Greenpeace Magazin Ausgabe 5.03

Nano-Tech

Einige Umweltschützer haben die Nanotechnologie als neues Feindbild entdeckt. Wie gefährlich ist sie wirklich?

Wieder einmal war Prinz Charles an allem schuld. Dabei hatte Seine Majestät ausnahmsweise keine ihrer leicht verschrobenen Ansichten über Ackerbau oder moderne Architektur kundgetan, sondern wollte sich bloß informieren. Und erkundigte sich also bei der Wissenschaftsorganisation „Royal Society“, was es denn so auf sich habe mit der Nanotechnologie.

Die harmlose Anfrage löste in der britischen Öffentlichkeit einen Aufruhr aus. Presse, Forscher und Politiker überboten sich mit utopischen Szenarien und gereizten Dementis; die Regierung gab im Juni schließlich eine Studie in Auftrag, die Nutzen und Risiken der so genannten Schlüsseltechnologie abwägen soll.

Nicht nur in Großbritannien macht Nanotechnologie Schlagzeilen. Überall scheinen Forschungsetats auf geradezu wundersame Weise anzuschwellen: Die US-Regierung stockt ihre Fördermittel für Nanoforschung nächstes Jahr auf 847 Millionen Dollar auf, während Deutschland etwa 200 Millionen Euro jährlich investiert. Doch mit den Etats wächst auch die Kritik: Im Juni trafen sich in Brüssel mehrere Verbände, darunter die kanadische Lobbygruppe ETC (Nachfolgerin der Anti-Gentechnik-Organisation RAFI) und „Friends of the Earth“, und forderten ein Moratorium der ihrer Ansicht nach gefährlichen und noch nicht hinreichend auf ihre Folgen untersuchten Technologie. ETC kündigte eine Kampagne an, die mit der gegen die „Grüne Gentechnik“ gleichziehen soll, und prägte analog zu „GMO“ (genmanipulierte Organismen) das Feindbild „AMM“ (an Atomen manipulierte Materie). Greenpeace hingegen sieht nicht nur Risiken, sondern auch Chancen des High-Tech-Trends.
Was also ist Nanotechnologie – eine revolutionäre Technik, die unser Leben verändern wird, eine Umweltgefahr neuer Dimension, oder doch nur eine Modedisziplin, um die derzeit ein wenig zu viel Wirbel gemacht wird? Zunächst einmal: Von „der“ Nanotechnologie zu sprechen, ergibt wenig Sinn. Unter diesem Etikett versammeln sich sehr unterschiedliche Techniken und Forschungsansätze, die nichts miteinander gemein haben, als dass sie sich in allerkleinstem Maßstab abspielen – im Nanometerbereich. Diese Längeneinheit leitet sich vom griechischen Wort für „Zwerg“ ab und bezeichnet
einen Millionstel Millimeter.

In der Nano-Materialforschung etwa geht es um feinste Beschichtungen, die Schmutz abweisen oder bei medizinischen Anwendungen vom Körper gut vertragen werden, oder um mit winzigen Kohlefasern („Nanotubes“) verstärkte Werkstoffe, die leicht und zugleich sehr stabil sind. Vieles auf diesem Gebiet ist weder neu noch revolutionär. Doch wer das Modewort „Nano“ auf seinen Forschungsantrag schreibt, hat es zur Zeit leicht, Fördertöpfe anzuzapfen – eine Erklärung für die atemberaubenden Summen, die Regierungen und Forschungsgesellschaften für Nanotechnologie ausgeben. „Alles ist heute Nano“, sagt der Münchener Professor Wolfgang Heckl, einer der führenden deutschen Spezialisten.

Die Computerbranche hofft auf winzige Bauteile für leistungsfähigere Rechner, während Biomediziner mit kleinsten Partikeln experimentieren, die Wirkstoffe zielsicher in kranke Organe transportieren könnten. Solche und ähnliche Anwendungen machen den weitaus größten Teil des boomenden Forschungszweigs aus – sonderlich spektakulär oder bedrohlich muten sie nicht an.

Umstritten ist allerdings, ob gewisse Nanopartikel, etwa Titandioxid in Sonnencremes, möglicherweise der Gesundheit schaden. Selbst wenn eine Substanz ansonsten harmlos sei, mahnt ETC, könne sie in kleinsten Teilchen zum Gift werden. Denn im Nanometer-Bereich zeigen viele Stoffe veränderte physikalische Eigenschaften. Insbesondere die vielseitig einsetzbaren Nanotubes könnten sich als Problem erweisen, denn die bis zu einem Mikrometer langen, ultradünnen Kohlenstoffröhrchen ähneln in ihrer Form Asbestfasern. Tatsächlich ergab eine US-Studie, dass Mäuse, die Nanotubes einatmeten, Schäden an Lunge und Darm davontrugen. Forscher wie auch Umweltschützer mahnen deshalb weitere Studien und Regeln für den Arbeits- und Verbraucherschutz an.
Doch das Problem der potenziell gesundheitsschädlichen Partikel ist nicht das zentrale Anliegen der Nano-Skeptiker. Ihre Befürchtungen sprengen den Rahmen der trockenen Toxikologie und streifen das Genre des Science Fiction: Forscher könnten mit bloßem Auge unsichtbare, sich selbsttätig vermehrende Mini-Maschinen kreieren. Diese „Nanobots“ drohten außer Kontrolle zu geraten und die Welt am Ende förmlich zu ersticken. Wer „Beute“, den neuesten Thriller des Erfolgsautors Michael Crichton gelesen hat, dürfte mit dieser Horrorvision vertraut sein.

Spinnerei? Seit Jahrzehnten träumen Wissenschaftler davon, Atome dazu zu bringen, sich wie von Geisterhand zu Nano-Bauteilen und – warum nicht? – zu handfesten Gegenständen zusammenzufügen. „Selbstorganisation“ lautet das magische Wort der Nanotechnologie. Theoretisch erscheint dies machbar, nichts anderes läuft in jeder lebenden Zelle ab. Dennoch wird es mit Sicherheit nie mechanische Nanobots à la Michael Crichton geben.

Im Grenzbereich von Nano- und Biotechnologie allerdings könnten, so warnt die ETC-Gruppe in ihrer Literaturrecherche „The Big Down“, durchaus solche Kunstgeschöpfe entstehen – synthetische Viren zum Beispiel oder Strukturen aus dem Erbmolekül DNS, die fähig sind, sich selbst zu vervielfältigen. Bislang sind das allerdings nur Gedankenspiele; fraglich ist auch, ob derlei Manipulationen grundsätzlich andere Risiken mit sich brächten als herkömmliche Chemie und Gentechnik.

Ohnehin stehen in der ETC-Studie Sicherheitsbedenken nicht wirklich im Vordergrund. Was die Nano-Kritiker bewegt, sind vielmehr Fragen von Macht und Kontrolle, wie sie auch die Globalisierungsdebatte prägen: Wer wird sich den Zugriff auf die neuen Techniken sichern? Welche Auswirkungen werden sie auf die Benachteiligten dieser Welt haben? „Wer im Jahr 2015 die Nanotechnologie kontrolliert“, glaubt Jim Thomas von ETC, „wird die Weltwirtschaft bestimmen.“ Wesentlich skeptischer geben sich viele Wissenschaftler. Sie warnen vor unrealistischen Erwartungen an die neuen Technologien ebenso wie vor übertriebenen Ängsten. Etwas entnervt titelte etwa das angesehene Forschungsmagazin „Nature“ im Juli: „Glaubt nicht an den Hype!“

Von ALEXANDRA RIGOS