Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Schröder in Spendierlaune

Für die Überführung immer größerer Luxusliner läßt sich die Papenburger Meyer-Werft

Mit einem Knopfdruck wollte sich Gerhard Schröder in aller Eile die Stimmen von rund 2000 Arbeitern der Papenburger Meyer-Werft sichern. Zehn Tage vor der Bundestageswahl war er nach Ostfriesland gejettet, um südöstlich von Emden den ersten Pfahl für ein gigantisches Sperrwerk durch die Ems einzurammen. „Mach zu, Mensch“, zischte der Kanzlerkandidat während den Festreden auf dem Ponton. Denn viel war sowieso nicht zu verstehen: Mit lautem Gehupe protestierte die Kutterflotte der Fischer und Umweltschützer gegen den Baubeginn.

Zweimal jährlich soll die Meyer-Werft das Sperr- als Stauwerk nutzen dürfen, damit sie ihre Luxusliner aus dem Papenburger Binnenhafen in die 50 Kilometer entfernte Nordsee schleppen kann. Offiziell soll das 350-Millionen-Mark-Bauwerk vor Sturmfluten schützen – eine Definition, die den Eingriff in ein Vogelschutzgebiet möglich macht und Schröder eine Finanzhilfe des Bundes bescherte.

„Im Stauwasser zehrt der aufgewühlte Schlick so viel Sauerstoff, daß das Bodenleben binnen Stunden kilometerweit abstirbt. Lachs, Aal und Zugvögel finden keine Nahrung“, beschreibt hingegen Beatrice Claus vom World Wide Fund for Nature (WWF) die befürchteten Folgen, wenn die Sperrtore zur Schiffsüberführung geschlossen werden. Um schnell zu stauen, werde Salzwasser in die Ems gepumpt und das geschützte Deichvorland unter Wasser gesetzt; beim Ablassen schieße eine Süßwasserwelle in den Meerbusen. Für diese Schwankungen im Salzgehalt sei das Leben in der Ems und im sensiblen Watt nicht angepaßt.

Noch ist ungewiß, ob das Sperrwerk gebaut wird. Sechs Klagen und zwei Eilanträge liegen beim Verwaltungsgericht in Oldenburg. Bis sich die Richter durch die 18 Ordner gewühlt haben, darf Schröder nur Pfähle einrütteln, die sich leicht wieder entfernen lassen. Die Bauherren sind hektisch: In drei Jahren muß Meyer einen Riesen-Kreuzfahrer ausliefern, der ohne Sperrwerk nicht mehr durch die Ems paßt.

Für fünf Jahre sei der Standort dadurch gesichert, verkündete Werftbesitzer Bernard Meyer. Für den Wettlauf auf dem Weltmarkt wird die Werft seit Jahren gedopt, das Sperrwerk ist die größte Finanzspritze. Bisher ließ der Bund die Ems mit jeder neuen Schiffsgeneration vertiefen. Volkswirtschaftlich günstiger als ein Sperrwerk samt Betriebskosten erscheint es vielen, die Werft um 50 Kilometer in das tiefere Wasser bei Emden zu verlagern. 288 Millionen Euro könnten Bund und Land nach einer Studie der Universität Groningen sparen und damit den Umzug finanzieren. „Eigentlich verbieten die EU-Richtlinien Subventionen für Werften, aber als Umweltbeihilfe wäre eine Ausnahme möglich“, argumentiert Rechtsprofessor Gerd Winter von der Uni Bremen. Zweimal habe er Bund, Land, die Werft und die zuständigen Generaldirektionen in Brüssel deshalb angeschrieben. Ein Gespräch sei jedoch an Meyers Desinteresse gescheitert.

„Bei einem Umzug müßten wir die Logistik von 1800 Zulieferern völlig neu aufbauen, damit schaufelt man sich das eigene Grab“, erklärt Werftsprecher Peter Hackmann. „Das Stauen ist doch nur der charmante Nebeneffekt des Küstenschutzes“, sagt Werftchef Meyer. „Unsere Deiche sind sicher“, ärgert sich derweil Pastor Günter Faßbender aus Gandersum, das direkt an die Baustelle grenzt. Noch im Januar 1997 hatten die Behörden diese Ansicht weitgehend geteilt. Später wurden die Deiche auf 105 Kilometern Länge für sanierungsbedürftig erklärt. „Gefährdet werden sie nur durch die ständige Baggerei“, meint Faßbinder. „Würde man den Fluß endlich in Ruhe lassen, bräuchte man sich über den Küstenschutz keine Gedanken zu machen.“