Sumatra: Kinder auf Fischfang

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.00

Sumatra: Kinder auf Fischfang

Rund 5000 Kinder arbeiten unter brutalen Bedingungen und in monatelanger Isolation auf so genannten Jermals, klapprigen Fischereiplattformen vor der Küste Sumatras. DiePfahlbau-Kinderwerden gehalten wie Sklaven, sagen indonesische Menschenrechtler.


Purnomo hat Seife im Haar, als wir am Jermal anlegen. Er sitzt auf einer vorstehenden Holzplanke und zieht sich für die Kopfwäsche einen Eimer Salzwasser aus dem Meer: ein Junge ohne Bartflaum, doch mit sparsamen Bewegungen eines müden Erwachsenen. Erst als er uns erspäht, sehen wir, wie jung er wirklich ist. Er springt auf und rennt, das Haar noch voll Schaum, zum Wellblechschuppen, der den gesamten Mittelteil des Jermal einnimmt: „Ein Boot, wir kriegen Besuch!“ Der Rest der Crew strömt herbei – ruft, lacht, packt an, dass wir unfallfrei auf die drei Meter über dem Wasser gelegene Plattform hinaufklettern können. Dann Hände schütteln, Namen austauschen, Grinsen auf allen Gesichtern. Wir bringen Abwechslung in den monotonen Alltag des Jermal „Sin Ban Lie“, wo sechs Jugendliche in monatelanger Isolation für einen Hungerlohn Fische fangen müssen – ein Los, das sie mit 5000 weiteren Kindern auf insgesamt 1700 dieser künstlichen Inseln vor der Küste Sumatras teilen.

Der Jermal ist eine wackelige Angelegenheit. Pfähle aus verwittertem Meranti ragen aus dem hier 15 Meter tiefen Meer und halten mit rostigen Drahtschlingen einen hölzernen Rahmen von der Größe eines Tennisplatzes. Darauf liegen handspannenbreite, von Monsunregen und Tropensonne verwitterte Bohlen. Vorsicht bei jedem Schritt: Wo die Bretter durchfaulten, klaffen Lücken, zudem schwankt der Jermal im Wellengang, da die Stützpfeiler nicht fest im Grund verankert sind. Keine solide Lebensgrundlage für die Fischerkinder, eher ein maritimes Kartenhaus – aufrecht gehalten vor allem vom Vertrauen, dass Stürme in der Malakkastraße selten sind. Ein verfallenes Pfahlgerippe am Horizont mahnt, dass sie dennoch vorkommen. „Setzt euch in eine Ecke und wartet“, sagt Edy, der uns im Auftrag der indonesischen Kinderrechtsorganisation LAAI begleitet und alle Gespräche dolmetscht: „Ich will sehen, ob der Vorarbeiter uns willkommen heißt.“

Dafür benötigt Edy diplomatisches Geschick. Denn wie die meisten Jermals wurde auch Sin Ban Lie illegal errichtet, und Kinderarbeit ist natürlich ebenfalls verboten. Aber das gilt ja auch für die auf Sumatra üblichen Brandrodungen und Kahlschläge der Holzkonzerne im Urwald. „Gesetz bedeutet in Indonesien meistens nur, dass man Bestechungsgeld zahlen muss, wenn man dagegen verstoßen will“, sagt Edy. Trotzdem möchten die Besitzer der Jermals lieber weiteres Aufsehen vermeiden, nachdem die LAAI ihnen einige negative Publicity im Lande verschafft hat. Also muss Edy den Mandor, den Vorarbeiter, becircen: mit beruhigenden Worten („der Eigner muss ja nichts erfahren“), etwas Flunkern (wir werden als deutsche Urlauber vorgestellt, die aus touristischer Neugier eine Fischereiplattform besichtigen wollen) und ein paar diskreten Geschenken (Marlboros, Kaugummis, Bargeld) – schon sind wir herzlich eingeladen, über Nacht zu bleiben.

Ein Jermal gleicht einem Fischerboot, das niemals einen Hafen anläuft. Außer Sichtweite der Küste schaukelt es träge im seichten Wasser der Malakkastraße, ohne je die Fanggründe wechseln zu müssen, denn die stete Meeresströmung treibt unaufhörlich neue Beute ins Netz. Ein künstliches Paradies, mag ein Besucher denken, sobald er sich an die wackelige Plattform gewöhnt hat: die flaschengrüne See, der tropische Sonnenuntergang, ein majestätischer Seeadler lässt sich auf einem Stützpfahl nieder.

