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Google-Gründer Larry Page ist es nicht genug, den Verkehr mit Roboterwagen zu verändern: Nach Informationen von «Bloomberg Businessweek» investiert der 43-Jährige privat in die Entwicklung fliegender Autos.

Mountain View (dpa) - Google-Mitgründer Larry Page hat bestätigt, dass er die Entwicklung kleiner persönlicher Fluggeräte finanziert. Das von Page unterstützte Start-up Kitty Hawk demonstrierte der «New York Times» einen Prototypen bei einem Testflug in Kalifornien. Der «Kitty Hawk Flyer» erinnert äußerlich an eine Riesen-Drohne mit acht Elektromotoren, die einen Menschen auf dem Sitz in der Mitte tragen kann. Da das rund 100 Kilogramm schwere Fluggerät zur Sicherheit über einem See getestet wird, hat es statt Rädern Schwimmer ähnlich wie ein Wasserflugzeug.

Einen ersten Bericht, Page unterstütze aus eigener Tasche die Entwicklung «fliegender Autos», hatte es im Juni vergangenen Jahres gegeben. Der 43-Jährige habe seit 2010 mehr als 100 Millionen Dollar in die Firma Zee Aero gesteckt, die an kleinen Fluggeräten arbeite, schrieb damals das Magazin «Bloomberg Businessweek». Jetzt wurde bekannt, dass Zee Aero ein Teil von Kitty Hawk ist - und insgesamt an mehreren verschiedenen Prototypen arbeite. Eine führende Rolle in dem Projekt spielt auch der Chefentwickler der ersten Google-Roboterautos, der aus Deutschland stammende Sebastian Thrun.

Page ist nicht allein mit der Idee, die heutigen Verkehrsprobleme vor allem in Großstädten mit Hilfe von Fluggeräten zu lösen. Auch der Flugzeugbauer Airbus entwickelt kleine Luftfahrzeuge, die senkrecht starten und landen können. Aus der Slowakei kommt das fliegende Auto Aeromobil. Und der chinesische Hersteller Ehang stellte bereits vor über einen Jahr eine Art «Drohnen-Taxi» vor, das rund eine halbe Stunde autonom in der Luft sein soll.

Moskau (dpa) - Fünf europäische Unternehmen haben einen Vertrag zur Finanzierung der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 unterschrieben. Die Konzerne Uniper, Wintershall, Engie, OMV und Royal Dutch Shell einigten sich darauf, 50 Prozent der Projektkosten von 9,5 Milliarden Euro zu übernehmen, wie der russische Energieversorger Gazprom am Montag in Moskau mitteilte. «Wir haben heute einen wichtigen Schritt zur Realisierung des Projektes gemacht», hieß es in einer Mitteilung. Die einzelnen Unternehmen sollen jeweils für bis zu 950 Millionen Euro aufkommen.

Die Pipeline Nord Stream 2 soll Erdgas von Russland durch die Ostsee bis nach Deutschland leiten und dadurch die russischen Gasexporte von 2019 an auf bis zu 110 Milliarden Kubikmeter im Jahr verdoppeln. Viele nord- und mitteleuropäische EU-Staaten kritisieren, dass Europa zu abhängig von russischem Gas werde. Die Ukraine, bislang das wichtigste Transitland für Gas aus Russland in die EU, fürchtet ausgeschaltet zu werden.

München (dpa) - Wegen seiner innenpolitischen Erfahrung ist Joachim Herrmann nach Ansicht von CSU-Chef Horst Seehofer der optimale Spitzenkandidat der Christsozialen für die Bundestagswahl. «Er steht für eine vernünftige Zuwanderungspolitik, die sich zusammensetzt aus Humanität, Integration und Begrenzung», sagte er am Montag nach einer Sitzung des CSU-Vorstands in München. Der bayerische Innenminister habe «auch die schwierigsten Situationen mit einer Ruhe, aber auch mit seiner Erfahrung und seiner Kompetenz gemeistert.»

