet, Kredite und Subventionen gäbe es nur für Erneuerbare Energien. Der mobilisierte Individualverkehr würde durch intelligente Mobilitätslösungen auf Basis einer Siedlungspolitik der kurzen Wege ersetzt. Biobauern, die ethisch arbeiten und das Tierwohl achten, bekämen faire Preise, Produkte aus tierquälerischer Massentierhaltung wären so teuer, dass sie niemand mehr kaufen würde. Außerdem plädiere ich dafür, dass wir Unternehmen in ihrer Größe beschränken und einen weltweit für alle Menschen gleichen ökologischen Fußabdruck einführen. Per Kreditkarte hätte jeder eine bestimmte Menge CO2 zur Verfügung – wenn sie leer ist, ist eben Schluss mit Golfen.

Klingt ein bisschen nach Ökodiktatur. Wo bleibt denn da die Freiheit?

Ganz im Gegenteil, gleiche Rechte für alle ist ein zutiefst liberaler Ansatz. Wenn wir wirklich allen Menschen – und nicht nur den Deutschen – und auch zukünftigen Generationen die gleichen Umweltverbrauchsrechte einräumen, ist die Begrenzung der Konsumfreiheit der einzelnen Person auf ein global nachhaltiges Maß genauso liberal wie die Beschränkung des Wahlrechts auf eine Stimme pro Person. Die Freiheit ist vielmehr dadurch in Gefahr, dass wir in den Industrieländern extrem über unsere Verhältnisse leben und die Lebensgrundlagen aller zerstören.

Hand aufs Herz: Hat die Gemeinwohl-Ökonomie eine reale Chance?

Ohne eine grundlegende Reform der Demokratiemodelle wird es keine Veränderungen geben. Deshalb haben wir die Idee der „Souveränen Demokratie“ entwickelt: Zunächst könnten verfassungsgebende Konvente im Lokalen und dann auf Bundesebene Grundsatzfragen aller Politikfelder diskutieren, die dann von der Bevölkerung abgestimmt werden. So könnte der Souverän die Weichen für ein nachhaltiges, verantwortungsbewusstes Wirtschaften stellen, die der Bundestag dann umsetzen muss. Wir beginnen im Kleinen und werden immer größer: Anfangs haben zwölf Unternehmen Ernst gemacht, jetzt könnte die EU als größter Wirtschaftsraum der Welt vorangehen und ihr Wirtschaften nach ethischen Zielen ausrichten. Ich bin überzeugt, der Rest der Welt würde nachziehen.

Interview: Andrea Hösch

naturschutz 16.Jun 2016

EU-Leak: Kommission hielt positiven Bescheid über Naturschutzrichtlinien zurück

Zwei Natursschutzrichtlinien haben den von der EU-Kommission auferlegten „Fitness-Check“ bestanden – das beweisen Dokumente, die nun an die Öffentlichkeit gelangten. Gute Nachrichten für den Umweltschutz, doch warum hielt die Kommission sie zurück?

Seit 2014 standen die Vogelschutzrichtlinie und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU auf dem Prüfstand: Damals ordnete Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an, dass die Richtlinien auf ihre Effizienz und Wirksamkeit geprüft und gegebenenfalls zu einem „modernen Gesetz“ zusammengeführt werden sollten. Was als Maßnahme zum Abbau von Bürokratie gedacht war, stieß sowohl bei Umweltschützern als auch in der Öffentlichkeit auf Widerstand: Viele Menschen befürchteten eine Aufweichung der Richtlinien.

Ein geleaktes internes Gutachten zeigt nun, das vorerst kein Grund zur Änderung der Richtlinien besteht: „Die Studie befindet die Richtlinie für praxisbewährt. Ein Großteil der Nachweise zu den fünf Kriterien zeigen, dass die Gesetzgebung angemessen gestaltet ist und sich die Umsetzung im Laufe der Zeit verbessert hat. Somit können wichtige Ergebnisse und Auswirkungen erzielt werden“, heißt es in dem vom Mediendienst Euractiv eingesehenen Bericht, der der Kommission bereits im Januar vorlag.

Die Studie sollte ursprünglich Anfang Juni veröffentlicht werden, die ausbleibende Präsentation der Analyse stieß bei Umweltverbänden europaweit auf Kritik – sie vermuteten eine Verzögerungstaktik zu ihren Ungunsten. Nun muss sich der zuständige Vizekommissionspräsident Frans Timmermans der Frage stellen, warum der schon seit fünf Monaten vorliegende positive Bescheid über die Richtlinien nicht öffentlich gemacht wurde. Für den Nachmittag ist eine Sitzung des Umweltausschusses im EU-Parlament anberaumt. „Timmermans kann sich auf etwas gefasst machen“, sagte Gerben-Jan Gerbrandy von der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa, der den Umweltausschuss koordiniert. „Die Ergebnisse sind glasklar. Dieses Dokument hätte schon im Januar veröffentlicht werden können und müssen. Ich werde ihn definitiv fragen, warum das nicht der Fall ist.“

Julia Lauter