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NEIN zur Atomkraft

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.12

NEIN zur Atomkraft

Text: Vito Avantario

In Japan wächst ein Jahr nach der Erd­bebenkatas­trophe und dem Reaktorunglück von Fuku­shi­ma die Wut der Men­schen

Von einem Ausstieg aus der Atomkraft ist Japan noch weit entfernt. Die zehn Strom­riesen des Landes bewerben sie weiterhin als klimafreundliche Energie. Sie wollen ihre Reaktoren unbedingt weiterbetreiben. Der größte Teil der Bevölkerung erduldet in stiller Empörung die Streitigkeiten der Politiker in der Energiefrage.

Vergleichsweise wenige gehen auf die Straße, um gegen die Atomkraft zu protes­tieren. Derzeit laufen zwar nur noch drei der 54 japanischen Atomkraftwerke. Spätestens im Hochsommer aber, wenn die Temperaturen auf bis zu 35 Grad steigen und eine Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent den Alltag der Menschen erschwert, wird das Land seine Millionen Klimaanlagen anwerfen. Dann werden viele der abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen, sagt der Nuklear­wissen­schaftler und Experte für alternative Energien Iida Tetsunari. Unsere Reporter Vito Avantario und Enno Kapitza (Fotos) haben ihn und andere Japaner getroffen und sie gefragt: Wie hat die Jahrhundertkatastrophe das Land verändert? Das Leben danach. Eine Bestandsaufnahme.

Hidekazu Yoshida, 98, Kulturkritiker
Er gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten des japanischen Kulturlebens und wurde zur „Person mit besonderen kulturellen Verdiensten“ (Bunka Kōrōsha) ernannt.
„Ich bin ein alter Mann und nehme nicht mehr am gesellschaftlichen Leben in Japan teil, sondern befinde mich bereits im Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Vielleicht meinen manche Leute deshalb, mir stünde es nicht zu, die Reaktorkatastrophe von Fukushima zu beurteilen. Doch leider kann ich nicht anders: Japaner haben in den letzten hundert Jahren kolossale Dummheiten angerichtet. Wir zogen 1937 in den Krieg gegen China, was von einigen Historikern als der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkrieges angesehen wird. Und wir bauten unzählige Atomkraftwerke in unserem Land, von denen wir behaupteten, sie seien sicher. Doch der Super-GAU von Fukushima hat gezeigt, dass Atomkraftwerke das Leben nicht sicherer machen – sie machen es zerbrechlicher als es ohnehin schon ist. Ich verspüre keine besondere Lust mehr, in diesem Land weiterzuleben.“

Erika, 39, und Kosmas Kapitza, 45, Musiker
Als die Reaktoranlage Fukushima Daiichi havarierte, war das Ehepaar zu Besuch bei Erikas Eltern in der Präfektur Okinawa. Die südlichste Inselgruppe Japans liegt rund 2000 Kilometer von ihrem Wohnort Tokio entfernt.

Erika: „Als ich von dem Unfall hörte, war mein erster Gedanke: ‚Wir werden nie wieder nach Tokio zurückkehren können.‘ Diese Vorstellung löste gewaltigen psychischen Stress in mir aus. Ich verbrachte viele schlaflose Nächte. Drei Wochen nach dem Erdbeben wagten wir uns dann zurück nach Tokio. Wenn heute die Erde bebt, was sie in Japan häufig tut, steigt in mir unwillkürlich die Furcht vor einer neuen Atomkatastrophe auf. Es ist, als würde es in mir nach jedem Erdbeben zu einem seelischen Nachbeben kommen.“ Kosmas: „In den Wochen nach der Katastrophe gab es kaum Benzin an den Tankstellen zu kaufen. Heute ist mein Auto deshalb immer vollgetankt. Unsere wichtigsten Dokumente haben wir in einer Tasche griffbereit deponiert. Sollte es zu einem mittelstarken Beben in der Nähe des Atomkraftwerks kommen und die Anlage vollständig kollabieren, werden wir Tokio sofort verlassen und in Richtung Okinawa fliehen. Deutschland wäre auch ein mögliches Ziel. Dort kann man das Leitungswasser trinken. In Tokio trinke ich es nicht mehr.“

Kenichi Mishima, 69, Historiker und Sozialphilosoph
Der japanische Übersetzer von Adorno und Habermas hat die Kritische Theorie in Ostasien bekannt gemacht. Mishima hat in Deutschland studiert. Er ist Ehrendoktor der Freien Universität Berlin und lehrt an der Universität Tokio.