Es sei auch diesmal nicht ganz einfach gewesen, Herrmann von einem Gang nach Berlin zu überzeugen, betonte Seehofer. 2011 hatte der Franke einen Wechsel noch aus familiären Gründen ausgeschlossen. Nun aber möchte Herrmann Bundesinnenminister werden, sollte die Union ab Herbst weiter regieren: «Jetzt ziehen wir in die Schlacht.»

Seehofer warnte seine eigene Partei und die Union davor, sich bis zur Bundestagswahl in Personaldebatten zu verlieren. «Joachim Herrmann ist ein Angebot. Wir werden schauen, wie die Bevölkerung entscheidet.» Sollte Herrmann nach Berlin gehen, muss Seehofer einen Nachfolger für sein Kabinett finden. Seitens Kanzlerin Angela Merkel (CDU) soll es bislang keine Zusage an die CSU geben, künftig den Innenminister zu stellen.

«Also, alle guten Leute im Team sind willkommen. Aber ich bin erst mal dafür, dass man Wahlen gewinnt - und dazu will ich meinen Beitrag leisten», sagte der amtierende Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin. «Und über die Frage, wer welche Posten hinterher kriegt, können Sie spekulieren. Ich tue das nicht.»

Hannover (dpa) - Deutsche Experten für Elektromobilität gehen davon aus, dass der Elektroauto-Pionier Tesla künftig auch auf die deutsche Lade-Infrastruktur angewiesen sein wird. Wenn die E-Autos «in Massen am Markt» seien, werden dem Hersteller auf Dauer die eigenen Ladesäulen nicht mehr reichen, wie Joachim Damasky, Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), am Montag auf der Hannover Messe sagte. Kostenlose Ladeinfrastruktur könne nicht für Millionen Autos angeboten werden, irgendwann müsse auch Tesla daher auf vorhandene Säulen zurückgreifen.

Um die Verkäufe ihrer E-Sportwagen anzukurbeln, hatte die US-Firma kurzerhand weltweit Ladestationen aufgestellt. Das Netz ist auf mehr als 700 Ladestationen mit rund 5000 Ladepunkten angewachsen. In Europa hat Tesla gut 260 seiner «Supercharger» installiert.

Es gebe erheblichen Druck auf Tesla, «Kompatibilität herzustellen», sagte Rüdiger Marquardt, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Normung. Hersteller, die auf eigene Lösungen setzen, schwenken nach seiner Einschätzung im Laufe der Zeit oft auf kompatible Lösungen um.

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat deutliche Fortschritte beim Stromnetzausbau für die Energiewende angemahnt. «Hier hängen wir in allen Bereichen zurück», sagte sie bei einer Veranstaltung der Unionsfraktion am Montag in Berlin. In der neuen Wahlperiode bis 2021 werde erneut eine «große Kraftanstrengung» bei den Übertragungsnetzen gebraucht. Je stärker erneuerbare Energien ausgebaut würden, desto mehr kämen Unzulänglichkeiten beim Netzausbau zum Vorschein. Nötig sei dafür auch eine gesellschaftliche Debatte.

«Es kann nicht sein, dass die einen dafür verantwortlich sind, dass die Energieerzeugung modern und umweltfreundlich ist. Und die anderen sind dafür verantwortlich, die Prügel zu bekommen, wenn irgendwo Leitungen gebaut werden müssen.» Beides hänge aber zusammen. «Wir brauchen hier eine Verantwortungsgemeinschaft aller», sagte Merkel. «Da kann sich auch keine Landesregierung und niemand drücken.»

Die Kanzlerin verwies zugleich auf eine sehr kompliziere Mischung aus Gerichts- und Planungsverfahren. Darüber, ob Anreizsysteme für Landwirte und Kommunen ausreichend sind, sei immer wieder zu reden.

New York (dpa) - Amazon will sich laut einem Zeitungsbericht die Verkehrs-Revolution durch Roboter-Fahrzeuge zu Nutzen machen. Der weltgrößte Online-Händler habe bereits vor über einem Jahr ein auf autonomes Fahren fokussiertes Team gebildet, schrieb das «Wall Street Journal» am Montag. Derzeit gehe es nicht darum, eine Fahrzeugflotte zu bauen, berichtete das Blatt unter Berufung auf informierte Personen. Stattdessen gehe es darum, welche Rolle selbstfahrende Fahrzeuge bei der Zustellung von Waren spielen könnten.

