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Rauchen ­zerstört die Umwelt

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.11

Rauchen ­zerstört die Umwelt

Text: Kurt Stukenberg

Rauchen verursacht 
Herzinfarkt, Diabetes, 
Impotenz, grauen 
Star und Krebs. Das ist ­bekannt. Doch die Lust 
am blauen Dunst ist 
auch für Ab­holzungen, 
un­­frucht­bare Böden 
und Kin­der­­­­arbeit 
ver­­­­­­­­­­­­antwortlich. Und 
Ziga­retten­­stummel 
sind inzwischen das 
größte Müll­problem 
an den Meeresküsten 
in aller Welt

Waldsterben für die Zigarette
In Malawi gibt es ganze Landstriche, auf denen fast nichts mehr wächst. "Überall, wo jetzt Tabak steht, war früher einmal Wald", sagt Kondwani Munthali dem Greenpeace Magazin. Er ist malawischer Journalist und arbeitet für die American Cancer Society. "Im Distrikt Kasungu haben die Tabakbauern tausende Hektar Wald gerodet. Auch nahe der Stadt Mangochi, im Südosten Malawis, wurde lange Zeit Land für den Tabakanbau urbar gemacht. Als der Boden nichts mehr hergab, zogen die Bauern weiter - nun ist dort Wüste."

Die Entwicklung in dem kleinen ostafrikanischen Land zeigt beispielhaft den Raubbau an der Natur, wie er auch in anderen Tabakanbauländern stattfindet. Trotzdem ist Malawi ein Sonderfall, denn es hat seine Wirtschaft wie kein zweiter Staat der Erde auf das "Grüne Gold" ausgerichtet: Malawi ist abhängig vom Geschäft mit dem Rauchen. Obwohl das Land nicht mal halb so groß ist wie Italien, konkurriert Malawi mit den Großproduzenten China, Brasilien, Indien und Indonesien. Es gehört zu den fünf größten Tabakproduzenten der Welt und erzielt damit 55 Prozent seiner Exporteinnahmen. Vier Fünftel der Menschen verdienen ihr Geld direkt oder indirekt mit dem Anbau. In den Zigaretten, die es in Deutschland zu kaufen gibt, findet sich meistens auch Tabak aus Malawi.

Doch Naturzerstörung für den blauen Dunst ist ein globales Problem: Weltweit wurden zwischen 2000 und 2005 rund 13 Millionen Hektar Wald in etwa die Fläche von Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz zusammen für den Tabakanbau abgeholzt, schätzt die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO. Ein Großteil dieser Rodungen fand in Lateinamerika, Asien und Afrika statt. Denn während Tabak früher vor allem in den USA und Europa wuchs, kommen heute 85 Prozent aus Entwicklungs- und Schwellenländern.

In afrikanischen Ländern wie Malawi wirkt sich die jahrelange Abholzung drastisch aus: "Die schwindenden Waldflächen verändern auch das Klima und die Flüsse versickern im kahlen Boden", erzählt Munthali. Auch in anderen Tabakländern Afrikas, wie Simbabwe, Sambia und Mosambik allesamt unter den Top 15 der weltgrößten Anbauländer wird seit Jahrzehnten Wald gerodet. Davon besonders betroffen ist die Miombowaldzone. Hier befindet sich mit 3,4 Millionen Quadratkilometern der größte zusammenhängende Trockenwald der Erde und erstreckt sich über das südliche Zentralafrika. Seit Jahrzehnten wird die Baumsavanne für Tabakfelder und Feuerholz immer weiter zerstört.

Und auch der Boden nimmt Schaden: Denn damit aus dem höchstens ein Millimeter großen Samenkorn die bis zu zwanzig große Blätter tragende Pflanze wird, sind viele Pestizide und Dünger nötig. Das giftige Nikotin, das süchtig macht, bildet die Pflanze in den Blättern. Sie schützt sich damit gegen Fressfeinde. Um diesen natürlichen Schutz künstlich anzuregen, düngen die Tabakbauern mit großen Mengen Nitrat. Zusätzlich werden die Blütenstände und Seitentriebe immer wieder beschnitten. So erhöht sich der Nikotingehalt in den Blättern. Hinzu kommt: Tabak entzieht dem Boden fünfmal mehr Nährstoffe als andere Nutzpflanzen wie Reis, Soja oder Mais. 