„Nur eine Woche nach dem Atomunfall von Fukushima hatten die Super­märkte ihre Produktpalette umgestellt: Gemüse, Obst und Fisch kamen plötzlich aus dem Süden Japans. Nahrungsmittel aus Fukushima waren aus den Regalen verschwunden. Beim Einkaufen vertraue ich auf die Angaben der Geschäfte. Warum? Weil der Kapitalismus unerbittlich ist: Kein Geschäft kann es sich nach dem Super-GAU leisten, zu lügen. Käme dies heraus, wäre der Supermarkt am Ende. Die Verlogenheit der japanischen Politik hat bisher verhindert, dass ein neues Energiekonzept auf den Weg gebracht wird. Deutschland hat panisch den Ausstieg beschlossen – als läge Fukushima im Ruhrgebiet. In Japan dagegen wird es noch Jahre dauern, bis es so weit ist. Ich habe mir inzwischen ein Smartphone zugelegt. Mein altes Handy konnte die Erdbebenwarnungen der zuständigen Behörden nicht empfangen. 30 Sekunden vor einem Beben warnt mich nun eine App, damit ich mich in Sicherheit bringen kann.“

Kaori, 45, Hausfrau, Maja, 12, Schülerin und Shin, 52, Architekt
Die Familie Tanoue lebt in Arawaba-Ku, einem von Tokios 23 Stadtbezirken. Sie fühlt sich von der Regierung verraten und von den Behörden schlecht informiert. Doch Tokio verlassen? Niemals.

Maja: „Viele von uns Schülern wussten nicht, wie gefährlich radioaktive Strahlung ist. Im Unterricht haben wir die Reaktorkatas­tro­phe kaum behandelt, nur zwei Stunden lang im Fach Sozialkunde. Das ist ein Jahr her. Erst als Männer in Overalls in unserer Schule auftauchten und Messungen durchführten, erahnten wir die Gefahr: Es sprach sich unter uns Schülern herum, dass die Männer an einer Regenrinne erhöhte Strahlung festgestellt hatten. Radioaktiver Fallout aus Fukushima hatte uns in Tokio erreicht. Die Schule wurde vorübergehend geschlossen und die Regenrinne dekontaminiert.“ Kaori: „Als Hausfrau koche ich dreimal am Tag. Wenn ich einkaufe, ertappe ich mich dabei, wie ich mich notgedrungen auf die Lebensmittelkontrollen der Regierung verlasse – obwohl ich ihr eigentlich nicht traue. Doch wo sollen wir hin? Wir leben seit Jahrzehnten hier. Selbst wenn ein weiteres Beben die Reaktoranlage Daiichi zerstören sollte, wäre es für mich undenkbar, aus Japan, Tokio oder auch nur unserem Viertel wegzuziehen.“ Shin: „Mehr als die Atomkatastrophe haben mich die Reaktionen vieler Politiker schockiert: Sie haben die Bevölkerung im Unklaren darüber gelassen, welche Gefahren von der radioaktiven Strahlung ausgehen. Diese Leute würden kaltblütig Kinder opfern, wenn sie dadurch ihren Kopf aus der Schlinge ziehen könnten. Mein Vertrauen in dieses Land ist erschüttert. In der Nacht verfolgen mich Alpträume, in denen Erdbeben das Leben unserer Familie zerstören.“

Shimuzu Hirotaka, 43, Musiker und Komponist
Seit Jahren gehört er zum Ensemble von Yoko Onos „Plastic Ono Band“. Er lebt mit seiner Frau in Tokio. Als das Erdeben Japan erschütterte, tourte er durch die USA.
„Es war unser letzter Abend in New York, als uns die schreckliche Nachricht von der Katastrophe in Fukushima erreichte. Yoko Ono bat mich, spontan bei Benefizveranstaltungen mitzuspielen, und so tourte ich noch einen weiteren Monat mit ihrer Band durch die USA. Doch als Tepco begann, radioaktives Wasser in den Pazifik zu leiten, brachen die amerikanischen Tourveranstalter empört unsere Charity-Tour ab. Ich empfinde deshalb eine tiefe Scham für mein Land. Ich kehrte zurück nach Japan und begann mich zu engagieren: In der Präfektur Fukushima gibt es acht Waisenhäuser, in denen Kinder untergebracht sind, die ihre Eltern durch die Tsunami-Katastrophe verloren haben. Bis heute habe ich vierzig Konzerte auf die Beine gestellt, mit deren Einnahmen ich diese Kinder unterstütze. Meine eigenen Umsätze sind dagegen im Vergleich zum Jahr 2010 um die Hälfte eingebrochen. Weil vor allem europäische und amerikanische Konzertveranstalter Tourneen in Japan abgesagt haben, wurde ich seltener als Gastmusiker gebucht. Viele befreundete Künstler haben Tokio inzwischen verlassen. Sollte sich die Situation im AKW Daiichi weiter verschlechtern, werde ich mit meiner Frau wahrscheinlich in die USA ziehen.“