Das Projekt stehe erst noch am Anfang, hieß es. Es würde aber zu Amazons Anstrengungen passen, immer mehr mehr Waren in Eigenregie auszuliefern. Der Konzern beschäftigt auch in einigen deutschen Städten eigene Kuriere und arbeitet für die Zukunft an der Zustellung mit autonom fliegenden Drohnen. Erste Hinweise auf das Interesse von Amazon an Roboterwagen hatte es im Januar mit dem Patent für ein Verfahren zur Abstimmung autonomer Fahrzeuge im Verkehr.

Derzeit entwickeln sowohl Autohersteller als auch Firmen aus dem Silicon Valley selbstfahrende Autos und Lastwagen, die in wenigen Jahren regulär auf die Straße kommen sollen.

München (dpa) - Die Reaktionen auf die neuerliche Kandidatur von Horst Seehofer als CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident gehen auseinander: CSU-Politiker sprechen von einem «erfolgreichen Pferd», das man nicht wechseln solle. Führende Politiker anderer Parteien sehen das naturgemäß anders. Einige Reaktionen im Überblick.

«Ich finde es gut, dass wir jetzt dann Klarheit haben. Ich denke, es ist wichtig für die CSU, dass wir die zwei schwierigen Wahlgänge sehr geschlossen angehen.»

(Markus Söder, CSU, bayerischer Finanzminister)

«Ich finde es gut, dass er weitermacht. Ich bin überzeugt, dass die Basis und die Bevölkerung das auch so sieht.»

(Manfred Weber, CSU-Vize und Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europaparlament)

«Man soll kein erfolgreiches Pferd wechseln, wenn es nicht sein muss.»

(Der Chef der CSU-Landtagsfraktion, Thomas Kreuzer)

«Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und einen erfolgreichen Wahlkampf.»

(CDU-Generalsekretär Peter Tauber auf Twitter)

«Die CSU bleibt der Stachel im Fleisch von Frau Merkel.»

(SPD-Generalsekretärin Katarina Barley)

«Für die Union insgesamt bestätigt sich, dass ihr eine Erneuerung sehr schwer fällt. Nicht nur in politischen Sachfragen, sondern auch personell.»

(Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender, in der «Rheinischen Post»)

«Der Nachfolger von Horst Seehofer heißt Horst Seehofer. Auch wenn das wenig überraschend kommt, so ist es trotzdem eine schlechte Nachricht für Bayern: Horst Seehofer steht für Spaltung unserer Gesellschaft, für Abschottung nach außen und gegen Integration im Innern.»

(Claudia Roth, Grüne, Bundestagsvizepräsidentin)

In der Ägäis sterben wieder Flüchtlinge, darunter auch Kinder. Andere Migranten harren monatelang in den Ägäis- Hotspots aus. Einige treten in den Hungerstreik.

Athen (dpa) - Nach einer relativ langen Phase ohne Unfälle hat sich in der Ägäis ein neues Flüchtlingsdrama ereignet. Mindestens 16 Bootsflüchtlinge kamen dabei am Montag vor der Insel Lesbos ums Leben, darunter zwei Kinder. Die griechische Küstenwache und die europäische Grenzschutzagentur Frontex bargen neun, die türkischen Rettungsmannschaften weitere sieben Leichen aus den Fluten, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Kreisen der griechischen Küstenwache.

Rund zwei Dutzend Migranten waren am Morgen von der Türkei aus zur griechischen Insel Lesbos aufgebrochen. Unter ungeklärten Umständen ging ihr Boot unter. Zwei Frauen überlebten das Unglück. Sie stünden unter Schock und könnten nicht sagen, was genau passiert ist, sagte ein Arzt des Krankenhauses von Lesbos im griechischen Rundfunk.

Die Suchaktion dauerte am Nachmittag in der Meerenge zwischen der Türkei und Lesbos an. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwinde jedoch zusehends, sagte ein Offizier der Küstenwache der dpa.

