Fr, 2017-11-24 13:34München (dpa)

Ärzte: Demenzrisiko in Europa sinkt - Lebensstil wichtiger Faktor

Wenn Vergessen zur Krankheit wird: Viele Menschen fürchten, im Alter dement zu werden. Doch Demenz ist nicht nur Schicksal. Ärzte berichten über eine erfreuliche Entwicklung.

München (dpa) - Trotz der höheren Lebenserwartung in der westlichen Welt verzeichnen Ärzte keine Zunahme von Demenzerkrankungen. Es gebe weniger neue Fälle als erwartet, sagte Robert Perneczky, Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie an der Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. «Das Demenzrisiko geht in unseren europäischen Ländern zurück.» Das hätten übereinstimmend Studien in Schweden, England sowie in den USA gezeigt.

Hauptgründe für die positive Entwicklung sei die bessere Lebensführung mit Bewegung und gesunder Ernährung sowie ein insgesamt besserer Bildungsstand, sagte Perneczky. Er leitet am Freitag und Samstag den internationalen Kongress «ResDem» an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU.

Dabei sollen rund 200 klinische Wissenschaftler mit Grundlagenforschern zusammenkommen, unter ihnen Yaakov Stern aus New York als einer der renommiertesten Demenzforscher weltweit. Die Wissenschaftler wollen vor allem beraten, wie die Ressourcen gegen Demenz gestärkt werden können - denn heilbar ist das krankhafte Vergessen bisher nicht.

In Afrika und Asien sind laut Perneczky anders als in der westlichen Welt Demenzerkrankungen auf dem Vormarsch. «Es ist nach wie vor eine Epidemie», sagte Stern. Aber oft entwickelten sich die durch die Krankheit bedingten Einschränkungen verzögert. Es gehe nun darum, diese Plastizität des Gehirns zu nutzen, um die Folgen der Erkrankung länger ausgleichen zu können. Bildung und geistige Beschäftigung seien ein wesentlicher Faktor. Intelligenz allein schütze allerdings nicht. «Viele brillante Menschen bekommen Alzheimer», sagte Stern.

Zu rund 30 Prozent könne das Demenzrisiko durch gesunde Lebensweise reduziert werden, sagte Perneczky. Medikamente könnten bisher nur den Verlauf etwas verlangsamen. Hoffnungen auf eine Art Impfung, die eine Bildung von Eiweißablagerungen im Hirn verhindern sollte, hätten sich bisher nicht erfüllt. Die Eiweißplaques, die als Ursache der Zerstörung von Hirnsubstanz gelten, seien zwar nach der Immunisierung teils nicht mehr nachweisbar gewesen. Die Demenz sei aber dennoch vorangeschritten.

In Deutschland leben fast 1,6 Millionen Demenzkranke; zwei Drittel von ihnen leiden an Alzheimer. Die Ursachen für Demenz seien multifaktoriell. Es gebe eine erbliche Komponente. Zudem steigere alles, was Herz-Kreislauferkrankungen bedinge, auch das Demenzrisiko. Dazu zähle Rauchen, zu viel Alkohol, zu wenig Bewegung, Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes. «Alles, was das Gefäßsystem schädigt, schädigt auch die Gefäße im Gehirn und erhöht das Demenzrisiko», sagte Perneczky. Die gute Nachricht sei: «Wir sind der Demenz nicht hilflos ausgeliefert. Jeder hat seine Lebensgewohnheiten im Griff und kann dadurch die Gesundheit des Gehirns positiv beeinflussen.»

Neben den Eiweißablagerungen im Hirn können Krankheiten sekundär zu einer Demenz führen, etwa eine schwere Schilddrüsenunterfunktion oder Depression. Beides sei heilbar. Deshalb sei es wichtig, bei ersten Symptomen zum Arzt zu gehen. «Meistens beginnt es mit einer Vergesslichkeit, die jeder Ältere hat. Auffällig wird es, wenn es einen negativen Einfluss auf die Alltagsbewältigung hat.»

Grundsätzlich steigt das Risiko einer Demenz mit dem Alter. Liege es bei 65-Jährigen bei einem Prozent, steige es im Alter von 70 bereits auf fünf und im Alter von 80 auf 15 Prozent. Bei den 85-Jährigen sind es 25 Prozent, bei den 90-Jährigen bis zu 50 Prozent. Das bedeute aber auch, dass die Hälfte der 90-Jährigen nicht an Demenz leide.

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Fr, 2017-11-24 13:31Berlin (dpa)

Projekte für sauberere Stadtluft sollen starten - Lücke in Fonds Von Andreas Hoenig und Sascha Meyer, dpa

Im Schatten der schwierigen Regierungsbildung ist die Dieselkrise etwas in den Hintergrund geraten. Für viele Städte mit schmutziger Luft bleibt das Thema aber dringlich. Jetzt soll es konkret werden.

Berlin (dpa) - Nach monatelangem Vorlauf sollen Projekte für bessere Luft in Städten mit zu viel Dieselabgasen in Gang kommen. Bei einem Treffen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Oberbürgermeistern an diesem Dienstag werde der «Startschuss für das konkrete Handeln» gegeben, wie die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Freitag in Berlin sagte.