Eisuke Tachikawa, 31, Designer
Der Besitzer einer Werbe- und Designagentur in Tokio ist Gründer der Internetseite www.olive-for.us. Dort sammelt er auch Informationen darüber, wie Opfer der Atomkatastrophe sich gegen radioaktive Strahlung schützen können.
„Auf japanische Medien war nach der Katastrophe kein Verlass. Niemand wusste, wie schwer die Schäden im Atomkraftwerk Daiichi waren und wie viel Radio­­aktivität ausgetreten ist. Deshalb informierten wir uns über internationale Medien, Umwelt- und Hilfsorganisationen, was die Menschen in Fukushima benötigen. 40 Stunden nach dem Beben hatten wir unsere Seite fertig. Wo liegen die Evakuierungszentren? Ab welcher Dosis ist radioaktive Strahlung gefährlich? Wie funktionieren Geigerzähler? Wie dekontaminiert man Kleidung? Bis Ende März hatte unsere Seite über eine Million Klicks. Auch heute noch suchen Menschen aus der Region Fukushima Rat bei uns.“

Ryoko Tomomori, 34, Tierschützerin
Die Hundefriseurin aus Tokio rettet herrenlose Tiere aus der verstrahlten Sicherheitszone um das Atomkraftwerk Daiichi. Ihr Ehemann ist dagegen, dass sie in die Zone geht. Aber von seiner Angst will sie sich nicht abhalten lassen.
„Viele Hunde, Katzen, Schweine und Ziegen haben die Dreifachkatastrophe überlebt. Weil die umgesiedelten Menschen ihre Tiere aber zurücklassen mussten, sterben viele davon in dem radioaktiv verseuchten Gebiet. Seit dem 21. April letzten Jahres ist es Unbefugten verboten, dort einzudringen. Aber es finden sich Schlupflöcher: Schon 100 Hunde und 30 Katzen habe ich aus der Zone herausgeholt. Bei meiner Arbeit trage ich einen Schutzanzug, die Tiere lasse ich von Spezialisten untersuchen. Sind sie kontaminiert, wasche ich sie mit Seife ab. Dabei darf ich radioaktive Stoffe nicht über Haut oder Atmung aufnehmen, das Reinigungswasser darf nicht in die Umwelt gelangen. Dann fotografiere ich die Tiere und stelle die Bilder ins Internet, um ihre Besitzer zu finden.“

Yoshihiko Ikegami, 56, Philosoph, Chigaya Kinoshita, 41, Schriftsteller
Nach der Reaktorkatastrophe gehörten sie zu den Demonstranten der ersten Stunde. Sie protestieren in Occupy-Zelten im Regierungsviertel von Tokio.
Ikegami: „Für die Atomaufsicht ist in Japan die Behörde für Rohstoffe und Energie verantwortlich. Sie ist dem Wirtschaftsministerium zugeordnet. Aus Protest über ihre schlechte Informationspolitik haben wir vor dem Ministerium vor einigen Monaten ein Zeltlager errichtet. Die Polizei droht uns jeden Tag damit, die Zelte zu räumen, aber noch lässt man uns gewähren – vielleicht auch deshalb, weil selbst Mitarbeiter der Regierungsbehörden sich bei uns informieren. Wir vertrauen den Informationen der offiziel­len Stellen nicht, sondern beziehen aktuelle Daten aus dem Internet. Greenpeace ist dabei eine unserer wichtigsten Quellen.“ Kinoshita: „Die Regierung spielt die Strahlungs­gefahr für die Bevölkerung herunter. In den meisten Großstädten Japans hat sich der Alltag deshalb scheinbar normalisiert: Viele Menschen besuchen Sushibars und fragen nicht, woher der Fisch kommt, den sie dort essen. Tepco hat tausende Tonnen radio-aktives Wasser ins Meer gelassen. Fisch aus Fukushima ist hochgiftig. Ich esse in Restaurants deshalb keinen Fisch mehr, wenn ich den Gastronomen nicht persönlich kenne. Meine Freundin lebt in Osaka. Das liegt 560 Kilometer Luftlinie von Fukushima entfernt. Selbst sie isst keinen Fisch, wenn sie nicht überprüfen kann, woher er kommt. Meeresfrüchte kaufe ich nur noch, wenn sie aus dem Ausland importiert wurden.“

