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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.06

Rettung für den Aal?

Text: Inke Suhr

An Europas Küsten kommen kaum noch Jungaale an. Die EU plant Beschränkungen für die Fischerei – aber die ist nicht allein schuld am drohenden Aussterben der Art.

Schwimmt ein fetter Moselaal in eine Reuse, rettet ihm das vermutlich sein Leben. Fast geschlechtsreife Aale landen nämlich nicht in der Räucherkammer, sondern im Wasserbecken. Jeden Dienstag klappert ein Mitarbeiter der Aalschutz-Initiative die Mosel-Fischer ab, sammelt deren Wochenausbeute von rund 700 Aalen ein und setzt sie im Rhein wieder aus.

Die Überführung auf dem Landweg bewahrt die freigekauften Tiere vor einem blutigen Ende. Denn an der Mosel, der ersten Etappe der Aale zu ihren Laichgebieten im fernen Sargassomeer, sind zehn Wasserkraftwerke der RWE aufgereiht. Der Energiekonzern finanziert seit 1995 die Umsetzaktion, weil die Turbinen jedem dritten Fisch zum Verhängnis werden.

Doch solch ein Transfer ist bei den Hunderten von Flusskraftwerken Europas eine Ausnahme: Nach holländischen Studien übersteht nur eins von 700 Aal-Weibchen den Hindernisparcours aus Turbinen und Fischernetzen auf der Wanderung zum Meer. Die Zahl der Jungaale, die nach Europa zurückkommen, ist seit 1970 sogar um 99 Prozent gesunken, warnt der Internationale Rat für Meeresforschung. Die obersten Fischereiforscher prophezeien das „Aussterben der Art“ – falls es nicht gelingt, rasch die Zahl jener Tiere zu vergrößern, die es zurück in die Laichgründe im westlichen Atlantik schaffen.

Aal-Liebhaber ahnen nichts von seinem Niedergang. Doch die Fische, die heute verkauft werden, haben Europas Küsten in den 90er Jahren erreicht, als es noch zehnmal mehr junge Aale gab. Nun plant die EU-Kommission drastische Schritte: Sie will die Aalfischerei künftig in jeder ersten Monatshälfte verbieten. Die Halbierung der Fangzeit soll für jedes Flusssystem gelten, bis nachgewiesen wird, dass 40 Prozent der Elternaale ins Meer zurückgelangen. Bis Juli 2007 müssen die Länder „Bewirtschaftungspläne“ abliefern, die zeigen, wie das Ziel erreicht wird.

Für den rapiden Bestandsrückgang gibt es viele Ursachen: die „Klassiker“ Wasserverschmutzung, Flussverbau und Überfischung, dazu nun auch Folgen von Globalisierung und Klimawandel, denn eingeschleppte Krankheiten aus asiatischen Fischzuchten stehen ebenso im Verdacht wie veränderte Strömungsmuster. Auch ist der Aal ein Paradebeispiel für den schwierigen Schutz wandernder Tierarten: Gleich mehrere Lebensräume – Meer, Flüsse, Seen – müssen seine Bedürfnisse erfüllen. Zu allem Überfluss gestaltet sich auch der bei schwindenden Fischbeständen übliche Schritt, die Fangmengen zu rationieren, beim Aal besonders schwierig.

Denn der Art wird schon im zarten Jugendstadium des „Glasaals“ nachgestellt: Fischer in Frankreich, Spanien, Irland und England werfen engmaschige Netze in Flussmündungen aus, wo sich die Mini-Aale nach der Atlantikpassage sammeln. Trotz schrumpfender Fänge floriert das Geschäft angesichts steigender Preise: Derzeit kostet ein Kilo Glasaale etwa 700 Euro – mehr als Kaviar. Von den jährlich etwa 1,5 Milliarden gefangenen Glasaalen werden noch immer einige in Spanien und Frankreich als Delikatesse verzehrt. Der größte Teil geht an Fischfarmen in Asien, wo die Aalbestände ebenfalls schwinden – ein Handel, der jährlich 130 Millionen Euro bringt. Ein knappes Drittel aber landet als Besatz in europäischen Seen, Teichen und Fischfarmen.

Das macht die Lage kompliziert: Fischer in Mitteleuropa, wo Räucher- und Brataal verspeist werden, kritisieren den Glasaal-Export nach Asien – sind aber selbst auf Nachschub angewiesen, weil die Nachzucht unmöglich ist. Die nun geplanten Fangbeschränkungen für erwachsene Fische lehnen sie dagegen ab: Schließlich gäbe es Aale in den meisten Gewässern ohne ihre Arbeit gar nicht, argumentieren sie – fast alle Tiere seien einst von Fischereiverbänden ausgesetzt worden, da längst kaum mehr Glasaale Mitteleuropa auf natürlichem Wege erreichen. Könnten die Fischer an den Aalen nicht mehr verdienen, würden sie auch keine teuren Besatzfische mehr kaufen – der Bestand bräche schnell zusammen.

Nun hoffen die deutschen Fischer, die 40-Prozent-Überlebensrate schon vor 2007 zu erreichen. Aber dazu müsste der Weg für die Aale ins Meer frei sein, was nicht in ihrer Macht liegt. Erst für 2015 schreibt die EU die vollständige Passierbarkeit der Flüsse für Wanderfische vor. Um das drohende Desaster für den europäischen Artenschutz zu verhindern – und den Totalausfall der Einnahmequelle von 25.000 Aalfischern – müssten die Kraftwerksbetreiber schnell zum Umbau ihrer Anlagen verpflichtet werden.

Technisch ist ein sicherer Aal-Abstieg machbar: An der Mosel wie an anderen Flüssen tüfteln Biologen und Wasserkraft-Praktiker an eleganteren Lösungen als Lkw-Transfers. Rechen mit 25 Millimetern Stababstand, dreimal weniger als bisher, hindern Aale an fatalen Turbinenpassagen und leiten sie in Durchlässe. Von dort flutschen sie durch Rinnen und Rohre auf die andere Seite – und können ihre Reise unbeschadet fortsetzen.