Auf den griechischen Ägäisinseln harren indessen weiterhin Tausende Migranten aus. Zwölf Syrer traten vergangenen Freitag aus Protest gegen die Zustände im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in den Hungerstreik. Die Migranten kurdischer Abstammung verlangen eine schnellere Bearbeitung ihrer Asylanträge im Hotspot (Registrierlager) von Moria.

Ihre Anträge waren in erster Instanz abgelehnt worden - in zweiter Instanz dauert das Verfahren mehrere Monate. Die Demonstranten harrten in Decken gewickelt vor den Büros der Asylbehörde in Moria aus, berichteten Mitarbeiter humanitärer Organisationen.

Die Polizei wollte sich nicht zu dem Fall äußern. Aus Kreisen des griechischen Flüchtlingsstabs hieß es, es komme in den Lagern immer wieder zu Protesten, die in der Regel wenige Tag dauerten.

In den Hotspots der Inseln in der Ostägäis leben derzeit rund 13 800 Flüchtlinge und Migranten. Die Anzahl der ankommenden Flüchtlinge war im April 2016 schlagartig zurückgegangen. Damals war der EU-Türkei-Flüchtlingspakt in Kraft getreten. 

Dieses Abkommen sieht im Kern vor, dass die Türkei die Migranten von der oft lebensgefährlichen Überfahrt abhält. Die EU kann wiederum alle Migranten, die illegal über die Türkei auf die griechischen Inseln kommen und kein Asyl erhalten, zurückschicken.

Auf Horst Seehofer folgt Horst Seehofer. Er soll im ungleichen Team mit der Kanzlerin die Wahlchancen von CSU und Union maximieren. Und weil alles andere die CSU zerrissen hätte - derzeit jedenfalls.

München (dpa) - Wann will Horst Seehofer denn nun aufhören, wie lange will er sein Karriereende hinausschieben? Als die Frage kommt, lacht der 67-Jährige nur. Endlich hat er nun offiziell angekündigt, dass er auch über 2018 hinaus als CSU-Chef und Ministerpräsident weitermachen will, hat sich dafür die einhellige Unterstützung des Parteivorstands geholt. Aber den gleichen Fehler wie vor fünf Jahren, einen Termin für seinen Ruhestand zu benennen, werde er nicht noch einmal machen, sagt Seehofer. Das habe für unnötige Unruhe gesorgt. «Ich mache keine Zeitangabe mehr», sagt er. «Man lernt, auch in meinem Alter.»

Dass Seehofer entgegen seiner damaligen Ankündigung in beiden Ämtern weitermachen will, war intern längst erwartet worden. Er selbst aber sagt, das habe er erst am Wochenende entschieden. «Und da saßen nur meine Frau und ich.»

Seehofers neuerliche Doppel-Kandidatur wird in der CSU quer durch alle Lager begrüßt, von seinen glühenden Anhängern ebenso wie von seinen internen Kritikern. Letztlich ist es wie bei der CDU und Kanzlerin Angela Merkel: Man weiß, dass man mit dem Amtsinhaber die besten Wahlchancen hat. Viele trauen derzeit allein Seehofer zu, das Unions-Ergebnis bei der Bundestagswahl und den CSU-Einfluss in Berlin zu maximieren, und dann ein Jahr später die absolute Mehrheit in Bayern zu sichern. Tatsächlich sprechen Seehofers Zustimmungswerte in der Bevölkerung für sich - da kommt kein anderer CSU-Politiker ran.

Seehofer steht damit vor einem Berg von Herausforderungen: Er ist der Hauptverantwortliche für das CSU-Ergebnis bei der Bundestagswahl - auch wenn der bayerische Innenminister Joachim Herrmann auf dem Papier der Spitzenkandidat ist. Die Marschrichtung aber, die gibt Seehofer vor. Er ist es auch, der Angela Merkel monatelang unter Dauerfeuer genommen hatte - und seit Februar nun wieder kräftig um Unterstützung für die Kanzlerin wirbt. Eine gefährliche Strategie war das, glauben auch viele in der CSU. Seehofer sagte dazu intern bereits, wenn es schiefgehe, könne man ihn nach der Wahl «köpfen».

