New York: Eine Chance mit Musik

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.00

New York: Eine Chance mit Musik

Die New Yorker Wyclef Jean Foundation gibt künstlerisch begabten Jugendlichen aus armen Familien eine Perspektive. Statt herumzulungern und sich einer Gang anzuschließen, lernen „Clef’s Kids“, dass sie mit harter Arbeit ihre Träume wahr machen können — wie einst ihr Vorbild, der „Fugees“-Star Wyclef Jean.


Timothy Harper, 17, spielt Saxofon und ist sich seiner Zukunft sehr sicher: Noch zwei Jahre High School, dann beginnt die Karriere. Er wird sein eigenes Studio besitzen und ein bekannter Musiker werden. Timothy trägt Turnschuhe, Jeans, ein T-Shirt in Übergröße, eine klotzige goldene Armbanduhr und blau getönte Kontaktlinsen. Er sitzt auf seinem Bett, zieht die Achseln hoch, weiß nicht, was er sagen soll. Bei aller Verlegenheit ist er in einem nicht zu erschüttern: „Ja, ich werde ein Studio besitzen. Ich weiß das“, sagt er noch einmal und wirkt einen Augenblick lang ungeheuer erwachsen und selbstsicher. Er holt sein Saxofon aus dem schwarzen Koffer, greift mit beiden Händen zu, hebt es an den Mund, setzt es noch einmal ab. „Ich wollte das schon immer. Früher habe ich geglaubt, dass ich keine Chance habe. Dass ich vielleicht als Bauarbeiter arbeiten müsste. Heute kann ich über Musik nachdenken. Jetzt weiß ich, dass ich es schaffen werde.“ Dann spielt er.

Timothy lebt in Brooklyn, in einem Apartmenthaus im Süden des New Yorker Stadtteils. Er teilt sich eine Dreizimmerwohnung mit einem seiner drei Brüder und der Mutter. Im Wohnzimmer ist der Fernseher vor das Fenster geschoben, die Vorhänge sind geschlossen. An den Wänden hängen Dutzende von Fotos in Plastikrahmen: Timothy mit und ohne Saxofon, vor und in der Kirche, auch Bilder seiner drei Brüder. Keine der Väter. Eine Wanduhr mit Foto der Mutter und der Aufschrift „World’s Best Mother“. Auf dem Esstisch steht ein Strauß Plastikblumen, unter dem Tisch eine Kakerlakenfalle – eine, mit der man auch die großen, daumenlangen Küchenschaben fangen kann.

New-York-Reiseführer raten von einem Besuch im Süden Brooklyns ab. Dabei ist der Stadtteil kein Slum wie Teile von Harlem oder der Bronx, wo Crack-Dealer an jeder zweiten Straßenecke stehen und ganze Häuserzeilen verfallen sind. Kein Elendsviertel, aber eine Gegend, in der sich Hoffnungslosigkeit und Pessimismus eingenistet haben. Wo Menschen den Fernseher vor das Fenster stellen, weil sie den Anblick des wirklichen Lebens nicht ertragen können. Wo Leute tagelang auf der Straße rumhängen und mit großer Geste nichts tun. Wo Träume nicht mehr geträumt werden, weil ein anderes Leben unerreichbar erscheint. Kein Slum, trotzdem Lichtjahre entfernt von der Glitzerwelt Manhattans.

Trotzdem: Dieselbe Sicherheit wie Timothy, ihr Leben zu meistern und dieser Hoffnungslosigkeit zu entfliehen, zeigen auch Flormaria Morales, Willio Jeudy und sechs weitere Schüler der Erasmus High School in Brooklyn. Das liegt nicht an ihrer Schule. Im Gegenteil: Auf diese Verwahranstalt von 2000 Schülern trifft wahrscheinlich jedes Vorurteil über schlechte öffentliche Schulen in Amerika zu. Der Metalldetektor am Eingang und die beiden wachhabenden Polizisten passen ins Bild.

