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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.04

Profit aus der Pulle

Text: Marlies Uken

Weltweit boomt das Geschäft mit Flaschenwasser. Nestlé und Co. profitieren vom Mangel an sauberem Trinkwasser in Entwicklungsländern.

Welches Wässerchen darf es denn sein: Für den Kenner ein moussierendes „San Pellegrino“, abgefüllt im italienischen Bergamo? Oder doch lieber ein stilles „Contrex“ aus den französischen Vogesen? Der Lebensmittelkonzern Nestlé hält für jeden das passende Getränk bereit. Mit seinen 77 Marken, von „San Pellegrino“ bis zur „Fürst Bismarck Quelle“, ist „Nestlé Waters“ Marktführer im Geschäft mit dem Flaschenwasser. Rund 5,3 Milliarden Euro Umsatz schwemmte es letztes Jahr in die Konzernkasse. Bis 2010 wollen die Schweizer den Umsatz verdoppeln.

Weltweit boomt das Geschäft mit dem kostbaren Nass. Allein im vergangenen Jahr verkaufte die Branche insgesamt 138 Milliarden Liter abgefülltes Wasser – pro Kopf sind das 22 Liter. Selbst im Coca-Cola-Land USA haben Tafel- und Mineralwasser mittlerweile höhere Zuwachsraten als Softdrinks.

Doch für einen Großteil der Konsumenten ist Flaschenwasser alles andere als ein modisches Lifestyle-Getränk. Sie haben keine andere Wahl, als zur Flasche zu greifen. Vor allem in den Ländern des Südens fehlt zahllosen Menschen der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Eine Marktlücke für die Lebensmittelkonzerne: So führte Nestlé 1998 in Pakistan ein preiswertes Tafelwasser als Massenprodukt ein. „Pure Life: Geschaffen, um den Bedarf an sauberem Trinkwasser in Entwicklungsländern zu decken“, wirbt das Unternehmen für seine nicht gerade selbstlose Entwicklungshilfe. Dank einer aggressiven Werbekampagne kam „Pure Life“ bereits nach sechs Monaten auf einen Marktanteil von 50 Prozent; inzwischen hat es auch in China, Thailand und Brasilien Einzug gehalten. Die Konkurrenz zieht nach: Danone (Evian, Volvic), Coca-Cola (Dasani) und Pepsi (Aquafina) wollen sich ebenfalls Absatzmärkte in aufstrebenden Ländern sichern und kaufen deshalb in Asien, Südamerika und Osteuropa lokale Abfüller auf.

Probleme wirft dieser Wasserfeldzug nicht nur auf, weil Millionen von Plastikflaschen rund um die Welt transportiert werden und als Müll enden. Menschenrechts-Aktivisten wie Bernhard Wiesmeier von „Brot für die Welt“ fürchten, dass die Armen auf dem Trockenen sitzen bleiben. So pumpte etwa Coca-Cola im indischen Bundesstaat Kerala bis vor kurzem 350.000 Liter Grundwasser täglich ab, um Softdrinks zu mixen und „Kinley“-Tafelwasser zu produzieren. Als Folge fielen die Brunnen in der Umgebung trocken, sauberes Wasser gab es nur noch mehrere Kilometer weit entfernt. Ihr einstiges Brunnenwasser, jetzt verpackt in Plastikflaschen, konnten sich nur noch wenige Menschen leisten. Nach Protesten der Bevölkerung verurteilte ein Gericht Coca-Cola, den Betrieb einzustellen. „Wasser sollte ein öffentliches Gut sein, zu dem jeder Zugang hat“, mahnt Wiesmeier, „kein Wirtschaftsgut, das Konzerne an eine Oberschicht teuer verkaufen.“

Obwohl die Deutschen wohl kaum unter Wassermangel leiden, trinken auch sie immer häufiger aus der Flasche. Allein die stillen Wasser verzeichneten im vergangenen Jahr ein Absatzplus von 39 Prozent auf 340 Millionen Liter. Das kann Hermann Dieter vom Berliner Umweltbundesamt nicht begreifen: Leitungswasser sei meist von ebenso guter Qualität wie Flaschenwasser, manchmal besser. Der Hamburger Wasserexperte Klaus Lanz hält das Phänomen für einen reinen Marketing-Erfolg: Normales Wasser verwandele sich auf wundersame Weise in einen Wellness-Drink. Denn in der Regel nutzen die Hersteller dasselbe Grundwasser, das auch das öffentliche Leitungsnetz speist.

So musste Coca-Cola im Frühjahr eingestehen, dass sein in England neu eingeführtes Tafelwasser „Dasani“ nicht aus edlen Quellen stammte, sondern aus dem Londoner Wassernetz – und obendrein mit Schadstoffen verunreinigt war. Der gepanschte Sprudel kostete 3000 Mal so viel wie ganz gewöhnliches Wasser aus der Leitung.


Qualitätsstufen
Heilwasser braucht als Arzneimittel eine Zulassung, darf aber auch in Supermärkten verkauft werden. Natürliches Mineralwasser muss aus einer Quelle oder einem unterirdischen Wasservorkommen stammen, einen konstanten Mineraliengehalt haben und darf nicht angereichert werden. Die Quelle muss auf der Flasche angegeben sein. Quellwasser ist von geringerer Qualität, da der Mineraliengehalt nicht konstant sein muss, stammt jedoch aus einer einzigen Quelle. Tafelwasser darf hingegen aus Quell- und Oberflächenwasser gemischt und mit Mineralien künstlich angereichert werden.

Marken und Konzerne

Nestlé: u.a. Acqua Panna, San Pellegrino, Perrier, Vittel, Contrex, Aquarel, Pure Life, Fürst Bismarck, Harzer Grauhof
Danone: Volvic, Badoit, Evian
Coca-Cola: u.a. Bonaqua, Dasani, Kinley
Pepsi: Aquafina