Zudem wird von Seehofer erwartet, dass er konservative Wähler an die Union bindet und die AfD möglichst klein hält. Und nach der Wahl setzt die CSU-Basis darauf, dass Seehofer die so oft versprochene Obergrenze für Flüchtlinge umsetzt. Die Chancen: nicht allzu groß.

Die für Seehofer und die CSU noch wichtigere Wahl folgt dann ein Jahr später: Einzige Messlatte für den alten, neuen Kandidaten ist es, ob er es schafft, die absolute CSU-Mehrheit in Bayern zu verteidigen. Das allein zählt. Geht die Mission schief, dürfte es eng werden für Seehofer.

Und dann ist da noch die Sache mit Seehofers Nachfolge. Er selbst hatte ja einst vollmundig angekündigt, er werde der erste CSU-Chef in der Geschichte sein, dem ein geordneter Übergang gelingen werde. Aktuell hat Seehofer dieses Ziel verfehlt. Denn Fakt ist: Ein Abgang Seehofers zum jetzigen Zeitpunkt hätte die CSU in eine Zerreißprobe gestürzt. Es hätte ein veritabler Machtkampf gedroht, zwischen Finanzminister Markus Söder, dem seit langem aussichtsreichsten Nachfolgekandidaten, und dessen Kritikern. Eine verheerende Vorstellung aus CSU-Sicht, so nahe an den beiden so wichtigen Wahlen.

Auffällig ist: Seehofers neuerliche Kandidatur versetzt die CSU nicht in Euphorie und Jubelgeschrei - auch wenn es im Vorstand kräftigen Applaus gibt. Dass man sich nun hinter ihm schare, sei eine Vernunft-Entscheidung, keine Entscheidung mit glühendem Herzen, sagt einer. Zu groß sind etwa manche Verletzungen, die Seehofer den Seinen zugefügt hat, beispielsweise Teilen der eigenen Landtagsfraktion.

Es gibt deshalb auch zwei Zukunftsszenarien. Das eine geht so: Seehofer soll die CSU-Ergebnisse bei der Bundes- und der Landtagswahl maximieren. Dann aber soll er bitteschön in nicht allzu ferner Zukunft, jedenfalls in deutlichem Abstand zu darauffolgenden Wahlen, den Weg für seine Nachfolger frei machen. Der Dank der CSU und - je nach Ausgang der beiden so wichtigen Wahlen - auch ein glorreicher Abschied wären ihm gewiss. Seehofer könnte am Ende als erfolgreicher Parteichef und Ministerpräsident in die CSU-Annalen eingehen. Auch der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter sagt, ein Nachfolger könne «rechtzeitig vor der Landtagswahl 2023 bestimmt werden».

Die anderen, Seehofers Anhänger und Vertraute, setzen darauf, dass er noch lange weitermacht. Sie schwärmen von seiner Durchsetzungskraft in Berlin, an die doch niemand anderes herankomme, auch nicht Söder. Nur Seehofer, sagen sie, könne Merkel auch in Zukunft Paroli bieten.

Andererseits ist ja das genau ein Problem für die Union insgesamt: Merkel kandidiert bereits zum vierten Mal, Seehofer strebt seine dritte Amtszeit an. Allzu lange dürften beide also nicht mehr machen - doch in beiden Schwesterparteien ist die Nachfolgefrage offen.

Viele in der CSU glauben, dass Seehofer keinesfalls die ganze Legislaturperiode bis 2023 machen wird. Und wenn Seehofer aufhöre, stehe Söder bereit - sagen vor allem die Söder-Anhänger. Klar ist: Die Nachfolge-Debatte dürfte spätestens 2019 oder 2020 - dann ist Halbzeit zwischen den Bundestagswahlen - wieder neu beginnen.

München (dpa) - Wegen seiner innenpolitischen Erfahrung ist Joachim Herrmann nach Ansicht von CSU-Chef Horst Seehofer der optimale Spitzenkandidat der Christsozialen für die Bundestagswahl. «Er steht für eine vernünftige Zuwanderungspolitik, die sich zusammensetzt aus Humanität, Integration und Begrenzung», sagte Seehofer am Montag nach einer Sitzung des CSU-Vorstands in München. Der bayerische Innenminister habe «auch die schwierigsten Situationen mit einer Ruhe, aber auch mit seiner Erfahrung und seiner Kompetenz gemeistert.»

