Do, 2018-08-16 11:00Genf (dpa)

70 Jahre Einsatz für Christen-Einheit im Weltkirchenrat Von Christiane Oelrich, dpa

Christen der Welt will der Weltkirchenrat vereinen, seit 70 Jahren. Aber die Katholiken spielen nicht mit. Und liberale Strömungen - Priesterweihe für Frauen, Homosexualität - vertiefen Gräben noch.

Genf (dpa) - Angela Merkel tat es, Michelle Obama auch und Agnes Abuom ebenso: In Anwesenheit des Papstes trugen die drei Frauen Schwarz. Doch während bei Merkel und Obama der Grund für die Farbwahl die besondere Ehrerweisung an das Oberhaupt der katholischen Kirche war, hatte Abuom - die ranghöchste Frau im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) - einen anderen Gedanken: Der Besuch des Papstes im Juni beim Weltkirchenrat in Genf fiel auf einen Donnerstag. Und «Donnerstags in Schwarz» ist eine ÖRK-Kampagne als Zeichen für Frauensolidarität.

Papst und Publikum waren ganz Ohr, als Abuom von ihrem Redetext abwich, sich an den Papst wandte und mit Wut in der Stimme sagte: «Wir tragen Schwarz, weil eine der größten Sünden heute Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung sind. (...) Wir beten, dass Sie mitmachen bei unserer Bewegung, um diese Pest zu beenden, die eine Schande in der Familie der Gläubigen, den Familien und der Öffentlichkeit ist.»

Dass Abuom den Papst zum Schwarztragen bewegen wird, ist nicht anzunehmen. Aber er schüttelte ihr anschließend lange die Hand. «Er hat mich eine mutige Frau genannt», sagt Abuom später. Die Sozialwissenschaftlerin aus Kenia ist Vorsitzende des ÖRK-Leitungsgremiums, die erste Frau und erste Afrikanerin in diesem Amt. Sie macht im Jahr des 70-jährigen Bestehens frischen Wind.

Im Ökumenischen Rat der Kirchen, der auch Weltkichenrat genannt wird, sind fast 350 Kirchen mit rund 500 Millionen Christen aus 110 Ländern vereint. Dazu gehören anglikanische, baptistische, lutherische, methodistische, reformierte, unabhängige und orthodoxe Kirchen. Auch die evangelische Kirche in Deutschland ist dabei. Das Ziel: die Einheit der Christen. Davon ist der ÖRK aber heute weiter entfernt als bei seiner Gründung am 23. August 1948 im Amsterdam.

Nach der Ära des Reformpapstes Johannes XXIII war Ende der 60er Jahre zwar mal von einer Mitgliedschaft der Katholiken die Rede - aber der versöhnliche Geist verflüchtigte sich. Im Jahr 2000 zog Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere deutsche Papst Benedikt, in der Schrift «Dominus Iesus» noch einmal klare Trennlinien zwischen «der einzigen Kirche Christi», die in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht sei, und den anderen, meist nur «kirchlichen Gemeinschaften».

Die Katholiken arbeiten im ÖRK nur in einigen Arbeitsgruppen mit. Dass Papst Franziskus die Einladung nach Genf annahm, rechnete der ÖRK dem obersten Hirten der knapp 1,3 Milliarden Katholiken hoch an.

Auch im ÖRK selbst ist die Einheit auf eine Probe gestellt. Zwischen liberalen westlichen Kirchen, die Frauen zum Priester weihen und Homosexualität akzeptieren, und konservativen Orthodoxen oder traditionstreuen Kirchen in Afrika vertieft sich ein Graben. Die orthodoxen Kirchen Georgiens und Bulgariens traten nach Kritik an der westlichen und liberalen Ausrichtung des ÖRK Ende der 90er Jahre aus.

«Ein langer Weg» sei die Einheit der Christen, räumt Albuom ein, und ebenfalls die Gleichstellung von Mann und Frau in den Kirchen. Politik und Herrschaft seien eben immer eine Männerdomäne gewesen. «70 Jahre ist eine kurze Zeit, um das zu ändern.» Sie sei Optimistin, aber auch Realistin, was den Zeitrahmen angehe. «Dass ich mit Papst Franziskus auf einer Bühne stehen konnte, ist schon mal ein Anfang.»

Albuom will bis zur ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe 2021 den Fokus auf die Jugend richten und weg vom starren Kirchengedanken. «Wir können im 21. Jahrhundert nicht in Silos sitzen, wir müssen alle Kräfte sammeln, die lebensbejahend sind.» Die Kirchen verlören in westlichen Ländern vielleicht Mitglieder. «Aber es gibt viele Menschen, die an Fairness, Menschenwürde, Gerechtigkeit glauben - diesen müssen wir die Hand entgegenstrecken.»

Sie stellt sich mehr Programmangebote in der Natur vor, etwa gegen den Klimawandel, oder Engagement für die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, mit Gläubigen und Nicht-Konfessionsgebundenen. Und Mitgliedskirchen sollten jungen Leute in ihren Aktivitäten auf sozialen Medien unterstützen: damit sie Rassismus und Hasstiraden lebensbejahende, positive Botschaften entgegensetzen. Der kompromisslose Kampf gegen den Rassismus der Apartheid in Südafrika ist eines der größten Ruhmesblätter des ÖRK.

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Do, 2018-08-16 10:44Berlin (dpa)

Die wechselvolle Geschichte des Kosovo

Berlin (dpa) - Das Kosovo ist eine sehr arme Region. Das Land wird heute fast nur noch von Albanern bewohnt, Serben bilden eine kleine Minderheit. Die Albaner beanspruchen als «Urbevölkerung» die ältesten Rechte, Serben betrachten die Region jedoch als Wiege ihrer Nation.

Mittelalter: Das Kosovo ist Zentrum eines serbischen Reiches. 1389 führt die Niederlage bei der Schlacht im Kosovo zu fünf Jahrhunderten osmanischer Herrschaft.

Neuzeit: Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind Albaner die dominierende Volksgruppe im Kosovo. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Gebiet eine autonome Provinz Serbiens innerhalb des Vielvölkerstaates Jugoslawien. Der Zerfall dieses Staates setzt in den 80er Jahren ein.

1989: Serbiens Präsident hebt den Autonomie-Status des Kosovo auf.

1991: Die albanische Führung der Provinz organisiert ein Unabhängigkeitsreferendum. Serbien antwortet mit Repressionen.

Ab 1998: Es kommt zu Massakern und Vertreibungen ethnischer Albaner im Kosovo.

1999: Weil internationale Vermittlungsbemühungen erfolglos bleiben, geht die Nato ab März ohne UN-Mandat militärisch gegen Serbien als Teil der Bundesrepublik Jugoslawien vor - mit deutscher Beteiligung. Es gibt Luftangriffe. Serbien erklärt sich zum Truppenabzug aus dem Kosovo bereit. An der im Juni von den Vereinten Nationen eingesetzten Nato-Sicherheitstruppe Kosovo Force (Kfor) stellt die Bundeswehr zunächst 6500 Soldaten.

2004: Die Bundeswehr hat einen besonders schweren Einsatz im März. Es gibt albanische Unruhen gegen Serben. Dann wird ein nahe von Prizren gelegenes serbisches Kloster niedergebrannt. Deutsche Kfor-Soldaten bewachen danach lange den Wiederaufbau.

