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Sturmwarnung aus Hollywood

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.04

Sturmwarnung aus Hollywood

Text: Michael Friedrich Foto: Ulrike Myrzik

Im Kinofilm „The Day After Tomorrow“ bricht die Katastrophe als Turbo-Eiszeit über die Erde herein. Zwar können Forscher den genauen Verlauf des Klimawandels nicht vorhersagen. Doch dass ähnlich dramatische Folgen drohen wie auf der Leinwand, ist keine Utopie.

Das Unheil bricht in Dolby-Surround über die Menschheit herein: Gerade noch verspeist ein Japaner am Straßenimbiss friedlich seine Portion Reisnudeln, da wird er, wie etliche andere in Tokio, von bowlingkugelgroßen Hagelkörnern zerschmettert. In Los Angeles zerfetzen derweil Tornados erst die Hochhäuser im Stadtzentrum, dann den Hollywood-Schriftzug – und nebenbei fast die Trommelfelle der Zuschauer, so gewaltig toben die tödlichen Wirbel über die Leinwand. Als schließlich New York samt der nördlichen Hemisphäre in einer Art Instant-Eiszeit binnen Sekunden schockgefroren wird, lässt das unheimliche Sirren und Knacken auch das Publikum frösteln.

„Die Spezialeffekte waren wirklich klasse“, lobt der Ozeanograph Stefan Rahmstorf, 44, vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die 125 Millionen Dollar teure Hollywood-Produktion „The Day After Tomorrow“ (Übermorgen) des Regisseurs Roland Emmerich. Der bildgewaltige Öko-Thriller, der Ende Mai mit großem Erfolg weltweit in die Kinos kam, präsentiert den computergenerierten Klimawandel als eine Katastrophe, die binnen Tagen die halbe Welt in einen Eisschrank verwandelt.

Auch wenn manches physikalisch unmöglich und anderes ebenso großer, aber kinotauglicher Unsinn ist – Wissenschaftler wie Stefan Rahmstorf erkennen ihre Arbeit erstaunlich gut wieder: Wie im Film sammeln sie mit Hilfe von Eisbohrkernen Informationen über die Klimageschichte, nutzen Messsonden im Meer und Satellitendaten aus dem All, berechnen ihre Szenarien im Computer und warnen Politiker vor den Folgen eines Wandels des Weltklimas. Rahmstorf etwa hat 1998 bei einer UN-Konferenz in Buenos Aires einen ähnlichen Vortrag über abrupte, chaotische Klimaveränderungen gehalten wie sein Film-Pendant Jack Hall im künstlich verschneiten Neu-Delhi und dabei sogar das gleiche Diagramm zur Erklärung verwendet. Und ähnlich wie beim fiktiven Forscher Hall werden Warnungen auch in der Realität eher in den Wind geschlagen.

Dabei deutet immer mehr darauf hin, dass die Klimakatastrophe schon begonnen hat – nur leiser als im Kino, oft weitab, eher schleichend und scheinbar unspektakulär. Experten finden das Tempo, in dem sich der Wandel vollzieht, gleichwohl atemberaubend: Das Eis in der Arktis zum Beispiel schmilzt wie im Zeitraffer. In nur drei Jahrzehnten hat das Meereis 44 Prozent seiner Masse verloren.

„In der Polarregion findet ein dramatischer Klimawandel statt“, warnt deshalb Robert Corell, Vorsitzender der ACIA, einer Wissenschaftlervereinigung von Arktis-Anrainerstaaten. Die Temperaturen steigen in den Eiswüsten des Nordens zwei- bis dreimal schneller als im globalen Durchschnitt, in Teilen Alaskas sogar zehnmal schneller. „Wer wissen will, was auf die Erde zukommt“, sagt Corell, „soll in den kommenden fünf bis zehn Jahren auf die Arktis blicken.“ Im hohen Norden sind die Zeichen überall zu besichtigen: Das Ward-Eisschelf im Nordosten Kanadas zum Beispiel hatte 3000 Jahre lang eine stabile Größe von rund 8900 Quadratkilometern – doch im letzten Jahrhundert gingen 90 Prozent davon verloren, wie kanadische Forscher schockiert feststellten.