Es sei auch diesmal nicht ganz einfach gewesen, Herrmann von einem Gang nach Berlin zu überzeugen, betonte Seehofer. 2011 hatte der Franke einen Wechsel noch aus familiären Gründen ausgeschlossen. Nun aber möchte Herrmann als Bundesinnenminister antreten, sollte die Union ab Herbst weiter regieren. «Jetzt ziehen wir in die Schlacht», sagte Herrmann.

Seehofer warnte seine eigene Partei und die Union davor, sich bis zur Bundestagswahl in Personaldebatten zu verlieren. «Joachim Herrmann ist ein Angebot. Wir werden schauen, wie die Bevölkerung entscheidet.» Sollte Herrmann nach Berlin gehen, muss Seehofer einen Nachfolger für sein Kabinett finden. Seitens Kanzlerin Angela Merkel (CDU) soll es bislang keine Zusage an die CSU geben, künftig den Innenminister zu stellen.

Berlin (dpa) - Die SPD glaubt angesichts der Fortsetzung der Seehofer-Ära in Bayern nicht an einen dauerhaften Frieden zwischen CSU und CDU. «Die CSU bleibt der Stachel im Fleisch von Frau Merkel», sagte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley am Montag in Berlin. Es hake auf der persönlichen Ebene zwischen Seehofer und CDU-Chefin Angela Merkel «an allen Ecken und Enden».

Sie rechne damit, dass die CSU Merkel wie bei der Pkw-Maut nun beim Doppelpass erneut eine krachende Niederlage bescheren werde, sagte Barley. Auch bei einer Obergrenze für Flüchtlinge - die Seehofer als Bedingung für eine künftige Regierungsbeteiligung im Bund gemacht hat - lägen die Unionsparteien unversöhnlich auseinander. Aufgabe der SPD sei, den zur Schau gestellten Burgfrieden von CDU und CSU zu enttarnen und «ein bisschen an der Fassade zu kratzen». 

Die Digitalisierung der Wirtschaft steht auf der Hannover Messe im Fokus. Das Thema Industrie 4.0 steht für viele Experten dabei gleichbedeutend für Wachstum. Die Industrie verspricht zahlreiche neue Jobs. Doch auch an mahnenden Worten mangelt es nicht.

Hannover (dpa) - Die Digitalisierung der Industrie bringt Deutschland nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten enorme Chancen. Auf der Hannover Messe wird aber auch auf noch bestehende Defizite verwiesen - und vor Ängsten gewarnt. Nach Einschätzung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) wird sich die sogenannte Industrie 4.0 positiv auf Deutschland als Produktionsstandort auswirken. Digitale Technologien seien kein Jobkiller, sagte VDI-Direktor Ralph Appel am Montag auf der Industrieschau. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sagt für 2017 die Schaffung von 500 000 neuen Arbeitsplätzen voraus.

Laut einer vom VDI beauftragten Studie verlagern vor allem digitalisierte Betriebe ihre Produktion wieder zurück nach Deutschland. Gründe dafür seien eine höhere Flexibilität und sinkende Lohnkosten, aufgrund der erhöhten Automatisierung der Produktion. 2015 habe es demnach über 500 Rückverlagerungen gegeben. Ähnlich äußerte sich auch der Branchenverband Bitkom, der die Digitalisierung und Vernetzung traditioneller Industrien als Wachstumstreiber sieht. Der Umsatz mit Lösungen für die Industrie 4.0 werde allein in diesem Jahr um 21 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro steigen, für 2018 erwarte man einen Zuwachs von mehr als 22 Prozent.

«Die Digitalisierung der industriellen Produktion ist das Wachstumsthema schlechthin», sagte Winfried Holz, Mitglied des Bitkom-Präsidiums. Bis Freitag steht auf der Hannover Messe das Thema im Fokus. Rund 200 000 Besucher werden auf der Industrieschau erwartet - am Montag überzeugten sich auch Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentin des Partnerlands Polen, Beata Szydlo, von der innovativen Vielfalt.

