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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Reise zu den Roma

Text: Stephanie de la Barra

In Transsilvanien hat ein New Yorker ein Programm für ein friedliches Zusammenleben und soziale Anerkennung gegründet. Für zehn Euro pro Nacht können Touristen in einem rumänischen Dorf essen und dort leben wie Roma. Zu Besuch bei Familie Gabor

Wenn neue Gäste in ihr Haus kommen, holt Mândra ein dickes Buch mit den schönsten Orten der Welt hervor und fragt: „Wo warst du schon? Spanien, Amerika, Schweiz?“ Dann blättert sie darin und bleibt bei den Tepuis, den Tafelbergen Venezuelas, stehen. Sie stellt sich vor, wie sie ganz oben sitzt, mit den Beinen schaukelt und auf die Welt da unten lacht. „Doch jetzt lerne ich erst mal, eine Hausfrau zu sein. Seit diesem Sommer gehe ich nicht mehr zur Schule“, sagt Mândra. Sie ist zwölf Jahre alt und die Einzige ihrer Familie, die englisch spricht.

Etwa 350 Kilometer von der rumänischen Hauptstadt Bukarest entfernt liegt das transsilvanische Dorf Valenii. Pferdefuhrwerke sind hier gängige Fortbewegungsmittel. Männer verkaufen Zwiebeln am Straßenrand. Hier hat der New Yorker Chuck Todaro im Jahr 2011 sein Programm „Tzigania Tours“ gemeinsam mit der Roma-Familie Gabor ins Leben gerufen. Seither ist er unermüdlich damit beschäftigt, über die Internetplattform „Couchsurfing“ Touristen dafür zu gewinnen. Für 45 Lei pro Übernachtung, umgerechnet etwa zehn Euro, können Gäste leben wie die Roma. Dafür kochen die Frauen der Familie abends ein Festmahl, tagsüber zeigt Mândra, die Tochter des Hauses, die Sehenswürdigkeiten Valeniis – eine alte Kirche und einen Friedhof. Morgens frühstücken die Touristen gemeinsam mit Chuck Todaro in dem kleinen Gästehaus der Familie Gabor.

Es ist nicht nur eine räumliche Nähe, die hier zu Mândras Familie entsteht. Es ist vor allem eine gesellschaftliche. Kaum eine Minderheit wird bis heute in Rumänien, aber auch anderswo sozial wie politisch so marginalisiert wie die Roma. Berichte von gewaltsamen Übergriffen in vielen europäischen Staaten zeugen davon. Rassismus funktioniert über Feindbilder, Frieden funktioniert über Aufklärung. „Tzigania Tours“ ist eine Art Laboratorium der Begegnung, in dem die Annäherung zwischen Roma und Nichtroma möglich wird.

Gerade sind zwei Franzosen angekommen. Heute gibt es rumänische Cevapcici mit Pommes Frites, serviert mit selbstgebranntem Kirschbrandy. Die Stimmung ist heiter. Wie fast jeden Abend sitzen die Touristen um den Tisch, die Familie auf den Sofas daneben. Vater Gabi Gabor, die Mutter Gisela, Tante Gisela, die Großmutter Mândra, der ältere Cousin Gabriel, der jüngere Cousin Gabriel und die kleine Mândra. Überall Blumenmotive, auf den Vorhängen, an den Töpfen, sogar die langen Faltenröcke der Frauen sind geblümt. Die Männer tragen traditionell Schnurrbart, die Frauen bunte Blusen, dazu rote, gelbe, violette Schleifen im geflochtenen Haar.

„Schmeckt euch das Essen? Seid ihr zum ersten Mal in Rumänien? Was heißt ‚Ich liebe dich‘ auf Französisch?“ Mândra quasselt, schnell, kindlich, wie eine Zwölfjährige eben. Trotzdem wirkt sie wie eine kleine Erwachsene, auf deren Schultern viel Verantwortung lastet. Hochzeit mit 14, spätestens 15, Kinder bekommen, einen Haushalt führen. Geheiratet wird nur innerhalb der Kaste, sagt sie. Die Gabor bleiben unter sich. Sie spricht offen darüber. Bei dem Programm geht es auch darum, dass die Touristen die Lebenswelt der Roma verstehen lernen. Die Traditionen, ihr Ursprung, aber auch die Vorurteile. Zwei davon sind besonders weit verbreitet: Roma seien Diebe und würden stinken. Viele Rumänen haben nie die Gelegenheit, ihre Voreingenommenheit gegenüber der geächteten Minderheit abzubauen.

Die nächsten Tage bei den Gabors sind aufschluss- und erlebnisreich. Essen mit der Familie, schlafen, frühstücken, Diskussionen über Roma-Rechte, wieder Essen mit der Familie.

Etwa zwei Millionen Roma leben heute in Rumänien, das entspricht zehn Prozent der Bevölkerung. Jeder Zweite verlässt die Schule vor dem sechzehnten Lebensjahr. 87 Prozent der Haushalte sind armutsgefährdet. Chuck Todaro, der selbst einmal mit einer Romni verheiratet war, erklärt sich das aus einer Mischung aus historischer Unterdrückung und hierarchischer Gesellschaftsstruktur. Gabor sei sowohl ein Familienname als auch eine Kaste. Das sei ein Relikt aus der indischen Diaspora, die sich im 14. Jahrhundert in Europa angesiedelt habe. „Gabor sind die Aristokraten unter den Roma“, sagt er und vergleicht ihre streng geregelte Lebensweise mit jener von orthodoxen Juden. Dann folgten hierarchisch die „Zeltzigeuner“, ehemalige Kesselflicker und andere, danach die „Hauszigeuner“, traditionell Musikanten, die „Tzigani“, welche Totengräber oder Hundefänger waren, und schließlich die „Khashtalo“, die Unberührbaren. Chuck Todaro versucht auch mit den Unberührbaren zu arbeiten und dort sein Projekt zu starten. „Die Begegnung soll beiden Seiten nützen“, sagt er. Touristen kommen, sehen und lernen. Roma können gegen Bezahlung ihre traditionellen Berufe ausüben. „Roma sollen für ihr Handwerk bezahlt werden – und nicht für die Zurschaustellung ihrer Armut.“ Doch: Wenn Touristen in den sensiblen Lebensalltag von Menschen eindringen, der sonst oft im Verborgenen bleibt, kann das wirklich helfen, Vorurteile abzubauen? Oder ist das bloß Voyeurismus?

Manchmal gibt es auch Ausflüge zur anderen, ärmeren Familien, ins Dorf der Musikanten. Kosten: 60 Lei pro Person. Mit Chuck Todaro geht es zum Musikantendorf, das eine Stunde mit dem Auto entfernt ist. Es regnet in Strömen, und der Boden des Umlandes verwandelt sich binnen Sekunden in einen lehmigen Sumpf. Am Ende der Dorfstraße, in einem kleinen Haus mit pink gestrichenen Wänden und roten Plastikorchideen, spielen vier Musikanten fröhliche Lieder für die Touristen, Bier wird herumgereicht, Fotos geschossen. Einige Männer beginnen zu tanzen. Der Tanz erinnert an das alpenländische Schuhplattln. Dann ein Blick nach draußen in die Realität. „Hast du eine Zigarette? Was zu essen?“, deuten Jugendliche mit ihren Fingern. Als die Touristen durch die Pfützen der nicht asphaltierten Dorfstraße gehen, sehen sie Kinder ohne Schuhe und Häuser ohne Dächer – wäre nicht dieser heftige Regen, vielleicht würde die Szene nicht so elend wirken.