Greenpeace Magazin Ausgabe 6.01

Ölkonzern mit schmutzigen Händen

Der größte und reichste Energiemulti der Welt – Exxon Mobil– hat nicht nur eine miserable Öko-Bilanz. Mit seinem Einfluss auf die US-Regierung torpediert er auch den weltweiten Klimaschutz.

Seiner Firma geht es schon jetzt sehr gut, aber Lee R. Raymond sieht noch viel rosigere Zeiten auf Exxon Mobil zukommen. Die gesamte Branche könne mitverdienen, wenn sie ordentlich investiere, verspricht er. "Wenn wir den steigenden Energiebedarf decken wollen, müssen wir im nächsten Jahrzehnt eine Billion Dollar in neue Förderstätten stecken", sagt der 62-Jährige. Solche Botschaften hören Öl-Manager gern: Für seine Rede bei der internationalen Konferenz zur Erdgasförderung im Emirat Katar erhält Raymond – als Chef des weltgrößten privaten Energiemultis der Star des Treffens – tosenden Beifall.

Über eine solch kurzsichtige Haltung kann Lloyd Keigwin nur den Kopf schütteln. In seinem kleinen Büro im Forschungsinstitut "Woods Hole Oceanographic Institution" im Bundesstaat Massachusetts arbeitet der Forscher mit Klimadaten, die er aus Meeressedimenten gewinnt. "Alles weist auf eine dramatische Erwärmung des Klimas seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hin. Und die meisten Wissenschaftler sind sich über den menschlichen Einfluss bei dieser Erwärmung einig", sagt Keigwin. In das Weltbild von Exxon Mobil passt seine Position überhaupt nicht. Doch ausgerechnet ihn machte die Firma zum Kronzeugen.

Nichts ist schädlicher für das Geschäft des Multis, als Energie zu sparen und die Verbrennung von Öl und Gas zu reduzieren, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Der Kohlendioxidausstoß durch die Nutzung fossiler Brennstoffe sei keine Hauptursache des Treibhauseffekts, behauptet Exxon Mobil deshalb in teuren Anzeigenkampagnen in den USA – was der Position führender Klimaforscher widerspricht. Auch Raymond beruft sich auf Lloyd Keigwins Forschungsergebnisse, die auf andere Ursachen hinzuweisen scheinen. Der hatte tatsächlich natürliche Temperaturschwankungen im Laufe von Jahrtausenden entdeckt – in einem sehr begrenzten Forschungsgebiet, dem Sargassomeer. "Dieser Teil des Ozeans ist nicht repräsentativ für den Planeten als Ganzes", betont Keigwin, der die Argumentation von Exxon Mobil als "irreführend" bezeichnet.

Unverdrossen argumentiert Exxon Mobil, das "rätselhafte Phänomen" Klimaerwärmung müsse noch besser erforscht werden. Mit dieser Position steht die Firma inzwischen selbst in der eigenen Branche recht einsam da. Außer ihr leugnet nur noch die europäische TotalElfFina, dass der Treibhauseffekt größtenteils menschgemacht sei. BP, Shell und Chevron hingegen geben derweil Lippenbekenntnisse ab, die Kohlendioxid als Klimaschädling anerkennen. Diese Firmen legen neuerdings auch offen, welche CO2-Emissionen aus den eigenen Raffinerien entweichen. Exxon Mobil gibt diese Daten bis heute nicht bekannt. Anfragen des Greenpeace Magazins beantwortete der Konzern mit dem Verweis auf seine Anzeigen. Dort verlangt er Alternativen zum Kyoto-Abkommen, dessen Durchsetzung "schädlich für die Weltwirtschaft" sei. Exxon Mobil lehnt die 1997 in Japan festgeschriebene Reduzierung von Treibhausgasen ab – wie auch die US-Regierung; freiwillige Maßnahmen seien effektiver, heißt es aus der Konzernzentrale im texanischen Irving. "Exxon Mobil hat eine Schlüsselrolle bei der Frage, ob und wie die Welt gegen den Klimawandel aktiv wird oder nicht", sagt der Umweltaktivist Peter Altmann. Er arbeitet im texanischen Austin für das "Interfaith Center on Corporate Responsibility" (ICCR), eine religiös motivierte Gruppe, die Firmen zu verantwortungsvollem Handeln drängt. ICCR startete eine Kampagne gegen Exxon Mobil, um die Anzeigenkampagne des Ölkonzerns zu kontern. "Wenn wir nicht eingreifen, dann richtet deren Propaganda eine ökologische Katastrophe an", sagt Altman. Bei der nächsten Klimakonferenz im marrokanischen Marrakesch stehen wichtige politische Entscheidungen in der internationalen Klimapolitik an – und die bestverdienende Firma der Welt behindert nach Ansicht ihrer Kritiker die Reduzierung von CO2-Emissionen, vor allem durch ihren Einfluss auf die US-Regierung. Diesen Vorwurf erhebt auch die englische Greenpeace-Kampagne gegen die europäische Exxon-Mobil-Tochter Esso. Prominente wie Bianca Jagger rufen zum Boykott von Tankstellen auf. Dies sei der Versuch, "eine Meinung zu unterdrücken", wehrt sich Esso.

