Greenpeace Magazin Ausgabe 6.97

Smaragd-Bergbau: Die Jagd nach dem grünen Diamanten

Die Hoffnung auf schnellen Reichtum hat die Garimpeiros, die brasilianischen Minenarbeiter, in die Urwaldsiedlung Carnaiba geführt. Unter abenteuerlichen Bedingungen graben sie nach Smaragden. Die Bergwerke, die täglich Tonnen von Gestein und nur wenige Gramm des „grünen Diamanten“ ans Tageslicht fördern, zerstören die Natur und häufig genug auch das Leben derer, die in ihnen arbeiten.

Die Straßen von Carnaiba haben keine Namen und die Häuser keine Nummern. „Es muß Blut fließen, dann gibt es wieder Smaragde“, sagt Dona Julia. Und verleiht jedem Wort mit entschlossenem Nicken Nachdruck. Die hagere 60jährige Frau bewegt sich stolz wie eine Gräfin, auch wenn sie barfuß und in Lumpen geht. Ihre grauschwarzen Locken tanzen im Wind, der durch das kleine Bergdorf fegt, und die faltige braune Haut hat den unnatürlichen Glanz frisch geputzter Schuhe. Wachsam mustert sie die zwei Straßen des Dorfes, ehe sich der Blick in den abertausenden Quadratkilometern brasilianischen Urwaldes verliert.

Die Siedlung Carnaiba besteht aus 42 Hütten und liegt auf dem Gipfel eines namenlosen Berges. Die Einwohner: Analphabeten, die Millionäre sind. Und Analphabeten, die bettelarm sind, aber ihr Leben (oder das von anderen) riskieren, um Millionäre zu werden. Carnaiba im brasilianischen Bundesstaat Bahia ist die Heimat eines Edelsteins, der aussieht wie ein frühlingsgrüner Diamant – ein Juwel, das viel seltener ist als der härteste Stein dieses Planeten: Hier verbirgt sich der Smaragd.

Am Fuße des Berges lebt Fausto Copetti mit vier Huren, einem Rottweiler und seiner 45er Winchester. Und findet Dona Julias Diktum reichlich übertrieben. „Diesen Monat sind hier nur fünf Leute umgelegt worden“, sagt er und kratzt die Narbe an seinem Unterarm, die offensichtlich von einer Schußwunde stammt. „Auf der Autobahn sterben viel mehr Menschen.“ Fausto gehört eine von 18 Smaragdminen in Carnaiba, aus der seine Arbeiter manchmal an einem Tag Edelsteine im Wert von mehreren Millionen Dollar herausholen. Fausto gibt das Geld gerne und reichlich aus. Den Rest verwahrt er in Plastiktüten, die er mit seinem Leben zu verteidigen bereit ist. In Carnaiba trennen nur der Wald und einige Meter einst unberührten Dschungelbodens die Menschen vom Reichtum. Das verleiht dem Ort ohne Gericht und Polizeistation diesen Ruch unterschwelliger Gewaltbereitschaft. Alle graben und graben, fällen und sprengen hoffnungsvoll und rücksichtslos. Und wenn die Erde ihre Schätze nur dem Nachbarn gibt, töten sie auch schon mal. In Carnaiba zählt ein Menschenleben wenig und die Natur gar nichts.

Von ferne gleicht der Berg, auf dem Carnaiba liegt, einem Vulkan. Täglich speien die Minen, die sich in seine Flanke fressen, 30 Tonnen Geröll aus. Der Abraum fließt wie Lava die Hänge herunter und erschlägt im Umkreis von Kilometern die Natur, die zuvor den Berg bedeckte. Jeden Morgen steigt Dona Julia zusammen mit den anderen Frauen und Kindern Carnaibas in die Schotterhalden. Sorgsam drehen sie jeden Stein um. Waschen die verheißungsvolleren Stücke in Pfützen und bearbeiten sie mit Meißeln. Vielleicht findet sich ja ein Smaragd im Schutt, den die Minenbesitzer aussortiert haben. „Der grüne Diamant“, sagt ein Sprichwort in Carnaiba, „ist nicht nur für einen Menschen da.“ Also sucht Dona Julia mit den anderen Frauen und Kindern überall am Berg ihr Glück im Geröll. Nur der Bezirk um eine Smaragdmine, wo die Besitzer ihre wertvollen Steine lagern, bleibt ihnen verwehrt.

