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Sehen Sie auf diesem Bild eine Kuh?

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Sehen Sie auf diesem Bild eine Kuh?

Text: Svenja Beller Foto: Philipp Horak

Nein? Eben. Der Landwirt auf dem Foto hat nichts gegen Kühe oder Schweine. Im Gegenteil. Franz Haslinger braucht sie allerdings nicht als „Produktionsmittel“. Er gehört zu einer wachsenden Zahl von Landwirten, die Tiere ganz aus der Landwirtschaft entlassen. Was würde passieren, wenn das alle machen würden?

Würde man ein Bilderbuch aus Franz Haslingers Bauernhof machen, dann wäre das recht langweilig. Da wäre nicht viel, was man nachmachen kann: Kein lautes Kikerikiii am Morgen, kein träges Muuh von der Weide, kein gefräßiges Oink-Oink aus dem Stall. Nur die Felder, raschel raschel, und die Katze, immerhin, miau. Gut, und das mit dem Oink-Oink stimmt auch nicht ganz, denn der Nachbar hält Schweine. Eng an eng, ungefähr tausend Tiere in Intensivhaltung, schätzt Haslinger. Mit Bilderbuch hat das aber auch nichts zu tun.

Die Auswüchse der modernen Landwirtschaft sind für viele Veganer der Grund, ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Und dazu gehört streng genommen auch das, was hinten aus den Tieren rauskommt: die Gülle. Normalerweise hilft sie auch vermeintlich veganem Gemüse und Getreide auf dem Feld beim Wachsen. An sich wäre dagegen nichts einzuwenden. Aber nur fürs, pardon, Fressen und Kacken wird kaum ein Tier gehalten, sondern für seine Milch, seine Eier, seine Wolle und letztlich auch seinen Körper. Alles andere wäre schlicht nicht wirtschaftlich.

Aus der Sicht von Tierrechtlern ist eine solche Nutzung ein inakzeptabler Zustand. Sie gehen noch weiter als die Tierschützer und sprechen den Tieren ähnliche Rechte wie den Menschen zu. „Sklavenhaltung“ passt da nicht rein, sei sie noch so bio und fair. „Wir lehnen die landwirtschaftliche ‚Tierproduktion‘ ab – ebenso ihre vor- und nachgelagerten Bereiche der Tierausbeutung, Schlachtung, Mist- und Güllewirtschaft“, schreibt das Biologisch-Vegane Netzwerk. Die Gruppe hat sich Ende der Neunzigerjahre gegründet, um die vegane Bewegung aus Großbritannien auch im deutschsprachigen Raum voranzubringen. Sie ist kompromisslos: „Der ökologische Landbau ist für uns keine Alternative, solange er sich nicht vom Dogma der Notwendigkeit der Tierhaltung als Düngerlieferant löst.“

Im Moment ist die vegane Landwirtschaft noch eine Nische. Biovegane Betriebe gibt es kaum. Der Vegetarierbund listet 15 Höfe in Deutschland und Österreich auf, viele davon sind klein. Aber: „Eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft ganz ohne Tierhaltung ist möglich“, schreibt der Vegetarierbund. Geht das, ein vollkommener Verzicht auf „Nutz“tiere?

Fangen wir mal beim Tiermist an. Der versorgt den Boden mit Nährstoffen und organischen Substanzen. Da „ökologisch verträglich“ auch Kunstdünger ausschließt, müssen biovegane Bauern die Nährstoffe anders in die Erde bekommen. Franz Haslinger, 39 Jahre alt, braun gebrannt, zerkratzte Schienbeine, steigt ins Auto – seine Felder liegen bis zu zehn Kilometer vom Hof entfernt. Er fährt über die sanften Hügel des niederösterreichischen Weinviertels eine knappe Stunde nördlich von Wien, vorbei an großen Getreideäckern und Kruzifixen am Wegesrand. An einem Feld, das mit kniehohen Pflanzen bewachsen ist, hält er an. Wortlos holt er einen Spaten aus dem Kofferraum, stapft los und gräbt eine der Pflanzen aus. „Das ist eine Ackerbohne“, erklärt er, zupft ein winziges Kügelchen von der Wurzel und zerdrückt es mit dem Fingernagel. „Da müsste jetzt ein rosafarbener Schleim drin sein.“ Seine Gülle, im übertragenen Sinne.

Die Kügelchen sind Knöllchenbakterien. Sie gehen mit der Ackerbohne eine Symbiose ein. Nur in dieser engen Verbindung vermögen sie Stickstoff zu binden und in den Boden zu transportieren. Der ist ein unverzichtbares Bauelement für Pflanzen, übrigens auch für Tiere und Menschen, und ist mit fast achtzig Prozent größter Bestandteil der Luft. Ohne die Knöllchen würde er dort bleiben, und Franz Haslinger hätte einen ziemlich schlappen Boden. Deswegen baut er in seiner Fruchtfolge immer wieder Hülsenfrüchte an, sogenannte Leguminosen, die sich mit den Knöllchenbakterien zusammentun. Zusätzlich hat er einen – natürlich rein pflanzlichen – Kompost angelegt, den er auf die Felder ausbringt. Früher hat er Pferdemist geschenkt bekommen, damit ist jetzt aber Schluss. „Andere Leute haben den Fleischer des Vertrauens, ich habe die Kompostanlage meines Vertrauens“, sagt er.