Für den gesamten Globus sagen die UN-Klimaexperten des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) bis 2100 eine Erwärmung von 1,4 bis 5,8 Grad Celsius voraus – im Durchschnitt. Für die Arktis rechnen Spezialisten wie der Amerikaner Robert Corell gar mit einem bis zu dreifachen Temperaturanstieg.

Was klingt, als würde es uns kaum betreffen, könnte tatsächlich globale Folgen haben: Studien des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) kommen zu dem Schluss, dass in einem solchen Fall große Teile des bis zu drei Kilometer dicken Eispanzers auf Grönland abschmelzen könnten. Ab einem Temperaturanstieg von 2,7 Grad Celsius, fürchten die Forscher, schmilzt dort mehr Eis als der durch die zunehmende Verdunstung wachsende Niederschlag ersetzen kann. Bei 34 von 35 Klimasimulationen der AWI-Forscher auf Basis der IPCC-Daten wurde der kritische Wert von 2,7 Grad überschritten. Schon im Jahr 2050 könnte dieser Punkt erreicht sein, wenn die globalen Emissionen von Treibhausgasen wie Methan, Distickstoffoxid und vor allem Kohlendioxid (CO2) nicht reduziert werden, prognostiziert das britische Hadley-Zentrum für Klimavorhersagen.

Bei einem Abschmelzen des gesamten Grönlandeises würde der Meeresspiegel im Laufe der Jahrzehnte weltweit um bis zu sieben Meter steigen. Städte wie Los Angeles, London, New York, Buenos Aires, Shanghai und Hamburg ließen sich selbst mit aufwändigem Küstenschutz vor solchen Fluten nicht retten. Zahlreiche Inselstaaten und große Teile von Bangladesch mit seinen dann 200 Millionen Einwohnern wären unbewohnbar.

Sorgen macht Experten auch, dass – wie im Film – der Golfstrom abreißen oder sich zumindest deutlich abschwächen könnte. Ohne die warme Meeresströmung, die tropische Fluten aus der Karibik bis hoch nach Norwegen transportiert, herrschte in West- und Nordeuropa, aber auch an der amerikanischen Ostküste ein völlig anderes Klima: nämlich wie im Norden Kanadas oder in Sibirien. Motor der gigantischen Wärmepumpe, die eine Heizleistung wie 250 Millionen Atomkraftwerke hat, ist der größte „Wasserfall“ der Welt: Im Seegebiet zwischen Grönland und der Insel Spitzbergen stürzt ein Strom von schwerem, salzreichem Oberflächenwasser in die Tiefe und fließt wieder nach Süden – in jeder Sekunde 17 Millionen Kubikmeter, 15-mal so viel wie alle Flüsse der Erde zusammen führen.

Schon ein sehr geringes Absinken des Salzgehaltes aber, etwa durch das Süßwasser aus erhöhten Niederschlägen, schmelzendem Grönlandeis und anderen Gletschern, könnte diese Pumpe erlahmen lassen. Tatsächlich ist der Salzgehalt in der Region schon gesunken, belegen Messungen. Der kleinere Labrador-Strom, der zwischen dem kanadischen Festland und Grönland in die Tiefe fällt, könnte bereits 2020 stocken, prognostizieren Wissenschaftler des Hadley Centre. Zwar hält Stefan Rahmstorf das Abreißen des Golfstroms in diesem Jahrhundert für „sehr unwahrscheinlich“, vollkommen ausschließen will er dies aber auch nicht.

Noch allerdings diskutieren die Experten, ob die dadurch sinkenden Temperaturen in Europa und Nordamerika vom Temperaturanstieg durch die Klimaerwärmung kompensiert würden. Wegen der komplexen Wechselwirkungen des Klimageschehens sind präzise Vorhersagen derzeit unmöglich. Viele Abläufe sind bislang nicht vollends verstanden. Zudem liefern die verschiedenen Klimarechnungen teils noch sehr unterschiedliche Ergebnisse.

