Radikaldebatte

Biedermeier unreloaded

Wie viel Radikalität braucht die Welt? Redakteur Thomas Merten fordert seine Generation – die Millennials – zu mehr Engagement auf

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Die Fridays-for-Future-Bewegung macht nicht nur den Älteren etwas vor, sondern auch vielen von uns – den zwar noch jungen, aber überwiegend unradikalen Millennials. Zu denen muss ich mich nämlich auch zählen. Und ich stelle fest: So richtig dabei sind die meisten von uns nicht, beim Kampf für eine bessere Welt. Im Gegenteil: Manche sind sogar Teil des Problems.

Zur Erinnerung: Die Millennials sind die in den Achtziger- und Neunziger-Jahren Geborenen. Die sich meist mit unzähligen Praktika mühsam die ersten Jobs erarbeitet haben, um sich in der Welt der Älteren zu profilieren.

Meine Generation brachte die hedonistischen Easyjetter hervor, die sich mit ihren Flugreisen als schicke Kosmopoliten und als weltoffen betrachten. Solche, die unbedingt im energiefressenden, ungedämmten Altbau wohnen müssen. Viele dulden sogar ungerecht hohe Mieten, weil die Bude doch so schön auf Instagram aussieht. Überhaupt soziale Medien: Wir sind zwar die erste Generation, die mit der plötzlich neuen Öffentlichkeit zurechtkommen musste. Das mag nicht einfach gewesen sein. Doch damit hatten wir als erste Generation die Chance, uns zu vernetzen wie niemals zuvor, gemeinsam laut zu werden – und was haben die meisten gemacht? Mit Essen und Fernreisen angegeben. Dabei war die Klimakrise kaum weniger dringlich als heute, der Graben zwischen Jung und Alt kaum weniger tief.

Die jungen Menschen von heute zeigen uns, wie man soziale Medien nutzt, um Proteste auf die Straße zu bringen – in die Realität. Mit der haben es viele Millennials nämlich auch nicht so: Während die Jugend heute protestiert, saß ich im selben Alter zuhause mit meiner WG auf dem Sofa und diskutierte höchstens mal die Systemfrage  – wenn es gerade nicht um das nächste Superfood (Avocado!), Reiseziele oder neueste Anschaffungen ging. Und das Schlimmste: Auch die ältere Generation war in ihrer Jugend politisch aktiver als die meisten von uns, Stichwort 68er, Mauerfall, Gründung der ersten Ökopartei. Unser Aktivismus endete in den Nuller Jahren meist mit dem Unterzeichnen von Online-Petitionen.

Ja, auch meine Generation hat ein paar Dinge angestoßen: Einige haben sich für Gleichstellung und Netzneutralität eingesetzt und die Studiengebühren gestürzt, andere haben klare Kante gegen Rechts gezeigt und sind glühende Verteidiger der europäischen Idee. Und trotzdem: Wenn mich eines radikalisiert, dann ist es die Trägheit vieler Menschen – sowohl meine eigene als auch die mancher meiner Altersgenossen, die wie Kopien ihrer Eltern daherkommen. Ich bewundere euch Kinder und Jugendliche, dass ihr aufsteht, euch nichts sagen lasst. Geht voran, ich komme mit.

Klimakrise, Artensterben, Müll überall – die Erde steht vor dem Ökokollaps. Wie radikal müssen wir sein, um ihn noch abzuwenden? Das haben wir uns beim Greenpeace Magazin gefragt. Herausgekommen ist die Serie #Radikaldebatte. Hier lesen Sie persönliche Einsichten und Gedanken über radikale Konzepte im Kampf für eine bessere Welt

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