Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.14

„Ohne Atomkraft wird der Planet gegrillt“

Text: Vito Avantario, Kurt Stukenberg

James E. Hansen ist einer der profiliertesten Klimawissenschaftler unserer Zeit: Schon 1981 sagte er als einer der Ersten den Klimawandel voraus. Heute verschreckt der Forscher die Umweltschützer mit der Forderung nach neuen Atomkraftwerken, um die Nutzung klimafeindlicher Kohle zu beenden

Paris. Ein viel zu warmer Wintertag im Januar. Ja, er stünde für ein Interview bereit, hatte Hansen per Mail geschrieben, allerdings nur, wenn wir ihm ein Sandwich zu unserem Treffen in die Hotellobby mitbrächten. In der Pause eines ermüdenden Kongresses der Internationalen Energieagentur (IEA) werde er zu uns stoßen, sagte Hansen. Er werde hungrig sein. 

Seit der ehemalige NASA-Wissenschaftler pensioniert ist, reist er nur noch aus zwei Gründen um die Welt: Zum einen wirbt er weiterhin stur für seine Forderung nach modernen Atomkraftwerken, weshalb ihn einige Wissenschaftskollegen und Umweltschützer für eine Nervensäge halten. Außerdem recherchiert er in der Wissenschaftsszene für den Briefroman, den er gerade schreibt.

Hansen hat 1981 als einer der ersten Forscher überhaupt vor den Folgen der globalen Erwärmung gewarnt. 33 Jahre später ist die Fieberkurve der Erde bereits um ein halbes Grad gestiegen. Die 19 heißesten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen 1880 wurden gemessen, nachdem Hansen den Klimawandel vorausgesagt hat. Deshalb fordert er moderne Atomreaktoren. Hansen hält sie für die saubere Alternative zu fossilen Energieträgern.

Der heute 73-jährige Pensionär wuchs mit fünf Schwestern und einem Bruder auf einer Farm in Iowa auf. Sein Vater James Ivan war Landwirt, seine Mutter Gladys Kellnerin. Mit seiner Familie lebt Hansen in New Jersey. Er wirkt fast scheu, als er durch die Glastür ins Foyer des Hotels kommt. Unter modischen Gesichtspunkten betrachtet, überrascht seine Erscheinung ein wenig: Hansen trägt dunkelblauen Anzug, mintgrünes Hemd, karierte Krawatte – und eine Art Akubra-Lederhut, wie er durch die Filmfigur Crocodile Dundee berühmt wurde.

Was hat der philosophische Kinderbuchklassiker „Sofies Welt“ mit dem Klimawandel zu tun? Meine Tochter ist Philosophiedozentin und hat mein ältestes Enkelkind nach der Protagonistin aus Jostein Gaarders Buch den Namen Sophie gegeben. Darin erzählt er die Geschichte der Philosophie. Seit einigen Monaten arbeite ich an einem ähnlichen Briefroman, den ich meiner Enkeltochter widmen möchte: Er wird „Sophies Planet“ heißen. Darin werden der Zustand der Welt und die Folgen des Klimawandels beschrieben. Außerhalb der Wissenschaft verstehen viele noch immer nicht die dramatische Lage, in der sich die Menschheit befindet. Mein Buch könnte das ändern.

Wie ist denn die Lage der Menschheit? Politik und Wirtschaft feiern derzeit neue Möglichkeiten der Ausbeutung fossiler Energien wie das Fracking, in der Hoffnung, dadurch die Energiepreise wieder senken zu können. Tatsächlich können wir es uns aber nicht leisten, die noch in der Erde vorhandenen Reserven an Öl, Kohle und Gas auszubeuten, wenn wir den Klimawandel aufhalten und den Planeten für nachkommende Generationen erhalten wollen. Selbst wenn wir heute den CO2-Ausstoß drastisch reduzieren, wird sich das Klimagas noch jahrzehntelang auswirken.

Deshalb machen Sie den Vorschlag, den Klimawandel zu bekämpfen, indem die Welt vermehrt auf Atomkraft setzt. Ist das nicht abwegig? Wir müssen begreifen, dass wir sehr schnell große Mengen klimaneutraler  Energieträger zur Verfügung stellen müssen. Energie ist der Schlüssel zu  Entwicklung und Bekämpfung der Armut. Bisher haben diese Aufgabe die Fossilen erfüllt. Von denen müssen wir uns aber nun endgültig befreien. Als bezahlbare Alternative kommt für mich vor allem die Atomkraft in Frage.