Solche Unsicherheiten nutzen nicht nur notorische Skeptiker wie der Amerikaner Fred Singer: „Immer wenn das Klima wärmer war, war das gut für die Menschheit“, argumentiert der Physiker im Magazin „Insight on the News“, einem Ableger der von der rechten Moon-Sekte kontrollierten Tageszeitung „Washington Times“. Das Kyoto-Protokoll zur Begrenzung der Treibhausgas-Emissionen hält er für verrückt, weil es Energie teuer mache und die Wirtschaft schädige. „Wir sollten mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre haben, das ist gut für die Pflanzen, sie wachsen schneller.“

„Die Umsetzung von Kyoto kostet wenigstens 150 Milliarden pro Jahr“, rechnet wiederum der Däne Björn Lomborg vor, „nützt aber nichts. Die für 2100 prognostizierte Erwärmung verzögert sich dadurch lediglich um sechs Jahre – bis 2106.“ Das Geld solle man lieber direkt in die Armutsbekämpfung stecken, zumal die „erneuerbaren Energien 2050 wettbewerbsfähig mit fossilen Energieträgern wie Öl sein werden“ und die CO2-Emissionen deshalb weniger stark anstiegen. Von zwei bis drei Grad höheren Temperaturen könnten „die Industriestaaten sogar profitieren“. Mit einer Reihe von – teils sehr renommierten – Ökonomen kam er Ende Mai beim „Copenhagen Consensus“ zu dem Schluss, von den zehn drängendsten Aufgaben sei der Klimaschutz diejenige, die der Menschheit den geringsten Nutzen brächte.

William Hare und Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut halten solche Thesen für falsch: „Lomborg untertreibt die Risiken bei weitem“, sagt etwa Hare: „Schon ein moderater Anstieg der Temperaturen bis zu zwei Grad – wie er als beinahe unvermeidlich gilt – dürfte eine solche Häufung extremer Klimaphänomene wie Stürme, Hitzewellen und Dürren oder Starkregen hervorrufen, dass sich besonders die armen Staaten nicht rasch genug anpassen können.“ Auch dass die reichen Länder von steigender Wärme profitieren, hält er für unwahrscheinlich. Mehr Wärme bedeutet mehr Energie in der Atmosphäre, die sich in heftigeren Unwettern und Überflutungen entlädt – mit erheblichen Folgen auch für die Landwirtschaft. Überschwemmungen und Dürren, wie sie sich in Europa jüngst abwechselten, wären dann keine „Jahrhundertereignisse“ mehr, sondern würden zur Regel.

„Was, wenn Teile Afrikas und Asiens, wie vorhergesagt, trockener werden?“, fragt Lotze-Campen, „Schon heute sind eine Milliarde Menschen unterernährt.“ Die meisten Forscher sind sich einig, dass die armen Staaten am stärksten unter dem Klimawandel leiden werden und die weltweite Ungleichheit noch weiter wächst. Auch dass die erneuerbaren Energien sich „einfach so“ durchsetzen, glaubt der Potsdamer Wissenschaftler nicht. „Solche Investitionen, vor allem in die Forschung, muss die Politik wollen.“

Doch auch auf der Erneuerbaren-Energien-Konferenz Anfang Juni in Bonn kamen nur unverbindliche Absichtserklärungen heraus. Und Skeptiker wie Singer und Lomborg befinden sich in einflussreicher Gesellschaft: zum Beispiel in der des US-Präsidenten. George W. Bush will seinen Landsleuten – die mit nur vier Prozent der Weltbevölkerung ein Viertel der weltweiten Energie verbrauchen – den verschwenderischen Lebensstil nicht vermiesen. Das Kyoto-Protokoll lehnt er als schädlich für die Wirtschaft ab. Er setzt wie seine Spender aus der Industrie eher auf technische Lösungen wie die Versenkung von Kohlendioxid im Meer oder in leergepumpte Ölfelder. Und ansonsten auf „business as usual“. So
spendierte er Käufern der extrem Sprit fressenden SUVs (LKW-schweren Geländewagen) erst jüngst eine Steuererleichterung, obwohl der US-Verkehr schon jetzt weltweit den größten „Einzelbeitrag“ zu den CO2-Emissionen beisteuert.

