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Stammkapital

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Stammkapital

Text: Carsten Jasner Foto: Julia Sellmann

Der deutsche Wald würde viel mehr CO2 speichern, wäre er urwüchsiger. Wir können ihn zurückverwandeln, sagt ein Lübecker Stadtförster, und trotzdem nutzen. Nein, erwidert ein Brandenburger Waldbesitzer, wir brauchen möglichst viel Nadelholz. Eine Begegnung unter Buchen und Kiefern

Carl Friedrich Freiherr von Lüninck betritt das Haus, ohne dass ihn jemand hereingebeten hätte. Ein Liedchen pfeifend steigt er die knarzende Holztreppe hinauf. Vielleicht fühlt er sich zu Hause in dem backsteinernen Forsthaus, das seinem eigenen in Brandenburg ähnelt. Oder ist es ein „Pfeifen im Walde“? Immerhin trifft er gleich Knut Sturm – den Mann, den viele Förster hassen, weil er ihnen die profitablen Nadelbäume ausreden will. Solche, wie der Freiherr sie massenhaft besitzt.

Das Greenpeace Magazin hat die beiden Männer zum Streit im Wald über den Wald geladen. Wie soll der Forst der Zukunft aussehen? Wie können die märchen- und mythenträchtigen Ansammlungen verholzter Pflanzen ihren vielfältigen Funktionen gerecht werden – romantischer Erholungsraum und Holzproduktionsstätte, artenreiches Biotop und globale Klimaanlage?

Die Antwort sei bei ihm in Lübeck zu besichtigen, sagt Knut Sturm, sein Modell könne die globale Erwärmung bremsen. Sturm ist Amtsleiter für den Stadtwald Lübeck und gilt als einer der Erfinder der ökologischen Forstwirtschaft; auf 5000 Hektar bewirtschaftet er einen Laubmischwald mit vielen alten Buchen, Holz gewordenen Kohlenstoffspeichern. Sturms Konzept funktioniere nicht überall, der Markt verlange nun mal nach Nadelholz, sagt dagegen Freiherr von Lüninck, gelernter Jurist und stellvertretender Vorsitzender des Waldbesitzerverbands Brandenburg, der sich für die „Förderung des heimischen Rohstoffes Holz und des Holzabsatzes“ einsetzt. Im Sauerland und im Hohen Fläming bewirtschaftet er auf 3600 Hektar Fichten- und Kiefernforste.

An einer borkigen Eichenbohle, dem Besprechungstisch, begegnen sich die beiden. Ein Amtsförster, ein Adeliger, doch die Waldmänner ähneln sich: stämmige Statur, schwere Schritte, dichte graue Haare. Der Lübecker schiebt eine Karte mit den grün markierten Stadtwäldern über den Tisch. Von Lüninck starrt auf viele kleine, weit ins Umland reichende Flecken. „Total disloziert. Sieht aus wie ein Schrotschuss.“ Sein Wald sei zusammenhängender, darum effizient zu bearbeiten. Sturm deutet auf einen grünen Fleck, dreißig Kilometer weiter südlich. Dorthin möchte er seinen Gast führen: Berkenstrücken, sein Lieblingsforst.

Eine halbe Autostunde später schlagen sich die zwei Experten zwischen dünnen und dicken Bäumen hindurch, über abgebrochene Äste, durch knöcheltiefes Laub. Ein hüfthoher liegender Stamm versperrt den Weg. Daneben ragt der gesplitterte Stumpf fünf, sechs Meter in die Höhe, an der Rinde haften Moos und Zunderpilzschwämme. Sturm beugt sich vor zu einer feuchten Höhle im Stamm, wühlt mit den Fingern im Totholz. Mulm rieselt heraus. Der Eremit habe sich hier eingenistet. Der seltene Käfer brauche dicke Stämme wie diesen, weil er sich als Larve über mehrere Jahre durchs Holz fresse, erklärt Sturm. Die 220 Jahre alte Buche war von Weißfäule befallen. Vor drei Jahren ist sie in einem Sturm umgekippt. „Wir lassen sie liegen.“