2008: Nach jahrelanger Übergangsverwaltung unter UN-Aufsicht erklärt das Kosovo im Februar seine Unabhängigkeit. Dutzende Länder erkennen den neuen Staat an - Serbien nicht.

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Do, 2018-08-16 10:42Peking (dpa) 

China präsentiert Rover für Reise «hinter den Mond»

China will bis Ende des Jahres einen Rover auf die abgewandte Seite des Erdtrabanten bringen. Der Ausflug ist nur eines von vielen ambitionierte Zielen, die sich die Chinesen im All gesteckt haben.

Peking (dpa) - China treibt seine Pläne voran, als erste Raumfahrtnation auf der Rückseite des Mondes zu landen: Erstmals zeigten Staatsmedien am Donnerstag Animationen des noch unbenannten Landeroboters, der den Berichten zufolge Ende des Jahres zum Erdtrabanten aufbrechen soll. Das Fahrzeug verfügt demnach über sechs Räder, zwei Solarmodule und zahlreiche Kameras, mit denen es die Oberfläche untersuchen soll.

«Der Rover ist der leichteste seiner Art auf der Welt. Er wiegt nur 140 Kilogramm, während seine Vorgänger viel schwerer waren», zitierte die staatliche Zeitung «China Daily» Wu Weiren, den Chefingenieur des chinesischen Mondprogramms. Das Roboterfahrzeug sei eine Weiterentwicklung des ersten chinesischen Mond-Rovers «Jadehase», der Ende 2013 auf dem Erdtrabanten gelandet war.

Das neue Fahrzeug sei auch mit einem fortschrittlichen Radar ausgestattet, mit dessen Hilfe der erste geologische Querschnitt der fernen Seite des Mondes erstellt werden soll. Menschen in aller Welt wurden dazu aufgerufen, einen Namen für das chinesische Mond-Gefährt vorzuschlagen.

Der Rover soll mit dem Landemodul «Chang'e 4» im Aitken-Krater nahe dem Südpol des Mondes aufsetzen, der 1970 nach dem amerikanischen Astronomen Robert Grant Aitken benannt wurde.

Für die erste unbemannte Landung auf der Mond-Rückseite hatte China bereits im Mai einen Satelliten ins All gebracht, der im Funkschatten der erdabgewandten Seite des Mondes als Relais-Station für die Kommunikation zur Erde dienen soll.

Während andere Nationen ihre Raumfahrtprogramme kürzen, verfolgt China ehrgeizige Pläne im All. So ist nicht nur der Bau einer eigenen Raumstation geplant, sondern auch eine weitere Erkundung des Mondes. Nach der Landung auf der Rückseite des Mondes ist voraussichtlich im nächsten Jahr eine Mission geplant, bei der auch Gestein zur Erde zurückgebracht werden soll.

Das chinesische Vorhaben würde dann genau 50 Jahre nach der ersten bemannten Mondlandung durch die USA erfolgen, als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Mensch die Oberfläche des Erdtrabanten betrat. Nach den chinesischen Plänen soll bis 2030 erstmals ein Chinese auf dem Mond landen.

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Do, 2018-08-16 09:37Peking (dpa) 

China zeigt erstmals Rover für Reise «hinter den Mond»

Peking (dpa) - China treibt seine Pläne voran, als erste Raumfahrtnation auf der Rückseite des Mondes zu landen: Erstmals zeigten Staatsmedien am Donnerstag Animationen des noch unbenannten Landeroboters, der den Berichten zufolge Ende des Jahres zum Erdtrabanten aufbrechen soll. Das Fahrzeug verfügt demnach über sechs Räder, zwei Solarmodule und zahlreiche Kameras, mit denen es die Oberfläche untersuchen soll.

Der Rover soll mit dem Landemodul «Chang'e 4» im Aitken-Krater nahe dem Südpol des Mondes aufsetzen, der 1970 nach dem amerikanischen Astronomen Robert Grant Aitken benannt wurde. Für die erste unbemannte Landung auf der Mond-Rückseite hatte China bereits im Mai einen Satelliten ins All gebracht, der als Relaisstation für die Kommunikation zur Erde dienen soll.

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Do, 2018-08-16 09:36Hamburg (dpa)

Für Gäste oder Yoga: Hamburg verkauft Flüchtlingshäuser bei Ebay

Hamburg (dpa) - Die Stadt Hamburg bietet 50 ehemalige Flüchtlingshäuser aus Holz auf Ebay-Kleinanzeigen zum Verkauf an. «Die Resonanz am ersten Tag war enorm, wir hatten um die 100 Anfragen», sagte der Sprecher des Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge, Daniel Posselt. «Es gab Interesse aus ganz Deutschland.» Die 28 Quadratmeter großen Bauten könnten als Gästehaus, Werkstatt oder auch als Sport-, Spiel- und Yogahaus genutzt werden, heißt es in der Ebay-Anzeige. Das Mindestgebot für ein Haus liegt bei 1000 Euro, der Neupreis habe pro Stück 23 000 Euro betragen.

Das Angebot hat allerdings einen Haken: Der Käufer muss nicht nur über eine Baugenehmigung verfügen, sondern die Ware auch selbst abholen. Die Holzbauten können nur mit einem großen Kran auf einen Schwerlasttransporter gesetzt werden. Bei einem Transport innerhalb Hamburgs würden 3000 bis 5000 Euro anfallen, sagte der Sprecher.

Die rund drei Jahre alten Häuser gehörten zu einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung, die nicht mehr gebraucht werde. Die wetter- und winterfesten Holzhäuser weisen zwar übliche Gebrauchsspuren auf, seien aber gut isoliert und mit Heizung, Warmwasserversorgung und Elektrik ausgestattet. «Das ist nicht irgend so eine Bretterbude», sagte der Sprecher.

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Do, 2018-08-16 09:34Berlin (dpa)

Bahn im Juli noch unpünktlicher

Berlin (dpa) - Mehr als jeder vierte Fernzug der Deutschen Bahn ist im Juli zu spät gekommen. Die Quote pünktlicher ICE und Intercity sackte auf 72,1 Prozent ab, den niedrigsten Monatswert in diesem Jahr. Wie der Konzern am Donnerstag mitteilte, führten die extremen Temperaturen zu mehr Störungen an Fahrzeugen und Infrastruktur. Es habe jedoch weniger hitzebedingte Ausfälle gegeben als in den Vorjahren. Über die Zahlen berichtete auch «Spiegel Online».

Als pünktlich wertet die Bahn jeden Zug, der weniger als sechs Minuten nach der Fahrplanzeit in den Bahnhof einfährt. Auf etwa jeden achten Zug mussten die Fahrgäste im Juli sogar mindestens eine Viertelstunde warten, wie aus der Statistik hervorgeht. Bei Regionalzügen blieben die Pünktlichkeitswerte im Juli dagegen stabil.