Der Bund hat einen Fonds von insgesamt einer Milliarde Euro in Aussicht gestellt. Beim vorgesehenen Beitrag der Autoindustrie dafür gibt es weiter eine Finanzlücke. Von Kommunen und aus der Branche kam teils scharfe Kritik an der Bundesregierung.

Nach einem ersten Treffen im September sollen die Kommunen nun eigene Maßnahmen für sauberere Luft vorstellen. Der Bund habe Programme vorbereitet, um die Förderung schnellstmöglich umzusetzen, sagte Demmer. Erwartet werden Vertreter von rund 30 Städten und kommunalen Spitzenverbänden. Eingeladen sind außerdem die Regierungschefs der «Autoländer» Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen sowie der stark von Luftverschmutzung betroffenen Stadtstaaten Berlin und Hamburg. Auch mehrere Bundesminister nehmen an dem Treffen im Kanzleramt teil.

Bei den kommunalen Projekten könnte es etwa um bessere Angebote im öffentlichen Nahverkehr gehen, um eine schnellere Umstellung auf Elektrofahrzeuge, mehr E-Auto-Ladestellen, Leitsysteme gegen Staus oder neue Radwege. Hintergrund sind mögliche gerichtlich erzwungene Fahrverbote für ältere Diesel - wenn Grenzwerte für den Ausstoß des gesundheitsschädlichen Stickoxid (NOx) anders nicht einzuhalten sind. Politik, Autobranche und Kommunen wollen Fahrverbote vermeiden.

Bei dem geplanten Fonds gebe es weiterhin keine Fortschritte, hieß es aus der Autoindustrie. «Wir kommen nicht voran, das ist ärgerlich», sagte ein Automanager der Deutschen Presse-Agentur. Es sei noch kein einziger Cent geflossen, es gebe keine Kontonummer, kein Antragsformular, keine Satzung und keinen Beirat, der Projekte beschließen könne. Die Bürokratie sei zu langsam. Nötig sei eine Übergangsregelung, damit die Städte mit Maßnahmen anfangen könnten - und sicher sein könnten, dass sie das Geld anschließend erstattet bekommen. «Dann würde der Korken knallen», sagte der Manager.

Anfang August hatten Bundesregierung und Autoindustrie bei einem ersten Dieselgipfel beschlossen, einen Fonds «Nachhaltige Mobilität für die Stadt» aufzulegen. Die Branche hatte damals außerdem neue Abgas-Software für zusätzliche 2,8 Millionen Autos sowie Prämien für Kunden zugesagt, um den Kauf moderner und sauberer Autos anzukurbeln. Umbauten direkt am Motor, die teurer wären, lehnten die Firmen ab.

Die Autoindustrie soll sich an dem Fonds mit 250 Millionen Euro beteiligen. Bei der Finanzierung klafft aber weiter eine Lücke. Wie viel die Hersteller zahlen, richtet sich nach Diesel-Marktanteil. Bisher haben aber nur der Volkswagen-Konzern, Mercedes und BMW Zahlungen zugesagt. Den Löwenanteil als Diesel-Branchenprimus zahlt Volkswagen mit rund 100 Millionen, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Verhandlungskreisen erfuhr.

Die ausländischen Hersteller weigerten sich weiter. Da ihr Diesel-Marktanteil aber bei rund 35 Prozent liegt, kommen bisher nur rund 160 bis 170 Millionen Euro zusammen. Wie die Lücke geschlossen werden soll, war vorerst unklar.

Zu möglichen Diesel-Fahrverboten werden wichtige Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts erwartet. Am 22. Februar 2018 ist eine mündliche Verhandlung angesetzt über eine Sprungrevision der Landesregierung Nordrhein-Westfalen gegen ein Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf. Dieses hatte die Bezirksregierung Düsseldorf verurteilt, den Luftreinhalteplan so zu ändern, dass Stickoxid-Grenzwerte eingehalten werden. Eine Sprungrevision läuft auch zu einem Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart. Dieses hatte Fahrverbote als einzige Option angesehen, wie die Grenzwerte beim Stickoxid-Ausstoß eingehalten werden können.

Stuttgart gehört zu den am stärksten betroffenen Städten. Der baden-württembergische Gemeindetag kritisierte den schleppenden Fortgang. «Es ist für die Kommunen mehr als ärgerlich, dass beim angekündigten «Fonds für Nachhaltige Mobilität» momentan nichts vorangeht», sagte Gemeindetagspräsident Roger Kehle der Deutschen Presse-Agentur.

Der Grünen-Verkehrspolitiker Oliver Krischer meinte: «Bis jetzt gab es von der Bundesregierung nur ungedeckte Schecks für die Städte.» Die Erwartungen der Kommunen auf schnelle Hilfe und das unmittelbare Umrüsten von Busflotten seien enttäuscht worden. «Es darf nicht sein, dass Lösungen von einem zum anderen Dieselgipfel verschoben werden.» Das Bundesumweltministerium betonte, für kurzfristige Maßnahmen stehe bei Bedarf Geld bereit.