Doch die neun Jugendlichen sind „Clef’s Kids“. Der frühere „Fugees“-Musiker und heutige Solokünstler Wyclef Jean, der in den letzten Jahren so ziemlich alle bekannten Popmusik-Preise der USA gewonnen hat und dessen neuestes Album „The Ecleftic“ vom „Time Magazine“ schon vor Erscheinen mehrseitig gefeiert wurde, gründete 1998 die Wyclef Jean Foundation. Die Stiftung unterstützt unter anderem Waisenhäuser in Haiti und unterhält in Miami ein Obdachlosenzentrum. Das Geld dafür kommt durch Konzerte und Spendenaktionen zusammen. Neuestes Projekt der Wyclef Jean Foundation sind die Clef’s Kids. Es startete im vergangenen Februar mit den neun Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren. Die Idee war einfach und abgeleitet von Wyclefs eigener Jugend: „Meine Mutter schenkte mir eine Gitarre, als ich elf Jahre alt war. Ihr Ziel war, mich von der Straße zu holen. Ich sollte üben statt draußen rumzuhängen.“

Wyclef Jean wurde in Haiti geboren, aber er wuchs in Brooklyn auf – in einem der „housing projects“, großen Backsteinblocks voller Sozialwohnungen. Er lernte dort alles über Wünsche, die nicht wahr werden, und über verlorene Träume, aber er erfuhr auch, durch die Anleitung seiner Mutter und Lehrer, wie aus einer bloßen Begabung mehr werden kann. In seinem Fall eine Weltkarriere.

Üben statt rumhängen – Selbstdisziplin und Lebensplanung, genau das verlangt seine Stiftung von den Kids. Über die größte High School in Brooklyn hatte sie künstlerisch begabte Jugendliche gesucht. Mehrere hundert meldeten sich, neun wurden genommen. Zum Beispiel Willio Jeudy. Er ist wie Timothy 17 Jahre alt und stammt wie Wyclef aus Haiti. Erst 1998 zog er in die USA. Damals durfte die Familie dem Vater folgen, der bereits seit zehn Jahren dort lebte. Willio erscheint das Leben heute einfach, und sein Ziel ist klar: Er will in sieben Jahren Millionär sein. Erst die High School abschließen (zwei Jahre), dann studieren (vier bis fünf Jahre), etwas erfinden, das Patent anmelden, fertig. „Die Schule ist leichter als in Haiti“, sagt er, „nur mit Englisch habe ich noch Probleme.“ Zu Hause spricht er Französisch oder Kreol. Willio ist der einzige bildende Künstler in der Gruppe – er malt und zeichnet, die anderen haben alle eine musikalische Begabung.

Studieren will er Physik oder Chemie, nicht Malerei, am liebsten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston: „New York ist mir einfach zu groß.“ Er wirkt ein wenig verloren zwischen den Wohnblocks, und auch auf dem nahen Basketballplatz, dem einzigen Treffpunkt der Jugendlichen, fühlt er sich nicht heimisch. Dort zaubern schon 14-Jährige den Ball so in den Korb, dass Willios Mund vor Staunen offen bleibt: „In Haiti spielt man Fußball.“ Trotzdem: Vieles hier gefällt ihm besser als in seiner Heimat. Nicht unbedingt die Gegenwart – aber die Zukunft.

Willio ging mit seiner Zeichenmappe zur Vorstellung. Die Familie hatte ihm Modell gesessen. Der Vater, der Bruder, die Wohnung – er zieht ein Blatt nach dem anderen aus der Mappe. Früher kritzelte er mit Kugelschreiber, die Zeichnungen von heute sind mit Kohle skizziert.