Dies liege vor allem am häufigen Stutzen der Pflanze, sagt Helmut Geist. Er ist Wirtschaftsgeograf und Mitglied der Arbeitsgruppe Tabak der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Schon nach wenigen Anbauperioden sind die Böden so ausgelaugt, dass auf ihnen erst einmal nichts mehr wächst dann müssen neue Gebiete gerodet werden", sagt Geist. Die Pflanzen wachsen auf riesigen Feldern in Monokulturen und stehen dicht an dicht. Dadurch belasten sie nicht nur die Böden stärker als in einer Mischkultur, sondern werden auch anfälliger für Pilze, Viren und Schädlinge. Um diese zu bekämpfen, würden bis zu 150 verschiedene Chemikalien eingesetzt, erklärt Geist. Dazu gehören nach Informationen der "Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung" auch Aldicarb und Chlorpyrifos. Diese Stoffe können beim Menschen genetische Defekte sowie Nieren- und Leberschäden, Sehstörungen und Atembeschwerden hervorrufen. Wenn sie ihren Zweck erfüllt haben, versickern sie im Boden und belasten Grundwasser, Flüsse und Seen. Rückstände von Chlorpyrifos konnten bis zu 25 Kilometer von Feldern entfernt nachgewiesen werden. 

Kinder schuften für die Milliardenkonzerne 
Oft sind es die Ärmsten, die auf Plantagen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. "In Malawi arbeiten 300.000 Wanderarbeiter für die Großgrundbesitzer", sagt Laura Graen. Die Ethnologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Initiative "unfairtobacco.org" der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung. Sie hat das Land mehrmals besucht, zuletzt 2009. "Die Arbeits-nomaden werden zunächst für eine Saison auf den großen Plantagen beschäftigt. Der Eigentümer stellt Nahrungsmittel, Saatgut und Pestizide zu oft überhöhten Preisen auf Kredit zur Verfügung. Ihre Schulden sollen die Bauern dann nach Verkauf des Rohtabaks zurückzahlen", berichtet sie dem Greenpeace Magazin. Die Bauern seien den Großgrundbesitzern ausgeliefert, denn schriftliche Verträge gebe es fast nie. Meist bleiben ihnen für eine ganze Saison abzüglich aller Kosten nur 70 Euro übrig, oft sogar weniger. Dies zwingt viele Familien, auch ihre Kinder auf die Felder zu schicken.

Das Kinderhilfswerk Plan International hat das Problem der Kinderarbeit untersucht. 2009 reisten Mitarbeiter nach Malawi in die Anbauregionen Lilongwe, Mzimba und Kasungu. Ihren Angaben zufolge schuften landesweit etwa 78.000 Kinder auf Tabakplantagen. Der Journalist Munthali bestätigt das: "Während der Ernte und Aufbereitung des Tabaks zwischen Februar und März müssen sogar noch mehr Kinder arbeiten. In dieser Zeit sind bis zu 150.000 in der Tabakindustrie tätig." Der Teufelskreis aus Armut, mangelnder Bildung und Kinderarbeit beginnt auf den Feldern. Denn statt die Schule zu besuchen, stehen die Jüngsten in den Pflanzungen und arbeiten für einen Hungerlohn. "Mehr als drei Viertel aller Schüler erscheinen dann nicht zum Unterricht", sagt Munthali.

Die kleinen Feldarbeiter schilderten den Mitarbeitern von Plan ihre unwürdigen Arbeitsbedingungen. In Schichten von bis zu zwölf Stunden verrichten sie schwere körperliche Arbeit: Sie graben Löcher für die Pflanzungen, transportieren die schweren Tabakballen. "Selbst wenn man nach Hause geht, hören die Schmerzen nicht auf und es fällt schwer zu schlafen. Manchmal sind die Schmerzen sogar noch da, wenn wir am nächsten Morgen aufwachen", erzählte ein Kind aus der Region Mzimba. Immer wieder müssen sie mit Dünger hantieren und die Pflanzen mit giftigen Pestiziden besprühen. Schutzkleidung gibt es dafür nicht. Sogar Fälle von sexuellen Übergriffen auf minderjährige Mädchen werden in dem Report von Plan geschildert. Im Schnitt wurden die Kinder für ihre Arbeit mit zwölf Eurocent am Tag abgespeist. Das reicht noch nicht einmal für 500 Gramm Reis. Die würden einen fünffachen Tageslohn kosten.

