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So schmeckt Artenschutz

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

So schmeckt Artenschutz

Text: Andreas Weber Foto: Hans Hansen

Ein neues Projekt bringt Fruchtaufstriche und andere Delikatessen direkt aus der Natur auf den Tisch. Jede Sorte, in einem Biosphärenreservat zwischen Nordsee und Alpen traditionell erzeugt, steht Pate für eine selten gewordene Art – deren Bestand durch den Genuss gesichert wird

Als Bernhard Kastilan an einem Apriltag von seinem Streuobsthang über das Tal von Kleinsassen im Biosphärenreservat Rhön schaut, ist die Aussicht von Blüten verschleiert. Fast überall auf seinem Land geht der Blick durch die Zweige eines der neunzig Bäume, an denen zarte Kelche ins Licht drängen. Weiße Brandung überschäumt die kugeligen Kronen der Apfelbäume, die nach oben hin schlankeren Birnbäume, die weniger regelmäßigen Pflaumen, und weiter unten, in einer Hecke an der stillgelegten Bahntrasse, leuchten rosafarben zwei hohe, schlanke Wildkirschen.

Dass diese Blütenlust und die in sie eingebetteten bedrohten Arten sich weiterhin im Frühjahr entfalten dürfen, dazu sollen demnächst Kunden in Bio-Supermärkten direkt beitragen. Ein Teil der Früchte von Kastilans Streuobstwiese wird seit dem letzten Jahr für ein neues Handelslabel verarbeitet, das nicht nur die Standards des Biolandbaus erfüllen, sondern nachweisbar den Schutz einzelner bedrohter Arten fördern will.

Die Firma „Vivasphera“, die gerade eine Büroetage im nahe gelegenen Gewerbegebiet von Petersberg bei Fulda bezogen hat, wird künftig Lebensmittel mit Biodiversitäts-Mehrwert produzieren. Statt „irgendwie bio“ sollen die Kunden ganz konkret ein Stück lebendige Welt mit den sie bewohnenden, anderswo selten gewordenen Arten finanzieren. Die Ausgangsprodukte stammen aus den deutschen Biosphärenreservaten. Die Verarbeitung findet ebenfalls dort statt, meist in kleinen Traditionsbetrieben oder Manufakturen. Die Gewinne sollen den ökologischen Erzeugern dort helfen und die traditionelle Bewirtschaftung der Natur fördern.

Das ist der Plan, und auf Bernhard Kastilans Obstwiese leuchtet er vollkommen ein. Auch weil die Umgebung des Hanges, wenn man hinschaut, die Verarmung zeigt, die eine auf höchste Effizienz getrimmte Landwirtschaft zur Folge hat. Im Tal und auf den Hügeln gegenüber ist Lebensfreude Mangelware. Bis an die Grenzen mit schnell wachsendem Gras besäte Nutzwiesen dominieren die Hänge unterhalb der Milseburg, des höchsten Berges der sogenannten Kuppenrhön; ein paar Tannenschonungen, dann beginnt der gut geordnete Wald – so, wie es der Normalfall in der deutschen Agrarlandschaft ist.

Es ist der Normalfall in einem Europa, in dem die Zahl der Feld- und Wiesenvögel seit 1980 um 57 Prozent zurückgegangen, die Zahl der fliegenden Insekten in den letzten fünfzehn Jahren gar um achtzig Prozent gefallen ist und fast alle Hummelarten gefährdet sind.

Auch die, über die sich Kastilan nun beugt: Der Hinterleib orange gefärbt, der glänzende Chitinpanzer wenig behaart, krabbelt das dickliche Insekt durch die Grashalme und Blütenknospen der Wiese auf der Suche nach einem Nesteingang. „Eine Kuckuckshummel!“, konstatiert Kastilan. Eine in fremden Hummelbauten parasitisch ihre Brut aufziehende Art also, die nicht nur auf Blumenwiesen, sondern auch auf andere Hummeln angewiesen ist und die man mittlerweile nur noch an wenigen Stellen zu Gesicht bekommt. Genauso wie die Helle Erdhummel: einst ein Allerweltstier, heute fast verschollen, abgedrängt in kleine Refugien, in denen Vielfalt und Lebendigkeit sich noch so entfalten dürfen, wie die Art es zum Überleben braucht.