Timothy erschien mit seinem alten Saxofon, nachdem er wochenlang geübt hatte. „Es war nicht leicht, weil es viel Konkurrenz gab“, sagt der Junge, der mit seiner Kirchengruppe immerhin schon eine CD eingespielt hat und selbstgedruckte Visitenkarten besitzt – „A Heart of Success“ ist über seinem Namen zu lesen. „Ich wollte aber unbedingt in das Programm. Ich habe immer Wyclefs Musik gehört.“

Die 18-jährige Flormaria Morales kam unvorbereitet zum Vorsingen: „Ich wollte mich eigentlich nur anmelden, da musste ich schon singen. Und als eine Woche später jemand in unsere Klasse kam und sagte: Glückwunsch, du bist ausgewählt, war ich total überwältigt. Wyclef und die Stiftung – das war etwas ganz Besonderes für mich.“

„Wir nahmen nicht unbedingt die besten Künstler“, sagt Chantal Prud’homme, die gemeinsam mit Casey Gallagher die Stiftung leitet. Ziel sei es gewesen, in Einzelgesprächen herauszufinden, bei wem das Programm am meisten bewirken könne. Wer schon irgendeine Idee für die Zukunft hatte, dessen Chancen waren am größten. Auch sollten die Stipendiaten nicht zu jung sein oder aus völlig kaputten Gegenden wie Teilen von Harlem oder der Bronx kommen. „Erstens stammt Wyclef aus Brooklyn. Und außerdem kannten wir uns in anderen Gegenden nicht aus. Wenn wir gewachsen und gefestigt sind, dann werden wir uns hoffentlich ausweiten können.“ Aus demselben Grund fing man mit nur neun Jugendlichen an. Das sei nicht unbedingt eine Geldfrage gewesen, meinen die beiden Manager, die über Geld nicht gern sprechen, aber sich doch ein paar Zahlen entlocken lassen. 800 Dollar zahlten sie pro Person für neue Instrumente, 50 Dollar jetzt für jede Unterrichtsstunde, dazu Honorare für die Mentoren und Sonderausgaben: wenn nötig Nachhilfe in der Schule, Eintrittskarten für Theater und Konzerte, die Kosten für das Musik-Sommercamp im Staat New York.

Der Aufwand lohnt: Vor wenigen Wochen hat Flormaria Morales die High School erfolgreich abgeschlossen – und zählt damit zu einer kleinen Minderheit in ihrem Brooklyner Viertel. Flormaria wird im Herbst ein zweijähriges Studium an einer öffentlichen Hochschule beginnen. Keine sonderlich prestigeträchtige Ausbildung, aber mehr, als sie sich je erhoffen konnte. „Liberal Arts“, eine Art Breitbandstudium in Geisteswissenschaften, wird sie belegen, nicht Gesang, denn sie braucht eine Rückversicherung, falls aus der Musikkarriere nichts wird.

Flormaria wohnt ebenfalls im Süden von Brooklyn, in einem roten Backsteingebäude mit kreuz und quer verlaufenden Feuerleitern, wie man sie in unzähligen Filmen gesehen hat. Es ist nicht die schlechteste Gegend von Brooklyn, es sieht nach Mittelschicht aus – wenn die Mittelschicht in diesem Teil der Stadt wohnen würde. Zwei Blocks weiter ändert sich das Bild. Umgekippte Mülleimer, alle Durchgänge zwischen Häusern und alle Zäune mit Stacheldraht gesichert. Jugendliche sitzen in einem alten Auto, aus dem es nach Haschisch riecht. Zwei Jungs kurven auf Fahrrädern herum. Beide tragen Basketballshirts, einer ein rotes, der andere ein gelbes. Der in gelb, sagt Flormaria leise, sei Mitglied einer Gang. Woher sie das weiß? „Ich kenne ihn aus der Schule.“ Nicht richtig, versichert sie schnell, so wie man sich eben kennt. Sie ist froh, als sie an eine belebtere Kreuzung kommt.

Es hat etwa drei Monate gedauert, bis das Eis gebrochen war“, sagt Jean Butron, eine der vier Mentoren, die sich mindestens einmal wöchentlich mit Flormaria trifft. Die 26-Jährige hat zwar Musik studiert, versteht sich aber weniger als musikalische Betreuerin denn als Sozialarbeiterin. „Sie ist wie eine ältere Schwester“, ergänzt Flormaria und legt den Arm um Jean. Jean wird rot.