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Do, 2018-08-16 09:27Dresden/Berlin (dpa)

Kretschmer schließt Koalitionen mit AfD oder Linken aus

Dresden/Berlin (dpa) - Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer lehnt eine Koalition mit der AfD oder den Linken nach der Landtagswahl im Herbst 2019 kategorisch ab. «Ja natürlich», sagte der CDU-Politiker am Donnerstag im ZDF-«Morgenmagazin» auf die Frage, ob er eine Zusammenarbeit mit diesen Parteien rigoros ausschließe.

Er verwies auf unterschiedliche Personen, Wahlprogramme und Inhalte. «Da gibt es wirklich Welten zwischen uns und den anderen», sagte er. «Und ich halte die Diskussion auch deswegen für abseitig, weil wir mindestens ein Jahr zumindest in Sachsen und drei Jahre vor der Bundestagswahl sind. Wir müssen jetzt überzeugen, wir müssen arbeiten.»

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt am Nachmittag nach Sachsen, wo sie in der Vergangenheit auf viel Protest gestoßen ist. In einer aktuellen Wahlumfrage liegt die CDU im Land bei 32 Prozent, gefolgt von der AfD mit 24 und den Linken mit 19 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 lag die AfD in Sachsen sogar knapp vor der CDU.

Kretschmer betonte, die CDU müsse die Probleme ansprechen, die es tatsächlich gebe. «Es ist ganz klar, es ist nicht mehr das dominierende Thema Asyl und die Flüchtlingsfrage.» Es gehe vielmehr um Themen wie Digitalisierung, Strukturentwicklung, Pflege oder den öffentlichen Personennahverkehr. «Das sind doch die Fragen, die uns wirklich umtreiben. Und wo wir jetzt auch zeigen können, dass wir verstanden haben und dass wir auch schon Lösungen anbieten können.»

Kretschmer äußerte die Hoffnung, dass auch die Bundesregierung endlich Tritt fasse und die Punkte aus dem Koalitionsvertrag abarbeite, die Deutschland tatsächlich weiterbrächten. «Das ist die Aufgabe, und nicht Spekulationen über irgendwelche Wahlen und Konstellationen danach, das kann man am Tag nach der Wahl machen.»

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Do, 2018-08-16 08:47Düsseldorf (dpa)

Kritik an NRW-Innenminister wegen Gerichts-Schelte im Fall Sami A.

Düsseldorf (dpa) - Für seine Kritik an der Justiz im Fall des Islamisten Sami A. gerät Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) nun selbst unter Beschuss. SPD und Grüne werfen ihm vor, die Gerichte und den Rechtsstaat zu beschädigen. Reul hatte in der «Rheinischen Post» (Donnerstag) gesagt: «Die Unabhängigkeit von Gerichten ist ein hohes Gut. Aber Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen.» Er bezweifele, dass das im Fall Sami A. geschehen sei.

Reul habe offensichtlich ein «gestörtes Verhältnis zur Justiz und zum Rechtsstaat», kritisierte der Düsseldorfer Oppositionsführer Thomas Kutschaty (SPD) in einem WDR5-Interview. «Eine Justiz muss unabhängig entscheiden, da darf man auch nicht auf Stammtischmeinungen hören.» Die Arbeit der Justiz so zu diskreditieren, «das darf sich kein Mitglied der Landesregierung erlauben», sagte der SPD-Fraktionschef.

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Landtag, Verena Schäffer, kritisierte auf Twitter, Reul trage «ganz maßgeblich zur Schwächung unseres Rechtsstaates bei». Sie fügte hinzu: «Ich bin fassungslos über diese Aussage.»

Auch Nordrhein-Westfalens ranghöchste Richterin, Ricarda Brandts, kritisierte das Vorgehen von Politikern und Behörden in diesem Fall. Dadurch sei «die Unabhängigkeit der Gerichte unter Druck geraten». Die Präsidentin des Oberverwaltungsgerichts sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Hier wurden offensichtlich die Grenzen des Rechtsstaates ausgetestet.» Sie fügte hinzu: «Der Fall des Sami A. wirft Fragen zu Demokratie und Rechtsstaat - insbesondere zu Gewaltenteilung und effektivem Rechtsschutz - auf.»

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Do, 2018-08-16 08:01Singapur (dpa)

Ölpreise steigen leicht nach Chinas Gesprächsangebot

Singapur (dpa) - Die Ölpreise haben am Donnerstag etwas von einem Gesprächsangebot Chinas im Handelsstreit mit den USA profitiert. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Oktober 71,16 US-Dollar. Das waren 40 Cent mehr als am Mittwoch. Der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im September erhöhte sich um 17 Cent auf 65,18 Dollar.

China will Ende August eine Delegation in die Vereinigten Staaten entsenden, um über den Handelskonflikt zu sprechen. An den Märkten wurde dies als Zeichen einer Deeskalation aufgenommen. In den Wochen zuvor waren die Ölpreise stark belastet worden, weil die USA und China nicht mehr miteinander gesprochen und sich stattdessen gegenseitig Strafzölle auferlegt hatten. Im Falle einer weiteren Eskalation werden negative Folgen für die Weltwirtschaft und eine schwächere Rohölnachfrage befürchtet.

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Do, 2018-08-16 07:59Düsseldorf (dpa)

SPD-Fraktions-Chef erwartet baldige Rückkehr von Sami A.

Düsseldorf (dpa) - Nordrhein-Westfalens Landtagsfraktions-Chef Thomas Kutschaty (SPD) rechnet damit, dass der zu Unrecht abgeschobene Islamist Sami A. bald zurück nach Bochum kommt. Zwar könne der 42-Jährige Tunesien wegen der dort laufenden Ermittlungen gegen ihn derzeit nicht verlassen. Einen dringenden Tatverdacht hätten die tunesischen Behörden aber offensichtlich nicht, «sonst wäre er ja inhaftiert worden», sagte der frühere NRW-Justizminister am Donnerstag im WDR5-Interview.

Der von den Sicherheitsbehörden als islamistischer Gefährder eingestufte Sami A. ist auf freiem Fuß. «Das heißt, wir müssen schon damit rechnen, dass Sami A. demnächst wieder in Bochum herumläuft», so Kutschaty. Dort lebte der Islamist in den vergangenen Jahren mit Frau und Kindern.

Letztlich sei die Situation dann schlechter als vor der Abschiebung, als der 42-Jährige in Abschiebehaft saß, so der Fraktionschef. «Da saß er trocken, gut und sicher. Wenn er jetzt nach Deutschland zurückkommt, dann wird er nicht wieder in der Abschiebeanstalt sitzen, sondern dann wird er als freier Mann in Bochum rumlaufen. Und das ist natürlich schon ein großes Problem», sagte Kutschaty.

Sami A. war am 13. Juli nach Tunesien abgeschoben worden. Zu Unrecht, wie das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht am Mittwoch letztinstanzlich entschied. Die deutschen Behörden müssen den 42-Jährigen nun nach Deutschland zurückholen.

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Do, 2018-08-16 07:20Bangkok (dpa)

Thailand will keinen Elektroschrott mehr ins Land lassen

Bangkok (dpa) - Thailand will künftig keinen Plastik- und Elektroschrott aus anderen Ländern mehr aufnehmen. Die Militärregierung in Bangkok kündigte am Donnerstag ein neues Gesetz an, das den Import von solchem Abfall strikt verbietet. Umweltminister Surasak Kanchanarat sagte der Tageszeitung «The Nation»: «Wir müssen eine gute Umwelt und die Gesundheit unserer Bürger vor die industrielle Entwicklung stellen.» Die Neuregelung soll innerhalb der nächsten beiden Jahre in Kraft treten.

