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Shutdown in Schulen und Kitas - Millionen gehen in die Zwangsferien Von Jörg Ratzsch, dpa

11 Millionen Schüler und 3,7 Millionen Kita-Kinder gehen mindestens für die nächsten fünf Wochen notgedrungen in die Ferien. Auf die Familien kommt eine große Belastungsprobe zu. Eine solche Situation gab es in Deutschland noch nie. Berlin (dpa) - Just am Tag der großen Schulschließung meldet sich auch die Bundesbildungsministerin ab ins «Home Office»: Anja Karliczek (CDU) «hält sich an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und arbeitet von zu Hause aus», heißt es am Montag von ihrem Ministerium. Sie habe in der vergangenen Woche an einer Veranstaltung teilgenommen, bei der eine Person anwesend gewesen sei, die mittlerweile positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Auf Nachfrage lässt ein Sprecher wissen: «Die Ministerin ist beschwerdefrei.» Auch für fast 15 Millionen Schülerinnen, Schüler und Kita-Kinder wird die eigene Wohnung oder das eigene Haus in den nächsten vier bis fünf Wochen zum Lebensmittelpunkt. Spätestens Mitte der Woche werden voraussichtlich auch in den letzten Bundesländern die Schulen und Kitas geschlossen. Die Zwangsferien stellen Kinder, Eltern, Lehrer und Betreuer vor große Herausforderungen. ERSTE EINDRÜCKE: Nordrhein-Westfalen gehört zur Mehrheit der Bundesländer, die den Schulbetrieb bereits zu Wochenbeginn eingestellt haben. In Aachen sind es am Montagvormittag fast schon 17 Grad. Die Sonne scheint. Jana Pietzsch ist mit ihren neun und elf Jahre alten Töchtern in der Stadt unterwegs, sie wollen noch einmal durch die Geschäfte gehen, bevor sie ganz schließen. Pietzsch macht jetzt Minus-Stunden, die sie irgendwann wieder aufholen muss. Zumindest die kleine Tochter hatte von ihrem Grundschullehrer schon am Freitag einen ganzen Stapel Aufgaben mitbekommen. Auch Niedersachsen ist am Montag in die Zwangsferien gestartet. «Ich werde mit den Kindern nach Frühstück und Schulaufgaben jeden Tag nach draußen an die frische Luft gehen», sagt Ulrike Horstbrink aus Hannover. Die Mutter eines sechsjährigen Sohnes und einer zehn Jahre alten Tochter findet die Schulschließungen richtig. In Bayern sind die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen ebenfalls seit Wochenbeginn zu. «Die Kinder werden total aus der Bahn sein», sagt die 28-Jährige Erzieherin einer heilpädagogischen Tagesstätte in Nürnberg. Dort werden Jungen und Mädchen nach der Schule betreut, deren Eltern mit der Betreuung überfordert sind. In der Tagesstätte gibt es feste Regeln und einen strukturierten Tagesablauf. Und jetzt? «Sie werden den ganzen Tag nur zocken», befürchtet die Erzieherin. Viele Eltern hätten nicht den Sinn, mit ihren Kindern zu backen oder Memory zu spielen. In Frankfurt am Main öffnen manche Schulen am Montag ein letztes Mal, damit Schüler etwa die Bücher aus ihren Spinden abholen können. «Alles stand offen, damit man keine Türklinken berühren muss, es waren aber kaum Lehrer oder andere Schüler zu sehen», berichtet eine Schülerin später. NOTBETREUUNG NUR BEI «SYSTEMKRITISCHEN» JOBS: Ganz verschlossen sind Kitas und Schulen nicht, aber wer sein Kind noch betreuen lassen will, braucht ab jetzt triftige Gründe. Die Regeln sind streng. Nur, wer nachweist, dass er in einem sogenannten systemkritischen Beruf wie Feuerwehr, Polizei oder Krankenpflege arbeitet und keine andere Betreuungsmöglichkeit findet, hat Anrecht auf eine Notbetreuung. Der Andrang hielt sich am Montag nach Berichten aus verschiedenen Schulen und Kitas aber noch in Grenzen. Eltern sollten sich auf keinen Fall zusammenzuschließen und die Kinderbetreuung gegenseitig übernehmen, warnte Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP). Ziel aller Maßnahmen sei es, soziale Kontakte zu minimieren. Durch neue Netzwerke der Eltern würden die Infektionsrisiken steigen. WIE ES OHNE SCHULE WEITERGEHT: In Stuttgart verabschiedet Schulleiter Reinhold Sterra die Schüler der Kirchhaldenschule am Montag Mittag mit der Aufforderung, dass sie jetzt viel lesen sollen. Sophia Gebhardt, Lehrerin der 2 A sagt: «Ihr wisst, Ihr habt was zu tun. Das sind keine Ferien.» Viele Schüler in Deutschland haben Material von ihren Lehrern bekommen und es wird überall von digitalem Unterricht gesprochen. Ob und wie das funktionieren wird, ist offen. Das hängt von der digitalen Ausstattung der Elternhäuser ab und auch davon, wie fit Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit E-Mail, Lernplattformen im Netz und sozialen oder Schulnetzwerken sind. In Baden-Württemberg sollen die Schulen mit Hilfe der Lernplattform Moodle die Zeit überbrücken, wie Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU) ankündigte. Darüber könnten Lerngruppen eingerichtet, Aufgaben und Materialien verteilt und Arbeiten bewertet werden. Sie setze darauf, dass von den Schulen jetzt Übungen digital an die Schüler weitergegeben würden. «Und wenn es irgendwie gar nicht funktioniert, greifen wir vielleicht auch einfach auf die gute alte Post zurück», sagte sie dem Radioprogramm «SWR Aktuell». Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) erklärte: «Alle Schülerinnen und Schüler werden zu Hause lernen. Die Lehrerinnen und Lehrer bereiten dafür die analogen und digitalen Lernmaterialien vor.» Eine Grundschuldirektorin aus Mainz, die nicht mit Namen genannt werden möchte, sagte am Montag: Echter voranschreitender Unterricht sei wohl gerade mit Grundschulkindern aus der Ferne nur schwer möglich. «Es wird eher eine Wiederholung sein, vor allem in Fächern wie Mathe.» Eltern sollten nach Möglichkeit ihre Kinder unterstützen. Welche Probleme beim Online-Lernen noch auftauchen können, zeigt der Blick nach Bayern: Am Montag legten Hacker die für den Fernunterricht von Schülern gedachte Online-Plattform Mebis vorübergehend lahm. Der Angriff sei durch Hunderttausende automatisierte Seitenaufrufe erfolgt, hieß es bei den Betreibern. PRÜFUNGEN VERSCHIEBEN ODER NICHT? Bisher ist das bis auf Ausnahmen nicht geplant. In Berlin sollen die Prüfungen in Deutsch, Mathe und der ersten Fremdsprache für den Mittleren Schulabschluss (MSA) um zweieinhalb Wochen nach hinten geschoben werden. Von Verschiebungen beim Abitur ist bisher aber nicht die Rede. Erwogen wird, Prüfungen in größeren Räumen stattfinden zu lassen, mit weniger Prüflingen und mehr Abstand zueinander.

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