Radikaldebatte

Gestern Punk, heute Alltag

Wieviel Radikalität braucht die Welt? Autorin Kerstin Eitner erinnert sich, wie sich ihr Leben lang veränderte, was „radikal“ heißt

Gestern Punk, heute Alltag

Radikal, ich? Was heißt das eigentlich? Radix bedeutet auf Lateinisch Wurzel. So weit, so gut. Wie war das noch mal mit dem Duden? Der definiert radikal als „von Grund aus erfolgend, ganz und gar; vollständig, gründlich“ (1a). Oder „mit Rücksichtslosigkeit und Härte vorgehend, durchgeführt“ (1b). Aber auch als „eine extreme politische, ideologische, weltanschauliche Richtung vertretend [und gegen die bestehende Ordnung ankämpfend]“ (2) und, ja, „die Wurzel betreffend“ (3, Mathematik), aber lassen wir die mal beiseite.

Definition 1a klingt ganz freundlich, bei 1b und 2 scheiden sich vermutlich die Geister. Lebensalter, Umfeld, soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklungen, viele Faktoren haben darauf Einfluss. Als Studentin in den Siebzigerjahren hatte ich eine schwer linksextreme Phase mit – aus heutiger Sicht – ziemlich abenteuerlichen Vorstellungen, welche gesellschaftlichen Veränderungen herbeizuführen wären und wie. Sich den allgegenwärtigen Mobilisierungsaufrufen zu entziehen, war damals gar nicht so einfach.

Zu einem Ismus gleich welcher Art hat es trotzdem nie gereicht. Sozialismus, Anarchismus, Feminismus – sympathisieren ja, mit Haut und Haar darin aufgehen nein. Es gab leider überall abschreckende Beispiele. Ganz hartgesottene Gruppierungen wähnten hinter jeder Mauerecke den Verfassungsschutz, nannten Polizisten grundsätzlich „Bullen“, hassten den Staat aus tiefster Seele, verfassten völlig unlesbare Traktate, verehrten Mao oder fanden die DDR toll. Noch dazu waren sie untereinander zerstritten und außerdem die humorlosesten Leute unter der Sonne.

Gewalt, also Brandsätze oder Steine werfen, Autos anzünden, gar Menschen entführen und ermorden, wie es die RAF später tat, das kam erst recht nicht infrage. Wobei sich die juristische Definition von „Gewalt“ für bestimmte Aktionsformen mit der Zeit änderte. Sitzblockaden etwa, urteilte das Bundesverfassungsgericht 2011, sind unter Umständen vom Grundrecht auf Versammlungsrecht gedeckt. Schon 1995 hatte es die Verurteilung von rund 3000 Angeklagten wegen Nötigung für verfassungswidrig erklärt – sie hatten vor dem US-amerikanischen Militärdepot im schwäbischen Mutlangen gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen protestiert.

Es bedurfte aber gar keiner Aktionen, um anzuecken. Vor fünfzig Jahren genügte oftmals schon ein von der Norm abweichendes Outfit als Indiz für Radikalität. So erging es nicht nur langhaarigen „Gammlern“ und bunt gekleideten Hippies, sondern auch der SPD-Bundestagsabgeordneten Lenelotte von Bothmer. Dabei hegte sie keinerlei Umsturzpläne, als sie es im Oktober 1970 als erste Frau wagte, im Hosenanzug ans Rednerpult des Bundestages zu treten.

Die Wiederholungstäterin war schon ein halbes Jahr zuvor behost im Hohen Hause erschienen und hatte damit große Empörung vor allem unter männlichen Abgeordneten aller Parteien (damals CDU/CSU, SPD und FDP), ein lebhaftes Medieninteresse und einen analogen Shitstorm ausgelöst. In Schmähbriefen wurde sie als „unanständiges, würdeloses Weib“ beschimpft. Dabei kämpfte Frau von Bothmer nur „gegen die bestehende Ordnung“ (Definition 2) an, soweit es die antiquierte Kleiderordnung betraf. Das Hosenkomplott hatten ein paar der nur 34 weiblichen Abgeordneten (ganze sieben Prozent) des Bundestages geschmiedet, als Reaktion auf Äußerungen von Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU). Dieser hatte getönt, niemals würde er es einer Frau erlauben, das Plenum in Hosen zu betreten. Was der wohl zu Angela Merkel gesagt hätte?