Zu ihrer Tätigkeit gehört auch, die Qualität der Blätter zu ermitteln und den Tabak zu ernten. Um festzustellen, ob der Tabak reif ist, müssen sie Oberfläche und Dicke des Blattes abtasten. Von der Saat bis zum Verkauf kommen sie so 30- bis 50-mal in direkten Kontakt mit jeder einzelnen giftigen Pflanze. Wie Plan herausgefunden hat, nehmen Kinder während der Arbeit täglich bis zu 54 Milligramm gelöstes Nikotin über die Haut auf. Das ist so viel, als rauchten sie 50 Zigaretten täglich. 

Viele von ihnen leiden deshalb unter der "Grünen Tabakkrankheit". Sie haben Husten, Atembeschwerden, leiden an Übelkeit. "Das sind Anzeichen für eine akute Nikotinvergiftung", sagt Martina Pötschke-Langer. Sie ist Leiterin der Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die Langzeitfolgen seien schwere neurologische Schäden und Krebs. Würden die Kinder Handschuhe und wasserundurchlässige Schutzkleidung tragen, ließe sich das vermeiden.

Tabaktrocknung mit Urwaldholz
Nach der Ernte werden die Blätter sortiert, gebündelt und zur Trocknung aufgehängt. Je nach Sorte gibt es unterschiedliche Verfahren: Dem hellen Virginia-Tabak wird fast immer mit energieintensiver Heißtrocknung die Feuchtigkeit entzogen. Dabei wird Luft in langen Röhren erhitzt und zu den Blättern geleitet. Gut eine Woche müssen die Blätter bei über 70 Grad Celsius in Trockenschuppen hängen. Bei diesem Prozess kommt es zu chemischen Reaktionen, die Zuckerverbindungen aufbauen und dem Tabak eine milde Note verleihen. Weil es in den afrikanischen Anbauländern sowie in Brasilien meist an Transportnetzen und Geld für Gas, Öl und Kohle fehlt, werden knapp 62 Prozent der weltweiten Ernte mit Holz getrocknet.
Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat in einer Studie über die Umweltauswirkungen des Tabakanbaus von 2009 die verfügbaren Daten ausgewertet: Um ein Kilo Virginia-Tabak zu trocknen, sind über acht Kilo Holz nötig. In Malawi werden dafür vor allem ?die gut brennbaren, harten Urwaldbäume genutzt, die wegen ihrer hohen Rauchentwicklung besonders beliebt sind. Weiterer Holzeinschlag ist die Folge.

Die daraus entstehenden Probleme hat die Tabakindustrie inzwischen erkannt und große Wiederaufforstungsprogramme umgesetzt. Philip Morris International, nach eigenen Angaben der größteAbnehmer von Tabak aus Malawi, erklärt auf Anfrage: "In unserem Auftrag wurden seit 2001 mehr als 75 Millionen Bäume in Malawi gepflanzt." Doch ob diese Anstrengungen tatsächlich etwas bringen, ist umstritten. "Neue Bäume zu pflanzen ist zwar besser als nichts, aber den wertvollen Primärwald können sie nicht ersetzen", sagt Laura Graen. Zumal die Konzerne oftmals Eukalyptus pflanzen lassen. Der wächst zwar schnell, dafür saugen die Bäume mit ihren meterlangen Wurzeln große Mengen Wasser aus dem Boden. Das macht vieles nur noch schlimmer: Sinkt der Grundwasserspiegel merklich ab, wird es für andere Pflanzen schwieriger, auf der ausgedörrten Erde zu wachsen. Zudem eignet sich Eukalyptus nur schlecht zur Tabaktrocknung, weil die Öle des Baumes auf die Tabakblätter übergehen und den Geschmack verändern. Da in Malawi aber nun vermehrt die Sorte? Burley statt Virginia kultiviert wird, bessere sich die Situation, so Graen. Dabei kommt die Heißtrocknung nicht zur Anwendung.

Auch auf das Problem der Kinderarbeit hat Philip Morris reagiert: Das Unternehmen engagiert sich in der Stiftung zur Abschaffung der Kinderarbeit in der Tabakindustrie ECLT, einer im Jahr 2001 von den großen Konzernen in der Schweiz gegründeten Organisation. Nach eigenen Angaben arbeitet sie mit Regierungen in den Anbauländern zusammen, um Programme gegen Kinderarbeit auf den Weg zu bringen. "Wir haben allerdings keine direkten Verträge mit den Bauern, weil die malawische Regierung vorschreibt, dass Tabak nur an der Börse gehandelt werden darf das reduziert unseren Einfluss auf die Lieferkette", sagt Iro Antoniadou von Philip Morris. Das Unternehmen setze sich für direkte Verträge ein, damit der Rohtabak nicht mehr ausschließlich über Börsen gehandelt werden muss.