In Thailand waren in den vergangenen Monaten enorme Mengen an Elektromüll aus der EU, den USA sowie Japan, Hongkong und Singapur gelandet. Nach Medienberichten kamen große Teile davon illegal ins Land. Zuvor hatte China - bislang der größte Importeur - ein weitgehendes Einfuhrverbot für solchen Müll verhängt. Thailand selbst ist einer der größten Produzenten von Plastikmüll. Viel davon landet im Meer.

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Do, 2018-08-16 07:16Prizren (dpa)

Der Rückzug Von Nico Pointner und Sina Schuldt , dpa

Die Bundeswehr holt in ihrem Feldlager Prizren im Kosovo die Flagge ein. Die Bilanz nach fast 20 Jahren Kfor-Mission: knapp 130 000 Bundeswehrkräfte im Einsatz, 27 tote Soldaten, 3,4 Milliarden Euro Kosten. Hat sich der ganze Aufwand gelohnt?

Prizren (dpa) - Vor der Kapelle haben sie einen Weg angelegt und bunte Rosen gepflanzt. Folgt man dem Pfad, gelangt man in wenigen Schritten zum Fitnessstudio «Sportoase». Ein Stück den Hügel hinunter wurden eine 400-Meter-Laufbahn, ein Tennisplatz und eine Sporthalle aus dem Boden gestampft. Außerdem Bars, Restaurants - und im Hintergrund eine saftig grüne Bergkulisse. Denkt man sich die Uniformen weg, den Stacheldraht, die Wachtürme, dann könnte man das deutsche Feldlager Prizren mit einem Freizeitpark verwechseln.

Seit 1999 ist die Bundeswehr im Kosovo im Einsatz. Rund zwei Jahrzehnte, in denen die Soldaten ein sicheres Umfeld in einer zwischen Serben und Albanern umstrittenen Balkan-Region schaffen sollten. Nebenbei bauten sich die Deutschen hier im Feldlager im Süden des Landes ein Zuhause - rund 1300 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt.

Sie haben den Gebäuden Namen gegeben wie «Grüne Villa», «Roter Stab» und «Blaue Residenz». Sie haben deutsche Verkehrsschilder aufgestellt und gelbe Briefkästen. Scherzhaft sprechen manche von Bad Prizren.

«Wenn wir nochmal 20 Jahre hier wären, hätten wir vielleicht ein Schwimmbad», scherzt Detlef G. Der Hauptmann kennt jede Ecke in dem Feldlager. Er war bereits sechs Mal im Kosovo im Einsatz. Diesmal wird sein letztes Mal sein.

Denn die Soldaten schließen das Lager. Der Bundeswehreinsatz im Kosovo ist damit zwar nicht vollständig vorbei. Ein paar Dutzend Soldaten sollen in der Hauptstadt Pristina bleiben. Aber weil der Großteil der Deutschen in Prizren sitzt, endet mit dem Abzug von dort auch ein Stück Bundeswehr-Geschichte.

Der sogenannte Kfor-Einsatz ist der bislang längste Einsatz der Truppe. Und er begründete den Wandel der Bundeswehr zur Einsatzarmee im Ausland.

Kfor, das steht für das englische Kosovo Force, also Kosovo-Truppe. Das waren einmal 50 000 Soldaten aus rund 40 Staaten. Heute sind noch bis zu 4500 Militärs zur Friedenssicherung aktiv. Sie helfen etwa beim Aufbau kosovarischer Sicherheitstruppen. Die Mannschaft in Prizren war lange darauf spezialisiert, die internationalen Kräfte medizinisch zu versorgen.

Am Anfang von Einsätzen wirken die Aufgaben von Soldaten meist klar umrissen. Da herrschen Konflikte und Gewalt. Der damalige Grünen-Außenminister Joschka Fischer rechtfertigte die Bomben im Kosovo-Krieg 1999 auch mit dem Slogan: «Nie wieder Auschwitz». Aus Protest bekam er auf einem Sonderparteitag seiner friedensliebenden Partei damals einen Farbbeutel an den Kopf geworfen.

Mit den Jahren jedoch verschwimmen oft die Ziele. Zunächst sollte die Bundeswehr im Kosovo den Abzug der serbischen Truppen überwachen. Dann sollten die Deutschen helfen bei der «Entwicklung eines stabilen, demokratischen, multiethnischen und friedlichen Kosovo», kurz: das Land stabilisieren. Aber wer bestimmt, was stabil ist?

Der Einsatz im Kosovo hat allein bis 2016 nach Angaben der Bundeswehr rund 3,4 Milliarden Euro gekostet. 27 Soldaten starben dort - wenn auch nicht durch Kämpfe, sondern durch Unfälle und Suizide.

DUSCHE GEGEN DIE SEUCHENGEFAHR

Bis zum Ende des Jahres wollen die Bundeswehr-Soldaten in Prizren die deutsche Flagge einholen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Detlef G. steht in einer Halle. Es ist 10.37 Uhr, heiß und stickig an diesem Juli-Tag. Wenige Meter vor ihm fahren zwei Transportpanzer des Typs «Fuchs» durch eine Art Waschanlage. Jedes Fahrzeug, das den kosovarischen Boden berührt hat und nach Deutschland transportiert wird, muss mit Säure behandelt werden.

Die Tierseuchen-Prophylaxe soll verhindern, dass mit den Panzern Erreger etwa der Vogelgrippe in die Heimat gelangen. Auch wenn das desinfizierte Kriegsgerät dann auf Laster lokaler Firmen verladen wird, die nicht desinfiziert werden, will Detlef G. den Sinn nicht hinterfragen. «Es sind halt Vorschriften», sagt er.

«Ich war immer gerne hier», sagt Detlef G. Der Allgäuer mag das warme Wetter und die Landschaft. Jetzt werden die Gebäude im Feldlager entweder abgerissen oder umgebaut. Ein Innovations- und Ausbildungspark für die Kosovaren soll hier entstehen.

Detlef G. selbst fühlt sich mittlerweile sicher in dem Land auf dem Westbalkan. Das war nicht immer so. Er erinnert sich gut an seinen ersten Einsatz im Kosovo vor mehr als zehn Jahren. Damals sei in der Morgenlage noch von Schießereien und Handgranaten die Rede gewesen.

DER ANFANG

Angefangen hatte der Einsatz 1999 mit Nato-Bomben. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg beteiligten sich deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz - und das ohne Mandat der UN. Die Serben hatten versucht, die albanische Bevölkerung aus der Region zu vertreiben und Serben anzusiedeln. Wochenlang warf die Nato Bomben auf militärische Ziele in Serbien. Serbische Truppen sollten so zum Rückzug aus dem Kosovo gezwungen werden. Nach den Luftangriffen akzeptierte Belgrad die internationale Kontrolle und die Kfor-Soldaten rücken ein.

Knapp 130 000 deutsche Soldaten beteiligten sich über die Jahre an der Mission, wobei viele mehrfach dort waren und doppelt gezählt wurden. Zu Beginn waren knapp 6500 deutsche Kräfte im Kosovo. Aktuell sind es noch rund 360.

