Radikaldebatte

Eine radikale Wette auf die Zukunft

Wie viel Radikalität braucht die Welt? Redakteurin Nora Kusche fragt sich, mit welchen Mitteln wir das Übel an der Wurzel zu packen bekommen

Eine radikale Wette auf die Zukunft

29.10.2020

Aktuell stehen mit Angela Merkel und Ursula von der Leyen zwei Frauen an der Spitze der Europäischen Union, die eine steuert die deutsche Ratspräsidentschaft, die andere leitet die Kommission. Was in Regionen wie Europa oder den USA heute selbstverständlich scheint, war früher undenkbar: Bis vor gut hundert Jahren durften Frauen in den meisten Ländern nicht einmal wählen, aktives wie passives Frauenwahlrecht galten als radikale Forderungen – und radikal waren auch die Mittel, mit denen Frauenrechtlerinnen sie schließlich doch durchsetzten. Nachdem friedliche Demonstrationen wirkungslos geblieben waren, zogen Suffragetten, „Wahlrechtlerinnen“, militant und zerstörend durch die Straßen Englands und Amerikas. Sie warfen Schaufenster ein, setzen Häuser in Brand, legten sogar Bomben und nahmen damit in Kauf, dass Menschen verletzt und gefährdet wurden.

Im Gegensatz zu diesen radikalen Mitteln sind heute viele der einst als radikal geltenden Forderungen gesellschaftlicher Konsens – zumindest in westlichen Ländern wie Deutschland. Hier dürfen Frauen selbstverständlich wählen, gewählt werden und ihr eigenes Geld verdienen. Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, Abtreibung unter bestimmten Bedingungen zumindest straffrei. Homosexuelle dürfen heiraten und Kinder adoptieren, Verbände stellvertretend für Umwelt und Natur Klage erheben. Bürgerentscheide stehen als Instrumente der direkten Demokratie zur Verfügung und Diskriminierung ist gesetzlich verboten. Also, alles gut jetzt?

Nein, wir sind noch lange nicht am Ziel. Denn es muss ums Ganze gehen: Wir brauchen nicht nur eine Gesellschaft, die freier, toleranter und gleichberechtigter wird. Sondern eine, die auch faire, soziale und ökologische Lebens- und Arbeitsbedingungen weltweit sichert, eine, die auf Solidarität und dem Erhalt der Lebensgrundlagen als Grundprinzip beruht.

Diese Forderung steht allerdings im Widerspruch zu den Prämissen unseres Wirtschaftssystems: Umweltschutz maximiert keinen Profit, Gleichheit kurbelt keine Konkurrenz an, Nachhaltigkeit steigert nicht das Wirtschaftswachstum, Freizeit schafft keinen Mehrwert – zumindest nicht im Marxschen Sinn. Der Ökonom definierte Mehrwert oder unbezahlte Mehrarbeit als Kategorie im Kapitalismus, die den Überschuss von Tauschwert zu Herstellungskosten einer Ware abbildet, aus dem sich wiederum der Profit ergibt. Und dieser ist umso höher, je geringer die Lohn- und Materialkosten ausfallen und je konsequenter Umweltkosten vernachlässigt werden. Karl Marx prophezeite schon im 19. Jahrhundert, dass „die kapitalistische Wirtschaft die Quellen allen Reichtums zerstören würde – den Arbeiter und die Erde“.

Lässt sich eine umwelt- und sozialverträgliche Gesellschaft innerhalb einer Wirtschaftslogik durchsetzen, die einen ganz anderen Fokus hat? Die Systemfrage zu stellen, ist radikal im klassischen Sinne. Doch das allein reicht nicht. Es stellt sich auch die Frage der Mittel: Wie kommen wir dahin? Erfordern radikale Fragen radikale Lösungen? Und lassen sich radikale Lösungen erreichen, indem der Protest nach den Regeln des etablierten Systems spielt? Oder nur, indem er diese Regeln bricht?

Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann schreibt sozialen Bewegungen unter anderem die Funktion zu, auf Probleme aufmerksam zu machen, die sonst nicht oder zu spät bemerkt würden. Protest fungiert als Immunsystem der Gesellschaft. Oder als „Frühwarnsystem“ wie der Soziologe Dieter Rucht sagt. Wenn soziale Bewegungen bestimmte Fehlentwicklungen innerhalb einer Gesellschaft identifizieren, könne die Politik diese korrigieren. Fazit: Das System verleibt sich die Kritik ein und geht gestärkt, im besten Fall verbessert, daraus hervor.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn der Veränderungsbedarf so fundamental ist, dass Reformen nicht reichen? Um an den Grundfesten eines schief gewickelten Systems zu rütteln, darf die Kritik nicht innerhalb der Systemgrenzen bleiben, sie muss die Spielregeln brechen. Und so auch ihre Kommunikationsform, der Protest. „Wir würden wahrscheinlich nicht miteinander sprechen, wenn wir von Anfang an sonntags protestiert hätten. Wir brauchen eine gewisse Radikalität im Protest“, sagte die deutsche Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer in einem Interview mit dem Greenpeace Magazin. Sie erhebt den Regelbruch zur Bedingung des Protests. Wer gehört werden will, statt nur Applaus durch Medien und Politik zu ernten, muss weh tun, anecken, streitbar sein, muss radikal sein.

Es sind gerade junge Aktivist*innen ­– von Fridays for Future bis Ende Gelände –, die sich nicht mehr mit vagen Reformversprechen abspeisen lassen, sondern ein grundsätzliches Umsteuern fordern, und zwar hier und jetzt. Sei es die nicht mehr zu stoppende Klimakrise, die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich oder die um sich greifende Pandemie – die Dringlichkeit der Probleme gibt ihnen Recht. „Radikalität ist eine Wette auf die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit“, erklärte die Philosophin Mirjam Schaub bei einem Vortrag an der Uni Hamburg einmal.

Welche Mittel sind heute radikal und dennoch anschlussfähig – zumindest aus unserer westlichen Perspektive? Sind die Bomben und Brandsätze der Suffragetten der Schulstreik der Aktivistinnen von heute? So wenig radikal das damalige Ziel, Wahlrecht für Frauen, mittlerweile erscheint, umso drastischer klingen die Mittel. Klar ist: Bomben sind das Gegenteil von anschlussfähig und Proteste, die Menschenleben gefährden, können nicht die Lösung sein. Doch die Frage bleibt: Wie weit muss Protest gehen, um zu wirken? Sind Schulstreiks radikal genug für einen radikalen Wandel in Gesellschaft und Politik?

Wie erfolgreich aktuelle Formen des Widerstands sind, wird die Zukunft zeigen. Und auch wohin er führt: Unsere Prioritäten als Gesellschaft entwickeln sich immer weiter. Vielleicht werden wir in hundert Jahren den Schwerpunkt nicht mehr auf Wirtschaftswachstum legen, sondern auf Solidarität und Ökologie. Und wir werden das nicht radikal finden – sondern so selbstverständlich wie zwei Frauen an der Spitze der EU.

Klimakrise, Artensterben, Müll überall – die Erde steht vor dem Ökokollaps. Wie radikal müssen wir sein, um ihn noch abzuwenden? Das haben wir uns beim Greenpeace Magazin gefragt. Herausgekommen ist die Serie #Radikaldebatte. Hier lesen Sie persönliche Einsichten und Gedanken über radikale Konzepte im Kampf für eine bessere Welt

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