Ginge es nach Bush, seinem Vize Cheney und der Industrie, würden Öl, Gas und Kohle verbrannt, solange die Vorräte „wirtschaftlich erschließbar“ sind. Die Nachfrage steigt. China ist inzwischen zweitgrößter Ölverbraucher der Welt, dabei sind auf den Straßen des 1,2-Milliarden-Volkes erst 24 Millionen PKW unterwegs. Würden die erschließbaren fossilen Vorräte vollständig verbrannt, haben Klimaforscher errechnet, würden weitere 25 Gigatonnen CO2 freigesetzt. Dann aber, prognostizieren Wissenschaftler, könnte die CO2-Konzentration in der Atmosphäre von heute 380 ppm (parts per million) schon im Jahr 2070 auf 650 ppm steigen – und in der Folge die globale Durchschnittstemperatur um bis zu vier Grad. „Das Risiko, dass sich das System der globalen Meeresströmungen verändern könnte, steigt bei vier bis fünf Grad höheren Temperaturen stark an“, sagt der Strömungsexperte Stefan Rahmstorf.

Eine zunächst geheim gehaltene Pentagon-Studie warnte deshalb Ende letzten Jahres, die Regierung solle den Klimawandel nicht als eine wissenschaftliche Debatte betrachten, sondern als eine Bedrohung für die nationale Sicherheit: Kämpfe um Wasser, Nahrungsmittel und Rohstoffe könnten die Welt an den Rand der Anarchie oder gar des Atomkrieges bringen. „Chaos und Konflikte werden vorherrschende Merkmale des Alltags sein“, schließen die Pentagon-Strategen, „und wieder einmal würde der Krieg über das Leben der Menschheit bestimmen.“

Die Autoren kann die Bush-Regierung nicht als Spinner abtun: Der Stratege Andrew „Yoda“ Marshall ist einer der geistigen Väter von Ronald Reagans „Star Wars“ und Ideengeber für Verteidigungsminister Donald Rumsfeld; Peter Schwartz ist CIA-Berater und ein früherer Planungschef des Ölmultis Royal Dutch/Shell; Doug Randall arbeitet für das wirtschaftsfreundliche Global Business Network. Sie gehen in ihrem Szenario davon aus, dass der Klimawandel nicht gleichmäßig voranschreitet, sondern dass – wie in der Vergangenheit schon wiederholt geschehen – das Klima schlagartig umkippen könnte. Mit fatalen Folgen.

Zwar mischt sich im Pentagon-Papier, wie im Emmerich-Film, Science mit Fiction. „Unwahrscheinlich“, urteilt deshalb PIK-Wissenschaftler Lotze-Campen, dass in England durch ein Abreißen des Golfstroms schon 2020 ein Klima wie in Sibirien herrschen könnte. Doch unter den Klimaforschern mehren sich Stimmen, die warnen, es könne einen Punkt geben, an dem sich die Erderwärmung durch Rückkopplungen extrem beschleunigt – der gefürchtete „Runaway“-Effekt.