Tatsächlich bietet die Stiftung weit mehr als Musikunterricht. Zwar begann alles damit, dass die Kids neue Instrumente oder wie Flormaria ein Aufnahmegerät oder wie Willio Zeichenmaterialien erhielten. Und Unterricht bei professionellen Künstlern. Timothy, der bislang nur nach Gehör spielte, lernt jetzt Noten lesen. Flormaria arbeitet an ihrer Stimmbildung, Willio geht einmal wöchentlich zu einer Kunstschule. Doch die vier Mentoren sowie die Manager Chantal und Casey reden mit den Jugendlichen nicht nur über Musik und Malerei. Sie sprechen über Schulsorgen und den Ärger mit Freunden und Familie, über Aids und Empfängnisverhütung, darüber, wie man ein Konto eröffnet und wie Flormaria Geld für ihr College auftreiben kann. Casey: „Uns geht es nicht nur darum, gute Musiker zu finden. Wir wollen den Jugendlichen eine Lebensperspektive bieten. Vermitteln, dass sie etwas erreichen können, auch ohne eine Gang. Weg von der Straße. Raus aus dem Elend, sich auf eine Sache konzentrieren und hart daran arbeiten. Musik ist da nur ein Hebel. Es könnte auch etwas anderes sein.“

Flormaria wollte zunächst nicht studieren. „Erst einmal ein Jahr arbeiten und gucken, was passiert. Ein bisschen Geld verdienen“, sei ursprünglich ihre Idee gewesen. Diesen Plan hat die Stiftung durchkreuzt. „Die haben mir erklärt, dass ich nur, wenn ich studiere, weiter an dem Programm teilnehmen kann.“ War das nicht brutal? „Ja, nein, ich weiß nicht – es war schon richtig“, sagt sie, dreht eine Haarsträhne um den Finger und schiebt ihre Brille hoch. „Der Druck hat mich vorwärts gebracht. Ich habe mich sehr verändert. Früher habe ich selten etwas gemacht. Ich bin nur zur Schule gegangen, und nachmittags habe ich zu Hause rumgesessen. Ferngesehen. Nicht mehr. Mein Leben war furchtbar langweilig. Ich habe einfach nichts gewollt. Heute bin ich aktiv und viel offener.“

Zur Zeit jobbt sie, um einen Teil der Studiengebühren zu verdienen. Die Stiftung verlangt zwar, dass sie studiert, trägt aber nicht die Kosten. „Wir wollen es den Jugendlichen nicht zu leicht machen. Wir sind nicht der Goldesel, bei dem man nur ein bisschen betteln muss, und dann fließt das Geld“, sagt Chantal. „Wenn Einsatz von ihnen kommt, der aber nichts nutzt, dann springen wir ein.“

Auch deshalb soll die Stiftung klein bleiben oder zumindestens nur langsam wachsen. Und damit Wyclef den Kontakt zu „seinen“ Kids nicht verliert. Bislang trifft er alle vier bis sechs Wochen mit ihnen zusammen, zum Musizieren, Reden oder zu einer Grillparty. Anfang nächsten Jahres soll es sogar ein gemeinsames Konzert geben – in einem Heiligtum der amerikanischen Konzertkultur: der Carnegie Hall.

Wie die Geschichte dann weitergeht für Timothy, Willio und Flormaria, ist noch nicht klar. Ob Willio wirklich Millionär wird? Ob er am MIT studiert? Ob Timothy sein Studio bekommt? Ob die Stiftung wächst, ob die neun von heute die Betreuer von morgen sind? Sicher ist hingegen: Timothy und Willio werden ihren High- School-Abschluss machen, Flormaria ihr College-Diplom. Willio Jeudy wird weiter zeichnen, Timothy Harper sein Saxofon blasen, Flormaria Morales singen. Alle werden viel über ihre Zukunft nachdenken. Und nicht nur nachdenken. Sie werden auch für ihre Zukunft kämpfen.

Von GÜNTHER WESSEL
Fotos: ROBERT HUBER