Im Kampf gegen die Kritik versucht sich der Ölmulti nun sogar als "grüne" Firma zu präsentieren. Auf eine Anfrage hin präsentierte das Unternehmen jetzt eine Öko-Jahresbilanz für das Jahr 1999, nach der 7,7 Millionen Dollar für Umweltschutz ausgegeben wurden. Das ist zwar weniger als 0,1 Prozent des Gewinns im gleichen Jahr – eine eng bedruckte dreiseitige Liste präsentiert dennoch stolz die Beträge, von 5000 Dollar für ein Schul-Recyclingprogramm bis zu 730.000 Dollar für amerikanische Nationalparks. In Asien und Sibirien finanzierte das Unternehmen, dessen Logo schon lange ein Tiger ziert, zur Rettung der bedrohten Raubtiere den "Save the Tiger Fund". Für Peter Altman nur eine traurige Ironie: "Die Gefahr des Aussterbens der Tiger besteht ja auch deshalb, weil die Klimaveränderung ihren Lebensraum zerstören wird."

Für Kritiker wie Altman oder Greenpeace sind die Exxon-Mobil-Gaben zur Rettung bedrohter Arten nichts als Kosmetik über einer ziemlich hässlichen Fratze. Im Verdienen ist der Multi zwar die Nummer 1, beim Umweltschutz aber gehört er zu den Schlusslichtern. Beide Unternehmensteile standen in den letzten Jahren immer wieder als Öko-Sünder am Pranger. Australische Behörden verklagten Mobil wegen einer Ölpest, bei der 270.000 Liter ins Meer liefen. Mit der amerikanischen Umweltbehörde einigte sich die Firma auf ein Bußgeld von 1,5 Millionen Dollar wegen Wasserverschmutzung und unerlaubter Emissionen in einer kalifornischen Raffinerie. Und in Kanada riefen Umweltgruppen im vergangenen Jahr zum Boykott von Esso-Tankstellen auf, weil dort besonders schwefelreiches Benzin verkauft wurde.

An der Spitze der traurigen Öko-Bilanz des Konzerns steht die Katastrophe in Alakas Naturparadies Prince William Sound. Am 24. März 1989 lief dort der Tanker "Exxon Valdez" auf ein Riff, ein Viertel der Ladung von 160.000 Tonnen lief aus und verursachte die schlimmste Umweltkatastrophe der US-Geschichte. 2000 Kilometer überwiegend unberührter Küste wurden verseucht. Exxon zahlte im Lauf der Jahre als Entschädigung, für die Säuberung und an staatliche Stellen insgesamt 3,5 Milliarden Dollar. Gegen den gerichtlich verordneten Schadenersatz von weiteren fünf Milliarden Dollar für lokale Fischer geht der Konzern aber immer noch mit allen juristischen Tricks vor. Auf Entschädigungen von Exxon Mobil warten ebenfalls weiterhin Fischer in Nigeria, deren Fanggründe 1998 durch ein Leck in einer Pipeline verseucht wurden. Etwa 6000 Tonnen Rohöl entwichen in Küstengewässer. Und in New Orleans entschied ein Geschworenengericht jüngst, der Energiemulti müsse mit einer Strafe von einer Milliarde Dollar für die radioaktive Verseuchung eines Landstücks im Bundesstaat Louisiana. Dort waren jahrzehntelang strahlende Ablagerungen aus gebrauchten Exxon-Ölrohren herausgeholt und illegal liegen gelassen worden.