Als ich in die kleine Schutzhütte über Faustos Mine eintrete, füllt gerade ein Teenager mit gelangweiltem Gesichtsausdruck Dynamit in kleine kondomförmige Plastiktütchen. Und an der Tür raucht jemand eine Zigarette. Der Eingang zum Stollen besteht aus einem Loch im Fußboden, schmal wie ein Besenschrank und 140 Meter tief. Darüber ein Gerüst mit Kabeltrommel und Elektromotor. Am Ende des Stahlkabels halten zwei angerostete Drei-Millimeter-Bolzen die Schlinge, in der ein zerschnittener Autoreifen baumelt. Gemeinsam mit einem Garimpeiro, wie Minenarbeiter in Brasilien heißen, steige ich in den Ring. Kein gutes Gefühl, wenn das Leben zweier Menschen an zwei winzigen Bolzen hängt und einem Autoreifen, den irgend jemand weggeworfen hat.

Es folgt ein urschreiähnliches Kommando. Die Bremse an der Kabeltrommel wird gelockert, und wir verschwinden in der pechschwarzen Öffnung. Garimpeiros fahren stets zu zweit in die Grube ein, damit sie sich gegenseitig den Rücken vor der schartigen Felswand schützen können. Und die Felsen sind wirklich scharf: Mir schlitzen sie bei einer kurzen Berührung den dicken Ledergurt der Fotokamera auf 30 Zentimetern auf. Der Ausgang da oben, wo die Menschen, das Licht und das Leben sind, wirkt so groß wie eine Aspirintablette. Das Kabel surrt und ruckt beängstigend, wenn es unregelmäßig von der Trommel rollt. Als uns schließlich Finsternis umfängt, schwärzer als schwarz, tritt eine sehr leere Stille ein. Nur das Tropfen des Grundwassers, das durch die Felsen sickert, ist noch zu hören. Die Hände tasten sich an der Felswand entlang, die Körper rotieren den Schacht hinunter, und es steigt ein Geruch von Schwefel und feuchter Luft herauf. Wer hier fällt, erklärt mir der Garimpeiro, den zerfetzt der Fels, noch bevor er aufschlägt. Wer nicht fällt, steigt unten aus der Schlinge und kriecht in den Stollen.

Die Smaragdvorkommen durchziehen den Fels wie eine überdimensionale Perlenkette. Die „Perlen“ sind ein bis drei Kubikmeter große Einschlüsse aus Juwelen und Wirtsgestein. Zwischen ihnen verläuft gleich einem Faden die wenige Millimeter dicke Schicht aus Smaragd und Beryllkristallen. Diese Kette verläuft nicht gerade, sondern windet sich wild durch den Fels. Die Garimpeiros folgen ihr bedingungslos mit Preßlufthämmern und Dynamit. So gehen die Gängen rechts hoch und links hoch, hin und her, steil herunter und immer so weiter. Alle 20 Meter hängt eine schwache Zehn-Watt-Birne, alle paar Stunden läuft Wasser in die Fassung der Lampe. Es folgt ein Kurzschluß, und Dutzende von Männern kriechen 140 Meter tief unter der Erde in der Dunkelheit herum. Mit Streichhölzern und ihren Nasen versuchen sie, den Kurzschluß zu finden. Je tiefer der Stollen führt, desto sauerstoffärmer und feuchter wird die Luft. Licht und Leben scheinen unerreichbar, der Tod und die Smaragde nah.