Tomoyuki Taira, 52, Politiker
Der Abgeordnete der Demokratischen Partei Japans stammt aus Kyoto und ist Mitglied der Kommission, die die Vorfälle in der Reaktoranlage Daiichi untersucht.

„Wie die Weltöffentlichkeit rätselt auch unser Ausschuss darüber, was genau in dem Atomkraftwerk während und nach dem Erdbeben geschehen ist. Obwohl wir Tepco monatelang dazu aufgefordert haben, Einsicht in das umfangreiche Handbuch der Anlage zu erhalten, hat unsere Kommission bis heute nur ein Zehntel des Buchs erhalten. Unser Ausschuss kann die technischen Ursachen für den Kollaps des Atomkraftwerks nicht untersuchen, solange Tepco taktiert und nicht kooperiert. Deshalb fordern wir, die Reaktoranlage zu verstaatlichen, um eigene Experten hineinschicken zu können: Wir wollen beispielsweise wissen, was genau in den 6 Minuten und 50 Sekunden geschehen ist, die die Tsunamiwelle nach dem Erdstoß benötigt hat, um das Kraftwerk zu erreichen. Tepco behauptet, erst die 15 Meter hohe Welle habe den Reaktor funktionsunfähig gemacht. Unsere Kommission hat Zweifel an dieser Version. Hat das Management nach dem Beben die richtigen Entscheidungen getroffen? Ich kenne Mitarbeiter von Tepco, die die Wahrheit sagen möchten, aber lieber schweigen, weil sie Angst davor haben, entlassen zu werden. Wir wollen endlich Klarheit auch darüber, wieviel hochradioaktives Wasser sich noch in den Reaktoren befindet. Es droht in den Boden abzusickern oder zu verdampfen. Tepco behauptet, es seien 76 Millionen Liter. Unsere Kommission geht davon aus, dass es wesentlich mehr sind.“
 

ABGESCHALTETE REAKTOREN, VERSTRAHLTES LAND: JAPAN EIN JAHR NACH DER KATASTROPHE
Nur die USA und Frankreich betreiben mehr Atom­­­kraftwerke als Japan. Bis zum März letzten Jahres deckte Atomenergie 30 Prozent des japanischen Strombedarfs. Knapp 60 Prozent lieferten fossile Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl. Wasserkraft steuerte zehn Prozent bei, andere Erneuerbare brachten mit rund zwei Prozent den kleinsten Anteil. Zurzeit laufen nur noch drei der 54 Meiler, bis Ende April sollen auch die letzten vom Netz genommen werden – dann wäre Japan vorübergehend atomstromfrei. Der Grund: Vier Reaktoren wurden durch den Tsunami zerstört, der Rest durchläuft Stresstests und Wartungen. Letztere werden routinemäßig jeden Winter durchgeführt. Wie viele der Meiler danach wieder ans Netz gehen, bleibt abzuwarten. Die lokalen Behörden haben dabei neuerdings ein Mitspracherecht – sie werden den Unmut und die Angst der Bevölkerung nicht ignorieren können. In Umfragen sprachen sich zuletzt rund 70 Prozent der Japaner für einen Atomausstieg aus. Den Reaktorunfall in Fukushima hatte die Regierung lange Zeit unterschätzt: Erst einen Monat nach der Katastrophe erweiterte sie die Evakuierungszone von 20 auf 30 Kilometer. Vor der radioaktiven Wolke warnte sie allerdings nicht. Der Schock sitzt noch immer tief: Mindestens 19.300 Todesopfer forderte der Tsunami, über 3000 Menschen gelten als vermisst. Mehr als 100.000 mussten ihre zerstörten oder verstrahlten Häuser verlassen. Jetzt werden die verseuchten Gebiete dekontaminiert: Erdreich, Pflanzen und Bäume müssen abgetragen und sicher gelagert werden – wo, ist noch unklar.