So taut bei steigenden Temperaturen der Permafrostboden in Sibirien und Kanada auf, wodurch große Mengen des potenten Treibhausgases Methan frei werden könnten. Durch immer mehr Waldbrände und das Absterben des Amazonas-Urwaldes (wie eine Simulation des Hadley Centre ergab) werden riesige Mengen CO2 frei – die Temperaturen steigen. Wenn Eisflächen schmelzen, wird weniger Wärme ins Weltall reflektiert, der Erdboden wärmt sich weiter auf. In der Atmosphäre reichert sich immer mehr Wasserdampf an, das wirksamste natürliche Treibhausgas. Und so weiter. Das Hadley Centre hält wegen solcher Einflüsse sogar einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 8,8 Grad Celsius bis 2100 für möglich. Weil es an den Polen wohl sogar noch heißer wird, ist dann selbst ein Abrutschen großer Teile des Festlandeises der Antarktis ins Meer nicht mehr ausgeschlossen, samt eines zusätzlichen Anstiegs des Meeresspiegels um etliche Meter.

„Bei einem einprozentigen Risiko eines Unfalls würde man kein Atomkraftwerk betreiben. Bei einer einprozentigen Wahrscheinlichkeit eines Absturzes würde man kein Flugzeug besteigen“, sagt der Potsdamer Klimaforscher Rahmstorf, „doch die einprozentige Chance, dass eine Erwärmung der Erde um mehr als zwei Grad global gefährliche Folgen hat, nimmt man hin.“

Doch vielleicht rüttelt „The Day After Tomorrow“ die Menschen ja auf, hoffen Klimaexperten. Bushs Republikaner sorgen sich jedenfalls schon, der Film könne die Präsidentschaftswahl zu ihren Ungunsten beeinflussen. Umweltschutz, gaben sie in einem internen Memorandum zu, ist einer ihrer schwächsten Punkte. Im Film hatte der überlebende Vize-Präsident (der dem echten Vize Dick Cheney sehr ähnelt) zugegeben, dass der achtlose Umgang mit den Ressourcen ein schlimmer Fehler war. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bush diesem Beispiel folgen könnte, ist allerdings wohl noch deutlich geringer als eine Instant-Eiszeit.

Seit 1750
Seit Beginn der industriellen Revolution ist die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre um 31 Prozent gestiegen; seit 1860 hat sich die mittlere Jahrestemperatur um 0,3 bis 0,6 Grad Celsius erhöht: seit 1974 verzeichnen Meteorologen die heißesten Jahre seit fünf Jahrhunderten.

Oktober 1988
Der Klimawandel wird erstmals in der UN-Generalversammlung erwähnt.

Juni 1992
Beim Erdgipfel in Rio vereinbaren 178 Staaten die Agenda 21 sowie Konventionen zum
Klima- und Artenschutz. Die Industriestaaten versprechen, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2000 auf den Stand von 1990 zurückzuführen. Deutschland erklärte bereits zwei Jahre zuvor, die C02-Emissionen bis 2005 um 25 Prozent gegenüber 1987 zu reduzieren.

Dezember 1997
Mit dem Kyoto-Protokoll verpflichten sich 160 Industriestaaten, bis 2012 die Treibhausgas-Emissionen um 5,2 Prozent gegenüber 1990 zu senken.

Dezember 1998
Den volkswirtschaftlichen Schaden von Naturkatastrophen im Jahr 1998 (darunter der Hurrikan „Mitch“ in Mittelamerika) beziffert die Münchner Rück auf 76 Milliarden Euro. Seit 1960 verdreifachte sich die Häufigkeit großer Naturkatastrophen, die Schäden stiegen aufs Neunfache. 1998 war das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen.

März 2001
Der 3. Bericht des UN-Klimagremiums IPCC macht den menschlichen Einfluss für die Erderwärmung verantwortlich und prognostiziert: Die Erde erwärmt sich im nächsten Jahrhundert um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius, der Meeresspiegel steigt bis 2100 um 9 bis 88 Zentimeter an, sommerliche Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Zeitgleich verkündet der neu gewählte US-Präsident Bush, dass er das Kyoto-Protokoll nicht ratifizieren werde.

August 2002
Das Elbehochwasser zeigt, dass der Klimawandel auch in Deutschland spürbar wird. Die schlimmsten Folgen werden aber für Afrika und Asien erwartet.

