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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.06

Nuklearer Kreislauf

1. Uran-Bergbau Die größten Uranminen liegen in Australien, Kanada, Kasachstan und Niger. Beim Abbau und der Produktion des Konzentrats „Yellow Cake“ atmen Arbeiter radioaktiven Staub und Radongas ein. Mögliche Folge: Lungenkrebs. Pro Tonne Yellow Cake fallen bis zu 40.000 Tonnen radioaktiver Abraum an. Die Uranvorräte reichen, je nach Szenario, noch 40 bis 170 Jahre; nach einer neuen Greenpeace-Studie ist spätestens im Jahr 2070 Schluss. Brut-Reaktoren, die mehr Brennstoff erzeugen als verbrauchen, sind keine Lösung: Sie produzieren Plutonium, den Bomben-Rohstoff.

2. Anreicherung „Yellow Cake“ enthält 0,7 Prozent spaltbares Uran 235. Es wird in gasförmiges Uranhexafluorid umgewandelt, Zentrifugen erhöhen den Uran-235-Anteil dann auf die für AKWs nötigen vier Prozent. Bei der Anreicherung fällt abgereichertes Uran an, das Militärs nutzen, um die Durchschlagskraft von Munition zu erhöhen. Durch Anreicherung kann ebenso gut waffenfähiges Uran produziert werden, die Zentrifugen müssen nur länger laufen. Das macht die Technologie auch für Staaten wie den Iran oder Nordkorea interessant.

3. Brennelemente Das Uranhexafluorid wird in Urandioxid konvertiert, zu Tabletten (Pellets) gepresst und in Brennstäbe gefüllt. Liegt Uranhexafluorid in zu hoher Konzentration vor, kann eine spontane Kettenreaktion in Gang kommen und radioaktive Strahlung freigesetzt werden – wie 1999 im japanischen Tokaimura. Brennstäbe, die Plutonium aus abgebranntem Brennstoff enthalten, heißen MOX-Elemente. Weltweit gibt es 28 Konvertierungsanlagen und 51 Uran-Brennelementefabriken, eine davon im niedersächsischen Lingen.

4. Akw-Betrieb Heutige Reaktoren produzieren Strom, indem durch die atomare Kettenreaktion erhitzter Dampf Turbinen antreibt. Fallen Kühlung oder Notabschaltung aus, kann der Reaktor explodieren (GAU: Größter Anzunehmender Unfall). Im Betrieb entstehen mehr als 100 radioaktive Spaltprodukte wie Plutonium (Halbwertzeit 24.000 Jahre). Ständiger Neutronenbeschuss lässt vor allem die Druckbehälter brüchig werden. Forscher basteln an der vierten AKW-Generation. Höchsttemperaturreaktoren (VHTR) sollen neben Strom auch Wärme und Wasserstoff erzeugen.

5. Wiederaufarbeitung In La Hague (Frankreich) und Sellafield (England) werden Uran und Plutonium, von dem es weltweit inzwischen eine gigantische, militärisch nutzbare Menge von 263 Tonnen gibt, aus abgebrannten Brennstäben getrennt. Ein Teil wandert in „MOX-Brennelemente“ aus einem Uran-Plutonium-Mix. Hochradioaktiver fester Atommüll geht, in Glaskokillen gegossen, wieder ins Herkunftsland, flüssiger Abfall meist ins Meer. Im Atomkonsens vereinbarten AKW-Betreiber und die rot-grüne Regierung, dass ab 2005 keine Brennelemente mehr wiederaufgearbeitet werden.

6. Radioaktiver Müll Abgebrannte Brennstäbe, legt der deutsche Atomkonsens fest, werden jetzt erst in Zwischenlagern bei den AKWs deponiert. Wohin später mit dem Müll, ist unklar. Die meisten Experten sind sich einig, dass radioaktiver Müll unter Tage gelagert werden muss. Doch ein wirklich sicheres Endlager ist weltweit nicht in Sicht. In Deutschland prüfen Fachleute seit gut 20 Jahren, ob sich der löchrige Salzstock in Gorleben eignet. Bis spätestens 2030 soll eine Lösung gefunden werden. So lange wird der Müll weiter in Gorleben, Ahaus und bei den AKWs zwischengelagert.

7. Schmuggel / Diebstahl Schmuggel mit gestohlenem radioaktiven Material kommt erschreckend häufig vor: Von 1993 bis 2004 registrierte die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) 662 Fälle – davon 18 mit waffenfähigem Plutonium. Vor allem über die löchrige Ostgrenze der Türkei gelangt Nuklearmaterial aus Laboren der früheren Sowjetunion in den Westen. Terroristen könnten es für den Bau „schmutziger Bomben“ verwenden: Bei diesen verteilt die Explosion von konventionellem Sprengstoff weiträumig radioaktive Substanzen.

8. Transporte Trotz des Atomausstiegs ist radioaktives Material weiterhin in Deutschland unterwegs: per Bahn, Schiff, auf LKWs. Jährlich kommen circa zwölf Castortransporte aus La Hague hierher, ab 2007 wird auch Atommüll aus Sellafield fällig. Ausreichender Katastrophenschutz im Falle eines Anschlags oder Unfalls ist weder national noch weltweit möglich. Strahlenmaterial für die deutsche Atomindustrie ist global unterwegs. Vom Abbau in Australien bis zur Zwischenlagerung in Gorleben legt es mehr als 34.500 Kilometer zurück.

9. Terrorismus Mit Nebelwerfern und Störsendern wollen deutsche AKW-Betreiber ihre Meiler gegen Angriffe mit Flugzeugen schützen. Ideen, deren Praxistauglichkeit Experten bezweifeln. Selbst gegen den Einschlag kleinerer Jets sind viele Meiler nicht ausreichend gesichert. Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit urteilt, dass ein Absturz alte Reaktoren wie Brunsbüttel und Biblis massiv schädigen würde. Attacken aus der Luft sind keine neue Bedrohung: Schon 1972 drohten Kidnapper, ein Flugzeug in die US-Atomforschungsanlage Oak Ridge zu stürzen.

10. Proliferation Die Verbreitung von Strahlenmaterial und Atomtechnik nennt man Proliferation. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist es für Regime wie in Nordkorea leichter geworden, an den Bombenrohstoff Plutonium zu gelangen. Der Atomwaffensperrvertrag, dessen Einhaltung die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) überwacht, soll dafür sorgen, dass nur die USA, Russland, Frankreich, China und Großbritannien Atomwaffen haben. Das ist gescheitert: Inzwisch