Unten im Dorf verbrachte Kastilan seine Kindheit. Der 77-jährige Beamte im Ruhestand, dessen Lächeln noch immer entwaffnend ist, kaufte nach seiner Pensionierung die anderthalb Hektar Nordwesthang mit den sechzig Obstsorten. Dann begann er die Umstellung auf eine Bewirtschaftung, die nicht maximalen Ertrag, sondern Leben anlocken will.

Immer noch kommen neue Schönheiten hinzu, wie die violett blühende Teufelskralle und die sattgelbe Trollblume im letzten Jahr. Mit seinen Orchideen steht Kastilan auf Du und Du. Wo sich jetzt zögernd die Blattlanzetten aus dem Gras schieben, hat er grüne Plastikstäbe eingesteckt, sodass er ihre Zahl überblicken kann: Einhundert Exemplare des Großen Zweiblatts kann er vorweisen, zweihundert Gefleckte Knabenkräuter – und Dutzende Individuen von drei weiteren Orchideenarten.

Stirbt ein Apfelbaum, lässt Kastilan ihn stehen, als Nisthilfe für Käuze und Stare, und schichtet um ihn herum noch extra Holzstücke auf, in denen Wildbienen nisten können. Er lädt die Unordnung ein, weil sie mit Leben schwanger ist. Seine Kollegen hingegen, erzählt er, verscheuchten Wildwuchs sogar dort, wo er nicht stört. „Kürzlich sagte mir einer, er habe jetzt endlich die Flechten an seinen Obststämmen abgekratzt“, erzählt er.

Das unzensierte Blühen ist ringsum nur auf Kastilans Hang erlaubt. Himmelschlüsselchen, Küchenschelle – man könnte mehr Namen von Pflanzen aufzählen, die einmal gewöhnlich waren, heute aber fast schon exotisch klingen. So gedeihen im Halbschatten von Kastilans Hang auch Einbeere, Herbstzeitlose und Seidelbast, weil es zahllose Mikrohabitate gibt, die er aktiv schützt. Der Rentner betreibt die Liebe zum Lebendigen als Altershobby. Dass dabei Obst abfällt, ist eher Nebensache.

Und genau das ist die Nische, die Vivasphera erschließen will: Das verkaufen, was beim Bewahren an Leckereien abfällt. Die Motivation der Bio-Kunden nämlich ist breit gestreut. Während sich manche vor allem gesündere Lebensmittel erhoffen, setzen andere auf eine tiergerechtere Haltung. Vivasphera macht aus der vagen Annahme, dass Bio immer auch die natürliche Umwelt bewahrt, Essen für den Artenschutz.

Auf den schön gestalteten Labels der zunächst etwa ein Dutzend Produkte, mit denen die Firma im Sommer auf den Markt kommen will, sind die jeweiligen Zielarten dieser Schutzbemühungen dargestellt, von einem bekannten Illustrator von Arten-Bestimmungsbüchern extra gemalt. So zieren das Gefleckte Knabenkraut und die Helle Erdhummel die Marmeladen aus den Früchten von Bernhard Kastilans Wiesen – stellvertretend für die ganze Fülle auf seinem Land.

Erfunden hat das Konzept Armin Kullmann. Der Endvierziger sitzt in seinem Eckbüro mit Blick auf die Wasserkuppe, deren Gipfel noch von Schnee bedeckt ist. „Das ist der Alpenhauptkamm der Rhön“, witzelt er über den spektakulären Ausblick.

Kullmann ist ein alter Kämpfer der Bio-Szene. Aufgewachsen im pfälzischen Idar-Oberstein, organisierte er Anfang der Achtzigerjahre als Abiturient eine Bürgerinitiative, die vorübergehend den Bau der Umgehungsstraße stoppte. Nach dem Abi stand er im Naturkostladen seiner Freundin hinter dem Tresen, dann lernte er Bio-Landwirtschaft. „Ich habe jeden Moment damit gerechnet, dass die ökologische Weltrevolution beginnt, mit uns als Speerspitze“, erinnert Kullmann sich mit milder Selbstironie.