VON MUTTERN UND PANZERKEKSEN

Thomas D. steht mit seinem Team vor einer gewaltigen Aufgabe. Der 39-jährige Major aus Schleswig-Holstein ist Chef der Materialschleuse. Das heißt: oberster militärischer Möbelpacker im Lager. Vom Schraubenschlüssel bis zum Panzer muss alles wieder in die Heimat verfrachtet werden. 220 Container und 250 Fahrzeuge sind es. Hunderttausende Einzelteile. Waffen und Munition werden per Luft transportiert, der Großteil des Kriegsgeräts auf dem Landweg.

Der Logistiker war 2012 bereits als Soldat im Kosovo. Damals war es noch ein anderer Einsatz. Bei der Räumung einer Straßensperre im Norden des Kosovo wurden zwei deutsche Soldaten angeschossen. «Das Land hat in den sechs Jahren eine enorme Entwicklung gemacht», sagt Thomas D. und zeigt auf Häuser in Prizren. «Die haben Plastikmüll in jedem Garten verbrannt.» Dann schwärmt er von der Mülltrennung und Infrastruktur im jüngsten Staat Europas heute. Er spricht von einem Stiefelabdruck: «Wir hinterlassen den Kosovo mehr deutsch.»

MISSION ERFÜLLT?

Während sich die deutschen Soldaten aus dem Kosovo zurückziehen, werden die gefährlichsten und größten Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und Mali ausgeweitet. Dabei mangele es an einer sicherheitspolitischen Strategie, beklagen Experten. Alle Jahre wieder verlängern die Abgeordneten des Bundestags in Berlin die Mandate für die Missionen der Bundeswehr. Erst im Juni wiederholte sich das Ritual der Parlamentarier für das Kosovo.

Und welches Land hinterlässt die Bundeswehr? Oberstleutnant Christian Kiesel führt zu der Zeit das 50. Kontingent. Er sitzt Ende Juli an einem großen Konferenztisch in seinem Büro, in wenigen Tagen wird er in die Heimat zurückkehren.

Neben der Tür zeigt ein Bild eine Ursula von der Leyen aus jüngeren Tagen. Obwohl die CDU-Verteidigungsministerin regelmäßig die Truppen besucht, war sie seit 2014 nicht mehr im Kosovo bei den Soldaten. Die Kfor-Mission gilt als der «vergessene» Einsatz. Das kann man als gutes Zeichen werten - als Zeichen, dass es nicht mehr knallt.

Für den 43-jährigen Kiesel jedenfalls ist die Mission das Paradebeispiel für einen militärisch erfolgreichen Einsatz. «Wir ziehen auch deshalb ab, weil es hier funktioniert.» Die Bundeswehr habe rund 20 Jahre das sichere Umfeld dafür geschaffen, dass sich die Region gut entwickeln konnte.

Allerdings leben in Prizren auch kaum noch Serben. In der geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Landes etwa, wo Albaner und Serben Nachbarn sind, ist die Lage viel angespannter.

Und wenn das Land so sicher ist, warum ist man dann nicht längst abgezogen? «Da müssen Sie die Politiker fragen», sagt der Kommandeur.

RUHIG IST ES, ABER AUCH STABIL?

Inwieweit ist das Kosovo über zehn Jahre, nachdem es seine Unabhängigkeit erklärte, wirklich demokratisch und friedlich? Die Antwort hängt auch von der Perspektive ab. Für viele Bewohner bleibt die Lage trostlos. Es herrschen Armut und Rekordarbeitslosigkeit. Das Land mit knapp zwei Millionen Einwohnern, davon rund 100 000 Serben, gilt als einer der kriminellsten und korruptesten Staaten Europas. Der Nationalismus auf der Balkanhalbinsel erstarkt insgesamt an vielen Orten. Alte Konflikte sind nicht gelöst.

Der Dauerstreit mit Serbien lähmt viele Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Der Nachbarstaat erkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an und will seine frühere Provinz zurück. Die Bundesregierung schreibt selbst im Mandatstext von einem bleibenden «Konflikt- und Eskalationspotenzial».

«OHNE DIE NATO SIND WIR NICHT SICHER»

Fatmir Nurkollari, 50, bekommt heute noch Gänsehaut, wenn er in einem Hotel in der Altstadt von der Nacht des 12. Juni 1999 erzählt. Damals, als die deutschen Soldaten nach Prizren kamen. «Wir rannten aus unseren Häusern, umkreisten die Panzer», sagt der Albaner. Monatelang hätten sie in Angst gelebt und sich vor serbischen Nachbarn verstecken müssen. «Und dann waren wir plötzlich frei.» Heute spüre er wieder Angst, erzählt er, weil die Deutschen abzögen. «Ohne die Nato sind wir nicht sicher», sagt er. Zu tief sitze der Hass zwischen Serben und Albanern. Auch serbische Stimmen fürchten eine neue Eskalation.

Klar gebe es noch viele Probleme, sagt Kiesel. Die Drogenkriminalität etwa nehme zu in der Region. Aber das könnten die Streitkräfte nicht lösen, das müssten die Kosovaren in den Griff bekommen. Man dürfe die Lage nicht mit deutschen Maßstäben messen: «Der Balkan ist nicht Deutschland.»

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Do, 2018-08-16 07:15Berlin (dpa)

Die wechselvolle Geschichte des Kosovo

Berlin (dpa) - Das Kosovo ist eine sehr arme Region. Das Land wird heute fast nur noch von Albanern bewohnt, Serben bilden eine kleine Minderheit. Die Albaner beanspruchen als «Urbevölkerung» die ältesten Rechte, Serben betrachten die Region jedoch als Wiege ihrer Nation.

Mittelalter: Das Kosovo ist Zentrum eines serbischen Reiches. 1389 führt die Niederlage bei der Schlacht im Kosovo zu fünf Jahrhunderten osmanischer Herrschaft.

Neuzeit: Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind Albaner die dominierende Volksgruppe im Kosovo. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Gebiet eine autonome Provinz Serbiens innerhalb des Vielvölkerstaates Jugoslawien. Der Zerfall dieses Staates setzt in den 80er Jahren ein.

1989: Serbiens Präsident hebt den Autonomie-Status des Kosovo auf.

1991: Die albanische Führung der Provinz organisiert ein Unabhängigkeitsreferendum. Serbien antwortet mit Repressionen.

Ab 1998: Es kommt zu Massakern und Vertreibungen ethnischer Albaner im Kosovo.

1999: Weil internationale Vermittlungsbemühungen erfolglos bleiben, geht die Nato ab März ohne UN-Mandat militärisch gegen Serbien vor - mit deutscher Beteiligung. Es gibt Luftangriffe. Serbien erklärt sich zum Truppenabzug aus dem Kosovo bereit. An der im Juni von den Vereinten Nationen eingesetzten Nato-Sicherheitstruppe Kosovo Force (Kfor) stellt die Bundeswehr zunächst 6500 Soldaten.

2004: Die Bundeswehr hat einen besonders schweren Einsatz im März. Es gibt albanische Unruhen gegen Serben. Dann wird ein nahe von Prizren gelegenes serbisches Kloster niedergebrannt. Deutsche Kfor-Soldaten bewachen danach lange den Wiederaufbau.