Am Ende des Labyrinths bohren Arbeiter mit Taschentüchern vor dem Mund im Fels. Der Staub macht schwindelig und blind. Wenn die Lunge rebelliert, lösen die Männer den Schlauch des Preßlufthammers. Dann wirbelt eine ölig schmeckende Brise durch die Gänge. Jeder versucht, den Schlauch für ein paar Atemzüge vors Gesicht zu ziehen. Kurze Pause.

Dann eine Explosion. Die Nachbarmine sprengt sich mit Dynamit tiefer in den Berg. Alles zittert, der Boden, die Wände, die Decke. Überall bröckeln kleine Steine ab, denn niemand verliert hier seine Zeit mit dem Abstützen von Gängen. Die Männer schreien sich an. Der Freund schreit seinen Freund, der Vater seine Söhne, der Onkel seine Neffen an. Weg, weg, weg, während ein Stück der Decke einzustürzen droht. Hierhin. Dahin. Nein, nein, nicht da, nicht so. Da, da, da. Alle haben die Augen weit aufgerissen. 14 Sprengungen hintereinander, zehnmal am Tag. Und keine Warnung. Ameisenpanik, 140 Meter unter der Erde.

Nachdem die Donnerschläge aus der Nachbarmine verhallt sind, bemerkt Fausto, daß die Preßlufthämmer in seinem Bergwerk nicht mehr rattern. Er schaltet die Lichter ein paar Mal an und aus. Abmahnung. Die halbnackten Wesen mit den tausend Schweißperlen auf der glänzenden Haut ziehen sich die Taschentücher wieder vor den Mund und verbohren sich erneut in den Fels.

Faustos Sprengmeister erscheint. Der schlanke kleine Mann trägt fünf Kilo Dynamit in seiner Leinentasche. Die wurstförmigen Tütchen mit Sprengstoff werden in Bohrlöcher gedrückt. Die Garimpeiros machen sich auf allen vieren aus dem Staub und ziehen sich in die „sichere“ Distanz von drei Metern zurück. Wenn ihnen trotzdem was passiert, hat „der liebe Gott es so gewollt“. Und wenn nicht, ist auch das sein Wille. Der Sprengmeister brüllt eine Warnung an alle, die in irgendwelchen Gängen, irgendwie in der Nähe der Detonation sein könnten. Manche Männer haben sich in Fötushaltung in einer Ecke zusammengerollt, andere schlagen ein Kreuzzeichen, einer hockt cool im Gang und zündet sich eine Zigarette an.

Wenn Dynamit in einem engen Stollen explodiert, stockt der Atem, und man spürt etwas, was der Vorstellung vom Weltuntergang nahekommt. Ein scharfer Geruch von salzigem Schwefel kriecht mir in die Nase, und die Luft bebt in der Lunge. Der Sprengmeister zündet weiter und weiter. Die Luft in meiner Lunge fängt an zu brennen, als ob ich in einem viel zu konzentrierten Dampfbad säße. Damit die Trommelfelle nicht platzen, haben alle den Mund weit offen. Ich haben einen Geschmack auf der Zunge wie drei Wochen ohne Zähneputzen. Und in den Ohren pfeift ein Piepton, der erst Stunden später verschwinden wird. Einigen Garimpeiros läuft Blut aus der Nase.

