Nervenzentren der Logistik
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Nervenzentren der Logistik

Eine bildliche Reise entlang der weltweiten Warenströme und ein Interview mit dem Fotografen Henrik Spohler

Text: Katja Morgenthaler

„Leben wir im Anthropozän?“, fragen sich Wissenschaftler, seit der Chemiker Paul Crutzen und der Biologe Eugene Stoermer den Begriff im Jahr 2000 populär machten: Ist nach der Erdepoche Holozän nun das „Menschenzeitalter“ angebrochen? Sind wir zum geologischen Faktor geworden, zur Naturgewalt, wie es früher nur Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Eiszeiten waren? Die Debatte läuft noch. Fest steht aber: Nie zuvor haben wir die Umwelt so rasant und bleibend verändert wie jetzt.

Manche Forscher sprechen bereits vom „Humansystem mit eingebetteten natürlichen Ökosystemen“. Drei Viertel der Erdoberfläche seien keine „Biome“ mehr, sondern „Anthrome“: Menschenräume.

Solche Kunstlandschaften erkunden die Arbeiten Henrik Spohlers. Im Projekt „0/1 Dataflow“ zeigte er Hallen voller Schränke, aus denen Kabel quellen: Serverknotenpunkte des Internets. Für die Werkserie „Global Soul“ spürte er der vollautomatischen Fabrikation von Gütern nach, die sich erstaunlich gleicht, egal, ob es sich um Autoteile, Schmerztabletten oder Tiefkühlpizzen handelt: die Welt als Werkbank. In „The Third Day“ porträtierte er auf Hightech-Äckern und in Treibhäusern, deren künstliche Sonnen niemals untergehen, den Menschen als Schöpfer.

Sein neuer Bilderzyklus „In Between“ beschäftigt sich mit dem schnell wachsenden Logistiksystem und seiner Manifestation in der Landschaft. „In Between steht für räumliche und zeitliche Zwischenräume“, sagt er. Auf die pausenlos fließenden Datenströme folgt ihre Entsprechung in der realen Welt: Warenströme, die sich zu natürlichen Kreisläufen wie der Wasser- und Luftzirkulation addieren. Wieder rückt Spohler eine unfotogene „Rückseite“ der Globalisierung in den Blick. Infrastruktur ist selten schön.

Im Interview mit Katja Morgenthaler spricht Henrik Spohler über seine Arbeitsweise und über die Sprache seiner Bilder

 

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Frachtverkehrszentren sind, was der französische Anthropologe Marc Augé „Nicht-Orte“ nannte: gesichtslos und unwirtlich, nicht zum Verweilen gebaut. Was reinkommt, muss schnellstmöglich raus. „Häfen, Lkw-Terminals und Rangierbahnhöfe sind weltweit uniform“, findet der Fotograf. „Die Technik gleicht sich ebenso an wie die Datenformen im Internet.“


Zahllose Züge werden kommen: Täglich passieren tausende Waggons Europas größten Rangierbahnhof Maschen bei Hamburg. Auf 300 Kilometern Gleisnetz geht die Fracht der Seehäfen an Land

Henrik Spohler hat in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Spanien, Polen und China fotografiert. Er zeigt das Banale, das so unsichtbar, weil allgegenwärtig ist. Und er präsentiert es auf eine Art, die uns hinschauen lässt. Es sind diese Ort, die das Rückgrat der Gegenwart bilden. „Mit einer Pipeline, einer Autobahn oder einem Schienenstrang müssen wir uns identifizieren. Sie sind ganz und gar Ausdruck unserer Zeit. Wie oft sind wir selbst im Transit?“ Strom kommt aus der Steckdose, Schuhe aus dem Internet. Das wirtschaftliche Überall ist zugleich ein Nirgendwo. Doch es gibt einen Zusammenhang zwischen Bestelloberfläche und Erdoberfläche. Eine ungefähre Ahnung davon vermitteln diese Bilder.

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Längst bewegt der Mensch mehr Landmasse als die Natur. Die Niederlande haben der Nordsee hunderte Quadratkilometer abgetrotzt. Der Panama- und der Sueskanal haben die Schifffahrt beschleunigt. Heute verändern Städte wie Shanghai die Geografie. Yangshan, der noch nicht fertiggestellte Tiefwasserhafen der Megametropole, liegt auf einer umgebauten Felsgruppe draußen im Meer: Man hat ein Fischerdorf umgesiedelt und halbe Berge versetzt, um Land aufzuschütten.


Zurück an den Absender: Schuhe, die nicht passen, wandern ins Retourenregal. Das „Otto“-Warenlager in Haldensleben zählt zu den größten Europas. Es verschickt 300.000 Pakete – am Tag


Eine 32,5 Kilometer lange sechsspuri-ge Autobahnbrücke führt übers offene Wasser dorthin. In fünf Jahren sollen an den Kais bis zu fünzig Containerschiffe gleichzeitig festmachen. Frachter, die in Hamburg kaum manövrieren können, wirken in dieser Kulisse wie Spielzeuge.

Angesichts solcher Dimensionen überkommt den Fotografen „die Faszination des menschlich geschaffenen Wahnsinns“. Und wie ein Maler verstärkt er sie noch: Er lässt Container am Horizont im Dunst verschwinden, als gehe der Hafen hinter der Erdkrümmung weiter.

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Flugmango, bitte kommen! Rund 750.000 Tonnen Fracht landen jährlich auf dem Airport Köln-Bonn – und entschwinden hinter dem Geflecht der Start- und Landebahnen im Irgendwo: Tag und Nacht

Hochregallager reichen bis in den Himmel. Neuwagen stehen Schlange im Nirgendwo. Schienenstränge treffen sich in der Unendlichkeit. Leicht überbelichtet sind diese fotografischen Landvermessungen. Ihre Farben wirken gleißend wie Frühlingsgrün vor einem Gewitter. Es ist eine Science-Fiction-Ästhetik ohne die Menschen, die all das erdacht haben und zu brauchen meinen. Wo sind sie? Vom Erdboden verschluckt? Vielleicht. Wir alle sind angehende Fossilien.

Henrik Spohler lebt in Hamburg und Berlin. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin unterrichtet er Fotografie. Eine Auswahl seiner Werkzyklen ist noch bis zum 28. Juni auf der Triennale der Photographie in Hamburg zu sehen. Im Herbst stellt er auf dem Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg aus. Zur Triennale der Photographie in Hamburg werden in der Ausstellung  „Millennium begins“ zum ersten mal in der Gesamtschau die Werkgruppen „0/1 Dataflow“, „Global Soul“, „Third Day“ und „In Between“ gezeigt.

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Katja Morgenthaler

Von Flughäfen, Lagerhallen und Autobahnkreuzen ging für Katja Morgenthaler immer große Trostlosigkeit aus. Dank Henrik Spohler begreift sie nun, dass es sich um Landschaften handelt. Verweilen möchte sie trotzdem nicht.

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