Radikaldebatte

Die radikale Menschenkette

Wie viel Radikalität braucht die Welt? Chefredakteur Michael Pauli diskutiert, wie stark Herkunft und persönliche Erfahrungen unsere Sicht auf Proteste prägen

Die radikale Menschenkette

10.12.2020

Im November 2009 erschien im SPIEGEL ein Interview mit dem damaligen Geschäftsführer von Greenpeace International, Kumi Naidoo. Ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen: Naidoo, neu auf dem Posten, erklärte in dem Interview, dass Greenpeace im Kampf gegen den Klimawandel mehr „radikale Aktionen“ brauche. Was jetzt geschehe, reiche nicht. Er sagte: „Über radikale Aktionen wie Hungerstreiks haben wir bei Greenpeace kürzlich in der Tat schon nachgedacht.“ Das Fettnäpfchen war tief. Richtig tief.

In Deutschland folgten empörte Proteste einiger Umweltschützer und eine Menge Presseberichte, die Greenpeace unterstellten, dass die Organisation radikal werden wolle und es nun mit der strikten Gewaltfreiheit, einer der Kernwerte der Umweltorganisation, vorbei sei. Stimmte das? Naidoo sagte in dem Interview sogar noch, im Kampf für Menschenrechte seien Menschen schon immer „bereit gewesen, ins Gefängnis zu gehen oder sogar ihr Leben zu riskieren“. Wollte er Greenpeace weltweit in die Gewalt treiben? Und das Leben von Aktivisten opfern? Oder war alles nur ein Missverständnis? Eine Vereinfachung, eine tolle Schlagzeile? Einige Zeit danach konnte ich mit Kumi Naidoo darüber sprechen. Seine Erklärung hat meine Sichtweise auf politische Aktionen stark verändert.

Der Menschenrechtsaktivist aus Südafrika hatte etwas vorgeschlagen, voller Überzeugung, was aus seiner Sicht, mit seiner Geschichte und seiner Herkunft eine adäquate Protestform ist. Er selbst hatte schon im Hungerstreik gegen die Tolerierung des Mugabe-Regimes in Simbabwe durch sein Heimatland protestiert. Kumi gehört zudem zur indischstämmigen Minderheit in Südafrika, Hungerstreiks hatte in Indien Mahatma Gandhi als einer der ersten für den gewaltfreien Widerstand eingesetzt. Ich fragte also, um ihn besser zu verstehen, was er denn mit „radikalen Aktionen“ meine, ein weiteres Beispiel würde helfen. Kumi sagte: „Eine Menschenkette um ein Kohlekraftwerk“.

Kurz dachte ich an einen Scherz (Denkpause … für Kumi war eine Menschenkette radikal…?), bis mir schlagartig klar wurde, wie überheblich wir doch sind, wenn wir aus unserem sicheren Deutschland die Proteste in anderen Ländern als harmlos bewerten. Wobei er sogar noch ergänzte: „Das Wort radikal wird im Englischen benutzt im Sinne von spürbaren und tiefgreifenden Veränderungen.“ In Deutschland würde diese Menschenkette um ein Kohlekraftwerk als friedliches Miteinander gelten. Ein Protest, zu dem man seine Kinder mitnehmen kann. In Kumi Naidoos südafrikanischer Heimat, und noch viel mehr in Ländern mit totalitären Regierungen, bedeuten Menschenketten womöglich Gefängnis oder sogar Lebensgefahr. Wie mutig sind diese Menschen, um damit alles zu riskieren.

Wir können in unserer Demokratie Meinung frei äußern, in den sozialen Netzwerken fast alles schreiben, Blogs füllen mit Ideen und Visionen, Politiker und Industriebosse kritisieren und sogar beschimpfen und uns spontan zu zivilem Ungehorsam treffen. Niemand würde uns radikal nennen. Wer in Hamburg mit einem Schild vor dem Rathaus gegen die Elbvertiefung protestiert, in München gegen das neue bayrische Polizeigesetz oder gegen Landebahnen, muss nicht um seine Zukunft fürchten, wird nicht brutal zusammengeschlagen, bespitzelt, gefoltert, eingesperrt, ermordet.

Wie schnell also führt das Wort „radikal“ zu Missverständnissen, harscher Kritik und Vorverurteilungen, weil Kulturen, Sprachen und individuelle Erfahrungen sich unterscheiden. Wir sollten die Menschen, die in totalitär regierten Ländern viel wagen, für ihre Radikalität ehren. Und wir sollten die Freiheit, in der wir selbst heute leben dürfen, radikal beschützen.

Hinweis: Naidoos Einordnung seiner auf Empörung gestoßenen Äußerungen im SPIEGEL-Interview können Sie hier nachlesen.

Klimakrise, Artensterben, Müll überall – die Erde steht vor dem Ökokollaps. Wie radikal müssen wir sein, um ihn noch abzuwenden? Das haben wir uns beim Greenpeace Magazin gefragt. Herausgekommen ist die Serie #Radikaldebatte. Hier lesen Sie persönliche Einsichten und Gedanken über radikale Konzepte im Kampf für eine bessere Welt

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