Weiter. Weiter. Schaufeln knirschen im losen Gestein, Plastikkörbe füllen sich mit smaragdhaltigem Schutt und werden am Drahtseil hochgezogen. Anfangs verladen die Garimpeiros schwere Geröllbrocken, später folgt nur noch körniger Schlamm. Denn ständig dringt Grundwasser in den Stollen. Der Schwefel im Dynamit macht daraus eine ätzende Säure, die Tag und Nacht von starken Pumpen hinausbefördert wird. Die hochgradig verseuchte Brühe läuft aus den Minen über die Straßen und Felder den Berg hinunter, in die Wälder hinein, wo sie die Bäume und Pflanzen von innen verbrennt. Abgestorbene Vegetation zeigt an, wie weit das Gift kommt, bevor es versickert oder sich ausreichend verdünnt. Auch die Menschen in Carnaiba sind gezeichnet: schwärende Wunden und nässende Ekzeme bei den Kindern, die im Wasser spielen und den Garimpeiros, die darin arbeiten.

Die Lebenserwartung eines Minenarbeiters ist nicht hoch. Mehr als zehn Jahre unter Tage schafft kaum einer, weil Staub und Schwefel die Lungen zerfressen. Aber bevor es soweit ist, wollen sie alle ein Vermögen machen. Die Garimpeiros in Faustos Mine verdienen nur 20 Dollar am Tag, doch niemand kontrolliert am Feierabend ihre Taschen. Also stecken sie sich die besten Brocken ein und hoffen, daß ihnen später im Tageslicht aus dem Wirtsgestein der grüne Diamant entgegenschimmert. Ein lupenreiner Smaragd von einem Gramm oder fünf Karat Gewicht bringt auf dem Weltmarkt bis zu 25.000 Dollar. Aber Garimpeiros sind abergläubisch. Wer einen Edelstein findet, muß ihn sofort zu Geld machen und das gleich ausgeben – am besten für Alkohol und professionellen Sex. Außerdem bekommen die Frauen und Kinder bei einem großen Fund eine Abfindung, und es muß schnellstens eine neue Geliebte her. Denn wer nicht so handelt, heißt es, der wird nie mehr auf einen großen Fund stoßen.

Auch Tarzizio war einmal ein Garimpeiro, obwohl sein Äußeres dem Klischee nicht entspricht. Als Sproß deutscher Einwanderer hat er hellblondes Haar, tiefblaue freundliche Augen und ein betont korrektes Auftreten. Wenn Kinder ihn anbetteln, produziert er mit einem Finger eine derart autoritäre Nein-Geste, daß die Kleinen verängstigt weglaufen. Wenn Tarzizio in einer Kneipe sitzt, kommen alle Garimpeiros vorbei und tauschen Höflichkeiten aus, ehe sie an ihre Tische zurückkehren.

Tarzizio verließ vor Jahren die Kakaoplantage seiner Familie, um in den Smaragdminen sein Glück zu machen. Von einem Mann, der tief in der Erde und nur mit ein paar Dollar in der Tasche versuchte, eine neue Existenz aufzubauen, kann man ohne Übertreibung behaupten, daß er ganz unten angefangen hat. Schneller als andere lernte er, in dunklen Stollen unter Bergen losen Gesteins die Smaragde zu erkennen. Und anders als die meisten Garimpeiros lernte er, einen Teil des Verdienstes zu sparen. Heute arbeitet Tarzizio als Händler, der keine Risiken und Mühen scheut, um Smaragde in brasilianischen Minen aufzukaufen und in Europa mit kräftigem Gewinn weiterzuveräußern.

Garimpeiros und Smaragdhändler stehen früh auf und ziehen sich bei Sonnenuntergang die Decke über den Kopf. Um fünf Uhr morgens klemmt sich der alte Manuel hinters Steuer seines Kleinlasters, um zu Faustos Mine zu fahren. Wo das Nummernschild sein sollte, steht in barocken Buchstaben: „Gott hat Erbarmen mit meinem Auto“, und in Manuels Hosentasche knüllen 80.000 Dollar. Neben dem Alten sitzt Tarzizio, ich teile mir mit Manuels Sohn und zwei Neffen die Rückbank. In ihren Garimpeiro-Tagen war Manuel Tarzizios Lehrmeister. Die Fahrt über fachsimpeln beide über die Ausbeute, die Fausto gestern aus seiner Mine holte, und wieviel sie ihm abkaufen sollten. Nur das Klappern des Autos in den Schlaglöchern unterbricht ihr Gespräch; wir auf der Rückbank schweigen respektvoll.