2008: Nach jahrelanger Übergangsverwaltung unter UN-Aufsicht erklärt das Kosovo im Februar seine Unabhängigkeit. Dutzende Länder erkennen den neuen Staat an - Serbien nicht.

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Do, 2018-08-16 07:12Prizren (dpa)

Der Rückzug Von Nico Pointner und Sina Schuldt , dpa

Die Bundeswehr holt in ihrem Feldlager Prizren im Kosovo die Flagge ein. Die Bilanz nach fast 20 Jahren Kfor-Mission: knapp 130 000 Bundeswehrkräfte im Einsatz, 27 tote Soldaten, 3,4 Milliarden Euro Kosten. Hat sich der ganze Aufwand gelohnt?

Prizren (dpa) - Vor der Kapelle haben sie einen Weg angelegt und bunte Rosen gepflanzt. Folgt man dem Pfad, gelangt man in wenigen Schritten zum Fitnessstudio «Sportoase». Ein Stück den Hügel hinunter wurden eine 400-Meter-Laufbahn, ein Tennisplatz und eine Sporthalle aus dem Boden gestampft. Außerdem Bars, Restaurants - und im Hintergrund eine saftig grüne Bergkulisse, die an Irland erinnert. Denkt man sich die Uniformen weg, den Stacheldraht, die Wachtürme, dann könnte man das deutsche Feldlager Prizren mit einem Freizeitpark verwechseln.

Seit 1999 ist die Bundeswehr im Kosovo im Einsatz. Rund zwei Jahrzehnte, in denen die Soldaten ein sicheres Umfeld in einer zwischen Serben und Albanern umstrittenen Balkan-Region schaffen sollten. Nebenbei bauten sich die Deutschen hier im Feldlager im Süden des Landes ein Zuhause - rund 1300 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt.

Sie haben den Gebäuden bunte Namen gegeben wie «Grüne Villa», «Roter Stab» und «Blaue Residenz». Sie haben deutsche Verkehrsschilder aufgestellt und gelbe Briefkästen. Scherzhaft sprechen manche von Bad Prizren. Krieg sieht anders aus, könnte man denken.

«Wenn wir nochmal 20 Jahre hier wären, hätten wir vielleicht ein Schwimmbad», scherzt Detlef G. Der Hauptmann kennt jede Ecke in dem 47 Hektar großen Feldlager. Er war bereits sechs Mal im Kosovo im Einsatz. Diesmal wird sein letztes Mal sein.

Denn die Soldaten schließen das Lager. Der Bundeswehreinsatz im Kosovo ist damit zwar nicht vollständig vorbei. Ein paar Dutzend Soldaten sollen in der Hauptstadt Pristina bleiben. Aber weil der Großteil der Deutschen in Prizren sitzt, endet mit dem Abzug von dort auch ein Stück Bundeswehr-Geschichte. Der sogenannte Kfor-Einsatz ist der bislang längste Einsatz der Truppe. Und er begründete den Wandel der Bundeswehr zur Einsatzarmee im Ausland.

Kfor, das steht für das englische Kosovo Force, also Kosovo-Truppe. Das waren einmal 50 000 Soldaten aus rund 40 Staaten. Heute sind noch bis zu 4500 Militärs zur Friedenssicherung aktiv. Sie helfen etwa beim Aufbau kosovarischer Sicherheitstruppen. Die Mannschaft in Prizren war lange darauf spezialisiert, die internationalen Kräfte medizinisch zu versorgen.

Am Anfang von Einsätzen wirken die Aufgaben von Soldaten meist klar umrissen. Da herrschen Konflikte und Gewalt. Der damalige Grünen-Außenminister Joschka Fischer rechtfertigte die Bomben im Kosovo-Krieg 1999 auch mit dem Slogan: «Nie wieder Auschwitz». Aus Protest bekam er auf einem Sonderparteitag seiner friedensliebenden Partei damals einen Farbbeutel an den Kopf geworfen.

Mit den Jahren jedoch verschwimmen oft die Ziele. Zunächst sollte die Bundeswehr im Kosovo den Abzug der serbischen Truppen überwachen. Dann sollten die Deutschen helfen bei der «Entwicklung eines stabilen, demokratischen, multiethnischen und friedlichen Kosovo», kurz: das Land stabilisieren. Aber wer bestimmt, was stabil ist?

Das Dilemma des militärischen Abzugs beginnt. «Es ist immer schwieriger, Kriege zu beenden, als sie zu beginnen», sagte der damalige US-Präsident Barack Obama 2014 - und verkündete seinen Abzugsplan für Afghanistan. Militärstrategen nehmen ihm das heute übel. Damit hätten sich die Taliban zurücklehnen und auf den Abzug des Gegners warten können.

In Afghanistan haben die USA wie Deutschland die Truppen nun wieder aufgestockt. Ein Rückzug gilt als zu riskant. Zu groß ist die Angst vor einem Machtvakuum.

Und wenn eine Mission doch beendet wird, dann nicht zwangsläufig erfolgreich. Wegen Schwierigkeiten bei der Ausbildung somalischer Sicherheitskräfte verließ die Bundeswehr im Frühjahr nach acht Jahren das von Islamisten terrorisierte Land Somalia.

Nun also der Rückzug aus dem Kosovo. Der Einsatz hat allein bis 2016 nach Angaben der Bundeswehr rund 3,4 Milliarden Euro gekostet. 27 Soldaten starben im Kosovo - wenn auch nicht durch Kämpfe, sondern durch Unfälle und Suizide.

DUSCHE GEGEN DIE SEUCHENGEFAHR

Bis zum Ende des Jahres wollen die Bundeswehr-Soldaten in Prizren die deutsche Flagge einholen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Detlef G. steht in einer Halle und spürt, wie die Ameisensäure in seinem Gesicht brennt. Es ist 10.37 Uhr, heiß und stickig an diesem Juli-Tag. Wenige Meter vor ihm fahren zwei Transportpanzer des Typs «Fuchs» durch eine Art Waschanlage. Jedes Fahrzeug, das den kosovarischen Boden berührt hat und nach Deutschland transportiert wird, muss mit Säure behandelt werden.

Die Tierseuchen-Prophylaxe soll verhindern, dass mit den Panzern Erreger etwa der Vogelgrippe in die Heimat gelangen. Auch wenn das penibel desinfizierte Kriegsgerät dann auf Laster lokaler Firmen verladen wird, die nicht desinfiziert werden, will Detlef G. den Sinn nicht hinterfragen. «Es sind halt Vorschriften», sagt er.

«Ich war immer gerne hier», sagt Detlef G. Der Allgäuer mag das warme Wetter und die Landschaft, sie erinnert ihn an die bayerische Heimat. Wenn er durch das Feldlager schreitet, spürt man einen Anflug von Wehmut in seiner Stimme. Wo früher Gebäude standen, klaffen nun immer mehr Schotterflächen. Die Gebäude werden entweder abgerissen oder umgebaut für eine Nachnutzung. Ein Innovations- und Ausbildungspark für die Kosovaren soll hier entstehen.

