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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.07

Rendite ohne Gewissensbisse

Text: Marlies Uken

Ökofonds boomen. Doch viele gaukeln nur ein grünes Image vor. Das verwirrt die Anleger.

 Nach einer halben Stunde Vortrag und unzähligen Aktienkurven redet der Berater der Deutschen Bank endlich Klartext. „Seien wir doch ehrlich: Öko ist eine ganz problematische Geschichte“, sagt der Endfünfziger mit gesenkter Stimme, „und überhaupt: Was ist schon Ökologie?“, Er lehnt sich in seinem Sessel zurück und schaut herausfordernd. Aber hat die Deutsche Bank nicht selbst einen Öko-Dax aufgelegt, mit dem schönen Slogan „Der Natur zuliebe“? „Ja ja, das stimmt schon – aber das Anlageprodukt empfehlen wir nicht aktiv.“

Cornelia Dereje überrascht ein solches Beratungsgespräch kaum. „Wer bei einer Großbank in Ökofonds investieren will, muss einen starken Willen mitbringen“, sagt die Expertin des „Forums für Nachhaltige Geldanlagen“, „meistens geht man mit einem völlig anderen Anlageprodukt nach Hause.“

Für das Gros der Bankberater gelten Nachhaltigkeitsfonds noch immer als exotisch und unkalkulierbar. Dabei stoßen diese Produkte bei Anlegern zurzeit auf großes Interesse, weil sie eine Antwort auf wichtige Fragen versprechen: Kann mein Geld die Wirtschaft beeinflussen? Kann ich eine gute Rendite erzielen und trotzdem bestimmte ökologische oder ethische Prinzipien verfolgen, die mir wichtig sind?

Die Wachstumsraten bei nachhaltigen Anlagen zeigen, dass es vielen Investoren nicht mehr egal ist, wer mit ihrem Geld wirtschaftet. Inzwischen können sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht weniger als 158 „nachhaltige Fonds“ zeichnen, so das „Sustainable Business Institute“ in Oestrich-Winkel. Die Fonds verwalten derzeit rund 27 Milliarden Euro; das entspricht einem Plus von 50 Prozent in nur einem halben Jahr. Doch man sollte sich nicht blenden lassen: Noch hat die grüne Fondssparte – je nach Schätzung – nur einen Marktanteil von ein bis zehn Prozent.

Die Zeiten, in denen idealistische Anleger ohne Murren Renditeeinbußen von ein bis zwei Prozentpunkten in Kauf nahmen, sind gleichwohl vorbei. Seit Jahren listet „Finanztest“ etwa den Nachhaltigkeitsfonds „Pioneer Global Ecology“ in der Spitzengruppe seiner 5000 Fonds im Dauertest. Und wenn der Großteil der Ökofonds zwar nicht ausdrücklich besser, aber auch nicht schlechter abschneidet als die Konkurrenz: Warum dann nicht korrekt investieren? „Ein gutes Gewissen kostet nichts“, formuliert es Sylvia Kloberdanz von der Münchner Ratingagentur „Oekom“, einem Unternehmen, das die Nachhaltigkeitspolitik von Firmen beurteilt. Mit Hilfe der Oekom-Noten wählen die Fondsmanager aus, welche Firmen sie in ihr Portfolio aufnehmen. Eine Oekom-Studie unter 800 internationalen Konzernen ergab, dass nachhaltig wirtschaftende Firmen generell besser an der Börse bewertet sind als solche, die bei Öko- und Sozialstandards hinterherhinken. „Sie gehen effizienter mit Ressourcen um und erkennen Chancen und Risiken frühzeitiger“, so Kloberdanz.

Doch Verbraucherschützer warnen vor Euphorie. Die gestiegene Nachfrage lockt immer häufiger auch unseriöse Anbieter an. Und es gibt kaum eine Bank, die zurzeit nicht einen Klimafonds auf den Markt wirft. Jede Technologie bekommt plötzlich ein grünes Mäntelchen verpasst. Selbst Kanalisationsfirmen gelten so als „öko“, weil sie mit der natürlichen Ressource Wasser Gewinne machen. Für Verwirrung sorgt aber auch, dass jeder Fondsmanager unter „Nachhaltigkeit“ etwas anderes versteht:

Die Puristen halten sich an strenge Anlagekriterien. Atomkonzerne oder Firmen, die in Korruptionsskandale verstrickt sind, haben bei ihnen keine Chance. „Man entzieht den ,bad guys‘ das Anlagekapital und unterstützt stattdessen innovative Firmen mit hohen Umwelt- und Sozialstandards“, erklärt Nachhaltigkeitsexperte Stefan Rostock von der Initiative „Germanwatch“. An solchen Standards orientiert sich der von sechs Experten verschiedener Institute, da-runter Gemanwatch, erstellte „Natur-Aktien-Index“ (NAI): Atom-,  Rüstungs- und Gentechnikkonzerne lassen die Indexmacher links liegen. Stattdessen setzen sie auf den amerikanischen Recyclinganlagenhersteller Kadant oder Shimano, einen japanischen Hersteller von Fahrradkomponenten. Die Selbstdisziplinierung hat bislang nicht geschadet – im vergangenen Jahr verzeichnete der NAI ein Plus von 21,4 Prozent. Solche Zuwachsraten sind auch für Fonds, die nur in erneuerbare Energien investieren, nichts Ungewöhnliches. Firmen wie der dänische Windturbinen-Hersteller Vestas gehören dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zu den Börsenlieblingen.