Etwa jeder zehnte Baum darf in den Lübecker Wäldern in Ruhe altern, sterben, kippen und modern. Er gibt Vögeln, Käfern, Pilzen und Mikroorganismen Kost und Logis, indem sie ihn zu Humus verarbeiten. Ein Großteil des Kohlenstoffs, den der Baum zu Lebzeiten aus der Luft gesogen hat, gelangt so in den Boden und wird dort gespeichert. „Totholz muss man sich leisten können“, sagt von Lüninck. Die Stadt Lübeck sei vielleicht reich genug. Er als Privatmann müsse aber seine Bäume ernten, bevor sie „wertlos“ würden – „damit Frau und Kinder was auf den Teller bekommen“. Manchmal, wenn ein Specht eine Höhle in einen Baum gehackt hat, lasse er ihn stehen – als „Ökobaum“. Welcher Baum bleiben darf, entscheide er aber „aus der Hüfte“.

Neunzig Milliarden Bäume bewalden ein Drittel Deutschlands. Die eine Hälfte gehört der öffentlichen Hand, die andere Privatpersonen wie von Lüninck. Die Bundesregierung fordert, die Privaten sollten bis zum Jahr 2020 fünf Prozent ihrer Wälder unter Schutz stellen lassen. Die Eigentümer wehren ab — steile Hänge und Feuchtgebiete, etwa vier Prozent ihrer Flächen, würden sie freiwillig nicht bewirtschaften, das müsse reichen. Sturm sagt: Es könne nicht angehen, dass wir von Schwellen- und Entwicklungsländern verlangen, den Regenwald in Ruhe zu lassen, während wir selber munter holzen. Deutschland trage eine Verantwortung für klimafreundliche Wälder im eigenen Land.

In Lübeck bleiben elf Prozent des Stadtwalds unberührt. Wichtiger sei jedoch, findet Sturm, Naturnähe und Nutzung flächendeckend zu vereinen. Wie an seiner Lieblingsstelle im Berkenstrückener Forst: Sie diene der Holzproduktion, obwohl sie renaturiert wurde. Vor ein paar Jahren ließ er ein System alter Entwässerungsgräben zuschütten. Das ursprüngliche Moor kehrte zurück, in einer Senke entstand ein Tümpel, bedeckt von einem grünen Teppich aus Wasserlinsen – das Ziel der heutigen Exkursion. Nicht heimische Arten wie die Fichte sterben nun im steigenden Grundwasser ab oder wurden drumherum von Sturms Leuten gefällt und verkauft. An ihrer Stelle wachsen standorttypische Edelhölzer nach, sagt Sturm, Ahorn, Ulme oder Vogelbeere.

Am Ufer des Tümpels entdeckt von Lüninck einen alten Bekannten. „Sachalin-Knöterich?“ Sturm nickt. „Hat wahrscheinlich jemand aus seinem Garten entsorgt“, sagt der Freiherr. Bei ihm vermehre sich das Zeug wie Teufel, er müsse Gift einsetzen. „Hier säuft es ab“, sagt Sturm. Gegen die nordamerikanische Traubenkirsche spritze er auch, sagt von Lüninck, weil sie andere Arten verdränge. „Bei uns machen Bergahorn und Buche die Kirsche von allein kaputt“, sagt Sturm.

Die Lübecker verzichten auf Gifte und oft auch auf Axt und Säge. Klassisch geschulte Förster durchforsten alle paar Jahre: schneiden krumme, minderwertig scheinende Bäume ab, um Platz für gerade zu schaffen, die sich besser verkaufen lassen. Sturm setzt auf Selbstregulation. Er orientiert sich an Buchenwäldern, die nach der letzten Eiszeit rund zwei Drittel der Fläche Deutschlands bedeckten. 300 Jahre wurden die Bäume alt, bevor sie in die Knie gingen. Sie boten urwäldliche Lebensräume, denen der Lübecker Stadtforst Jahr für Jahr näherzukommen sucht. Allerdings leistet Sturm dabei Schützenhilfe.