Doch so ein Besucher müsste kalt sein gegenüber dem Los der Menschen, die hier schuften. Der Mandor wird alle zwei Wochen abgelöst, doch die sechs Jugendlichen bleiben monatelang, ohne je Land und andere Leute zu sehen. Nur ein Versorgungsschiff legt einmal wöchentlich an, holt den Fang und bringt Vorräte. Auf dem Jermal arbeiten sie sieben Tage die Woche, 20 Stunden am Tag. „Auf so eine Heuer lässt sich kein erfahrener Fischer ein“, sagt Edy, „deshalb beschäftigen die Jermal-Eigner Leute aus dem Binnenland – am liebsten Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und achtzehn. Die sind schon kräftig genug, begnügen sich aber mit weniger Lohn als Erwachsene, lassen sich leichter gängeln und achten nicht darauf, wie gefährlich ihre Arbeit ist.“ Damit niemand fliehen kann, besitzt kein Jermal ein eigenes Boot. „Die Jungs hier“, sagt Edy, „werden gehalten wie Sklaven.“

Wir fragen Purnomo. „Wie alt bist du?“
„Vierzehn.“
Seit wann bist du auf dem Jermal?“
„Seit sechs Monaten.“
„Und wieviel zahlen sie dir?“
„80.000 Rupien im Monat. Ich kriege das Geld aber erst, wenn meine Dienstzeit um und eine Ablösung für mich gefunden ist.“

80.000 Rupien entsprechen 20 Mark; in Indonesien kann man damit 32 Kilo Reis oder 25 Flaschen Cola kaufen. „Wann wird deine Dienstzeit denn vorbei sein?“
„Weiß nicht. Wenn mich der Mandor gehen lässt.“

Misdi, ein Jahr älter und Purnomos bester Freund, ruft dazwischen: „Wir bleiben hier, bis wir uns totgearbeitet haben.“ Dann lachen wir alle, denn es war als Scherz gemeint.
„Wie wurdest du angeworben?“
„Mein Vater hat mir die Stelle gesucht. Er sagt, ich muss auch Geld verdienen, damit wir über die Runden kommen.“
„Was weiß dein Vater über Jermals?“
„Nichts, er ist Reisbauer.“
„Ist es schlimm für dich, auf einem Jermal zu arbeiten?“

Purnomo schaut sich um, ob Misdi noch lauscht. Er ist der Jüngste an Bord und will nicht als Memme gelten. Schließlich nickt er verstohlen.
„Was ist denn so schlimm?“
„Dass wir nicht richtig schlafen dürfen, dass es langweilig ist, dass ich Heimweh habe.“

Purnomo hat es auf Sin Ban Lie vergleichsweise gut getroffen, sagt Edy. Die LAAI höre immer wieder von gequälten oder sexuell missbrauchten Kindern auf anderen Jermals. Der Mandor hier ist ein sehniger Mittvierziger mit fusseligem Schnäuzer und freundlichen Augen; er gehört, wie fast alle höheren Chargen der Fischereibranche Indonesiens zur chinesischen Bevölkerungsgruppe. „Komm“, sagt er und klopft Purnomo aufmunternd auf die Schulter, „wir müssen das Netz einholen.“

Mit dem riskanten Teil der Arbeit wechseln sich die Jugendlichen ab. Diesmal ist es Misdi, der sich aus einem Loch im Boden des Wellblechschuppens hinunter auf die Arbeitsbühne hangelt: ein Lattengeviert von der Bauart und doppelter Größe einer Euro-Palette, das an Stricken knapp über der Wasser baumelt.

Die Jungen schweben dort unten in Todesgefahr: leicht verliert man das Gleichgewicht oder wird von einer höheren Welle ins Meer gewaschen. Und weil die Jermal-Kinder fern der Küste aufwachsen, haben die meisten nie Schwimmen gelernt. Die LAAI erfährt von den Unfällen, wenn Fischerboote zufällig eine Leiche sichten.

Doch Misdi ist geschickt und routiniert. Mit knappen Kommandos dirigiert der 15-Jährige das Aufholen des Netzes, das als gigantischer Schlauch im Wasser unterhalb des Jermals hängt. Und während die anderen auf der Hauptplattform mit aller Kraft die hölzernen Seilwinden drehen, rüttelt er an den Maschen, damit die Beute noch tiefer ins Netz rutscht – ganz vorsichtig, denn manchmal landen Raubfische im Fang, die schmerzhafte Wunden zufügen können und fast immer Seeschlangen, deren Biss sogar tödlich ist. Schließlich zappelt alles Meeresgetier im hintersten Ende des Maschengeflechts. Das Netz wird bis unter die Plattform hochgewinscht, Misdi zieht an einer Reißleine, und schon purzeln Fische in einen Korb, dass die Schuppen nur so fliegen.