In Brasilien hingegen wird fast der gesamte Export direkt mit den Konzernen abgewickelt. Die Arbeitsbedingungen dort seien aber ebenfalls problematisch, kritisiert Laura Graen. "Da bei direkten Verträgen kein Wettbewerb zwischen den Unternehmen herrscht, sind die Bauern ihrem Abnehmer ausgeliefert." Zudem bewerteten die Abnehmer den Tabak meist selbst und könnten beispielsweise behaupten, die Ware sei von niedriger Qualität, um so Preisnachlässe zu erzwingen.

Ob Direktverträge den Bauern in Malawi nutzen würden, ist also fraglich. Derzeit sind sie aber mit viel gewaltigeren Problemen konfrontiert: Eine schwere Wirtschaftskrise plagt das Land. Der Preis für Rohtabak hat einen historischen Tiefstand erreicht. Daran ist vor allem die Überproduktion schuld: Jahrzehntelang wurden Tabakmonokulturen vom Staat auch mit Krediten der Weltbank und Unterstützung des Internationalen Währungsfonds gefördert. 

Aussteigen aus dem Geschäft mit dem Rauchen können Bauern nur sehr schwer, denn während die Tabakbranche im eigenen Land gut organisiert ist, gibt es für den Verkauf anderer landwirtschaftlicher Produkte kaum Infrastruktur. Für Getreide, Kartoffeln und Hirse bliebe also nur der Straßenverkauf. Einzige Alternative: eine zweifelhafte Zukunft im Tabakanbau.

Die Müllberge der Raucher
Mit dem Tabakrauch werden tausende Gifte inhaliert. 90 dieser Stoffe sind mögliche oder tatsächliche Krebserzeuger. Deren Wirkung wurde bisher vor allem in Bezug auf die Gesundheit des Menschen untersucht, doch dessen Sucht ist für die Umwelt nicht weniger schädlich: Denn auch in den Zigarettenkippen sind die Giftstoffe zu finden. Rund 50 Prozent des Teers bleiben in den Filtern aus Celluloseacetat zurück. Achtlos weggeworfen, geben sie Substanzen wie die krebserregenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) sowie Nikotin, Arsen und Schwermetalle an die Umwelt ab. Beispiel Cadmium: "Landet diese Substanz aus den Zigarettenkippen im Meer, reichert sie sich in der marinen Nahrungskette an und landet potenziell als Thunfischsteak wieder auf unseren Tellern", sagt Bernhard Schnetger, Leiter der anorganisch-chemischen Analytik am Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg, dem Greenpeace Magazin. Bisher gebe es jedoch kaum Erkenntnisse über die genaue Menge an Giftstoffen und Schwermetallen, die über Zigarettenfilter ins Meer gelangt.

Die San Diego State University hat 2009 eine der bisher wenigen Untersuchungen hierzu durchgeführt: In einem Experiment mit Wasserflöhen starben 100 Prozent der Tiere innerhalb von 48 Stunden, nachdem sie einer Konzentration von zwei benutzten Zigarettenfiltern pro Liter Wasser ausgesetzt wurden. Nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) reicht eine einzige Zigarettenkippe aus, um 40 Liter Grundwasser zu verseuchen. 

Die Verschmutzung der Meere ist in vollem Gange. Laut UN-Umweltprogramm stammen 40 Prozent des Mülls in den Weltmeeren aus Kippen und Verpackungen das ergab eine Untersuchung im Mittelmeerraum. Zigaretten und Zigarettenfilter machen demnach außerdem den weltweit größten Anteil an Müllobjekten an den weltweiten Stränden und Küsten aus. Jährlich würden laut UN doppelt so viele Kippen wie Plastiktüten gefunden. Besonders kritisch sei, dass die Filter im Wasser nicht verrotteten, erklärt das Umweltbundesamt. Es dauere viele Jahre, bis ?sie in Einzelteile zerfielen. Die toxischen Zigarettenkippen müssten als Sondermüll behandelt werden, fordert Martina Pötschke-Langer vom deutschen Krebsforschungszentrum im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin.