Die Revolution blieb aus. Stattdessen erweiterte sich der Kapitalismus um die Idee, mit Naturverträglichkeit Geld zu verdienen. Kullmann wurde zum ökologischen Produktplaner, entwickelte das Label des Oberlausitzer Bio-Karpfens und schrieb eine Analyse zu Erfolgsfaktoren regionaler Entwicklung. Er sammelte Erfahrungen, knüpfte Verbindungen. Alles Puzzleteile, die ihn für Vivasphera prädestinierten.

Beim Grillen mit Drahtziehern der Umweltszene in der Schorfheide 2012 gelang es Kullmann, den Ökologen Michael Succow, Träger des Alternativen Nobelpreises, von seinem Projekt zu überzeugen. Auch deshalb, weil Succow selbst immer stärker an die Idee der Biosphärenreservate glaubte. In diesen soll nicht nur die Natur selbst geschützt werden, sondern auch eine Landnutzung, die eine hohe Artenvielfalt hervorbringt, so wie einst fast überall in der europäischen Kulturlandschaft. Gerade dieses Miteinander steht im Zentrum der Idee, die 1970 zum Start des Biosphärenreservat-Programms durch die Unesco führte. „Wir können Natur am besten erhalten, wenn wir auch den Menschen helfen, das Land auf traditionelle Art zu nutzen“, erklärt Succow – wenn die Natur nicht nur als Ressource bewahrt wird, sondern auch als Ort lebensstiftender Verbindung.

Im letzten Jahr erst hat der Ökologe ein erstes Biosphärenreservat am äthiopischen Tana-See mitgegründet, das seine Verbündeten unter den Mitgliedern der dortigen uralten Hirten- und Fischerkulturen suchte. Dort ist keine Schutzzone unter Menschenausschluss entstanden, sondern der Versuch, gemeinsam Leben zu wahren – und dadurch Menschen und bedrohten Arten zu helfen.

Mit ähnlichem Ethos will Vivasphera Produkte aus allen Biosphärenreservaten zwischen Alpen und Nordsee vermarkten – eine konsequente Weiterentwicklung der Grundidee dieser Schutzräume, die ja ein Wirtschaften mit der Natur zum Ziel haben.

Die einzelnen Projekte wählt Kullmann selbst aus. So hat der Vivasphera-Gründer einen Winzer bei Landau in der Pfalz unter Kontrakt, auf dessen Weinbergen noch wilde Tulpen blühen. Kullmann hat ihm erklärt, wie der Boden zu bearbeiten ist, damit die raren Schönheiten weiter gedeihen – und dazu angeregt, eine Reihe Faulbaum zu setzen, die Futterpflanze des Zitronenfalters. Mit dem gelben Schmetterling war auch das Patentier gefunden. Ein anderer Wein, geschmückt mit der Mauereidechse, wird von der Lebenshilfe Bad Dürkheim gekeltert. Sie bebaut einen Rebhang, dessen enge, von alten Trockenmauern gestützte Terrassen von keinem kommerziellen Winzer zu bestellen wären.

Wie bei jedem Start-up erfordert all das eine Mischung aus erbarmungsloser Detailarbeit und breit angelegter Professionalität. Kullmann verhandelt mit Großhändlern und Biomarktketten. Er präsentiert auf Bio-Fachmessen Wurstwaren vom Rhönschaf, das zu Lebzeiten bei der schonenden Pflege von Magerwiesen half. Und er verkostet Prototypen des Gulaschs vom „Auerochsen“, einer dem Urrind ähnlichen Rückkreuzung, die auf den Salzwiesen des Biosphärenreservates Niedersächsisches Wattenmeer grast.

Die Degustationen nimmt Kullmann im Konferenzraum gemeinsam mit der Handvoll frisch angestellter Mitarbeiter vor. Zu den Kollegen gehört mit dem jungen Ulfert Saathoff auch ein wissenschaftlich ausgebildeter Ökologe. Die Geldgeber des Artenvielfalts-Start-ups, drei private Investoren, fanden das wichtig: Die Lebensmittelmarke stellt wissenschaftliche Expertise auf die Beine, um die Auswirkungen ihrer Produktion zu dokumentieren. Wenn ein Bewerber seine Erzeugnisse über Vivasphera vermarkten möchte, wird von seinen Flächen zunächst ein Arteninventar erstellt.