Detlef G. selbst fühlt sich mittlerweile sicher in dem Land auf dem Westbalkan. Das war nicht immer so. Er erinnert sich gut an seinen ersten Einsatz im Kosovo vor mehr als zehn Jahren. Damals sei in der Morgenlage noch von Schießereien und Handgranaten die Rede gewesen.

DER ANFANG

Angefangen hatte der Einsatz mit Nato-Bomben.

Deutschland, 1999: Die CDU-Spendenaffäre sorgt für Aufregung. Der herannahende Jahrtausendwechsel schürt Ängste vor abstürzenden Computern. Stefan Raab landet mit seinem «Maschendrahtzaun» einen Hit. Und zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg beteiligen sich deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz - und das ohne Mandat der UN.

Wochenlang wirft die Nato damals Bomben auf militärische Ziele in Serbien. Serbische Truppen sollen so zum Rückzug aus dem Kosovo gezwungen werden. Die Serben hatten versucht, die albanische Bevölkerung zu vertreiben und Serben anzusiedeln. Nach den Luftangriffen akzeptiert Belgrad die internationale Kontrolle und die Kfor-Soldaten rücken ein.

Knapp 130 000 deutsche Soldaten beteiligten sich über die Jahre an der Mission, wobei viele mehrfach dort waren und doppelt gezählt wurden. Zu Beginn waren knapp 6500 deutsche Kräfte im Kosovo. Aktuell sind es noch rund 360.

VON MUTTERN UND PANZERKEKSEN

Thomas D. steht mit seinem Team vor einer gewaltigen Aufgabe. Der 39-jährige Major aus Schleswig-Holstein ist Chef der Materialschleuse. Das heißt: oberster militärischer Möbelpacker im Lager. Vom Schraubenschlüssel bis zum Panzer muss alles wieder in die Heimat verfrachtet werden. 220 Container und 250 Fahrzeuge sind es. Hunderttausende Einzelteile. Waffen und Munition werden per Luft transportiert, der Großteil des Kriegsgeräts auf dem Landweg.

Allein 8500 Panzerkekse sollen zurück - jeweils 40 Kilo schwere Sechseckplatten aus Metall, die wie Puzzleteile auf dem Boden zusammengelegt werden können, um Fahrzeuge über schwieriges Gelände zu bewegen. Jedes Zelt muss aufgebaut, gereinigt, desinfiziert, getrocknet, abgebaut und verpackt, jede Patrone und Mutter gezählt werden. «Das sind wir ja dem Steuerzahler schuldig», sagt Thomas D.

Der Logistiker war 2012 bereits als Soldat im Kosovo. Damals war es noch ein anderer Einsatz. Bei der Räumung einer Straßensperre im Norden des Kosovo wurden zwei deutsche Soldaten angeschossen. «Das Land hat in den sechs Jahren eine enorme Entwicklung gemacht», sagt Thomas D. und zeigt auf Häuser in Prizren. «Die haben Plastikmüll in jedem Garten verbrannt.» Dann schwärmt er von der Mülltrennung und Infrastruktur im jüngsten Staat Europas heute. Er spricht von einem Stiefelabdruck: «Wir hinterlassen den Kosovo mehr deutsch.»

MISSION ERFÜLLT?

Während sich die deutschen Soldaten aus dem Kosovo zurückziehen, werden die gefährlichsten und größten Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und Mali ausgeweitet. Dabei mangele es an einer sicherheitspolitischen Strategie, beklagen Experten. Alle Jahre wieder verlängern die Abgeordneten des Bundestags in Berlin die Mandate für die Missionen der Bundeswehr. Erst im Juni wiederholte sich das Ritual der Parlamentarier für das Kosovo.

Und welches Land hinterlässt die Bundeswehr? Oberstleutnant Christian Kiesel führt zu der Zeit das 50. Kontingent. Er sitzt Ende Juli an einem großen Konferenztisch in seinem Büro, in wenigen Tagen wird er in die Heimat zurückkehren.

Neben der Tür zeigt ein Bild eine lächelnde Ursula von der Leyen aus jüngeren Tagen. Obwohl die CDU-Verteidigungsministerin regelmäßig die Truppen in den Einsatzgebieten besucht, war sie seit 2014 nicht mehr im Kosovo bei den Soldaten. Die Kfor-Mission gilt seit Jahren als der «vergessene» Einsatz. Das kann man als gutes Zeichen werten - es bedeutet, dass es nicht mehr knallt.

Der Reiseführer Lonely Planet empfiehlt Rucksacktouristen das Land sogar als eines der besten Reiseziele in Europa. «Sie sind im Einsatz in Prizren und haben das Gefühl, Sie sind im Urlaub in Italien», sagt auch Kiesel. Für den 43-Jährigen ist die Mission das Paradebeispiel für einen militärisch erfolgreichen Einsatz. «Wir ziehen auch deshalb ab, weil es hier funktioniert.» Die Bundeswehr habe rund 20 Jahre das sichere Umfeld dafür geschaffen, dass sich die Region gut entwickeln konnte.

Allerdings leben in Prizren auch kaum noch Serben. In der geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Landes etwa, wo Albaner und Serben Nachbarn sind, ist die Lage viel angespannter.

Und wenn das Land so sicher ist, warum ist man dann nicht längst abgezogen? «Da müssen Sie die Politiker fragen», sagt der Kommandeur.

RUHIG IST ES, ABER AUCH STABIL?

Inwieweit ist das Kosovo über zehn Jahre, nachdem es seine Unabhängigkeit erklärte, wirklich demokratisch und friedlich? Die Antwort hängt auch von der Perspektive ab. Für viele Bewohner bleibt die Lage trostlos. Es herrschen Armut und Rekordarbeitslosigkeit. Das Land mit knapp zwei Millionen Einwohnern, davon rund 100 000 Serben, gilt als einer der kriminellsten und korruptesten Staaten Europas. Es hat einen Ruf als Drehscheibe für Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel. Der Nationalismus auf der Balkanhalbinsel erstarkt insgesamt an vielen Orten. Alte Konflikte sind nicht gelöst.

Der Dauerstreit mit Serbien lähmt viele Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Der Nachbarstaat erkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an und will seine frühere Provinz zurück. Im Januar wurde der prominenteste serbische Politiker im Kosovo, Oliver Ivanovic, in Mitrovica erschossen. Er war einer der wenigen serbischen Repräsentanten, der auch Albanisch sprach und gute Beziehungen zur albanischen Mehrheit unterhielt.

Die Bundesregierung schreibt selbst im Mandatstext von einem bleibenden «Konflikt- und Eskalationspotenzial». «Der Krieg ist weiter in den Köpfen», sagte der außenpolitische Staatssekretär Niels Annen (SPD) vor kurzem im Bundestag.

«OHNE DIE NATO SIND WIR NICHT SICHER»

Fatmir Nurkollari, 50, bekommt heute noch Gänsehaut, wenn er in einem Hotel in der Altstadt von der Nacht des 12. Juni 1999 erzählt. Damals, als die deutschen Soldaten nach Prizren kamen. «Wir rannten aus unseren Häusern, umkreisten die Panzer», sagt der Albaner. Monatelang hätten sie in Angst gelebt und sich vor serbischen Nachbarn verstecken müssen. «Und dann waren wir plötzlich frei.» Heute spüre er wieder Angst, erzählt er, weil die Deutschen abzögen. «Ohne die Nato sind wir nicht sicher», sagt er. Zu tief sitze der Hass zwischen Serben und Albanern. Auch serbische Stimmen fürchten eine neue Eskalation.