So hockt er nach Feierabend oft in der Nähe seines Lieblingstümpels mit Hündin „Lina“ auf einem Hochsitz und genießt die Stimmung. Die tief stehende Sonne stochert durchs Laubdach, am Ufer bauen Zwergschnäpper ihr Nest im Unterholz, Kraniche fliegen trompetend ein. Irgendwann stupst Lina ihr Herrchen an. Der Stöberhund wittert etwas. Sturm hebt sein Gewehr.

Rund 600 Rehe schieße er mit Freunden pro Jahr, sagt Sturm, außerdem Rothirsche, Damwild und Wildschweine. Insgesamt 16 Tonnen Fleisch. Von Lüninck rechnet und staunt. Er schieße dreimal weniger. Würde er die Tiere nicht systematisch erlegen, sagt Sturm, ginge der Wald kaputt. Sie schälten Rinde und fräßen junge Triebe. Das „Lübecker Modell“, so Sturm, werde oft missverstanden. Er sei kein militanter Öko, der „Baum ab – nein danke“-Sticker trage. „Ich finde Möbel aus Holz nett, und ich esse gerne Wildschwein. Ich bin für Nutzung.“

Darin ist er mit allen Forstleuten einig. Sie wollen einen Wirtschaftswald. Gesund soll er sein und ordentlich wachsen, indem er viel CO2 bindet und in Holz verwandelt. Sogar die Eigentümer der größten Fichtenplantagen Deutschlands, die Fürstenhäuser Thurn und Taxis, Hohenzollern und Wittelsbach, beanspruchen, „nachhaltig“ zu arbeiten. Das tun sie auch, in gewisser Weise.

Vor 300 Jahren forderte ein sächsischer Oberberghauptmann erstmals „nachhaltende Nutzung“ von Wäldern, weil im Erzbergbau die stützenden Holzbohlen knapp wurden. Schluss mit den rabiaten Rodungen, verlangte er, es dürfe nicht mehr geschlagen werden, als nachwachse. Dieser Nachhaltigkeit im rein ökonomischen Sinne folgt heute jeder Förster. Und verweist zugleich auf die Artenvielfalt im Revier. Tatsächlich, belegen Studien, erweisen sich sogar Monokulturen als erstaunlich biodivers. Kahlschläge schaffen besonnte Lichtungen, gesäumt von Büschen und Bäumen: paradiesisch für Käfer, Falter und Vögel. Allerdings auch für aggressiv-invasive Arten wie das Indische Springkraut oder den Sachalin-Knöterich, den von Lüninck mit Gift bekämpft.

Seine Familie bewirtschaftet seit 250 Jahren Wälder im Sauerland. Ihr Fichtenholz stützt viele Stollen im Ruhrgebiet. Als Kind hat von Lüninck mit seinem Vater die Dicke der Bäume gemessen. Im pieksenden, finsteren Forst habe er sich nie wohlgefühlt, sagt er. Sein Vater und dessen Vorväter folgten der Lehre, wonach Bäume am besten wachsen, wenn sie gleich viel Platz und Licht bekommen. In Reih und Glied pflanzten sie Setzlinge derselben Art zur selben Zeit. So können die Nadeln ungehindert Fotosynthese betreiben, das Holz schießt in die Höhe. Doch seit zwanzig, dreißig Jahren erweisen sich Monokulturen auch wegen der steigenden Temperaturen als anfällig für Stürme und Krankheiten. Bund und Länder fördern den Umbau zum Mischwald. 1996, sagt von Lüninck, sei er „auf den Zug aufgesprungen“ und pflanzte hier und da Laubbäume – mit mäßigem Erfolg.

Die Exkursion im Berkenstrückener Forst beeindruckt ihn, das verhehlt er nicht. Auf dem Rückweg steuert er seine Limousine über morastige Wege und reckt den Hals, um die Baumkronen zu begutachten. „Schicker Wald“, murmelt er, „mein lieber Schwan.“ Die Buchen seien anderthalbmal so hoch wie bei ihm.