Der Konzern ist inzwischen nicht nur bei Umweltaktivisten in Verruf geraten, sondern auch unter Wissenschaftlern, die sich mit dem globalen Klimawandel beschäftigen. Das britische Fachmagazin Nature verzichtete in einem Leitartikel auf seine sonst übliche Zurückhaltung und beschuldigte Exxon Mobil der "Unaufrichtigkeit". Offenbar glaubt kaum ein Außenstehender noch, der Konzern sei tatsächlich an objektiven Forschungsergebnissen zum Klimawandel interessiert. Doch die wachsende Wut auf den Ölriesen bleibt vorläufig ohnmächtig, denn Exxon Mobil kann auf wohlgesonnene Politiker setzen. In Washington arbeitet eine Regierung, die bis in die höchsten Etagen mit ehemaligen Öl-Managern besetzt ist, vom Präsidenten und seinem Stellvertreter bis hinunter zur Handelsbeauftragten Kathleen Cooper. Sie wechselte direkt von Exxon Mobil ins Wirtschaftsministerium.

Der Ölkonzern spendete dem amtierenden Präsidenten im letzten Wahlkampf mehr als eine Million Dollar direkt. Und half damit einem Politiker ins Amt, der umsetzt, was der Energiegigant aus Texas schon immer gefordert hatte: "Wir bewegen uns von Kyoto weg", lautete die triumphierende Überschrift einer Exxon-Mobil-Anzeige kurz nachdem George W. Bush den Ausstieg der USA aus dem internationalen Klimaschutzabkommen verkündete. Und nur wenige Wochen später gab es ein weiteres Geschenk: Die US-Regierung plädierte ausdrücklich für Prassen statt Sparen; der "American Way of Life" solle fortgesetzt werden, und dazu, sagten Bush und sein Vize Dick Cheney, benötige das Land unter anderem mehr Öl und Erdgas. Neue Reserven der fossilen Brennstoffe finden sich auf US-Territorium vor allem in Alaska, unter der Tundra des Naturschutzgebiets Arctic National Wildlife Refuge – einer Förderstätte, welche die Ölmultis längst ins Auge gefasst haben. Exxon Mobil ist natürlich auch hier ganz vorne dabei.

Von THOMAS STRATMANN

Exxon in Zahlen

1999 schluckte der Konzern den Konkurrenten Mobil für 83 Milliarden Dollar. So entstand der größte Energiemulti der Welt. Mit 17,7 Milliarden Dollar Reingewinn erzielte er schon 2000 den höchsten Jahresprofit eines Privatunternehmens aller Zeiten: Knapp zwei Drittel davon erwirtschaftete Exxon Mobil außerhalb der USA, über die Tochterfirmen Standard Oil in Kanada sowie Esso in Asien, Afrika und Europa. Täglich 4,3 Millionen Barrel Öl und Gas pumpt der Konzern aus über 27.000 Anlagen, das sind 5,6 Prozent der Welt-Fördermenge. Neben Pipelines betreibt er eine Flotte aus 44 Tankern. Das Unternehmen steckt jährlich Milliarden in petrochemische Forschung und die Suche nach neuen Ölquellen. Im letzten Jahr wurde die 1,1 Milliarden teure Bohrplattform Hoover-Diana im Golf von Mexiko eröffnet. Ihre Leitungen fördern in der Rekordtiefe von 1600 Metern Öl im Wert von bis zu neun Milliarden Dollar.