Die Straßensperre habe ich überhaupt nicht erkannt. Voraus stehen zwei Lastwagen auf der Fahrbahn, Männer laden scheinbar harmlos Steine um. Aber mitten im Urwald, auf der Zufahrt einer Smaragdmine, zu der Händler mit viel Geld im Gepäck unterwegs sind? „Da stimmt was nicht“, sagt Manuel und stoppt in 100 Metern Entfernung. Die Neffen ziehen ihre Pistolen, bauen sich neben dem Auto auf, und Manuels Sohn marschiert mit wiegendem Gang zu den Lastern. Eine Viertelstunde debattiert er mit den Leuten, dann geben sie die Straße frei. „War das jetzt ernst?“ will ich von Tarzizio wissen. Der zuckt nur mit den Schultern. Das Durchschnittsalter auf den Grabsteinen des Friedhofs von Carnaiba liegt bei 28 Jahren. Die meisten Toten sind Männer, gestorben mit einer Kugel im Kopf.

Später, beim Handeln mit Fausto, scheint das Reden kein Ende zu finden. Die Handelsrituale mit ihren Gesten, dem Aufstehen, Weglaufen und Wiederkehren, dem lauten Argumentieren, all das wird stundenlang wiederholt. Käufer und Verkäufer sind auch nicht zu beneiden. Fausto hat anderthalb Tonnen Gestein in fünf Haufen portioniert. Darin verbergen sich im günstigsten Fall 350 Gramm schleifenswerte Smaragde, und die Händler machen Hunderttausende Dollar Gewinn. Im ungünstigsten Fall verbirgt sich nichts darin, und Manuel wäre ruiniert. Als er schließlich für einen der Steinhaufen 76.000 Dollar hinblättert, schwitzt er aus allen Poren.

Manuels Garten hinter dem Haus sieht aus wie ein Straflager des vorigen Jahrhunderts. Ein Dutzend Männer – alles Verwandte – sitzen in der sengend heißen Sonne und zerschlagen mit Hämmern melonengroße Steine, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Es gibt durchaus raffiniertere Methoden, den Smaragd aus dem Wirtgestein zu trennen. Aber diese paßt besonders gut in die Welt der fatalistischen Garimpeiros. Wenn ein Juwel im Wert von Zehntausenden Dollar unter den Schlägen zerspring, lächelt der Schuldige nur und sagt lapidar: „Leider hat der Hammer keine Augen.“ Oder: „Gott wollte nicht, daß dieser Stein zu mir kommt.“ Zwei Tage hämmert Manuels Clan, dann erhalten die Smaragde einige Wannenbäder in Chlorsäure, um den letzten Rest Wirtsgestein zu lösen. So scharf ist das Mittel, daß dort, wo die Säure weggekippt wird, niemals wieder etwas wächst. Endlich liegen auf Manuels billigem Plastiktisch mehr Edelsteine, als in den britischen Kronjuwelen verarbeitet wurden. Die Familienmitglieder versammeln sich um den Patron und schweigen. Manche, weil Manuels Glücksgriff sie sprachlos macht. Andere, weil sie heimlich einige Smaragde im Mund versteckt haben.

Tarzizio wagt seinen Einsatz. 2000 Dollar muß er Manuel für einen ein Gramm schweren Rohsmaragd bezahlen. Wenn der grüne Diamant lupenrein ist, wird er ihn für mehr als das Zehnfache weiterverkaufen. Ist der Kristall trübe, legt er drauf. Zweidreiviertel Stunden sitzt Tarzizio fast regungslos am Tisch und betrachtet die Steine. Hühner rennen über den Hof, Kinder streiten sich um eine Schaukel, und Manuels Leute schwingen längst wieder den Hammer. Dann hat Tarzizio elf grüne Steine aussortiert. 26.000 Dollar blättert er Manuel dafür hin.