Doch die Spezialisierung hat auch ihren Preis: ein höheres Risiko. „Gerade die Aktienkurse der Erneuerbare-Energien-Branche schwanken stark und sind auch von den Entwicklungen am Ölmarkt und in der Politik abhängig“, sagt Erol Bilecen vom Schweizer Bankhaus Sarasin, einem der führenden Anbieter von Nachhaltigkeitsfonds. Bilecen rät Kleinanlegern, mit Themenfonds ihr Portfolio nur zu ergänzen, es aber auf keinen Fall darauf aufzubauen. „Maximal zehn Prozent Anteil Erneuerbare ins Depot – wer spielen will, gehört ins Casino.“
Die meisten Ökofonds, die Anleger momentan zeichnen können, sind allerdings weniger radikal. Sie investieren nach dem „best in class“-Ansatz.

Keine Branche ist tabu – selbst Ölkonzerne, Pharmagiganten und Autohersteller nicht, wenn sie sich im Vergleich zu ihren Konkurrenten besonders ökologisch und verantwortungsvoll präsentieren. Privatanleger stoßen hier auf Firmen, die sie wohl kaum in einem Ökofonds vermuten würden, etwa den Energiegiganten RWE, Deutschlands größten Betreiber von klimaschädigenden Braunkohlekraftwerken. Auch Porsche und Daimler dürfen sich mit dem Aushängeschild „nachhaltig“ schmücken, ebenso der französische Pestizidhersteller und Gentechnikkonzern Syngenta. BP gilt sogar als „Top Ten Investment“ in 13 Ökofonds. Die Briten, die sich passenderweise auch ein neues Image zugelegt haben – „Beyond
Petroleum“ (jenseits von Öl) statt „British Petroleum“ – besitzen zwar eine Solarsparte und gehören damit zu den Marktführern in Deutschland. 2004 trug das Geschäft mit den azurblauen Zellen jedoch gerade einmal 1,4 Prozent zum Gesamtumsatz bei, aktuellere Zahlen will der Konzern nicht mitteilen.

Trotz der Widersprüche ist die Idee, die hinter dem „best in class“-Prinzip steckt, eigentlich genial: Das Rating löst einen brancheninternen Wettbewerb um nachhaltiges Wirtschaften aus. Jeder Autokonzern will schließlich gern als Klimaschützer dastehen. Wer Aktien von Vorreitern zeichnet, gibt dem Markt das Signal, dass nachhaltiges Engagement honoriert wird. Investiert man dagegen nur in schon perfekte Unternehmen, lässt sich letztendlich weniger bewegen. Deshalb hat die Sarasin-Bank sogar auf umstrittene Unternehmen wie Siemens ein Auge geworfen. Zwar ist die von Skandalen erschütterte Firma am Atomkonzern Areva beteiligt, aber zugleich baut sie ihr Windkraftgeschäft massiv aus. „Kein Unternehmen ist perfekt“, sagt Bilicen. Und selbst Stefan Rostock von Germanwatch, nicht gerade ein Freund von Großkonzernen, gibt sich überraschend nüchtern: „Man hat eine höhere Lenkungswirkung, wenn man ein großes Unternehmen bewegt anstatt viele kleine.“

Zudem profitieren Anleger beim „best in class“- Ansatz von einem niedrigeren Risiko. Denn in der Regel investieren sie in sogenannte „Blue Chip“-Werte. Das sind international tätige Konzerne mit hohen Börsenumsätzen, die nur mit geringer Wahrscheinlichkeit pleitegehen. Sie garantieren langfristig ein stabileres Investment, als wenn man auf eine kleine Firma setzt, die schon bei einem geringen Management- oder Produktfehler ins Trudeln gerät.
Doch vielen Anlegern geht so viel Pragmatismus dann doch zu weit – auch, weil unklar ist, nach welchen Kriterien eine Firma es eigentlich in einen Ökofonds schafft. Philipp Mimkes von der „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ warnt vor dem „Greenwashing“ der Marketingabteilungen. Der Leverkusener Chemiegigant Bayer brüstet sich etwa damit, seine Kohlendioxidemissionen seit Anfang der 90er-Jahre um 70 Prozent reduziert zu haben. In acht Nachhaltigkeitsindizes hat er es geschafft. „Dabei basierte die Reduzierung einfach nur auf Firmenverkäufen“, sagt Mimkes, „bei so etwas fragen Ökofonds aber nicht nach, da hätte ein Anruf bei uns genügt.“