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Fr, 2017-11-24 13:20Ludwigshafen (dpa)

BASF bestätigt Gespräche über Fusion des Öl- und Gasgeschäfts mit Dea

Ludwigshafen (dpa) - Der Chemiekonzern BASF prüft eine Zusammenlegung seines Öl- und Gasgeschäfts Wintershall mit dem Konkurrenten Dea des russischen Milliardärs Mikhail Fridman. Das Unternehmen bestätigte Gespräche darüber am Freitag. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Kreise über die mögliche Transaktion berichtet.

BASF würde bei einer Fusion die Aktienmehrheit an dem neuen Gemeinschaftsunternehmen halten, erklärten die Ludwigshafener. Mittelfristig wäre ein Börsengang der neuen Gesellschaft eine Option. Ob es zu einer Fusion kommt, ist allerdings nicht sicher: Der Ausgang der Gespräche sei offen, so BASF.

Das fusionierte Unternehmen, das zwei der größten Öl- und Gaskonzerne Deutschlands vereinen würde, könnte mit mehr als 10 Milliarden Euro bewertet werden, schrieb Bloomberg. Fridman hatte Dea 2014 für rund 5,1 Milliarden Euro vom Energiekonzern RWE übernommen. BASF hatte damals ebenfalls Interesse gezeigt, jedoch den Kürzeren gezogen. Dea hatte 2015 vom Energiekonzern Eon dessen Öl- und Gasquellen in der norwegischen Nordsee für 1,6 Milliarden US-Dollar übernommen.

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Fr, 2017-11-24 12:55München (dpa)

BMW investiert 200 Millionen Euro in Batteriezellen-Kompetenz

Die deutschen Autokonzerne kaufen die Batteriezellen für ihre Elektroautos heute in Asien ein. Aber sie heuern auch Chemiker an, um die Technik besser zu verstehen - und vielleicht selbst einmal in die Produktion einzusteigen.

München (dpa) - BMW will sich bis 2021 das Wissen für eine eigene Batteriezellen-Fabrik erarbeiten. Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich sagte am Freitag bei der Grundsteinlegung für ein «Kompetenzzentrum Batteriezelle» in München, der Autobauer investiere hier 200 Millionen Euro und werde die Mannschaft von heute 50 rasch auf 200 Mitarbeiter aufstocken.

Mit der Produktion von Prototypen lerne BMW, die Zelle für Elektroauto-Batterien besser zu verstehen. So könne man mit den Lieferanten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. «Dieser Erkenntnisgewinn ist für uns entscheidend,» sagte Produktionsvorstand Oliver Zipse.

Aus heutiger Sicht sei eine eigene Zellenfabrik nicht notwendig. Mit der Fähigkeit zu einer Großserienfertigung ab 2021 halte sich BMW aber alle strategischen Optionen offen.

Wie VW und Daimler stellt BMW die Zellen nicht selbst her. BMW kauft die Batteriezellen für seine acht Plug-in-Hybride und das Elektroauto i3 derzeit bei Samsung in Südkorea sowie einem chinesischen Produzenten ein. Im bayerischen Dingolfing, im US-Werk Spartanburg und im chinesischen Werk Shenyang baut BMW sie dann selbst zu Batteriepaketen zusammen. «Wir müssen die Chemie verstehen, aber wir müssen nicht selbst ein Chemieunternehmen werden», sagte der Leiter der BMW-Batteriezell-Technologie, Peter Lamp, der Deutschen Presse-Agentur.

Die Autozulieferer Bosch und Continental überlegen, ob sie eine Zellfabrik bauen sollen. Die hohen Strompreise in Deutschland sprechen aber gegen einen Standort im Inland.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sagte der dpa, ab 2030 werde jeder dritte Neuwagen ein Elektroauto sein. Bei der Zelle, die Leistung, Ladezeit und Lebensdauer der Batterie bestimmt, dürfe die deutsche Industrie nicht allein von asiatischen Lieferanten abhängig sein. Die deutschen Batteriebauer seien «Lichtjahre hinterher».

Zentral für die deutschen Unternehmen sei es, mit den Herstellern in Asien oder Amerika auf Augenhöhe zu kommen. «Entscheidend ist das Know-how», sagte der Duisburger Professor. Betriebsräte und Gewerkschafter dringen auf eigene Zellfertigungen, auch wenn damit wohl nicht viele Arbeitsstellen geschaffen werden.

Continental schätzt die Kosten für den Bau einer Zellfabrik für 500 000 E-Auto-Batterien jährlich auf drei Milliarden Euro. Die Nationale Plattform Elektromobilität plädiert für staatliche Subventionen.

Die Feststoffbatterie, die künftig viel mehr Leistung bringen soll als die heutige Lithium-Ionen-Batterie, werde 2025 im industriellen Maßstab noch keine Rolle spielen, sagte BMW-Entwicklungsvorstand Fröhlich. «Das wird ein langer Weg.»

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Fr, 2017-11-24 12:42Friedland (dpa)

Friedlandhilfe: Unterstützung für mehr als vier Millionen Aussiedler

Friedland (dpa) - Die Friedlandhilfe feiert Jubiläum. Der Verein, der deutschstämmige Aussiedler nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik unterstützt, ist 60 Jahre alt geworden. Seit der Gründung im November 1957 habe seine Organisation weit mehr als vier Millionen Menschen geholfen, sagte Vorstandsmitglied Klaus Magnus am Freitag.