Was die Steine wirklich wert sind, erfährt Tarzizio in der Provinzhauptstadt Campo Formoso; in einem der Vororte betreibt Gabriel seine Edelsteinschleiferei. Über einer Autowerkstatt, hinter einer kleinen Metalltür, hocken sieben junge Männer über sehr kleinen Maschinen und bearbeiten noch kleinere Steine. Das Surren und Kratzen der Schleifmaschinen hört sich an wie das entfernte Kommen und Gehen von alten U-Bahn-Zügen. Die Tische sehen aus, als hätte jemand die Sterne vom Himmel gepflückt. Erst hier bei Gabriel wird aus einem Kristall ein Juwel. Der Schliff bewirkt, daß die Steine das Sonnenlicht auffangen, in tausend Farbnuancen brechen und in unseren Augen funkeln.

Der letzte Arbeitsgang ist das Polieren. Nur noch ein paar Minuten trennen Tarzizio von Reichtum – oder Reinfall. Der Polierer drückt den ersten der elf Edelsteine Facette für Facette auf eine Drehscheibe, wischt ihn immer wieder sauber und kontrolliert mit einer Lupe den Glanz. Als auch die letzte Facette poliert ist, beugt sich Tarzizio über den Polierer und bricht den Stein persönlich aus dem Siegellack der Halterung. „Danke, danke, ist gut“, nuschelt er und eilt ans Fenster. Tarzizio wartet, bis eine Wolke vorübergezogen ist, hebt den Smaragd in den strahlenden Sonnenschein. Und zwischen seinen verschwitzten Daumen und Zeigefinger explodiert ein grünes Feuerwerk.

Anderthalb Tonnen Abraum, aus denen wenige Gramm Smaragde übrigbleiben. Verschandelte Natur, vergiftetes Wasser, Gier und Gewalt. „Wenn es hier bei uns Smaragd gibt, fließt Blut“, sagt Dona Julia mir in ihrer abgehackten Sprechweise. „Aber in Europa kann der grüne Diamant dir die Liebe deines Lebens bringen.“ Wie, Dona Julia, wie? „Zeig’ erst, wieviel Geld du hast.“ Zögernd zücke ich meine Brieftasche, aus der sie ungefragt 150 Dollar zieht. Dann greift sie in ihre verschlissene Kittelschürze und drückt mir einen herrlichen Smaragd in die Hand. „Und die Liebe?“ Dona Julia stöhnt über soviel Begriffsstutzigkeit. „Diesen Stein legst du unter deine Zunge und gehst zu der Frau, die dir gefällt.“ Und weiter, Dona Julia? „Du sprichst sie an und sagst: Meine Schöne, wenn du mich jetzt küßt, hast du nachher einen 2000-Dollar-Smaragd im Mund.“

Von SACHA HARTGERS
Fotos: SACHA HARTGERS

Hartes Leben, glänzende Geschäfte

Brasilien liefert rund 65 Prozent der auf dem Weltmarkt angebotenen Edelsteine und Halbedelsteine: neben Smaragd auch Amethyst, Achat, Topas, Aquamarin, Turmalin, Zitrin und Tigerauge. Der Juwelenexport bringt jährlich mindestens 600 Millionen Dollar ein. Etwa 20 Prozent der Verkäufe laufen über den schwar-zen Markt. Eine halbe Million Brasilianer leben vom Suchen, Schleifen und Verkaufen der Steine. Die Gewinne landen aber nur in wenigen Taschen; die meisten „Garimpeiros“ bleiben arm. Dabei ist die Arbeit in den Bergwerken hart und gefährlich. Jedes Jahr kommen Hunderte bei Grubenunglücken und Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit dem Edelsteinhandel ums Leben.