Heute können wir darüber schmunzeln, aber damals gab es keine Gnade. Wer nicht ins Bild passte, musste damit rechnen, angefeindet, attackiert und ausgegrenzt zu werden. Diese Erfahrungen machten noch in den Achtzigerjahren die Punks, die einen zur Kleidung passenden – wenn man so will: radikalen – Lebensstil pflegten, rumhingen, klauten und schnorrten, zu jeder Tages- und Nachtzeit laute Musik hörten und überhaupt Lärm und Unordnung machten. Aber trotz martialischer Klamotten und Sprüche waren sie nicht die Spur staatsgefährdend, allein schon aus Mangel an Organisation. Als seinerzeit assoziiertes Mitglied der Punkbewegung kann ich bezeugen, dass sie zwar mitunter anstrengend und nervtötend waren, aber auch herzlich, witzig, tierlieb und gewaltlos – mit Ausnahme einiger weniger, die als Skinheads in die rechte Szene abdrifteten.

Auftritt Greenpeace, auf andere Art radikal. Zeugnis ablegen, den eigenen Körper im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie manövrieren, umweltschädliches Tun für Stunden, Tage oder Wochen unterbrechen, sich getarnt als Firma „Friedemann Grün“ aufs Gelände einer Giftfabrik mogeln, das gefiel mir. Durch Zufall landete ich irgendwann selbst bei der Firma Friedemann Grün, deren Aktionsformen sich im Lauf der Zeit und unter veränderten Rahmenbedingungen auch gewandelt und ihrerseits die Rechtsprechung nicht unwesentlich beeinflusst haben.

In den Jahrzehnten seit den Friedensmärschen, dem Anti-AKW-Protest und der Gründung von Organisationen wie Greenpeace ist es der Umweltbewegung ähnlich ergangen wie dem Hosenanzug von Frau von Bothmer. Grüne Positionen zu vertreten gehört mittlerweile in der westlichen Welt zum Alltag, ja zum guten Ton. Sofern man nicht gerade Christian Lindner heißt, applaudiert man Kindern und Jugendlichen, die freitags fürs Klima streiken oder demonstrieren. Der grünen Partei wird mitunter sogar mangelnde Radikalität vorgeworfen. Einstellungen, Rechtsprechung, Produktionsweisen, Politik – vieles hat sich verändert, obwohl zwischen Reden und Handeln oft noch sehr viel Luft ist. Was das Handeln betrifft: Es mag die Einzelnen Überwindung kosten, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, weniger und bewusster zu konsumieren, auf Plastik, Flugreisen und Auto zu verzichten, aber solche Änderungen des Lebensstils sind, wiewohl lobenswert, hier und heute weder radikal noch riskant.

Radikal, ich? Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Ich bin eine links-grün-versiffte Scheißliberale, die in einem irrsinnig reichen Land lebt und weit davon entfernt ist, die Menschheit belehren zu können oder zu wollen. Diese, fürchte ich, hat allerdings ohne ein paar radikale Kehrtwenden wenig Aussicht auf eine rosige Zukunft. Technisch würden wir das wohl hinkriegen, aber ob die politischen Systeme und Gesellschaften das aushalten, ist noch nicht ausgemacht. Fest steht: Nichts ist statisch. Menschliches Handeln kann die Welt verändern, zum Schlechten, aber auch zum Guten. Um Radikalität gemäß Definition 1a werden wir als Kollektiv kaum herumkommen. Mal sehen, ob wir 1b und 2 einigermaßen in Schach halten können.

Klimakrise, Artensterben, Müll überall – die Erde steht vor dem Ökokollaps. Wie radikal müssen wir sein, um ihn noch abzuwenden? Das haben wir uns beim Greenpeace Magazin gefragt. Herausgekommen ist die Serie #Radikaldebatte. Hier lesen Sie persönliche Einsichten und Gedanken über radikale Konzepte im Kampf für eine bessere Welt

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