Möglich wurde dies vor allem durch Spenden. Die Friedlandhilfe habe bisher Gelder in Höhe von insgesamt rund 61 Millionen Euro sowie Sachspenden von ähnlich hohem Wert erhalten, sagte Magnus. Die Aussiedler bekommen nach ihrer Ankunft im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen davon traditionell eine Erstausstattung mit Bekleidung, Hygieneartikeln und Kinderspielzeug.

Verteilt werden die Zuwendungen nicht von der Friedlandhilfe selbst. Sie leitet die Mittel an die im Durchgangslager tätigen Wohlfahrtsorganisationen weiter. Zudem unterstützt der Verein mit seinem Geld bundesweit Integrationskurse für Aussiedler.

Gegründet wurde die Friedlandhilfe im November 1957. Die Initiative dazu ging vom damaligen Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer (CDU) aus, nachdem das Bundeskabinett es abgelehnt hatte, Wolldecken für die Menschen im überfüllten Lager zu finanzieren.

Damals kamen wöchentlich bis zu 9000 Menschen nach Friedland. Heute sind es deutlich weniger. Doch nach dem absoluten Tiefpunkt im Jahr 2011 mit nur noch etwa 1200 Ankömmlingen dürften es in diesem Jahr - ähnlich wie 2016 - wieder rund 6700 sein, sagte Magnus.

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Fr, 2017-11-24 12:34Cookham (dpa) 

Alpakas passen auf Truthähne auf

Cookham (dpa) - Alpakas sind auf einer britischen Farm für den Schutz von Truthähnen zuständig. In Cookham westlich von London werden tausende Vögel von den zehn Tieren bewacht. Sie halten Füchse in Schach, die es auf die Truthähne abgesehen ahben. 2015 hatten die Raubtiere hunderte Vögel gerissen, wie Hofbetreiber Tom Copas berichtet.

«Es ist nicht so seltsam wie es klingt», sagte Copas dem britischen Sender BBC. «Alpakas werden überall auf der Welt zur Abschreckung von Wildhunden und Kojoten eingesetzt.» Hinter dem plüschigen Fell und den großen dunklen Augen der südamerikanischen Kamelart verbirgt sich eine natürliche Abneigung gegen Raubtiere und ein bisweilen besitzergreifendes Wesen - ideale Voraussetzungen also für den Job als Truthahn-Hirte.

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Fr, 2017-11-24 12:30Berlin (dpa)

Für Merkel wird die CSU wieder komplizierter Von Sascha Meyer, dpa

Einfach war das Verhältnis von CDU und CSU selten. Ausgerechnet das gescheiterte Jamaika-Experiment hat die Union aber zusammengeführt. Wie lange hält der Frieden, wenn die Bayern sich bald neu sortieren?

Berlin (dpa) - Angela Merkel hätte sich wohl kaum träumen lassen, einmal die Berechenbarkeit des Horst Seehofer zu vermissen. Immer wieder hat der CSU-Chef und Ministerpräsident auf der Berliner Bühne zwischen «brüllendem bayerischen Löwen» und «schnurrendem Kätzchen» changiert - und den Flüchtlingskurs der Kanzlerin erbittert bekämpft. In den letztlich geplatzten Jamaika-Sondierungen sind die Spitzen von CDU und CSU aber zusammengerückt. Nun macht die sich anbahnende neue Personalaufstellung der Christsozialen die ohnehin vertrackten Bemühungen um eine neue Bundesregierung noch komplizierter.

Entscheidungen zur künftigen Machtverteilung schob die CSU zwar erst einmal weiter auf. Nach der 38,8-Prozent-Schlappe bei der Bundestagswahl soll nun aber bis Anfang Dezember eine befriedende «Zukunftslösung» her. Dabei könnte es auf eine Ämtertrennung hinauslaufen. Der 68-Jährige Seehofer könnte wieder als Parteichef antreten, bei der Landtagswahl im Herbst 2018 aber nicht erneut als Ministerpräsident. Aussichtsreicher Nachfolge-Aspirant: sein Dauerrivale Markus Söder (50). Fix ist aber nichts.

In der Union in Berlin machen sich trotzdem manche schon Gedanken darüber, dass Söder bald stärker mitmischen könnte - nur wie? Bisher hat der langjährige Landes-Finanzminister keine größere Rolle auf dem Bundesparkett gespielt und hatte auch nicht sonderlich viel mit Merkel zu tun. Bei den Sondierungen mit FDP und Grünen, in denen die Finanzen ein Kernthema waren, gehörte er nicht mal zur CSU-Delegation. Stattdessen spielte Seehofer seine Erfahrung aus. Einigen fiel auch der neue Landesgruppenchef Alexander Dobrindt auf, der die Bundestags-CSU scharfkantiger positioniert als zuvor.