2007 habe der Orkan „Kyrill“ seinen halben Wald im Sauerland geplättet, erzählt er, und in Brandenburg 300 Hektar dazu. Als er die Schäden begutachtete, habe er gedacht: „Scheiße“, und nach einer Weile: „interessant“. Überall sprossen Schösslinge aus dem Boden, Laub vor allem und so viel, dass das Rotwild mit dem Fressen nicht hinterherkam. Zu erleben, wie die Natur sich selbst helfe, „diese ungeheure Dynamik“, habe ihm imponiert.

Von Lüninck ist nicht gekommen, um für die Überlegenheit von Nadelkulturen zu streiten, das wird langsam klar. Auch er will etwas verändern. Er hört Sturm zu. Aber er ist skeptisch.

Nichts anderes ist Sturm gewohnt. Zu ihm kommen Forstreferenten, „frisch von der Uni, hochmotiviert“, die würden wütend, wenn er ihnen sein Modell erkläre. „Unsinn“, rufen sie dann, „kann nicht funktionieren. Lesen Sie mal die Standardwerke.“ Die Autoren dieser Bücher, sagt Sturm, würden sozialdarwinistisch denken. Sie gingen davon aus, im Wald herrsche ein erbitterter Kampf, jeder gegen jeden, der die Holzqualität mindere. Der Mensch müsse eingreifen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, um Störenfriede, sogenannte Bedrängerbäume, zu eliminieren.

Er hingegen glaube weniger an Konkurrenz als an Kooperation. „Wenn ich forste, fördere ich Individualismus. Wenn ich wenig mache, wachsen die Bäume im Kollektiv.“ Das klingt nach Sozialismus, vielleicht wird er auch deswegen angefeindet. Doch Sturm hat Beweise. Im Stadtwald wird auf sogenannten Referenzflächen zum Teil seit mehr als hundert Jahren nicht geschlagen. Hier wachsen Buchen, Eichen, Ahorn, Tannen und Kiefern in ungeheurer Dichte: 800 bis 900 Kubikmeter Holz pro Hektar – der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 360 Kubikmetern. Am besten wachse ein altersdurchmischter Wald, hat Sturm beobachtet. Über Wurzeln und verknüpfende Pilzfäden würden Nährstoffe ausgetauscht und manche kranken Bäume wieder aufgepäppelt. Es komme allerdings auch vor, dass vitale Bäume plötzlich sterben. „Keine Ahnung, warum.“ Manches sei eben unerklärlich.

„Glücklich ist die Forstpartie, der Wald, der wächst auch ohne sie“, sagt von Lüninck. Er habe den Eindruck, das Lübecker Modell folge diesem alten Förster-Spott. Da sei was dran, sagt Sturm. Bäume würden im Alter noch mal richtig zulegen. Bei ihm stünden fette Eichen, weit über 200 Jahre alt. Furnierhändler und Tischler interessierten sich brennend für sie. „Doch sie müssen sich gedulden.“ Der Baum lege pro Jahr fünf bis sechs Millimeter zu.

Von Lüninck hätte längst gefällt und verkauft. Aus klassischen Forsten kommen Bäume im Alter von 120 bis 150 Jahren ins Sägewerk. Obwohl sie, wie jüngste Studien belegen, in eine zweite Lebenshälfte treten könnten, in der sie tatsächlich dreimal mehr an Masse zulegten als in ihrer Jugend. Diese Erkenntnis darf als revolutionär gelten, sie widerspricht der Lehrmeinung. In naturnahen, schattigen Wäldern, so Forscher der Hamburger Universität, gedeihen Bäume langsamer, aber stetig und nehmen erst im letzten Viertel ihres Lebens die Hälfte ihres Kohlenstoffvolumens auf, verwandeln CO2 in Stämme, Äste und Wurzelwerk. In Nadelwäldern der Taiga ebenso wie in mitteleuropäischen Forsten und tropischen Regenwäldern.