Oben in der Wellblechhütte wird der Fang auf ein Drahtgitter geschüttet und aussortiert: Tang, Quallen und Plastiktüten landen achtlos im Wasser; bei Giftschlangen ist etwas mehr Konzentration angesagt, bevor man sie mit bloßen Händen zwischen den zappelnden Fischen hervorzieht und ganz schnell zur Seite schleudert. Dann fallen sie durch die Spalten zwischen den Bodenbrettern zurück ins Meer. Wir halten bei jeder Schlange, die sich die Kinder greifen, den Atem an. Im Lexikon steht, dass die in indonesischen Gewässern beheimatete Art besonders angriffslustig sei.

Misdi hat inzwischen einige flache Schalen aus Bast für den lukrativen Teil der Beute bereitgestellt: handtellergroße, silbrige Fische namens Gulama, die auf dem Markt umgerechnet eine Mark das Kilo einbringen; außerdem Garnelen für vier Mark; und Teri, unscheinbare glasige Fischchen, die kaum länger als ein Streichholz sind, sich jedoch für sechs Mark pro Kilo verkaufen lassen. Krebse, Langusten, große Speisefische gibt es auch, aber die essen die Jermal-Bewohner selber. Auf Sin Ban Lie wird der Fang durch Salzen, Kochen, Trocknen haltbar gemacht. Frischfisch, der sich dafür nicht eignet, würde in der Tropenhitze binnen Stunden verderben. Rund 50 Kilo Meeresfrüchte verschiedener Qualitäten werden Tag für Tag versandfertig gemacht – sieben Leute erwirtschaften im Schnitt 200 Mark, wovon die Besitzer Gehälter, Proviant, Instandhaltung und Warentransport bezahlen. Auf Jermals arbeiten auch deshalb Kinder für geringen Lohn, weil sich die Fischereiplattformen sonst nicht rechnen würden.

Purnomo erzählt, dass die Nächte auf dem Jermal ihm am liebsten sind. Tagsüber wird durchgeschuftet: jede Stunde Netze leeren, dazwischen Fisch verarbeiten, abpacken und das Fanggeschirr ausbessern. Bei Einbruch der Dunkelheit wirft der Vorarbeiter den Generator an, damit es im Schein starker Lampen weitergehen kann. Aber mit dem Strom läuft auch ein kleiner Schwarzweiß-Fernseher, die einzige Abwechslung im Alltag. Und der Mandor erlaubt, dass manche Arbeit auf den Morgen verschoben wird. Sobald zwischen Verarbeitung des Fanges und dem nächsten Einholen des Netzes ein paar Minuten Zeit sind, schauen sich die Jungs Boxkämpfe oder Musiksendungen an – die Lautstärke bis zum Klirren aufgedreht, weil die kleine TV-Kiste sonst nicht gegen den Generatorlärm ankommt.

Ob er nicht manchmal träumt, ein Sportler oder Popstar zu sein statt ein Fischer auf einem Jermal, wollen wir von Purnomo erfahren. Nein, versichert er, solche unrealistischen Träume habe er gewiss nicht. Wenn er sich einen anderen Beruf wünschte, dann Arbeiter in einem Reisfeld. „Ich könnte abends nach Hause. Meine Mutter hätte gekocht, nach dem Essen würde ich mich schlafen legen.“

Für diese Nacht kündigt der Mandor eine Fangpause zwischen zwei und sechs Uhr an. Als es soweit ist, zieht er sich in den Bretterverschlag zurück, der für ihn eine Ecke des Schuppens abteilt. Purnomo und Misdi haben sich ein Stück zerrissenes Netz als Matratze gesichert, die anderen legen sich auf dem blanken Boden nieder. Eine Decke hat außer dem Vorarbeiter keiner, obwohl es nachts auf dem Meer auch in Äquatornähe frisch wird. Aber das wussten die Jungen nicht, sie haben die Arbeit auf dem Jermal mit kaum mehr angetreten, als sie am Leib tragen; inzwischen hängt die Kleidung bei vielen in Fetzen.

Am nächsten Morgen um neun Uhr legt, wie vereinbart, ein Boot an, das uns zu einem weiteren Jermal bringen soll, den wir am Horizont erspähen können. Zum Abschied müssen wir versprechen, bald wiederzukommen, und Edy kriegt kleine Briefchen zugesteckt, die er den Familien der Jermal-Kinder zukommen lassen soll.