Neben Kfor sollte auch die EU-Mission Eulex für Recht und Ordnung sorgen. Die Rechtsstaatsmission warf im Juni nach zehn Jahren das Handtuch. Polizisten, Zöllner, Juristen und Verwaltungsexperten aus den EU-Mitgliedsländern trauten sich nicht, führende Politiker zur Verantwortung zu ziehen. Sie sind nun nur noch beratend tätig.

Klar gebe es noch viele Probleme, sagt Kiesel. Die Drogenkriminalität etwa nehme zu in der Region. Aber das könnten die Streitkräfte nicht lösen, das müssten die Kosovaren in den Griff bekommen. Man dürfe die Lage nicht mit deutschen Maßstäben messen. «Der Balkan ist nicht Deutschland.»

WANDERSTIEFEL STATT WAFFE

Auch Detlef G. ist skeptisch, wie sich das Land entwickelt. Wenn der ABC-Abwehr-Stabsoffizier kosovarischen Firmen erklärt, wie sie Gefahrenstoffe entsorgen sollen, stößt er oft auf beratungsresistente Unternehmer: «Bei manchen Firmen war ich schon vier oder fünf Mal dort.» Es gehe aber wenig voran. Trotzdem möchte Detlef G. irgendwann erneut in den Kosovo kommen. Ohne Waffe und Uniform, sondern mit seiner Frau und vielleicht mit Wanderstiefeln. Womöglich in zehn Jahren, um Urlaub in den Bergen zu machen. Dann würde er seiner Frau den Ort zeigen, wo er so lange im Einsatz war.

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Do, 2018-08-16 07:02Dresden (dpa)

Für die Kanzlerin ist Sachsen ein schwieriges Pflaster Von Jörg Schurig, dpa

Ausgebuht, beschimpft, verunglimpft: Angela Merkel ist seit langem eine Zielscheibe sächsischer Wutbürger. Nirgendwo werden die «Merkel-muss-weg!»-Rufe so laut skandiert wie in Dresden.

Dresden (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in Sachsen einen schweren Stand. Vor allem in Dresden begegnet ihr nicht selten blanker Hass. Auch wenn die Politikerin gar nicht in der Stadt ist, bleibt sie in Sprechchören der Pegida-Bewegung präsent - als «Volksverräterin».

Warum hat es Angela Merkel bei Auftritten in Sachsen so schwer?

Merkel wird von der islam- und ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung für die Aufnahme von Flüchtlingen verantwortlich gemacht. Als die Bewegung im Herbst 2014 entstand, hatte sie deshalb bald ein Feindbild außerhalb des Islams gefunden. In ihrer Neujahrsansprache 2014 warnte Merkel vor einer Teilnahme an Pegida-Demonstrationen. Zu oft seien «Vorurteile, Kälte, ja sogar Hass in deren Herzen». Augenzeugen der Kundgebungen fanden genau das zwar immer wieder bestätigt. Doch die selbst ernannten Patrioten fühlten von der Politik missachtet. Später tauchte sogar ein Galgen für die Kanzlerin auf den Demos auf.

Wie reagieren Demonstranten in Sachsen auf Merkel?

Mit Trillerpfeifen ist es oft nicht getan. Als Merkel nach Krawallen vor einer Flüchtlingsunterkunft im August 2015 nach Heidenau kam, wurde sie von einer grölenden Menge auf übelste Weise beschimpft. «Merkel-muss-weg»-Rufe gehören zum festen Repertoire der Wutbürger. Auch «Volksverräterin» wird sie gern genannt. Am 3. Oktober 2016 sorgte Dresden für Schlagzeilen, als Merkel die Ehrengäste der zentralen Feier zur Deutschen Einheit durch einen pöbelnde Menge zur Frauenkirche führte. Im Wahlkampf 2017 machte sie einen Bogen um Dresden. Aber auch in Annaberg-Buchholz schlug ihr Wut entgegen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Merkel und der sächsischen CDU?

Sachsen war nach der deutschen Einheit der erfolgreichste CDU- Landesverband. Dreimal in Folge errang die Union hier die absolute Mehrheit. Das machte sie erfolgsverwöhnt. 2004 musste man erstmals die Macht mit einem Koalitionspartner teilen. Seither sanken die Zustimmungswerte. «Das Ganze ist zwar auch durch die Bräsigkeit der sächsischen CDU vergeigt worden, aber vor allem durch die Migrationspolitik der Kanzlerin», sagt der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt. Deshalb sehe die sächsische CDU ihre «Beschädigung durch die Bundes-CDU» besonders kritisch.

Welche Erwartungen hegt Sachsens CDU an den Besuch der Kanzlerin?

«Es ist gut, dass die Bundeskanzlerin nach Sachsen kommt. Die Sachsen haben hohe Erwartungen an die Bundesregierung, und die GroKo in Berlin muss jetzt Ergebnisse liefern - in der inneren Sicherheit, in der Pflege und bei der Stärkung des ländlichen Raumes», sagt CDU- Generalsekretär Alexander Dierks. Die sächsische Union suche eine «kritisch-konstruktive Diskussion» mit Merkel, denn in wichtigen Bereichen der Landesentwicklung brauche es das entschiedene Engagement des Bundes. Die Flüchtlingspolitik werde nicht das zentrale Thema sein, heißt es aus der CDU-Landtagsfraktion, bei der Merkel zu Gast ist.

Welche Auswirkungen kann die «Proteststimmung» in Teilen der sächsischen Bevölkerung auf die Landtagswahl 2019 haben?

Schon zur Bundestagswahl 2017 lief die AfD hier knapp vor der CDU ein - bundesweit einmalig. In einer aktuellen Wahlumfrage liegt die Union bei 32 Prozent, gefolgt von der AfD (24) und den Linken (19). Durch das schwache Auftreten der andern potenziellen Koalitionspartner - SPD (9), Grüne und FDP (je 6) - wäre die CDU unter Umständen sogar auf drei Partner angewiesen. Bündnisse mit den Linken und der AfD schloss die Union bisher aus. Patzelt geht davon aus, dass die CDU ein Bündnis mit SPD und Linkspartei und/oder Grünen und FDP eingehen muss, wenn sie gegen die AfD eine Mehrheit haben will: «Das wird die Union weiter nach unten drücken.»

Welche Rolle spielt die AfD in Sachsen?

Die AfD zog 2014 mit 9,7 Prozent der Stimmen erstmals in einen deutschen Landtag ein. Bedingt durch persönliche Querelen blieb ein Schulterschluss mit Pegida lange Zeit aus. Inzwischen zeigt man sich aber gern auf einer Bühne. Parteienforscher Patzelt bezeichnet die AfD als «Pegida-Partei». Ein Jahr vor der Landtagswahl am 1. September 2016 liebäugelt die AfD offen mit der Machtübernahme. Eine Koalition mit der Union kann sich die AfD vorstellen - mit der CDU als Juniorpartner. Genau wie Pegida hat die AfD zum Merkel-Besuch Proteste angemeldet.

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