Auf die mühsam gefundene «Einheit der Union» kommt es für Merkel weiter an, wenn es womöglich in neuen Sondierungen mit der SPD um einen Plan B für eine Regierungsbildung geht. Immerhin haben CDU und CSU den zerstörerischen Streit ums Reizthema Flüchtlings-Obergrenze befriedet und blieben auch in den langen Jamaika-Wochen eng beieinander. In Stein gemeißelt ist der Friede aber nicht. Zumal sich die CSU mit jedem Tag stärker auf die Verteidigung ihrer absoluten Mehrheit daheim konzentrieren wird. Und da könnte es für bayerische Wahlkämpfer verlockend sein, sich auch gegen Berlin zu profilieren.

Zeigen müsste sich in einem Doppelspitzen-Szenario zudem, wie sich Seehofer damit arrangieren würde. Möglich wäre, dass der langjährige Bundespolitiker sich vorrangig um die Berliner Themen kümmert und eventuell gar selbst als Minister ins Bundeskabinett geht. Das jüngste Beispiel dafür ist schon ziemlich lange her. Nach dem Tod des CSU-Übervaters Franz Josef Strauß 1988 wurde Theo Waigel CSU-Chef und dann auch Bundesfinanzminister, während in Bayern Max Streibl und Edmund Stoiber als Ministerpräsidenten regierten.

Dass Merkel das Verhältnis zur CSU zur Not auch reduziert aufs Pragmatisch-Kühle pflegen kann, haben die bittersten Wochen des Asylstreits gezeigt. Andererseits gilt fast wie in der Außenpolitik im Verhältnis zum engen Partner Frankreich: Auch mit einer neuen Nummer eins würde sich schon eine Basis finden. An der gemeinsamen Fraktion als Fundament der Regierungsfähigkeit der Union will ohnehin niemand ernsthaft rütteln.

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Fr, 2017-11-24 12:25Berlin (dpa)

Bundeswehr rettet 90 Flüchtlinge aus Seenot

Berlin (dpa) - Ein Kriegsschiff der Bundeswehr hat im Mittelmeer 90 Flüchtlinge aus Seenot gerettet. Am Donnerstag entdeckte das Radar des Schiffes zwei Schlauchboote 130 Kilometer vor der libyschen Küste, wie das Verteidigungsministerium am Freitag in Berlin mitteilte. Unter den 90 Geretteten waren 22 Männer, 15 Frauen, darunter zwei Schwangere, sowie 49 Kinder und 4 Babys. Die Fregatte «Mecklenburg-Vorpommern» übergab die Flüchtlinge an das Schiff einer Nichtregierungsorganisation. Die Flüchtlinge auf dem zweiten Schlauchboot wurden von einem weiteren NGO-Schiff gerettet.

Die Deutsche Marine beteiligt sich seit Mai 2015 im Rahmen der EU-Operation «Sophia» an der Schleuserbekämpfung im Mittelmeer und hat seitdem insgesamt mehr als 22 000 Menschen aus Seenot gerettet.

Zugleich meldete die NGO «Sea Eye» am Freitag, dass ihr Schiff «Seefuchs» am letzten Einsatztag des Jahres 76 Menschen vor der libyschen Küste gerettet habe, darunter 13 Frauen und 17 Kinder. Die Menschen seien an ein Schiff der italienischen Küstenwache übergeben worden. Die Organisation rettete nach eigenen Angaben mehr als 13 000 Menschen seit April 2016.

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Fr, 2017-11-24 12:20München (dpa)

Ärzte: Demenzrisiko in Europa sinkt - Lebensstil wichtiger Faktor

München (dpa) - Trotz der höheren Lebenserwartung in der westlichen Welt verzeichnen Ärzte keine Zunahme von Demenzerkrankungen. Es gebe weniger neue Fälle als erwartet, sagte Robert Perneczky, Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie an der Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. «Das Demenzrisiko geht in unseren europäischen Ländern zurück.» Das hätten übereinstimmend Studien in Schweden, England und auch in den USA gezeigt.

Hauptgründe für die positive Entwicklung seien die bessere Lebensführung mit Bewegung und gesunder Ernährung sowie ein insgesamt besserer Bildungsstand, sagte Perneczky. Er leitet am Freitag und Samstag den internationalen Kongress «ResDem» an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU.

Dabei sollen rund 200 klinische Wissenschaftler mit Grundlagenforschern zusammenkommen, unter ihnen Yaakov Stern aus New York als einer der renommiertesten Demenzforscher weltweit. Die Wissenschaftler wollen vor allem beraten, wie die Ressourcen gegen Demenz gestärkt werden können - denn heilbar ist das krankhafte Vergessen bis heute nicht.

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Fr, 2017-11-24 12:20Köln (dpa)

Kein Stopp des Tagebaus Hambach - Umweltschützer scheitern mit Klage

Köln (dpa) - Der Weg für die umstrittenen Rodungen im Hambacher Wald und die Fortführung des Braunkohletagebaus ist nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln frei. Die Richter wiesen am Freitag eine Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in erster Instanz ab. Der BUND wollte die Fortführung des Tagebaus und die anstehenden Rodungen in dem uralten Waldgebiet in Nordrhein-Westfalen verhindern. Gegen das Urteil protestierten Braunkohlegegner lautstark im Gerichtssaal.