So lässt sich erkennen, was schon da ist, was durch die Bewirtschaftung mehr wird und was weniger. Auch deshalb ist die Auswahl der Erzeuger langwierig. Sie müssen in einem Biosphärenreservat produzieren, mit Bio-Zertifikat – „aber auch damit einverstanden sein, dass wir bei ihnen mal eine Schutzmaßnahme durchsetzen“, sagt Saathoff. So bat Vivasphera den Pfälzer Bio-Winzer, der einen Cabernet Blanc liefert, ein altes Gartenhäuschen mit Nistkästen unter anderem für den Hausrotschwanz herzurichten.

Hinzu kommt die Auswahl der Betriebe, welche die Rohwaren verarbeiten. Die Marmelade von Kastilans Obsthang kocht Markus Wingenfeld vom Rhöner Fruchtflair ein. Wingenfeld stellte vorher mit Behinderten bei der Caritas Konfitüren her. Dann gründete er einen kleinen Laden, in dem er seine selbst eingeweckten Produkte verkauft. Rentnerinnen im Dörfchen pflücken für ihn Hagebutten, überzählige Äpfel aus Gärten und von Alleebäumen werden zu Fruchtaufstrichen. Die Dauerwurst von den Rhönschafen produziert das Ökozentrum Vachdorf auf der thüringischen Seite des Mittelgebirges.

Der kleinteilige Ansatz, den Vivasphera pflegt, hat es möglich gemacht, dass die Firma als einzige Lebensmittelmarke überregional die Labels der Biosphärenreservate nutzen darf. Vivasphera ist halb Naturkostanbieter, halb Umweltorganisation. Kullmann will den Beweis antreten, dass eine solche Haltung im Megakapitalismus des Jahres 2017 ihre Nische findet. Dafür wurde eigens eine Stiftung gegründet. Die „Artenallianz“ wird unter anderem von der Futurzwei-Stiftung des Nachhaltigkeitsvorkämpfers Harald Welzer unterstützt. Dieser sieht in Kullmanns Start-up eine Geschichte aus der Zukunft – aus einer Zeit, in der nachhaltiges Wirtschaften Normalität geworden ist und in der die Menschen nicht mehr gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr.

Wer mit Bernhard Kastilan auf dem Obsthang den Frühling begrüßt, muss davon kaum noch überzeugt werden. Wenn man sich hier auf dem weißen Schaum der Blütenwogen treiben lässt, während ringsum die kahlen Hügel der Nutzlandschaft daliegen wie abgelutschte Bonbons, dämmert einem, dass so die Welt von selbst wird, wenn man ihr nur Raum gibt: farbenprächtig, in kleinste Einzelheiten aufgelöst, einladend, mit unerschöpflicher Tiefe. Kastilan führt mittlerweile Schulklassen über seinen Apfel- und Kirschenberg, weil selbst für Kinder auf dem Land eine durch die Gräser summende Hummel nicht mehr selbstverständlich ist.

Der unterschwellige pädagogische Effekt dieser Rückkehr in die Wirklichkeit, die Kastilans Hang seinen Besuchern ermöglicht, ist nicht auf Viertklässler beschränkt. Auch auf die Anrainer hat das Blühen eine stille Sogwirkung. Lange haben die Landwirte Kastilans Toleranz gegenüber der Schönheit, die sich von selbst einstellt, wenn man sie lässt, mit Skepsis betrachtet. Gerade aber hat der Pensionär den Besitzer der Obstplantage hangabwärts überzeugt, seine Pflanzung ebenfalls auf Bio-Streuobstwiese umzustellen, nicht mehr zu spritzen und nur noch einmal im Spätsommer das Gras zu mähen.

Kastilan produziert Erinnerungen an die Zukunft. Diese Erinnerung kann demnächst auch als Marmelade mit schönem Orchideen-, Hummel- oder Vogelbild durch den Magen gehen.