Auch die „Kritischen Aktionäre“ beobachten die Flexibilität einiger Fondsmanager mit Skepsis. Der Verein lässt sich von Privatleuten Aktienstimmrechte übertragen, um bei Hauptversammlungen medienwirksam Druck zu machen und etwa bessere Umweltschutzstrategien einzufordern. „Man muss sich vor der Illusion hüten, dass BP nur in erneuerbare Energien investiert, weil Ökofonds dort Druck gemacht haben“, sagt Vorstandsmitglied Bernd Moritz, „das hat rein wirtschaftliche Gründe und nichts mit wirklichen Überzeugungen zu tun.“

Wer sich die Mechanismen am Aktienmarkt genau anschaut, muss ihm Recht geben. Denn der Einfluss der Ökofonds macht sich nur sehr indirekt bemerkbar: Durch die wachsende Nachfrage nach dem Papier steigt der Aktienkurs, dadurch nimmt die Kreditwürdigkeit des Unternehmens gegenüber Banken zu, und es erhält leichter Fremdkapital für Neuinvestitionen. Das können gerade die grundsätzlich klammen, aber innovativen „Newcomer“ gut gebrauchen. Doch nur weil ein Ökofonds Anteile kauft, ändert sich die Geschäftspolitik der Firma noch lange nicht.

Dann nützt es also gar nichts, in „grüne Aktien“ zu investieren? Doch, sagt Rainer Grießhammer vom Freiburger Öko-Institut: „Firmen beobachten sehr genau, ob sie in einen Nachhaltigkeits-Index aufgenommen werden“, sagt der Initiator der Eco-Top-Ten, einer ständig aktualisierten Marktübersicht der besten Ökofonds. Im Vergleich zu den USA und Großbritannien sei es für deutsche Fondsmanager allerdings sehr viel schwerer, mit den Unternehmen direkt in Kontakt zu kommen. „In Amerika setzen sich die Firmen mit den Fondsmanagern zusammen und fragen gezielt nach Verbesserungsmöglichkeiten.“ Natürlich wird nicht jeder Privataktionär empfangen – ein gewisses Investitionsvolumen muss man schon mitbringen.

Für Kleinanleger bleibt es daher bei einer einfachen Formel: Je mehr Einfluss er auf die Unternehmenspolitik nehmen will, desto höher fällt sein Risiko aus. Wer sich in einen Windpark einkauft, wird Miteigentümer; das aber kann nicht nur prickelnde Gewinne, sondern auch den Konkurs bedeuten.

Leider gibt es in Deutschland kein Öko-Siegel für Finanzprodukte, das bei der Auswahl hilft und den Anlegern gewisse Mindeststandards garantiert. Die Branche konnte sich darauf bisher nicht einigen – zu unterschiedlich sind die Vorstellungen, was eigentlich „nachhaltig“ bedeutet. „Es gibt nicht die gute oder die schlechte grüne Geldanlage“, sagt Finanztest-Expertin Karin Baur, „man muss sich mit den Angeboten beschäftigen und dann entscheiden, mit welchen Geschäftsfeldern und Risiken man leben kann.“ Also: Informieren! Und am besten nicht nur bei den Großbanken.
 

SCHRITT FÜR SCHRITT ZUM ÖKFONDS
1. Überlegen Sie sich, wie risikobereit Sie sind. Wer keine Erfahrung mit Aktien oder Fonds hat, sollte sein Vermögen breit streuen. Ein Mischfonds kombiniert etwa Aktien mit festverzinslichen Rentenpapieren und mindert so das Risiko.
2. Wie streng sind Sie? Würden Sie Aktien eines Ölkonzerns kaufen, wenn er auch Solarzellen produziert? Auf www.nachhaltiges-investment.org können Sie übersichtlich Nachhaltigkeitsfonds nach Ausschlusskriterien sortieren. Die wichtigsten sind Atomenergie, Rüstung, Alkohol, Gentechnik und fehlende Sozialstandards.
3. Lesen Sie sich die Fondsprospekte sorgfältig durch. Die Anlagekriterien sollten transparent erklärt sein, denn jeder Anbieter definiert sie anders.
4. Achten Sie auf versteckte Gebühren. Neben den Verwaltungs- und Depotgebühren fällt mindestens noch ein Ausgabeaufschlag an. Denken Sie auch an die Risiken,
die schwankende Wechselkurse mit sich bringen.

NOCH MEHR INFOS:
www.ecoreporter.de
Aktuelle Meldungen vom grünen Kapitalmarkt, aufbereitet vom Journalisten Jörg Weber
www.ecotopten.de/produktfeld_geld.php