Die Rodungen würden «zeitnah» beginnen, sagte ein Sprecher des Energiekonzerns RWE. Der BUND stellte nach eigenen Angaben direkt nach der Gerichtsentscheidung beim Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) einen Antrag, um die Rodungen vorerst zu verhindern. Außerdem wollen die Umweltschützer in die nächste gerichtliche Instanz gehen.

Der Vorsitzende Richter Holger Mauerer bedauerte vor dem Richterspruch, dass RWE und das beklagte Land Nordrhein-Westfalen einen Kompromissvorschlag des Gerichts abgelehnt hatten. Nur der BUND hatte Bereitschaft zu einem Vergleichsvorschlag signalisiert, die Abbaugrenzen zu verschieben und den Hambacher Wald zu verschonen. Das Gericht hatte den Vorschlag als Beitrag zum Rechtsfrieden in der Region gesehen, zumal ein Kohleausstieg absehbar sei.

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Fr, 2017-11-24 12:04Berlin (dpa)

WWF: Wisente könnten in Regionen Deutschlands angesiedelt werden

Berlin (dpa) - Kommt nach dem Wolf auch der Wisent zurück? In Deutschland gibt es laut einer Untersuchung im Auftrag der Umweltstiftung WWF ausreichend Platz für die großen Wildrinder. Sehr geeignet für eine Wiederansiedlung seien das Müritz-Gebiet, die Region Cottbus-Spreewald-Guben, der Harz und der Pfälzer Wald, wie die Umweltschutzorganisation am Freitag unter Berufung auf eine Studie der Humboldt-Universität Berlin mitteilte.

Der Europäische Wisent ist nahe verwandt mit Amerikanischen Bisons. Der wildlebende Bestand war laut WWF Ende der 1920er Jahre ausgerottet - nur wenige Individuen überlebten in Gefangenschaft. Heute gebe es in acht Ländern wieder 3200 wilde Wisente, in Deutschland lebt seit 2013 eine Herde im Rothaargebirge.

Gegen den Ansiedlungsversuch haben jedoch mehrere Waldbauern aus dem Sauerland geklagt, weil die Tiere die Rinden ihrer Buchen abschälten. Eine Ende des Rechtsstreits war zuletzt nicht in Sicht. In Brandenburg gab es kürzlich Ärger um einen Wisent aus Polen: Ein Jäger schoss das Tier bei Lebus ab, weil eine Gefahr für Menschen befürchtet worden war.

Aus Sicht des WWF müsste es jedoch mehr und größere Herden geben, um die Zukunft der als gefährdet eingestuften Art zu sichern. Das sei nur möglich, indem man Tiere in neuen Lebensräumen ansiedelt. Dass dies gelingen könne, zeigten andere Projekte in Mittel- und Osteuropa, erklärte Diana Pretzell, Leiterin des WWF-Naturschutzes.

Insgesamt hätten Experten der HU zehn potenzielle Gebiete für Wisente ausgemacht, hieß es. Dazu zählten unter anderem der Schwarzwald, der Bayerische und der Thüringer Wald. Kriterien seien etwa ausreichend natürliche Rückzugsorte und die Entfernung zu Straßen und Siedlungen. «Jetzt kommt es darauf an, ob die Bevölkerung in den potenziellen Wisent-Regionen sowie die Politik eine Rückkehr der einst ausgerotteten Wildrinder wollen», betonte Pretzell.

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Fr, 2017-11-24 12:01Karlsruhe (dpa)

Karlsruhe: Ungenaue Formulierung zu Vorpachtrecht ist unwirksam

Im Vertrag steht, dass der Pächter ein Vorpachtrecht hat - also nach Ende der Laufzeit wieder zum Zuge kommen kann. Eine eindeutige Sache?

Karlsruhe (dpa) - Eine unklare Vertragsformulierung zu einem Vorpachtrecht ist unwirksam. Das entschied der Bundesgerichtshof (BGH) am Freitag in Karlsruhe im Falle eines Vertrags zur Pacht von landwirtschaftlichen Flächen. Die Formulierung, «dem Pächter wird für die in § 1 aufgeführten Pachtflächen ein Vorpachtsrecht eingeräumt», verstoße als Teil der Allgemeinen Geschäftsbedingung (AGB) gegen das Transparenzgebot nach Paragraf 307 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). (LwZR 5/16)

In dem Fall aus Sachsen-Anhalt hatte der Eigentümer mehrerer Grundstücke sein Land nach dem Ende eines mehrjährigen Pachtvertrags neu verpachtet, ohne den bisherigen Geschäftspartner zu berücksichtigen. Dieser pochte auf das vertraglich festgelegte Vorpachtrecht und bekam sowohl vom Amtsgericht Magdeburg als auch vom Oberlandesgericht (OLG) Naumburg Recht. Das OLG ließ die Revision zu, weil das Brandenburgische Oberlandesgericht in einem ähnlichen Fall anders entschieden hatte.