Die Klimaerwärmung könnte durch die Wälder der Welt effektiver gebremst werden, sagt Christoph Thies von Greenpeace. Dazu müssten einerseits der Schwund der Regenwälder gestoppt, andererseits Forste in gemäßigten Zonen nach Lübecker Vorbild umgebaut werden. Das ginge in Mitteleuropa, Nordamerika und Teilen Chinas. In einer Studie im Auftrag von Greenpeace hat das Freiburger Öko-Institut zusammen mit den Lübeckern ausgerechnet, wie diese „Waldvision“ bis zur Mitte des Jahrhunderts in Deutschland umgesetzt werden könnte: Der Laubholzanteil stiege von 39 auf 52 Prozent. Buchenwälder breiteten sich aus, sie speichern rund fünfzig Prozent mehr Kohlenstoff als Nadelbäume. Fichten gäbe es etwa so viele wie heute, ihr Anteil würde aber von 32 auf 23 Prozent sinken. Der Holzvorrat in den Wäldern erreiche fast 500 Kubikmeter pro Hektar. Allerdings: Dieser Zuwachs werde nur erreicht, wenn künftig ein Viertel weniger geerntet würde. Das bringt die privaten Waldbesitzer auf die Palme. Die Verbraucher wollten Holz, sagen sie. Soll es künftig aus dem Ausland kommen, wo womöglich viel radikaler gehackt wird? Der Umbau der Wälder, sagt Thies, müsse einhergehen mit geringerem Holzverbrauch. „Mehr langlebige Möbel, weniger Papierverschwendung, Schluss mit Pelletheizkraftwerken.“

Wenn ich ein Viertel weniger ernten würde, sagt von Lüninck: „Wer bezahlt mir den geringeren Verdienst?“ Und überhaupt, er glaube nicht, dass der jahrhundertealte Lübecker Wald Modell für ihn sein könne. Sein Forst sei erst nach dem Krieg gepflanzt und zu DDR-Zeiten verschlissen worden. Der Boden sei schlechter. Zwischen den Kiefern würden erfreulicherweise Buchen und Eichen nachwachsen, aber im Vergleich zu den Recken in der Hansestadt seien die „mickrig wie Klobürsten“. Sturm sagt, er würde sich das gerne mal ansehen.

Zwei Tage später wandern die beiden Männer durch den Hohen Fläming, südwestlich von Berlin. Hier hat von Lüninck nach der Wende 3000 Hektar gekauft, aufgeteilt in rechteckige Parzellen mit starken Kontrasten. Auf einer Seite stehen junge Kiefern, stramm in Reihe wie eine Armee aus Zahnstochern. Gegenüber ein Naturschutzgebiet mit Tümpel, Büschen und knorrigen Bäumen, wo Schwarzstörche und Mittelspechte brüten. Jenseits eines Weges beginnt eine undurchdringliche, vor etwa dreißig Jahren gepflanzte Eichenplantage.

Von Lüninck führt zu einem Areal, auf dem er kürzlich geerntet hat. Der Boden ist übersät mit Stümpfen, im lehmigen Sand zeichnen sich Reifenprofile eines Harvesters ab, einer baggerähnlichen Maschine, die vollautomatisch sägt und entastet. Auf 200 mal 200 Metern blieben etwa ein Dutzend Kiefern stehen. Zu ihren Füßen haben von Lünincks Mitarbeiter Zweige gehäuft. „Das kann ich ihnen nicht abgewöhnen“, sagt er. Sie sollten das Restholz eigentlich ungeordnet liegen und verrotten lassen. Zwischen Blaubeerbüschen und Gräsern lugen einzelne Eichen- und Buchenschösslinge hervor.

Sturm und von Lüninck lehnen sich an einen Stapel sauber geschnittener Stämme. Die Rinde ist brotkrustig, es duftet nach Harz. Was hätte Sturm anders gemacht?

Er hätte die Bäume dicker werden lassen, sagt er. Hätte weniger und in Abständen von Jahren geschlagen – kleine Lichtungen, in denen Bäume verschiedener Generationen nachwachsen können. Schwere Maschinen, die den Boden verdichten, würde er nicht einsetzen, stattdessen von Hand sägen und die Stämme mit Rückepferden rausziehen. Der märkische Boden sei nicht so fruchtbar wie der Geschiebemergel in Lübeck, doch auch hier, glaubt er, ließe sich der Holzvorrat auf 400 Kubikmeter pro Hektar verdoppeln. Es könnte ein humusreicher Buchenwald entstehen, gemischt mit Eichen, Kiefern, Birken und Ebereschen.

