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Salat Schalom

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

Salat Schalom

Text: Katja Morgenthaler Foto: Julia Sellmann

Wo einst Milch und Honig flossen, schätzt man heute, was Bäume und Beete bieten. In Israel, dieser Eindruck entsteht an den Tischen von Tel Aviv, wird „vegan“ gerade Mainstream. Doch wie nah ist die Ernährungsrevolution wirklich? Ein Besuch im Morgenland

Sie sind überall, stehen wie Weinflaschen auf zartrosa Regalbrettern, zieren zuhauf die Fensterbänke und krönen selbst Zaunpfeiler vor der Tür: glänzende Auberginen, leuchtende Tomaten, glühende Hokkaidos und andere saisonale Schmuckstücke. Die Hauptzutaten im Tel Aviver Restaurant „Bana“ sind einfach zu schön für den Lagerraum. Nach Farben und Formen sortiert, empfangen sie die Gäste als täglich wechselnder Augenschmaus. Hinter einem Steintresen voller Salat steht die Tür zur Küche offen. Gerade schmoren dort Süßkartoffeln mit einer Füllung aus schwarzen Linsen und Pistazienpesto im Ofen. Über dem Tresen steht „plant-based eatery“, pflanzenbasiertes Lokal. Das Wort „vegan“ muss draußen bleiben.

„Im Veganismus steckt mir zu viel Ideologie“, sagt Dan Arvatz. „Wenn du ‚vegan‘ sagst, schwingt mit, dass du besser bist als andere. Das mag ich nicht.“ Der Chefkoch trägt einen Dreitagebart zu Basecap, Jeans und T-Shirt. Er sitzt im Garten des Restaurants, das seit seiner Eröffnung vor einem Jahr als eines der besten von Tel Aviv gefeiert wird. Eines der besten – ohne den entschuldigenden Zusatz „vegan“ und ohne Fleischersatz aus Tofu oder Seitan. Dan Arvatz und sein Team servieren einfach Gemüseküche. „Ich mag es, wenn die Dinge für sich selbst stehen“, sagt der 32-Jährige, der früher beim israelischen Starkoch Eyal Shani arbeitete und sich selbst seit vier Jahren rein pflanzlich ernährt. „Ich sage: Schaut mal, was ich aus Gemüse, Linsen, Nüssen und so weiter alles machen kann! Kommt her und genießt es! Einfach so, aus Spaß.“

Die ersten Gäste waren, so erzählt es Arvatz, weder Tierrechtler noch Umweltschützer, es waren Gourmets mit Appetit auf Neuland. „Sobald Fleisch auf dem Teller liegt, ist es das Thema der Mahlzeit. Wir aber suchen uns jedes Mal einen anderen Hauptdarsteller und schauen, wie wir ihn noch verbessern können.“ Das Ergebnis kann geröstete Aubergine in einem Eintopf von gelben Erbsen sein, geschmorter Eichelkürbis mit Kokospfeffercreme auf Blumenkohltaboulé oder gebackener Brokkoli auf Macadamiamus mit fermentiertem Knoblauch. Im Bana kochen sie in erster Linie gut – und wie nebenbei auch vegan. Sieht es so aus, wenn ein einst extremer Lebensstil schließlich die Mitte der Gesellschaft erreicht?

Seit einiger Zeit gilt Israel als das veganste Land der Welt. In einer Umfrage der israelischen Finanzzeitung Globes und der einflussreichen Channel 2 News bezeichneten sich 2015 etwa fünf Prozent der Israelis als Veganer. In den meisten Ländern – Deutschland eingeschlossen – sind es höchstens zwei. Aber hatten wirklich alle Befragten die Idee von „vegan“ verstanden? Schwindelte auch keiner? Das Israelische Zentralamt für Statistik kam 2016 in einer repräsentativen Befragung auf „normale“ 1,7 Prozent. Doch sehr aussagekräftig sind so kleine Zahlen aufgrund der Fehlertoleranz ohnehin nicht.

„Okay, lass mal die Zahlen beiseite“, sagt Ori Shavit. „Geh in irgendeinen Supermarkt und schau dir die Regale an. Das erzählt dir die ganze Geschichte.“ Israels bekannteste vegane Bloggerin sitzt nicht weit vom Bana im veganen Restaurant „Meshek Barzilay“, in einem Ambiente aus gediegenem Retroschick, und schüttelt die langen Locken. „Wenn du vor 15 Jahren in Israel Sojamilch kaufen wolltest, musstest du in die Apotheke gehen. Heute gibt’s in jedem noch so kleinen Lebensmittelladen alle möglichen Sorten Soja- und Nussmilch.“

Die zarte 45-Jährige nascht von dem Frischkäse, den sie hier aus Cashewmilch selber machen, und schließt genüsslich die Augen. Dann nimmt sie die Beweisführung wieder auf. In der Tat steckt Israels Alltag voller Alleinstellungsmerkmale. In dem kleinen Land gibt es rund fünfzig vegane Restaurants und mehr als zweitausend schmückt das pinkfarbene Herz der Organisation „Vegan Friendly“, weil mindestens ein Viertel der Gerichte pflanzlich ist. Israel war das erste Land, in dem der weltgrößte Pizzaservice Domino’s käsefreie Varianten lieferte, und ist der einzige Ort außerhalb der USA, wo der Eishersteller Ben & Jerry’s milchfreie Sorten verkauft. Jeden Herbst marschiert die größte Tierrechtsdemo der Welt durch Tel Aviv – zuletzt mit 25.000 Teilnehmern.

Längst hat der Staat den Trend aufgegriffen. Die israelischen Streitkräfte braten ihren vegan lebenden Soldatinnen und Soldaten nicht nur Extratofuwürste, sondern kleiden sie auch in Kampfstiefel aus Kunstleder und Baretts aus Acryl. Die Knesset führte 2014 – unter der Mehrheit des konservativen Likud – in ihrer Kantine einen Veggietag ein, undenkbar im deutschen Bundestag. Und Regierungschef Benjamin Netanjahu, sonst nicht gerade für visionäres Gedankengut bekannt, äußert sich regelmäßig sehr wohlwollend zum Thema.

Das wohl Erstaunlichste an diesem Wandel ist seine Dynamik. (...)

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