«Das Problem ist die Transparenz der Klausel», sagte die Vorsitzende Richterin. «AGB müssen verständlich sein für den, der ihnen unterworfen ist.» Es gebe keine gesetzlichen Regelungen zu einem Vorpachtrecht. Beim Vorkaufsrecht sei klar, dass es nur einmal gelte. In diesem Fall sei aber unklar, ob ein ewiges Vorpachtrecht gemeint sei oder ein einmaliges. Auch sei nicht ersichtlich, was gelte, wenn der Eigentümer sein Land für eine gewisse Zeit selbst nutze und dann neu verpachten wolle.

«Der Verwender Allgemeiner Geschäftsbedingungen ist verpflichtet, den Regelungsgehalt einer Klausel möglichst klar und überschaubar darzustellen», stellte der Senat klar. Entscheidend seien die Erwartungen und Erkenntnismöglichkeiten eines durchschnittlichen Vertragspartners. Für den Verpächter seien die wirtschaftlichen Nachteile und Belastungen, die aus der Klausel folgen, nicht hinreichend zu erkennen.

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Fr, 2017-11-24 11:26Athen (dpa) 

Griechenland: Migranten im Inneren von Tankauflieger entdeckt

Athen (dpa) - 19 Flüchtlinge sind in der Nähe der griechisch-türkischen Grenze im Inneren eines Tankaufliegers entdeckt worden. Der 57-jährige Tankwagenfahrer aus Bulgarien sei als mutmaßlicher Schleuser festgenommen worden, teilte die Polizei am Freitag in Athen mit. Wegen der schlechten Belüftung im Inneren des Tanks sei die Fahrt der Menschen lebensgefährlich gewesen.

Die griechische Polizei veröffentlichte Fotos von dem Lastwagen. Die Flüchtlinge stammen aus Syrien, Irak, Pakistan und Iran. Unter ihnen seien sieben Minderjährige gewesen, hieß es. 

Die Flüchtlinge hatten offenbar die griechisch-türkische Grenze passiert und seien dann vom Schleuser abgeholt worden, sagte ein Polizist der Deutschen Presse-Agentur am Freitag. Es wird vermutet, dass der Lastwagen auf dem Weg zu einem der westgriechischen Häfen unterwegs gewesen sei. Von den Häfen Patras und Igoumenitsa laufen täglich mehrere Fähren zu den italienischen Häfen Brindisi, Bari, Ancona, Venedig und Triest aus.

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Fr, 2017-11-24 11:18Karlsruhe (dpa)

BGH: Ungenaue Formulierung zu Vorpachtrecht ist unwirksam

Karlsruhe (dpa) - Eine allgemein gehaltene und ungenaue Formulierung zu einem Vorpachtrecht in einem Landpachtvertrag ist unwirksam. Das entschied der Bundesgerichtshof (BGH) am Freitag in Karlsruhe. Die Formulierung, «dem Pächter wird für die in § 1 aufgeführten Pachtflächen ein Vorpachtsrecht eingeräumt», verstoße als Allgemeine Geschäftsbedingung (AGB) gegen das Transparenzgebot. (LwZR 5/16)

In dem Fall aus Sachsen-Anhalt hatte der Eigentümer mehrerer Grundstücke sein Land nach dem Ende eines mehrjährigen Pachtvertrags neu verpachtet, ohne den bisherigen Geschäftspartner zu berücksichtigen. Dieser pochte auf das vertraglich festgelegte Vorpachtrecht und bekam sowohl vom Amtsgericht Magdeburg als auch vom Oberlandesgericht (OLG) Naumburg Recht. Das OLG ließ die Revision zu, weil das Brandenburgische Oberlandesgericht in einem ähnlichen Fall anders entschieden hatte.

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Fr, 2017-11-24 11:13Frankfurt/Main (dpa)

Pflanzkübel und Geschenkpapier: Städte sichern Weihnachtsmärkte Von Ira Schaible, dpa

Trotz des Terroranschlags in Berlin vor einem Jahr freuen sich viele Menschen in Deutschland auf die Weihnachtsmärkte. Die Städte haben ihre Sicherheitskonzepte überarbeitet. Ein Restrisiko bleibt.

Frankfurt/Main (dpa) - Betonpoller und Kleinlaster, Sandsäcke und Stahlseile, Wassertanks und Metallstelen sollen die Weihnachtsmärkte in Deutschland vor Terroranschlägen schützen. Ein Jahr nach dem tödlichen Anschlag mit einem Lastwagen auf einen Berliner Weihnachtsmarkt haben die meisten Städte in Deutschland ihr Sicherheitskonzept überarbeitet, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Fast überall werden mehr Polizisten unterwegs sein: gut sichtbar mit Maschinenpistole, aber auch in Zivil. Einige Städte wie Frankfurt am Main, Dresden und Kiel richten Polizeiwachen auf dem Weihnachtsmarkt ein.

Manche Städte verschönern die klotzigen Absperrungen: Bochum verpackt sie wie Weihnachtsgeschenke, mit bunter Folie und roten Schleifen. In Augsburg werden die Kleinlaster der Händler als Terrorsperren geparkt - und dekoriert. München setzt unter anderem Pflanzkübel als Sicherheitssperren ein - mit zur Jahreszeit passendem Immergrün.