„Laubbäume sind schwierig“, sagt von Lüninck. Harvester könnten alte, dicke Stämme nicht packen, man müsse mit der Motorsäge ran. Was gefährlich sei. Er habe gesehen, wie Buchen gegen benachbarte stürzen, die sich erst biegen und dann krachend splittern. „Da zischen Spieße durch die Luft.“ Sturm nickt. Fällen sei eine Kunst.

Der Brötchenbringer seien Nadelbäume, sagt von Lüninck. Die Holzindustrie habe sich auf Fichte und Kiefer für Dachstühle und Tische, Fußböden und Spanplatten eingestellt. „Die Industrie muss sich umstellen“, sagt Sturm. Es gehe auch anders, das zeigten die vielen denkmalgeschützten Patrizierhäuser in Lübeck. „Die stehen und speichern Kohlenstoff noch nach 600 Jahren, weil die Zimmerleute Eichenbalken verwendeten.“

Wie lange es denn dauern würde, seinen Wald nach Lübecker Art zu gestalten, will von Lüninck wissen. Sturm wiegt den Kopf. „100 bis 150 Jahre.“ Von Lüninck lächelt.

Der Verdienstausfall der Waldbesitzer müsse durch finanzielle Anreize ausgeglichen werden, schlägt Christoph Thies vor. Der Umbau sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wälder als Kohlenstoffsenken seien ebenso notwendig wie die Reduktion von CO2-Emissionen. Ältere und dichtere Mischwälder, so die „Waldvision“-Forscher, könnten fünf bis zehn Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland tilgen.

Der Freiherr stapft mit seinem Gast zurück zum Forsthaus in Brandenburg, am Wegrand steht eine dicke, alte Buche. Sturm legt den Kopf in den Nacken. „Schwarzspechthöhle.“ „Jetzt nistet eine Hohltaube drin“, sagt von Lüninck. „Das Holz der unteren acht Meter könnte man noch verwerten“, sagt Sturm. Von Lüninck schüttelt den Kopf. „Der bleibt stehen. Ist ein Ökobaum.“

1.5°
Wälder: Wachsen lassen
Die Entwaldung, auf die derzeit zehn Prozent der globalen Emissionen entfallen, muss im nächsten Jahrzehnt weltweit gestoppt werden. Das wird nur klappen, wenn Länder mit tropischem Regenwald über den in Paris zugesicherten „Green Climate Fund“ entschädigt werden. Überdies müssen die Länder des Nordens selbst die Kohlenstoffspeicherfunktion der Wälder stärken – und ihren Konsum von Rindfleisch, Soja, Palmöl und Holz aus Regenwaldgebieten reduzieren.

Die Vorreiter
Costa Rica: Ende der Achtzigerjahre war nur noch ein Fünftel des mittelamerikanischen Landes bewaldet, heute wieder mehr als die Hälfte.
Äthiopien: Das afrikanische Land hat sich verpflichtet, 15 Millionen Hektar Wald bis 2020 wieder aufzuforsten – ein Sechstel seiner Fläche.
Brasilien: Das Land mit dem größten Regenwald konnte die Entwaldung seit 2004 um 80 Prozent reduzieren. Allerdings droht derzeit ein Rückfall.

Die Lage in Deutschland
Ein Drittel Deutschlands ist bewaldet – aber Wald ist nicht gleich Wald. Urwälder und naturnahe Wälder speichern viel CO2, bedecken aber nur zwei Prozent des Landes. Die Bundesregierung will zur Anpassung an den Klimawandel den Laubbaumanteil steigern. Naturschützer fordern einen radikaleren Wandel: Mehr ökologische Forstwirtschaft mit geringerer Holzernte würde Wälder zu wichtigen Klimaschützern machen.