Jermal Lian Hock wirkt im Vergleich zu Sin Ban Lie solider gebaut und effizienter geführt. Kaum Schwankbewegungen, ein ordentlich verlegter Fußboden, in einer Ecke türmen sich die Trockenfisch-Pakete für den Abtransport zum Festland. Auch hier freut sich die Besatzung über Aussicht auf Abwechslung und Geschenke, die unser Besuch verspricht. Doch als sich einige um uns scharen, treibt sie der Mandor mit scharfen Worten zur Arbeit zurück. Er ist ebenfalls Chinese, aber im Gegensatz zu seinem Kollegen auf Sin Ban Lie kein netter Papi-Typ.

Wir klettern trotzdem auf die Plattform. Uns ist ein Junge aufgefallen, deutlich kleiner als der Rest der Crew. Er trägt eine ausgeblichene Kappe mit abgefetztem Schirm und speckige Shorts; das Hemd hängt gerade zum Trocknen an der Leine. Immer wieder schaut er mit seinen viel zu alten Augen zu uns herüber, die Narben an seinem kindlichen Körper zeigen, dass der Jermal ihm auch physische Verletzungen zugefügt hat.
„Wie heißt du?“
„Muslim.“
„Wie alt bist du?“
„Zwölf.“
„Wie lange arbeitest du auf dem Jermal?“
„Seit neun Monaten, aber morgen darf ich nach Hause.“
„Freust du dich auf deine Eltern?“
Muslim antwortet nicht, und plötzlich kullern Tränen über die Wangen. Er wendet sich ab und läuft zurück an die Arbeit.

Bei einer späteren Gelegenheit flüstert er Edy zu: „Der Mandor ist böse.“ Er habe ihn ausgeschimpft, weil er mit den Gweilos, den Weißen, rede. Ob er auch geschlagen werde, will Muslim nicht verraten. „Morgen bist du ja weg“, tröstet Edy.

Aber das stimmt nicht, erzählt uns Rudi später. Rudi ist 14, stammt aus demselben Dorf wie Muslim und heuerte gemeinsam mit ihm auf dem Jermal an. „Muslim erzählt schon lange, dass er bald nach Hause darf. Er wünscht sich das so sehr, weil er Heimweh hat.“ Nach Rudis Einschätzung dürfte es noch Wochen dauern, bis sie tatsächlich entlassen würden. Der Zeitpunkt hänge davon ab, wann sich die Neuen eingearbeitet haben. Die Neuen, das sind vier Jungs von 15 und 16 Jahren, die gerade vor zwei Tagen auf dem Jermal anfingen. Wir erkennen sofort am Verhalten, wer zu dieser Gruppe gehört. Sie sind die einzigen, die wie Kinder scherzen, herumspringen und sich gegenseitig Streiche spielen.

So langsam beschleicht Edy ein ungutes Gefühl. Eben hörte er mit, wie der Vorarbeiter über Funk unsere Ankunft durchgab. Als er Edys Lauschen bemerkte, wechselte er schnell ins Kantonesische, das die chinesische Volksgruppe Indonesiens untereinander manchmal benutzt. Stutzig macht auch, dass der Mandor Geschenke zurückweist und sich beharrlich weigert, uns die Hand zu geben oder auch nur anzuschauen. „Er will nicht die Pflichten eines Gastgebers übernehmen. Vielleicht sollten wir verschwinden, bevor diejenigen auftauchen, mit denen er eben gefunkt hat.“

Die Jungs sind enttäuscht, als wir uns wieder in unserem Boot einschiffen, das wir vorsichtshalber hatten warten lassen. Nur Muslim lässt sich bei der Verabschiedung nicht blicken. „Er ist traurig, dass er hier bleiben muss“, entschuldigt ihn Rudi. Wir lassen ihm ausrichten, dass wir an Land Muslims Eltern besuchen und seine Grüße übermitteln werden.