Die Herstellung einer Filterzigarette dauert Monate, erfordert viel Arbeitskraft und zerstört Wälder und Böden. In nur fünf Minuten ist dieses aufwändig hergestellte Produkt geraucht. Doch seine Abfälle belasten noch jahrelang die Gewässer und treiben in Müllteppichen auf den Ozeanen der Welt.

ZAHLEN & FAKTEN
Gerauchte Zigaretten in Deutschland im Jahr 2010: 78.468.000.000
13.000.000 Quadrat­kilo­meter Wald wurden zwischen 2000 und 2005 für den Tabakanbau abgeho­­­lzt
­­62 Prozent der weltweiten Tabakernte trocknen über Holzfeuer. Dabei werden durchschnittlich acht Kilo Holz für ein Kilo Tabak verfeuert 
300.000 Wanderarbeiter und 78.000 Kinder schuften in Malawi auf Tabakplantagen
40 Liter Grundwasser werden durch einen einzigen weggeworfenen Zigarettenstummel ­verun­reinigt
Text: Kurt Stukenberg

"Sonnenblumen statt Chemie"

Die "Santa Fe Natural Tobacco Company" aus New Mexico vertreibt Tabak aus ökologischem Anbau. Wie die Vertragsbauern ohne Pflanzenschutzmittel auskommen, erzählt Mike Little, Betriebsleiter bei Santa Fe in den USA

Ihre Marke "Natural American Spirit" bieten Sie auch als Ökotabak an. Kann man den bedenkenlos qualmen? Bei all unseren Zigaretten und Dreh­tabaken verzichten wir auf zahlreiche künstliche Stoffe wie Feuchthaltemittel, Abbrennhilfen und Aromen. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Zigaretten weniger gesundheitsschädlich sind.

Und was macht den Ökotabak aus? Wir verzichten auf den Einsatz von Chemikalien. Zur Unkrautbekämpfung pflanzen wir Zwischenfrüchte an. Die unterdrücken das Wachstum von unerwünschten Pflanzen und Gräsern. Am besten eignen sich dafür Erbsen, Bohnen und Sommerhirse. Gegen die Insekten kämpfen wir mit Sonnenblumen: Die locken Marienkäfer an, die Blattläuse und andere Schädlinge fressen. Wenn die Sonnenblumen ihre Kerne ausbilden, locken sie außerdem Vögel an, die ebenfalls Insekten vertilgen.

Im konventionellen Anbau werden mehr als 100 Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Sonnenblumen sollen all diese ersetzen können? Ja, absolut. Wir bestücken die Tabakfelder auch noch mit vielen andere Pflanzen, die noch mehr Tiere anlocken. Das erhöht die Artenvielfalt und fördert das biologische Gleichgewicht. Eine sterile Monokultur ist viel anfälliger für Krankheiten und Schädlinge als ein buntes Feld mit verschiedenen Pflanzen und Tieren.

Benutzen Sie Dünger? Wir benutzen einen Biodünger namens "Nature Safe", eine Mischung aus Knochenmehl, Mikroorganismen, Humus und anderen natürlichen Zutaten. Zusätzlich regulieren wir mit Schwefel und Kalk den pH-Haushalt des Bodens, damit die Tabakpflanzen opti­mal wachsen können. Wenn der Tabak geerntet ist, werden auf den Feldern eine Zeitlang andere Pflanzen angebaut, um dem Boden wieder Nährstoffe zuzuführen. Da haben sich vor allem verschiedene Weizenarten, aber auch Knoblauch und Pilze bewährt.

Warum ist ihr Ökotabak nicht mit dem EG-Ökosiegel ausgezeichnet? Wir haben die Ökozertifizierung des amerikanischen Landwirtschaftsminis­teriums, es kann sein, dass die Anforderungen des europaweiten Siegels etwas anders sind. Wir sind mit dem EG-Ökosiegel nicht vertraut und haben uns mit dieser Zertifizierung bisher nicht befasst.

Vor einigen Jahren wurde die "Santa Fe Natural Tobacco Company" vom US-Tabakriesen Reynolds übernommen. Was hat sich dadurch geändert? Reynolds hat uns in umfangreichen Verträgen Eigenständigkeit zugesichert. Wir dürfen weiterhin unsere eigenen Entscheidungen bei Anbau und Ver­arbeitung treffen, wir haben nun aber mehr Möglichkeiten, vor allem finanziell. 
Interview: Kurt Stukenberg