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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

„Noch haben die Bauern es in der Hand“

Greenpeace-Experte Christoph Then über die aggressiven Strategien des Agrokonzerns Monsanto

GPM: Greenpeace hat einen Report über Monsanto veröffentlicht. Warum nehmt ihr diesen Konzern unter die Lupe?
CHRISTOPH THEN: Monsanto ist – neben Bayer, Syngenta und DuPont – einer der größten Agrokonzerne, der die Gentechnik weltweit durchsetzen will. 90 Prozent aller angebauten Gen-Pflanzen stammen von Monsanto. Der Konzern ist dabei, sich die Monopolstellung bei Saatgut zu sichern. Um das Ziel zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht – ob legal oder illegal.

Zum Beispiel?
Der Gentechnik-Pionier operiert ganz gezielt: Zum einen kauft Monsanto einen Konkurrenten nach dem anderen auf, in den letzten zehn Jahren Unternehmen im Wert von mehr als zehn Milliarden Euro. Zum anderen nutzt er das Patentrecht, das weit reichende Patente auf Leben zulässt. So patentiert und monopolisiert Monsanto systematisch Saatgut mit und ohne Gentechnik. Auf diese Weise kann Monsanto von jedem Bauern, der genmanipuliertes Saatgut verwendet, Lizenzen zu kassieren.

Dieses Vorgehen mag verwerflich sein, aber nicht strafbar.
Um Strafbares zu finden, muss man nicht lange suchen. Zwischen 1990 und 2001 setzte Monsanto 44-mal Gen-Pflanzen ohne Genehmigung frei und kontaminierte auch umliegende Felder. In Indonesien ist der Konzern wegen Bestechung zu einer Geldstrafe von 1,5 Millionen Dollar verurteilt worden. Monsanto hatte 50.000 Dollar Schmiergeld an Beamte bezahlt, um eine Umweltstudie für Gen-Saatgut zu umgehen. Die Geschichte des Konzerns liest sich wie eine Skandalchronik: Jahrzehntelang leugnete er die Gefahren von PCB, Dioxin und Agent Orange. Dieses Entlaubungsgift aus dem Hause Monsanto wurde im Vietnamkrieg eingesetzt und machte viele Millionen Menschen krank, und noch immer werden Kinder mit schwersten Behinderungen geboren. Eine neue Studie zeigt, dass Monsantos Roundup, das meistverkaufte Pestizid der Welt, Kaulquappen und Frösche gefährdet. Möglicherweise ist es für das globale Amphibiensterben verantwortlich – der Konzern streitet einen Zusammenhang natürlich ab.

Darf Monsanto trotz Lug und Trug einfach weitermachen?
Offensichtlich. Man muss wissen, dass die Konzernleitung beste Verbindungen in höchste Regierungskreise hat. Dokumentiert sind enge Verflechtungen mit den US-Genehmigungsbehörden für genmanipulierte Organismen. Merkwürdig ist ja auch, dass sogar Experten, die hierzulande für die Zulassung von Gen-Pflanzen zuständig sind, sich nicht zu schade waren, in Monsanto-Werbefilmen aufzutreten.

Was macht Monsanto so gefährlich?
Der Konzern ist entschlossen, die gesamte Nahrungsmittelkette vom Saatgut bis zum Steak zu kontrollieren – durch Aufkäufe, Patentierung und Lizenzierung von Saatgut. Und er beschränkt sich nicht auf Futterpflanzen wie Raps, Mais oder Soja. Monsanto drängt auch auf den Lebensmittelmarkt. Das belegt etwa der Aufkauf der weltgrößten Obst- und Gemüsesaatgutfirma Seminis für mehr als eine Milliarde Euro. Im August haben wir aufgedeckt, dass Monsanto weltweit Patente auf Schweinezucht anmeldet, die zum Teil übliche Kreuzungsverfahren umfassen. Ein gutes Beispiel, wo Monsanto hin will, ist auch die hauseigene Züchtung einer Sojabohne mit höherem Ölgehalt. Dieses verbesserte Saatgut, das konventionell gezüchtet wurde, will der Konzern aber erst nach der Kreuzung mit Gen-Soja auf den Markt bringen. Jeder, der die Bohne haben will, muss demnach Gentechnik einkaufen. Monsanto bestimmt, was auf unserem Teller landet. Schlimmer noch: Die Ernährung der Weltbevölkerung wird zunehmend den Interessen eines Wirtschaftskonzerns unterworfen.

