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New York 2140

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

New York 2140

Text: Kim Stanley Robinson Illustration: Muretz

Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen, Forscher warnen vor einer Zunahme um mehrere Meter im kommenden Jahrhundert. Weltweit liegen viele Metropolen an den Küsten, Hunderten Millionen Menschen drohen Überflutungen. Eine zunehmende Zahl von Büchern erkundet, wie eine Welt im Klimawandel aussehen könnte, wie sich Gesellschaften verändern – Climate Fiction heißt das Genre, kurz CliFi. Einer der profiliertesten Autoren der Szene ist der US-Amerikaner Kim Stanley Robinson. In seinem neuesten Buch entwirft er ein Bild davon, wie es in gut hundert Jahren in New York aussehen könnte: Die Straßen in weiten Teilen Manhattans stehen permanent unter Wasser, aufwendig werden die Wolkenkratzer gegen die Fluten verteidigt, auf fast allen Dächern gibt es Nutzgärten zur Selbstversorgung. Auch im 22. Jahrhundert floriert der Kapitalismus. Einer der Protagonisten ist Franklin Garr, ein Hedgefonds-Manager. Anfangs schlägt er Kapital aus der Katastrophe, doch dann versucht er gemeinsam mit Komplizen, das Weltfinanzsystem umzustürzen.

Ein Romanauszug
Oft ist mein Kopf voller Zahlen. Während ich darauf wartete, dass dieser miesepetrige Supervisor meinen Wasserläufer freigab, der die Nacht wie immer unter der Bootshausdecke hängend verbracht hatte, betrachtete ich die kleinen Wellen, die am großen Tor leckten. Die Kanäle waren wie eine Wellentankdemonstration in einem nie endenden Physikkurs: Rückflussinterferenzen, die Krümmung einer Welle um einen rechten Winkel, die Ausbreitung einer Welle, die durch eine Verengung strömt, und so weiter. Und gleichzeitig regten sie zu Gedanken über die Funktionsweise von Liquidität im Finanzwesen an. So missmutig und lahmarschig, wie sich dieser Supervisor gab, hatte ich ziemlich viel Zeit für meine Überlegungen. Parken in New York! Man musste sich eben in Geduld üben.

Dann endlich konnte ich in meinen Flitzer einsteigen und fuhr aus dem Bootshaus raus auf das schattige Madison-Square-Bacino. Ein schöner Tag, hell und klar, voller Sonnenlicht,  das sich aus Osten durch die Gebäudeschluchten ergoss. Wie an den meisten Wochentagen ließ ich den Wasserläufer auf der Twenty-Third nach Osten zum East River schnurren. Der Weg durch die südlichen Stadtkanäle wäre zwar kürzer gewesen, aber schon kurz nach Tagesanbruch herrschte auf der Park Avenue Richtung Süden immer ein grauenvoller Verkehr. Außerdem wollte ich ein bisschen fliegen, bevor ich mich an die Arbeit machte.

Auf dem East River war der morgendliche Verkehr ziemlich dicht, aber auf der breiten Südspur gab es noch reichlich Platz, sodass sich der Wasserläufer auf seine sanft gekrümmten Tragflächen erheben und fliegen konnte. Wie immer war der Moment des Abhebens berauschend, als würde man mit einem Wasserflugzeug starten, eine Art nautische Erektion, nach der das Boot auf einem Zauberteppich aus Luft etwa zwei Meter über dem Fluss schwebte und nur die beiden stromlinienförmigen Komposittragflächen unten durchs Wasser schnitten und dabei ständig ihre Form anpassten, um Auftrieb und Stabilität zu maximieren. Ein geniales Boot, das nun auf der Autobahnspur flussabwärts schoss, quer durchs sonnenbeschienene Kielwasser der Lahmärsche, zack-zack-zack, hier hat es jemand eilig, aus dem Weg, ihr kleinen Kähne, ich muss zur Arbeit und mein täglich Brot verdienen.

Wenn mir die Götter wohlgesonnen sind. Möglich, dass ich Verluste einstecke, dass jemand etwas bei mir abzwackt, dass ich vor die Hunde gehe, einen vor die Glocke kriege, hochgehe – so viele Worte dafür! –, aber das alles war in meinem Fall ziemlich unwahrscheinlich, da ich meine Schäfchen immer im Trockenen halte und nicht gerne Risiken eingehe, zumindest im Vergleich zu vielen anderen Händlern dort draußen.

Viel zu schnell brachte mich meine Spritztour zu weit nach draußen. Ich schaltete einen Gang zurück, der Wasserläufer senkte sich und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Boot. Dann wendete ich und schwappte über die Kielwogen einiger großer Kähne hinweg, um anschließend surrend und glucksend in die Stadt einzufahren, ungefähr mit der Geschwindigkeit jener Brustschwimmer, die sich bei ihrem täglichen Selbstmordgruß an die Sonne ins vergiftete Wasser wagten. Seltsamerweise war das Seebad am Pine Canal sehr beliebt. All die alten Leute in ihren Ganzkörperanzügen und mit ihren Gesichtsmasken hofften offenbar, dass die Vorzüge der sportlichen Betätigung die Mischung aus Schwermetallen aufwogen, die sie dabei unweigerlich in sich aufnahmen. Die Liebe eines Menschen zum Wasser, der bereit war, irgendwo in der Umgebung des New Yorker Hafens schwimmen zu gehen, konnte man nur bewundern.

Das New Yorker Büro des Hedgefonds, für den ich arbeite, WaterPrice, nimmt den gesamten Pine Tower an der Ecke Water Street und Pine Canal ein. Das Gebäude hatte eine vier Stockwerke hohe Wassergarage. Ein Parkplatz im Bootshaus war eine nette Sache, wenn auch recht teuer. Dann ging es mit dem Fahrstuhl in den dreizehnten Stock hoch und rüber in die Nordwestecke, wo ich mich in meinem Horst niederließ. Von hier aus konnte ich zwischen den Hochbrücken und den Superwolkenkratzern hindurch nach Midtown blicken.
(...)

Gekürzter und bearbeiteter Auszug aus:
Kim Stanley Robinson: New York 2140. Heyne Verlag, 752 Seiten,16,99 Euro. Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt, erscheint am 9. Januar 2018

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