So setzen Sie Ihre Enkel, die Sie retten wollen, aber statt dem Klimachaos dem Strahlenrisiko aus. Natürlich ist Atomkraft nicht ohne Risiken. Die neue Generation der Atomreaktoren ist aber wesentlich sicherer als die jahrzehntealten Anlagen, die wir bisher kennen. Atomkraft bietet beim weltweiten Energiemix eine Option, die wir nicht aus ideologischen Motiven außer Acht lassen dürfen. Wir sollten uns an die Fakten halten.

Sie klingen, als seien Sie nach Ihrem Ausscheiden bei der NASA zum Atomlobbyisten geworden. Ich wusste, dass es öffentliche Kritik hagelt, wenn ich Positives über die Atomkraft sage. Aber ich würde mich schuldig fühlen, wenn ich als Klimawissenschaftler über das Potenzial der Atomenergie zum Schutz des Klimas schwiege, nur aus Angst vor der öffentlichen Resonanz: Ich bin zuversichtlich, dass in Atomkraftwerken neuen Typs ein Großteil des Strahlenmülls als Brennstoff wiederverwertet wird. So könnte die Menge hochradioaktiven Abfalls deutlich reduziert werden. Bereits in der Vergangenheit ist ein Versuch in diese Richtung unternommen worden. Mit dem System der Brutreaktoren ...

... die aber auch aufgrund des höheren Sicherheitsrisikos weitgehend gescheitert sind ...
... weswegen mehr in die Erforschung der Technik investiert werden sollte. Machen wir es nicht, werden es andere Länder tun.

Erneuerbare Energien sind eine sichere und klimafreundliche Alternative zur Atomkraft. Warum fordern Sie nicht einfach den Bau und die Weiterentwicklung solcher Anlagen? Die Nutzung von Biomasse treibt die Kosten für Nahrungsmittel in die Höhe. Dabei ist mir nicht wohl. Erneuerbare sind zwar eine Alternative zu Kohlestrom, haben aber negative Auswirkungen auf die Natur – denken Sie an Staudämme für Wasserkraftwerke oder an den großen Flächenverbrauch von Windrädern. Wir teilen uns den Planeten mit Tieren und Pflanzen und die brauchen Lebensräume. Ich glaube zwar nicht daran, dass Atomkraft für alle Staaten gleichermaßen eine Option ist. Aber es gibt Regionen, in denen ich für den ungeheuren Energiebedarf keine andere Lösung sehe: Wenn etwa ein Land wie China in den kommenden Jahrzehnten nicht massiv in Nuklearenergie investiert, wird unser Planet gegrillt.

Die Neubauten von AKWs in Finnland und Frankreich haben gezeigt, dass es viel länger dauert als gedacht, solche Anlagen zu errichten. Können wir es uns angesichts des engen Zeitplans für die Reduktion der Emissionen leisten, jahrelang auf neue Reaktoren zu warten? Nein. Und deswegen bereue ich es auch, nicht viel früher neue Reaktoren gefordert zu haben. Wer ist denn verantwortlich dafür, dass jahrelang nicht in neue Meiler investiert wurde?

Sagen Sie es uns. Dass erneuerbare Energien die bessere Lösung sind und zudem schneller aufzubauen seien, ist Propaganda mancher Umweltverbände, die Stimmung gegen die Atomkraft machen. Die Wahrheit aber ist: Frankreich hat lediglich zehn Jahre gebraucht, um den Anteil der Atomkraft an der  Stromerzeugung von acht auf nahezu 80 Prozent zu erhöhen.

Ebenso wahr ist aber auch, dass Deutschland es immerhin innerhalb von nur 15 Jahren geschafft hat, mit Erneuerbaren 25 Prozent seines Strombedarfs zu decken. Meinen Sie, der deutsche Sonderweg, nach Fukushima aus der Atomkraft auszusteigen, war ein Fehler? „The proof of the pudding is in the eating“, sagen wir in Amerika. Grundsätzlich finde ich es wunderbar, dass eine Industrienation versucht, den Energiebedarf mit Erneuerbaren und ganz ohne Atomkraft zu decken. Deutschland ist ein reiches Land und hat sehr viele fähige Ingenieure. Es hat das Potenzial, diese Herausforderung zu meistern. Im Moment sehe ich aber auch, dass Deutschland die höchsten CO2-Emissionen aus Kohle seit den 90er-Jahren aufweist.