Ist der Siegeszug zu bremsen? Was muss die Politik tun?
Monsanto ist verwundbar. Greenpeace hat etliche Gentech- und Patent-Skandale aufgedeckt und erst kürzlich erreicht, dass der Konzern Akteneinsicht in Fütterungsstudien mit der Gen-Maissorte MON863 gewähren musste. Und in den USA und Kanada stoppte Monsanto nach Verbraucherprotesten die Forschung an Gen-Weizen. Um die Dominanz des Konzerns zu beschränken, brauchen wir dringend Gesetze, die eine unabhängige Risikoforschung stärken, die Wahlfreiheit garantieren, strenge Haftungsregelungen festschreiben und Patente auf Saatgut verbieten. Und wir brauchen konsequente Politiker: Die EU-Kommission hat kürzlich beschlossen, die umstrittene Sorte MON863 als Tierfutter zuzulassen. Die Agrarminister können dies aber noch verhindern – die Mehrheit der Mitgliedstaaten lehnt den Import von MON863 ab.

Seit Jahren will Monsanto auch in Deutschland Fuß fassen. Was kommt auf uns und deutsche Bauern zu?
In Deutschland versucht Monsanto bislang nur vorsichtig, Bauern mit Lockangeboten zu ködern. Wer überlegt, Gen-Pflanzen anzubauen, sollte einen Blick in die USA werfen, um zu sehen, was ihm blüht: Knebelverträge, die den Bauern verbieten, die eigene Ernte als Saatgut zu verwenden. Die sie verpflichten, die Chemiekeulen bei Monsanto zu kaufen und bei Patentstreitigkeiten zu schweigen. In neuen Verträgen untersagt eine Klausel den Landwirten sogar, Monsanto zu verklagen, sollte das Gen-Saatgut die Erwartungen nicht erfüllen. Eine Studie des renommierten US-Agrarwissenschaftlers Charles Benbrook zeigt, dass – entgegen Monsantos Behauptungen – nicht weniger, sondern mehr Spritzmittel eingesetzt werden. Die Rechnung wird später präsentiert: In Argentinien hat Monsanto das Saatgut erst zu normalen Preisen abgegeben. Nachdem nun fast alle Landwirte auf Gentechnik setzen – in dem Land wachsen auf über 90 Prozent der Felder Gen-Pflanzen –, verlangt der Konzern Lizenzgebühren für die Ernte. Selbst Argentiniens Regierung spricht von Gangstermethoden. Der Deutsche Bauernverband sieht Monsantos Vorpreschen mit Sorge. Der Einzug der Gentechnik, so befürchtet der Verband, könnte die Bauern in ähnlich ausweglose Abhängigkeiten zwingen. Da kann ich nur sagen: Noch haben die Bauern es in der Hand.

Monsanto-Produkte gibt es bei uns nicht zu kaufen. Können die Verbraucher dennoch etwas tun?
Man sollte Produkte von Tieren meiden, die mit Gen-Pflanzen gefüttert wurden. 80 Prozent aller Gen-Pflanzen von Monsanto gehen in die Futtermittel. Verbraucher, die auf gentechnikfreie tierische Produkte achten, können dazu beitragen, dass Gen-Futtermittel in Europa schwer oder gar unverkäuflich werden und so die gentechnikfreie Landwirtschaft unterstützen. Wer Öko-Produkte kauft, kann sicher sein, dass er keine Geschäfte mit Monsanto macht.

Interview: Andrea Hösch