Während der dreistündigen Bootstour zur nächstgelegenen Hafenstadt Tanjungtiram fragen wir uns, ob wir Muslim nicht einfach hätten mitnehmen sollen. Aber Edy sagt, dass wir damit die Arbeit der LAAI gefährdeten. „Wir sind darauf angewiesen, weiterhin Jermals besuchen zu dürfen. Nur so können wir die Arbeitsbedingungen der Kinder dokumentieren und einer größeren Öffentlichkeit bekannt machen.“ Immerhin habe seine Organisation erreicht, dass Indonesien eine internationale Konvention gegen Kinderarbeit ratifizierte. „Nur durch öffentlichem Druck können wir unsere korrupten Politiker zwingen, das Verbot tatsächlich durchzusetzen.“ Auch Muslim wäre durch eine unbedachte Aktion nicht geholfen „Ihr fliegt mit gutem Gewissen nach Europa zurück, und der kleine Junge hat hier Scherereien, weil er seinen Vertrag nicht erfüllte.“

Nach Asahan, Muslims Heimatdorf, geht es zunächst durch die fruchtbare Küstenebene: vorbei an Reisfeldern, Flüssen, in denen Frauen mit bunten Kopftüchern Wäsche waschen, Wellblechhütten mit einem kleinen Holzstieg vor dem Eingang, der den Abwassergraben entlang der Straße überbrückt. In der Kloake spielen nackte Kinder, die uns übermütig hinterherwinken. Danach werden die Dörfer seltener und das Gelände bergiger. Manchmal fahren wir durch dichten Dschungel, in dessen Bäumen Makaken und andere Halbaffenarten herumturnen. Doch brandgerodete Flächen überwiegen; auf einigen sprießen bereits Palmöl-Pflanzen oder Gummibaum-Setzlinge, andere kokeln noch schwarz und traurig vor sich hin. Hier ist die Straße nicht mehr asphaltiert, als Monsunregen einsetzt, müssen wir aussteigen und den Jeep schieben.

Nach einer Übernachtung und 13 Stunden Autofahrt kommen wir in Asahan an: ärmliche Hütten zwischen Gemüsegärten und gefegten Wegen. Die Leute, die wir nach Muslims Familie fragen, sagen, sie hätten zuvor noch nie Weiße gesehen. Hier leben Batak, ein kriegerisches Bergvolk, das noch zu holländischer Kolonialzeit rituellen Kannibalismus betrieb. Die Bewohner von Asahan sind jedoch schon vor einigen Generationen zum Islam übergetreten und leben heute von ihren Plantagen, deren Ernte ihnen ein durchreisender Aufkäufer abnimmt.

Muslims Vater Enek trifft von seiner Gummiplantage ein, nachdem Nachbarn ihm unsere Ankunft berichteten. Bald plaudert er freundschaftlich mit Edy, der über die Mutterseite ebenfalls Batak ist und, wie sich herausstellt, mit Enek sogar weitläufig verwandt. So erfahren wir, wie Muslim auf den Jermal geriet: Vor einem Jahr kam ein Agent des Jermal-Besitzers ins Dorf und schwärmte von gut bezahlten Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Leute in der Fischerei. Das Angebot war Enek nicht ganz geheuer, weil er noch nie das Meer gesehen hatte. Andererseits brauchte er Geld, also schickte er Tamba mit, seinen ältesten Sohn, der heute 16 ist. Nach sechs Monaten kehrte Tamba zurück, brachte aber bloß die Hälfte des Lohnes mit. Den Rest bekam er nur ausbezahlt, wenn er einen Nachfolger für sich rekrutierte. Also bestimmte Enek, dass Muslim seinen Bruder auf dem Jermal ablösen musste. Und wenn dessen Dienst ende, müsse Damri ran, selbst wenn der erst elf ist und keine Lust auf die schwere Arbeit habe, von der ihm Tamba erzählte.

Ob auch andere Dorfbewohner ihre Kinder auf Jermals schicken, wollen wir wissen. Das Thema ist Enek peinlich, aber schließlich gibt er zu, dass außer ihm nur Rudis Vater darauf angewiesen ist, weil er seine Kinder nicht mehr alleine versorgen kann, seit seine Frau starb. In dessen Familie sei bereits der elfjährige Adeng ausersehen, den älteren Bruder abzulösen. Wäre es nicht besser, die Kinder weiter zur Schule statt auf einen Jermal zu schicken, lassen wir über Edy fragen. Enek stimmt uns bereitwillig zu. Aber er erklärt auch, dass er leider die kleinste Gummiplantage im Dorf habe, die nie mehr als 250.000 Rupien im Monat abwerfe – rund 60 Mark. „Ich bin kein schlechter Vater. Aber wenn die sechsköpfige Familie nicht hungern soll, müssen meine Söhne Geld verdienen. Und die Arbeit auf dem Jermal ist die einzige, die uns bislang für sie angeboten wurde.“

Kontakt: laai@medan.wasantara.net.id

Internet: www.brot-fuer-die-welt.de/projekt/projekte_Indonesien.html

Von MARCEL KEIFFENHEIM
Fotos: ENVER HIRSCH