Mr. Hansen, Sie werden nicht nur von Kollegen kritisiert, auch von Vertretern der NGOs. Kürzlich haben Sie öffentlich behauptet, die Umweltverbände wüssten, dass neue Atomkraftwerke nötig seien. Sie sprächen sich bloß nicht dafür aus, weil sie fürchteten, dass ihnen sonst die Mitglieder davonlaufen. Halten Sie das wirklich für den Grund? Ich habe mit Vertretern vieler Umweltorganisationen gesprochen. Nach und nach habe ich diesen Eindruck gewonnen, ja. Und das ist sicher nicht der einzige Grund: In den letzten Jahrzehnten hat es eine ungeheure Indoktrination gegeben, durch die die Menschen sich bei dem Gedanken an Atomkraft unwohl fühlen. Die allermeisten Menschen sind aber keine Physiker. Sie verstehen vieles einfach nicht. Dann erklären Sie es bitte. Schauen Sie sich die Stäube an,  die in die Luft steigen, wenn fossile Energien verbrannt werden: Bei der Betrachtung im Mikroskop kann man die winzigen, dreckigen Partikel, die millionenfach aus Schornsteinen und Auspuffen quellen, sehr gut beobachten. Wir atmen sie ein und sie verteilen sich im ganzen Körper bis in die Blutbahnen. Wir wissen inzwischen, wie schädlich diese Partikel sind und wie viele Menschen dadurch sterben. Radioaktivität dagegen ist etwas Natürliches, die Menschheit hat schon immer mit den Auswirkungen natürlicher Strahlung gelebt. Ich habe zusammen mit Kollegen für einen wissenschaftlichen Beitrag einmal die Toten durch Verbrennung von Kohle und durch Unfälle in Atomreaktoren und radioaktive Strahlung verglichen. Letztere ist nicht mal für einen Bruchteil der Sterberate verantwortlich.

Sie vergleichen wirklich die Zahl der Toten durch das Verbrennen fossiler Energien mit jenen Menschen, die durch Strahlung gestorben sind? Finden Sie das nicht zynisch? Ich würde sagen, diese Art von Kalkulationen sind das, was wir objektive Wissenschaft nennen.

Und welche objektiven Lehren ziehen Sie dann aus dem Atomunfall in Fukushima? Dieser Unfall hätte vermieden werden können. Position und Aufbau der Reaktoren waren nicht ausreichend gut durchdacht. Ich stelle Ihnen eine Gegenfrage: Wenn es einen Flugzeugabsturz gibt, stellen Sie dann gleich die gesamte Luftfahrt in Frage? Nein, Sie arbeiten daran, bessere Maschinen zu bauen.

Warum wird ein früherer NASA-Wissenschaftler, dessen Forschungsschwerpunkt nicht die Erde, sondern lange Zeit die Venus war, eigentlich Klimaaktivist? Politisch aktiv zu werden, also aus dem wissenschaftlichen Hintergrund in die Öffentlichkeit hinauszutreten, war keine bewusste Entscheidung von mir. Als ich in den 80er-Jahren vor dem US-Kongress über den Klimawandel sprach, habe ich gemerkt, dass mir die Rolle des öffentlich appellierenden Experten nicht behagt. Ich bin ein eher schüchterner Mensch. Doch kurze Zeit später habe ich, durch Studenten animiert, an einer Demonstration gegen die Kohleförderung in Virginia teilgenommen und wurde prompt verhaftet. Das war der Beginn meiner Laufbahn als Aktivist.

Aber Klimawissenschaft muss objektiv und glaubwürdig sein. Schaden Sie Ihren ehemaligen Kollegen und der gesamten Forschung nicht, wenn Sie als einer ihrer prominentesten Angehörigen als Demonstrant auftreten? Natürlich muss Wissenschaft objektiv sein. Wenn Wissenschaftler sich aber ausschließlich ihrer Forschung widmen und es der Politik überlassen, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen, bewegt sich nichts oder zu wenig. Das ist meine Erfahrung. Daher denke ich nicht, dass es irgendeinen Grund gibt, warum Wissenschaftler nicht auch die politischen Schritte begleiten sollten.

Sie wurden 1988 von US-Vizepräsident Dick Cheney eingeladen, einen Vortrag vor der Energy-Taskforce von Präsident Bush zu halten. Wie hat die Politik damals reagiert? Ich hatte mich dazu entschlossen, mit meinem Vortrag über die Auswirkungen der Verbrennung von Kohle und Öl auf das Klima unseres Planeten aufzuklären. Einige Leute im Weißen Haus waren davon aber nicht begeistert. Sie kontaktieren meinen Arbeitgeber, die NASA, und wirkten darauf hin, dass ich nicht mehr in der Öffentlichkeit spreche. Von diesem Zeitpunkt an wurden Gesprächspartner, die ein Interview von der NASA wollten, an andere Wissenschaftler verwiesen. Da habe ich begriffen: Es ist nicht möglich, die  US-Politik davon zu überzeugen, sich von fossilen Energieträgern zu verabschieden. Also machte ich die Geschichte in der New York Times publik.

