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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Rucksacktourist

Text: Wolfgang Hassenstein

Was macht der Große Brachvogel (Numenius arquata), wenn er nicht gerade in Bayern brütet? Eine Biologin erforscht seinen Zug

Hat einer von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, schon mal einem Brachvogel einen Rucksack aufgesetzt? Nein? Es wird Sie dennoch nicht wundern, dass dies viel Feingefühl erfordert. „Man muss die Schlaufen aus weichem und witterungsbeständigem Teflonband vorsichtig um die Flügel legen und darf sie nicht zu fest, aber auch nicht zu locker binden“, erklärt Friederike Herzog vom bayrischen Landesbund für Vogelschutz. „Ich habe es vorher in Zoos und bei einem Watvogelhalter in Norddeutschland geübt.“

Tatsächlich erwartet man Watvögel, auch Limikolen genannt, ja eher in Küstennähe. Viele Arten staksen mit langen Beinen in Watt und Feuchtwiesen umher und stochern mit ihren oft nicht minder langen Schnäbeln nach Würmern und Insekten. Der Große Brachvogel jedoch, größter Vertreter der vielgestaltigen Vogelordnung, brütet auch weit im Landesinnern – zum Beispiel in bayrischen Mooren und Flussniederungen, wo sein melancholisch flötender, in einem Triller endender Ruf gut zur Stimmung passt. Auffällig unauffällig ist sein grau gestricheltes Gefieder. Dafür hat er einen schön gebogenen Schnabel, fast wie ein Ibis.

Brachvögel sind in Deutschland vom Aussterben bedroht. „In Bayern brüten weniger als 500 Paare, halb so viele wie in den Achtzigerjahren“, sagt Herzog. Der Verlust von Feuchtwiesen und die Intensivierung der Landwirtschaft machten der sensiblen Art zu schaffen. „Wird zu früh gemäht, ist die Ei- und Kükensterblichkeit hoch.“ Der LBV setzt sich deshalb für den Naturschutz im Freistaat ein, und Herzog will mit ihrem Projekt ergründen, wohin die Vögel fliegen und was ihnen droht, wenn sie gerade nicht in Bayern sind. Bei solchen Fragen hilft heute die Satellitentelemetrie.

Zwanzig Jung- und zehn Altvögeln wird Herzog in den nächsten Jahren einen solarbetriebenen GPS-Sender aufsetzen – doch dafür muss sie sie erst einmal fangen. „Bei den Jungen ist das Zeitfenster kurz“, erklärt sie. „Sie müssen groß genug sein, aber gerade noch nicht flügge. Dann können wir ihnen hinterherrennen, wenn sie auf Nahrungssuche sind.“ Altvögel fängt Herzog dagegen mit einer halbmondförmig ausgelegten Falle um das Gelege, die ein Netz über den Vogel klappt, sobald er eine Stolperschnur berührt. Sobald das passiert ist, verlässt sie flugs mit einem Helfer die Deckung, befreit das Tier aus dem Netz und setzt ihm zur Beruhigung erst einmal ein selbstgenähtes Häubchen auf. „Das Herzchen klopft ganz schön“, melden die Helfer dann oft, die den Vogel halten, während sie den Rucksack aufsetzt. Aber Herzog versichert, dass die Vögel die Prozedur stets gut überstehen und der 17 Gramm leichte Sender sie nicht beeinträchtigt.

Für das Männchen „Numenius 20“ war es am 12. Mai so weit. Seit es den Sender trägt, schickt es regelmäßig seine Koordinaten ins Netz, und Herzog verfolgt alles am Computer. Zunächst blieb es im Brutgebiet im Donautal, am 20. Juni gegen 18 Uhr machte es sich dann auf die Reise. Es überflog überraschend zielstrebig und schnell die Schweiz, Frankreich, Spanien und Gibraltar und erreichte schon zwei Tage später, am 22. Juni gegen 16 Uhr, sein Überwinterungsgebiet an der Atlantikküste in Marokko.

Herzog ist natürlich froh, wenn alles gut geht – aber fachlich besonders interessiert, wenn etwas schiefläuft. Einen besenderten Brachvogel holte noch in Bayern der Fuchs. Ein anderer verschwand in den französischen Alpen, Ornithologen suchen derzeit nach seinen Spuren – womöglich musste er bei schlechtem Wetter notlanden und wurde dann zum Beispiel von einem Adler „prädatiert“. Wieder ein anderer starb in Marokko, jedenfalls bewegte sich das Signal plötzlich in eine Stadt, offenbar per Auto. „Wir arbeiten mit Schwesterorganisationen in Frankreich, Spanien, Portugal und Marokko zusammen“, erklärt Herzog, „um die Todesursachen aufzuklären und gegebenenfalls den Schutz zu verbessern.“

Die gute Nachricht: „Numenius 20“ geht es offenbar bestens.

Zur Person:
Friederike Herzog, 33, hat für den Landesbund für Vogelschutz, den bayrischen Partner des „Nabu“, bereits erfolgreich den Zug einer anderen Vogelart erforscht: Sie versah 13 Kuckucke mit noch kleineren Sendern und verfolgte ihren Weg nach Afrika.