Aber wie vermarktet man etwas als vegan, von dem eh schon alle dachten, es sei vegan? Haslingers Kartoffeln – oder Erdäpfel, wie man hier sagt –, Rote Beete, Zwiebeln, Zuckerrüben, Kürbisse, Hanf und Getreide werden mit dem Siegel von „Bio Austria“ ausgezeichnet, dem größten österreichischen Bioverband. Neben dem veganen Supermarkt Veganz beliefert er über eine Kooperative Rewe und Hofer, den österreichischen Aldi-Ableger. Von vegan steht da nichts auf seinem Gemüse. Nicht einmal seine Eltern haben das so ganz verstanden. Sie haben früher Schweine auf dem Hof gehalten, wie der Nachbar. Schon als ihr Sohn 2004 auf bio umstellte, waren sie dagegen. Da hat er gar nicht erst angefangen, ihnen das mit der veganen Idee zu erklären.

Was er nicht fortführen will, ist klar: das konventionelle landwirtschaftliche System mit seinen massenhaft eingepferchten und ausgelaugten Tieren, mit den tonnenweise versprühten Pestiziden, mit seinem ruinösen Preisdruck, mit dem Mangel an Verständnis für das, was da so vor sich geht in der Natur, in den Tieren, im Boden. Aber wer sind seine Verbündeten?

Getreu der Aussage „Artgerecht ist nur die Freiheit!“ lehnen biovegane Bauern auch die Tierhaltung auf Biohöfen ab. Etwa ein Viertel der deutschen Biobauern hält kaum oder gar keine Tiere mehr. Weniger aus Idealismus, sondern weil sie sich spezialisieren, meist aus wirtschaftlichem Zwang. Sie unterhalten dann Kooperationen mit tierhaltenden Betrieben, um etwa Gülle gegen Futterpflanzen zu bekommen. Der Bioverband Demeter schreibt das in solchen Fällen sogar vor.

Auch Alexander Gerber, Vorstand von Demeter, hält die konventionelle Landwirtschaft für „ein perverses System“. Er drückt sich vorsichtig aus: „Wir stehen auf jeden Fall auf der Seite des Pendels, an dessen Ende die biovegane Landwirtschaft steht.“ Aber: „Ich halte die Entwicklung für äußerst bedenklich.“ Dabei könnte man meinen, dass sich die beiden Wirtschaftsformen nahestehen. Der fundamentale Unterschied ist, dass für Anhänger von Demeter, also der biodynamischen Landwirtschaft, Tiere zum Kreislauf dazugehören. „Tierhaltung, Pflanzenbau und Düngerwirtschaft sind ausgewogene Teile in einem zusammenhängenden landwirtschaftlichen Organismus“, schreibt der Verband in seiner Richtlinie. Die Kombination aus pflanzlichem und tierischem Dünger halte den Boden am besten fruchtbar. Auch der Bioland-Verband erachtet die Tierhaltung als „ein sinnvolles Bindeglied im Betriebskreislauf“. Dabei geht es vor allem um ein Tier: die Kuh.

Als Wiederkäuer ist sie unter natürlichen Bedingungen kein Nahrungskonkurrent für den Menschen, anders als Schweine und Hühner. Sie kann Cellulose in Eiweiß und Fette umwandeln und so für den Menschen verfügbar machen. Vereinfacht ausgedrückt: Die Kuh kann Gras verdauen, wir nicht. Deswegen schreibt Demeter die Haltung von Wiederkäuern, insbesondere horntragenden Rindern vor. Biodynamisch wirtschaftende Bauern nutzen nämlich nicht nur den Kuhmist, sie verarbeiten zudem die Hörner zu Präparaten, um den Boden zu „verlebendigen“. Tiere hätten auch eine seelische Qualität: „Eine Landschaft verändert sich, wenn da eine Herde Kühe weidet“, sagt Alexander Gerber. „Es geht darum, ob wir in der Lage sind, mit dem Opfer der Tiere für uns würdig umzugehen.“ Jetzt kann man einwerfen, dass sie dieses Opfer nicht ganz freiwillig bringen. Ja, stimmt, sagt Gerber. Aber in der Natur sei alles auf die Entwicklung zum Menschen angelegt. „Die Tiere sind ein Teil von uns.“

Nach der veganen Ideologie gäbe es kein millionenfaches Tierleid mehr. Es gäbe aber auch keine zufrieden wirkenden Kühe auf der Almwiese mehr. Kühe pflegen neben Schafen und Ziegen unsere Landschaft, denn sie halten – sofern sie noch ins Grüne dürfen – die Weiden kurz. Man könnte meinen: Wenn man keine Wiederkäuer mehr hält, dann braucht man auch keine Weiden mehr. Aber ganz so einfach ist das nicht.

