Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Tanzbare Bastarde

Text: Christoph Twickel

„Mestizo“ ist der Sound der Globalisierung von unten: Junge Bands aus Spanien, Frankreich und Lateinamerika infizieren Europa mit politischer Partymusik.

Wir sind keine politische Band, aber wir singen über Themen wie illegale Migration, weil wir sie leben“, sagt der Sänger Macaco. „Bei unseren Reisen gibt es ständig Ärger mit den Papieren und Aufenthaltstitel der Bandmitglieder.“ In seiner Band spielen Musiker aus Brasilien, Venezuela, Argentinien und Afrika zusammen. „Für uns ist das normal. Meine Frau hat libanesische Wurzeln, argentinische Eltern, eine italienische Familie und ist hier in Barcelona geboren“, sagt Macaco. „Das ist nicht ‚Colors of Benetton’: Wir leben wirklich so. Einen Tag Couscous, den anderen Spaghetti Vongole, am nächsten Paella.“

Der 30-jährige Sänger ist Star einer neuen Generation von Bands aus Spanien, Frankreich und Lateinamerika, die – unbemerkt von MTV und Musikindustrie – die Hallen mit einer unwiderstehlichen Melange aus Reggae, Rock, Salsa, Cumbia, Ska und Hip Hop füllen. „Mestizaje“ oder auch „Mestizo“ heißt der Sound, der schon seit ein paar Jahren im Untergrund rumort. Niemand beherrscht ihn so virtuos wie die Formation Macaco – benannt nach ihrem Sänger, den seine Mitmusiker „Macaco El Mono Loco“, den verrückten Affen nennen. Früher, als sie noch Straßenmusiker auf den Ramblas in Barcelona waren, pflegte Macaco nämlich mit einer Affen-Performance die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu lenken.

Barcelona gilt als Wiege des Mestizo-Sounds. In denen Stadtteilen Raval und Barrio Chino kreuzten sich hier die Wege von Musikern aus Lateinamerika, der Karibik, Afrika oder der arabischen Welt. „Es gibt ein anderes Barcelona, weit weg vom falschen Glamour“, heißt es auf der CD „Zona Bastarda“ über die Mittelmeer-Metropole. „Es ist das bastardische, das spanische, schwarze, arabische, brasilianische, das Barcelona der Zigeuner. Das Barcelona derer, die den Strand lieben, die Bars und Häuser besetzen in ihrem Kampf gegen die Spekulation.“

Der Kampf gegen die Spekulation ist weitgehend verloren – die maroden Altbauten sind längst luxussaniert, die ehedem von Migranten bevölkerten Barrios kostspielige In-Viertel. „Heute verhindern sie, dass die Leute auf der Straße spielen und erlassen teure Lizenzen für Livemusik in den Lokalen“, erzählt Macaco. „Das ist ziemlich traurig, denn Barcelona hätte von der Szene profitieren können. Es will aber unbedingt eine Kopie anderer großer europäischer Städte werden.“

Doch die Mestizo-Bewegung ist nicht an die katalanische Hauptstadt gebunden – der tanzbare Bastard-Sound ist in den Vorstädten vieler südlicher Metropolen zu Hause. Um Platten verkaufen und Konzerte geben zu können, hat man den Weg der Vernetzung gewählt – vorbei an den Konzernzentralen der Musikindustrie: In alternativen Zentren, durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Eigenvertrieb und mit Hilfe befreundeter Musiker haben sich die Bands nach oben gespielt. Obwohl längst ein Superstar, verzichtet Manu Chao, der bekannteste Musiker des Genres, bis heute auf Promotion-Feldzüge der Musikindustrie und produziert seine Platten unabhängig.

Bands aus Mexiko City, Montevideo, Barranquilla, Paris oder Buenos Aires werkeln mit an der neuen Bewegung. Die meisten Mestizo-Bands kommen aus einem globalisierungskritischen Umfeld. Da gibt es aus Mexiko zapatistische Gruppen wie Los de Abajo oder Panteon Rococó, den feministischen Groove von Amparanoia aus Madrid, den poetischen Brasilianer Wagner Pá oder aus Paris den agitatorischen Vielvölker-Funk von Sergent Garcia. Mit Culcha Candela aus Berlin oder Papa Verde aus Köln haben auch die deutschen „Mestizos“ nachgezogen. All diese Bands klingen, als wäre die Welt ein einziges großes Barrio, in welchem karibische, afroamerikanische und orientalische Sounds zu einem hyperaktiven Bastard verschmelzen – Mestizo-Sound eben.