Nun ist in Deutschland also der zweite Ausstieg Gesetz: Auf das Atom-Aus 2022 folgt 2038 das Kohle-Aus. Also alles gut im Energiewendeland? Leider nein. Denn die Natur kennt keine Kompromisse, warnt Wolfgang Hassenstein

Am 3. Juli machte die Energiewende wieder einmal weltweit Schlagzeilen: „Deutschland plant als erste große Wirtschaft den Ausstieg aus beidem, Kohle- und Atomkraft“, meldete etwa die „Los Angeles Times“. Bundestag und Bundesrat hatten dem Fahrplan zur Stilllegung des letzten Kohlemeilers spätestens 2038 zugestimmt, und bekanntlich muss der letzte Atomreaktor schon Ende 2022 vom Netz gehen. Wer hätte das vor wenigen Jahren für möglich gehalten?

Doch anstatt sich zu freuen, auch das berichtete die US-Zeitung, protestierten Umweltschützer schon wieder. Greenpeace-Aktivistinnen und -Aktivisten seilten sich vom Reichstagsgebäude ab und ergänzten den Schriftzug „Dem Deutschen Volke“ mit den Worten „eine Zukunft ohne Kohlekraft“. Und in mehr als fünfzig Städten gab es laut Fridays for Future coronakonforme Sitzstreiks und Fahrraddemos gegen das Ausstiegsgesetz, diese „Kampfansage an die Klimabewegung“.

In solchen Momenten empfinde ich zuweilen Mitleid mit Regierungspolitikern, die in ihrer Not Dinge beschließen, die der DNA ihrer Parteien eigentlich zuwiderlaufen – und trotzdem keinen Beifall von der anderen Seite erhalten. Aber dann fällt mir ein: Sie sind ja selbst schuld! Umweltschützer und Opposition kritisieren nicht nur den späten Ausstiegstermin, sondern auch die Milliardenentschädigungen, die die Stromkonzerne erhalten sollen, weil sie neue Anlagen vorzeitig stilllegen oder umrüsten müssen.

Zur Erinnerung: Gegen den Bau ebenjener Kraftwerke hatten in den Nullerjahren Tausende demonstriert. Schon damals war klar, dass sie zu Investitionsruinen würden. Der britische Ökonom Nicholas Stern hatte im „Stern Report“ bereits 2006 vor den enormen Kosten eines zu späten Umsteuerns gewarnt. Angela Merkel war da übrigens schon Kanzlerin.

Nun kommt der Klimawandel wie prognostiziert, und die Natur macht klar, dass die Menschen Bedrohung und Kosten zu lange ignoriert haben. Laut Nasa ist das Jahr 2020 erneut auf Hitze-Rekordkurs. Die Weltwetterorganisation (WMO) erklärt, dass die Marke von 1,5 Grad globaler Erwärmung womöglich schon in einem der nächsten fünf Jahre erstmals kurzzeitig überschritten wird. Das Zeitfenster zum Erreichen des Pariser Klimaziels schließt sich erschreckend schnell.

Besonders heftig zeigt sich die Erwärmung in Sibirien. In Werchojansk, einem der kältesten Orte der Welt, war es am 20. Juni unglaubliche 38 Grad warm. Die WMO prüft noch, ob korrekt gemessen wurde, aber der Wert passt ins Bild: Seit Monaten ist es in Russlands Norden viel zu heiß. Ende Mai barst in Norilsk auf tauendem Permafrostboden ein Tank, 21.000 Tonnen Diesel liefen aus. Einen Monat später registrierte ein Satellit das bisher nördlichste Buschfeuer. Hunderte solcher Brände setzten im Juni nördlich des Polarkreises Millionen Tonnen CO2 frei. „Der Klimawandel erreicht eine gefährliche Schwelle“, befand die sonst oft zurückhaltende Frankfurter Allgemeine Zeitung. „In Sibirien kann man gerade beobachten, wie er beginnt, sich durch Rückkopplung selbst zu verstärken.“

Ich halte es angesichts der rasanten Entwicklung für längst nicht ausgemacht, dass der letzte Kohleblock wirklich erst 2038 vom Netz geht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hatte ausgerechnet, dass ein Termin 2030 machbar und mit Paris kompatibel wäre. Doch das nun beschlossene Gesetz macht den zeitigen Ausstieg teurer und komplizierter. 

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