Videoüberwachung und Lautsprecheranlagen sowie vereinzelte Taschenkontrollen sollen auch Millionen Menschen ein unbeschwertes Vergnügen bei Glühwein und Lebkuchen ermöglichen. München, Nürnberg, Augsburg und Trier haben zudem stichprobenartige Kontrollen von Taschen, Rucksack und Gepäck angekündigt. Videokameras sind zumindest in Städten wie Frankfurt, Potsdam, Kiel, Oldenburg und Trier im Einsatz. Lautsprecheranlagen gibt es unter anderem in Frankfurt, München und Nürnberg. Der Dresdner Striezelmarkt hat ein eigenes Wlan-Netz für die Kommunikation im Notfall.

Die meisten Menschen lassen sich von der abstrakten Gefahr eines Terroranschlags nicht schrecken. Fast drei Viertel der Erwachsenen geben in einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov an, mindestens einen Weihnachtsmarkt besuchen zu wollen.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz öffnet ein Jahr nach dem Anschlag mit zwölf Toten auch wieder - gesichert von Betonsperren. Fast alle Händler sind wieder dabei, nur einer habe nicht mehr gewollt, heißt es beim Schaustellerverband. Zum Gedenken an die Opfer bleibt der Markt aber am Jahrestag des Attentats (19. Dezember) geschlossen.

Große und berühmte Weihnachtsmärkte sind nach Einschätzung eines Terrorismus- und Radikalisierungsforschers von der Universität Kiel grundsätzlich ein attraktives Ziel für Terroristen. «Da sind viele Menschen, es gibt einen ungehinderten Zugang, und sie sind ein Symbol sowohl für Christentum als auch für Konsumkultur», sagte Jannis Jost vom Institut für Sicherheitspolitik der Deutschen Presse-Agentur.

«Die Täter, mit denen wir es in Deutschland überwiegend zu tun haben, fahren aber nicht quer durchs Land zum attraktivsten Ziel», glaubt der Politik- und Islamwissenschaftler. «Sie suchen sich nicht das beste und größte Ziel, sondern schlagen relativ opportunistisch in ihrem Umfeld zu.» Zwei Polizisten sowie einige Betonpfeiler könnten bei diesen Tätern durchaus schon zu der Einschätzung führen, dass ein bestimmter Weihnachtsmarkt kein attraktives Ziel sei - unabhängig von der tatsächlichen Schutzwirkung der Maßnahmen.

Nürnberg stellt zum Schutz des weltweit bekannten Christkindlesmarkts erstmals Metallstelen auf. Sie sind 1,50 Meter hoch, mobil und dicht gestaffelt. Außerdem blockieren quergestellte Polizeifahrzeuge Zufahrten. Ein Kutscher, der Besucher seit vielen Jahren vom Markt durch die Altstadt fährt, nimmt eine andere Route, wie die Leiterin des Bürgermeisteramtes, Christine Schüßler, sagt. So müssten Polizeifahrzeuge nicht mehr - wie noch im vergangenen Jahr - kurz wegfahren, wenn die Kutsche kommt. Alle Marktleute werden über einen SMS-Verteiler benachrichtigt, wenn eine Gefahr droht - die kann aber auch von Taschendieben oder einem Unwetter herrühren.

Eine deutliche Kennzeichnung der Flucht- und Rettungswege gehört auch zu vielen Sicherheitskonzepten. «So dass man immer sieht: Wo komme ich am besten durch, wenn ich weg muss», beschreibt eine Sprecherin der Stadt Tübingen das Ziel.

Die Betonsperren gibt es in verschiedenen Ausführungen: In Essen beispielsweise werden mobile Sperren - mit Stahlseilen verbundene Betonklötze - und feste Bollwerke aus Beton aufgestellt. Aachen setzt erstmals versenkbare Poller ein.

In Städten wie Münster werden Sperren aus Bussen und Lastwagen errichtet. In Dortmund gibt es ein zeitlich begrenztes Fahrverbot und Sperren für Lastwagen in der Innenstadt. In Braunschweig dürfen nur der öffentliche Nahverkehr und die Budenmitarbeiter auf der Zufahrtsstraße zum Weihnachtsmarkt unterwegs sein - bei Tempo 10.

Die sieben Weihnachtsmärkte in der Lübecker Altstadt werden mit Sandsäcken in den Zufahrten gesichert. Karlsruhe setzt unter anderem auf mit Wasser gefüllte Container. «Sie sind pragmatischer und effizienter», sagt ein Sprecher der Stadt. Beton findet man dort «hässlich und ineffektiv».

Poller seien grundsätzlich eine gute und preiswerte Schutzmaßnahme, sagte Terrorismusforscher Jost. «Sie wirken allerdings nur gegen Fahrzeuge und das vielleicht auch nicht so optimal, wie es möglich wäre.» Die Wirksamkeit hänge von der Qualität der Betonsperre ab. Einzeln aufgestellte Poller etwa könnten auch mitgerissen werden, besonders wirksam, aber auch teurer seien dagegen im Boden fest verankerte Sperren. Es komme aber vor allem auf die Menschen an: «Gut ausgebildete und gut ausgestattete Polizisten sind durch nichts zu ersetzen, weil sie auf alles reagieren können, vom verlorenen Kleinkind über Taschendiebe bis zum massiven Terroranschlag.»

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