Februar 2004
„Rasche Klimaveränderungen können die Welt an den Rand der Anarchie bringen.“ Die von der Bush-Regierung geheim gehaltene Studie des US-Verteidigungsministeriums sieht im Treibhauseffekt größere Gefahren für Frieden und Stabilität als im Terrorismus.

März 2004
Auf Druck der Energiekonzerne verwässert Deutschland seine Klimaschutz-Ambitionen: Bis 2012 muss die Industrie und Energiewirtschaft die Kohlendioxidemissionen nicht um 25 Millionen, sondern nur um zehn auf 495 Millionen Tonnen drosseln.



Öl – Klimakiller Nr. 1

Der Höhenflug des Ölpreises hat die Debatte um das „Ende des Ölzeitalters“ neu entflammen lassen. Dabei ging es um die Folgen für die Wirtschaft für Umwelt und Erdklima könnte es sich dagegen als Segen erweisen, wenn das Erdöl dauerhaft teurer wird. Denn das „schwarze Gold“ ist der größte Feind des Klimas: Zehn Milliarden Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) werden bei seiner Verbrennung jährlich freigesetzt, das sind 42 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Gleich darauf folgen nach Angaben der Internationalen Energie Agentur (IEA) Kohle mit 38 und Gas mit 20 Prozent (Deutschland 2003: Öl 36 Prozent, Braun- und Steinkohle 41 Prozent, Gas 22,7 Prozent, sonstige 0,3 Prozent). 1,2 Billionen Barrel Öl (ein Barrel: 159 Liter) ruhen laut IEA noch unter der Erde das entspricht etwa 763.000 riesigen, mehr als 400 Meter langen Öltankern. Die größten bekannten Ölvorkommen liegen in Saudi-Arabien und im Irak, wo sich Öl günstig fördern lässt. Immer auf der Suche nach neuen Vorkommen, dringt die Industrie auch in abgelegene Regionen wie Alaska oder Sibirien vor. Relativ erfolglos: In den vergangenen dreißig Jahren konnte sie keine bedeutenden Funde mehr verbuchen. „Die Erde ist inzwischen abgesucht“, sagt Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Ölkonzerne wie ExxonMobil, Shell oder BP scheuen daher keine Kosten mehr und fördern sogar in 1500 Metern Meerestiefe. Da auch sie um die Endlichkeit wissen, setzen sie mittlerweile auf „unkonventionelles Öl“ Schweröl, das in Teersande oder Ölschiefer gebunden ist, im Tagebau abgebaut wird und teuer erhitzt und ausgepresst werden muss. Noch etwa 40 Jahre werden die bekannten Ölressourcen reichen, legt man den aktuellen Verbrauch zugrunde. Für Energie-Experte Luhmann ein Trugschluss, denn die Nachfrage steige enorm: „Das Ende ist nahe“, warnt er. Neben den boomenden Schwellenländern fährt vor allem der Sektor Verkehr auf Öl ab: Seit der Ölkrise 1973 ist der Verbrauch um mehr als 50 Prozent gestiegen. Die IEA warnt nicht nur vor einer neuen Abhängigkeit von Öl. „Wir müssen auch die ökologischen Folgen, die der steigende Ölbedarf mit sich bringt, vermindern“, drängt IEA-Chef Claude Mandil. Und die sind enorm: Ohne Nebenwirkungen lässt sich Öl nicht gewinnen.
In der Nordsee fördern inzwischen mehr als 450 Öl- und Gasplattformen sie haben dort durch ölhaltigen Bohrschlamm eine Fläche zweimal so groß wie das Saarland verschmutzt. Und Tankerunglücke verseuchen tausende Kilometer Küste. Doch vor allem die CO2-Emissionen, die bei der Ölverbrennung entstehen, richten Schaden an: Kohlendioxid leistet den größten Beitrag zum Treibhauseffekt. Experten fordern deshalb effizientere Autos und die verstärkte Förderung von Erneuerbaren Energien wie Wind- und Sonnenkraft damit sie bald die fossilen Energieträger ablösen.

Marlies Uken