Hat sich dadurch auch Ihre Sichtweise auf die Wissenschaft verändert? Die damalige Erfahrung machte mir klar, dass ich als Wissenschaftler auch eine gesellschaftliche Verantwortung habe und die Ergebnisse meiner Forschungen der Öffentlichkeit mitteilen muss. Heute ermuntert die Politik die Energieindustrie ja dazu, die verbliebenen Kohle- und Ölreserven bis auf den letzten Rest zu fördern, sogar die besonders klimaschädlichen Teersande. Vorträge zu halten, reicht da nicht mehr, wir müssen gemeinsam politisch handeln.

Umweltverbände mischen sich seit Jahrzehnten ein und fordern bei Klimaverhandlungen ein Umdenken der Politik. Dennoch tut sich wenig. Haben die NGOs versagt? Ich halte die Umweltverbände, wie auch einige linke Politiker, für einen Teil des Problems. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den USA gibt es eine Debatte darüber, eine Abgabe auf fossile Energieträger, eine CO2-Steuer, einzuführen ...

... aber einen solchen Vorschlag unterstützen die Umweltgruppen doch auch ... Ja, aber die Erlöse aus dieser Steuer sollten nicht der Staatskasse zugutekommen, sondern per Umlage direkt zurück an den Verbraucher fließen. Die NGOs und Teile der Linken wollen dieses Geld entweder für  Klimaschutzprojekte oder für soziale Wohltaten ausgeben. Das gibt den Konservativen die Möglichkeit, den Vorschlag mit dem Argument zu diskreditieren, dadurch werde noch mehr Regulierung geschaffen und der Staatsapparat aufgebläht – so hat es der Vorschlag schwer, gehört zu werden. Dass ich zudem die Verweigerungshaltung der Umweltgruppen gegenüber der Atomkraft als klimafreundliche Energie für falsch halte, haben wir schon besprochen.

Welche Hoffnung haben Sie für den Klimagipfel dieses Jahr in Paris? Die zentrale politische Forderung ist die Einigung der wichtigsten Wirtschaftsmächte USA, EU und China auf die Einführung von CO2-Steuern. Das muss jetzt dringend umgesetzt werden. Aus meiner Sicht wird das in den UN-Klimagremien mit 190 Mitgliedern aber nicht erreicht. Trotzdem ist es möglich, in den nächsten zwei Jahren einen neuen internationalen Klimavertrag zu schließen. Ein Vertrag, der ähnlich aussieht wie das Kyoto-Protokoll, bei dem sich die Industriestaaten auf Minderungsziele für Kohlendioxid geeinigt haben, wird allerdings nicht reichen, und es wird ihn in dieser Form wohl auch nicht noch einmal geben.

Das Interview führten Vito Avantario und Kurt Stukenberg

Hansen ist Physiker und Mathematiker. 1981 hat er den Posten als Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA übernommen. Noch im selben Jahr warnte er in Fachzeitschriften vor der globalen Erwärmung. Im heißen Juni 1988 sprach er vor der US-Senatskommission für Energie und natürliche Ressourcen über die Folgen des Treibhauseffekts. Mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit, sagte Hansen damals in seinem Midwest-Akzent, sei die bis dahin beobachtete Erderwärmung nicht mit natürlichen Schwankungen zu erklären. Als er 1989 erneut vor dem Ausschuss erscheinen sollte, wurde sein Skript vorab von Mitarbeitern der Regierungsstelle geändert. Danach kämpfte Hansen gegen den Einfluss der Politik auf seine Forschungsergebnisse und prangerte das Vorgehen der Bush-Regierung in Interviews an. Hansen wurde immer mehr zum Aktivisten: Seit Jahren schreibt er etwa Briefe an Regierungen, um sie auf Missstände aufmerksam zu machen. Kritiker werfen ihm vor, durch sein politisches Engagement und seinen „Alarmismus“ die Glaubwürdigkeit der gesamten Klimaforschung aufs Spiel zu setzen. So warnte Hansen in den letzten Jahren, der eskalierende Klimawandel werde die Ozeane zum Kochen bringen und die Erde, fast wie die Venus, unbewohnbar machen. Der Harvard-Umweltwissenschaftler Daniel P. Schrag, über die Erwärmung ebenfalls „tief besorgt“, kommentierte das in der New York Times: „Ich habe großen Respekt vor Jim. Aber in diesem Fall muss ich sagen: Hansen übertreibt.“