Will man sich eine vegane Welt vorstellen, muss man erst einmal wissen, wo wir stehen. In Deutschland wird von den insgesamt 360.000 Quadratkilometern etwas weniger als die Hälfte landwirtschaftlich genutzt, rund 167.000 Quadratkilometer. Davon sind rund siebzig Prozent Ackerland, der Rest ist Dauergrünland, also Wiesen und Weiden. Weltweit ist das Verhältnis genau umgekehrt. Die Menschheit nutzt Land also hauptsächlich, um darauf Tiere weiden zu lassen.

Das ist ökologisch und klimatisch auch sinnvoll. Nachhaltig bewirtschaftetes Grünland verfügt nicht nur über eine große Artenvielfalt, es ist auch ein hervorragender Kohlenstoffspeicher. Außerdem hat es an vielen Orten eine wichtige Schutzfunktion, auch in Deutschland: Grasflächen stabilisieren im Norden die Deiche, im Süden bewahren sie viele Alpenhänge vor dem Abrutschen. „Es ist wichtig, das Grünland zu erhalten und nachhaltig zu nutzen“, sagt Kurt-Jürgen Hülsbergen, Professor für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme am Wissenschaftszentrum Weihenstephan in Freising. Ihn sorgt, dass Grünland zu Ackerland umgebrochen werden könnte: „Das wäre eine Katastrophe.“ Denn durch das Pflügen und Ernten entweichen dem Boden Treibhausgase. Tatsächlich passiert gerade genau das, hauptsächlich für den Anbau von Energiemais. Würden aber immer mehr Höfe auf vegan umstellen, wäre das unwahrscheinlich. Denn auf einem Großteil der momentanen Ackerfläche wachsen Futterpflanzen, ohne Tierhaltung würden diese Flächen für den Anbau menschlicher Nahrungsmittel frei. In Deutschland wäre das eine ganze Menge: Knapp sechzig Prozent der Ackerfläche sind für die Tiermägen bestimmt, nur auf knapp dreißig Prozent wachsen Pflanzen für den menschlichen Verzehr. Die restlichen zehn Prozent werden zu Biokraftstoff verarbeitet, auch von den Energiepflanzen landet aber wiederum mehr als die Hälfte als Abfallprodukt im Tiertrog.

Da die bioveganen Richtlinien einen Umbruch von Grünland zu Ackerland ohnehin verbieten, könnte man es auch sich selbst überlassen. Es würde dann langsam verbuschen, bis es irgendwann zu Wald würde. Aus Klimaschutzsicht wäre das zu begrüßen, denn langfristig kann ein Wald mehr Kohlen-dioxid speichern als eine Wiese. „Aber wird die Wiese zu Wald, verschwinden wertvolle Tier- und Pflanzenarten“, gibt Hülsbergen zu bedenken. Auch die daraus resultierende Veränderung des Grundwasserspiegels ist schwer vorhersehbar.

Er glaubt nicht daran, dass eine biovegane Landwirtschaft in großem Stil funktionieren kann. Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, ist da optimistischer. Wolle man die Wiesen erhalten, könne man sie auch durch Mähen kurz halten. Das Gras könne man in einer Biogasanlage verarbeiten – im Prinzip nichts anderes als ein sehr großer Kuhmagen, sagt er.

Allerdings könne eine hundertprozentig biovegane Landwirtschaft nicht überall funktionieren. In manchen Regionen schließen die Umweltbedingungen Ackerbau aus. Viehhaltung oder Jagd ist dort die einzige Möglichkeit, an Nahrung zu kommen, wie etwa in Nordafrika und der Mongolei (zu trocken) oder in Grönland (zu kalt). Die dort lebenden Menschen wären noch stärker als bislang von Importen abhängig, würden sie auf eine vegane Ernährungsweise umsteigen.

Franz Haslinger im beschaulichen Niederösterreich macht sich darüber nicht viele Gedanken. „Das zu Ende zu denken ist jetzt gar nicht das Thema“, meint er. Er diskutiere nicht gerne darüber, obwohl er merke, dass die Akzeptanz für Veganismus wachse. Mit seinem Nachbarn trinkt er abends schon mal ein Feierabendbier. Über sein Gemüse oder dessen Schweine reden sie selten. Haslinger erträgt es einfach, dass der Schweinestall so sehr stinkt, dass er auch nachts die Fenster schließen muss.

Sture Vermeidungsstrategie? Bei momentan ungefähr 1,1 Prozent Veganern in Deutschland hat die Frage, ob ihre Lebensweise für alle funktioniert, tatsächlich noch ein bisschen Zeit. Selbst Franz Haslinger geht mit seiner Ernährung nicht dogmatisch um und erlaubt sich auch mal Milchprodukte. Die Menschheit ist für den konsequenten Verzicht auf Tierhaltung sicher noch nicht bereit, vielleicht wird sie es nie sein. Aber dank der veganen Bewegung ist sie zumindest gezwungen, sich ihrem egozentrischen Umgang mit Tier und Natur zu stellen.