«Die Zahlen und die vollen Auftragsbücher der Industrieunternehmen zeigen die Potenziale der Digitalisierung in den Fabriken», sagte Holz. Die stärkste Steigerung bei der Nachfrage nach entsprechenden Lösungen verzeichne die Branche derzeit im Maschinen- und Anlagenbau, vor dem Automobilbau und der Elektronikbranche. Holz mahnte aber, dass schon heute wichtige Weichen gestellt werden müssten. Ganz oben auf der Agenda stehe der Breitbandausbau. Auch branchenübergreifende Standards für die Vernetzung sowie Regeln für Datenschutz und Datensicherheit seien erforderlich. 

Ähnlich äußerte sich auch der Branchenverband VDMA, der für 2017 ein reales Produktionsplus im Maschinenbau von einem Prozent erwartet. Präsident Carl Martin Welcker forderte, dass Fragen der Daten- und Rechtssicherheit sowie des Know-how-Schutzes dringend geklärt werden müssten. Ein Meilenstein der Industrie 4.0 sei die Festlegung von einheitlichen Schnittstellen: Diese ermöglichten, die Produktion digital zu vernetzen - unabhängig davon, von welchen Herstellern Maschinen und Komponenten stammten.

Warnungen kamen auch vom Beratungsunternehmen Accenture. Viele Industrieunternehmen investierten zu wenig in digitale Technologien und drohen dadurch Marktanteile zu verlieren, ergab eine neue Studie des Unternehmens. Einen großen Nachholbedarf machte es vor allem in der Automobilindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau aus.

Nach Einschätzung von Bosch bringen Lösungen für die Industrie 4.0 nicht nur Ersparnisse - es ließen sich auch neue Erlöse generieren: Bis 2020 seien bei dem Technologieunternehmen zusätzliche Umsätze von einer Milliarde Euro möglich, indem Bosch etwa Software-Lösungen für die vernetzte Fabrik anbiete. Zugleich ließe sich eine Milliarde Euro mit Hilfe etwa intelligenten Energiemanagements einsparen. Laut Bosch kann Automatisierung Jobs sichern und sogar neue entstehen lassen.

Mit kritischen Tönen meldete sich die Energiebranche in Hannover zu Wort. Der Ausbau der deutschen Stromnetze gerate ins Stocken, die Reserve-Kraftwerksleistung schmelze dahin, kritisierte der Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). «Wir sind beim Leitungsausbau zu langsam», sagte BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer. Allein im ersten Vierteljahr wuchs der Anteil von Strom aus Sonne, Wind und anderen regenerativen Quellen gegenüber dem Vorjahresquartal um vier Prozent auf 50,1 Milliarden Kilowattstunden (kWh) - ein Anteil von einem Drittel am deutschen Stromverbrauch.

Kapferer warnte vor einem drohenden Stau bei der Realisierung wichtiger Kraftwerksprojekte in Deutschland. Vor allem bei den Gas- und Pumpspeicherkraftwerken sei die Umsetzung wegen der Marktlage fraglich. Diese Kraftwerke sind aber wichtig, um die Stromversorgung auch dann zu sichern, wenn kein Wind weht oder keine Sonne scheint.

Washington (dpa) - Die oppositionellen Demokraten im US-Senat haben Präsident Donald Trump vorgeworfen, die Debatte über die Finanzierung der Regierung zu sabotieren. Die Demokraten seien dabei gewesen, sich mit den Republikanern in den Haushaltsverhandlungen zu einigen, dann habe Trump einen Strich durch die Rechnung gemacht, sagte der demokratische Oppositionsführer im Senat, Charles Schumer, am Montag dem Sender MSNBC.

Der Kongress muss bis Freitag ein Ausgabengesetz verabschieden, weil sonst der Regierung das Geld ausgeht. Die Republikaner wollen, dass das Gesetz Gelder für den Bau der Mauer an der Grenze zu Mexiko einschließt, die Demokraten lehnen das ab.

Ohne Kompromiss kommt es am 29. April zum sogenannten «Government Shutdown». Das heißt, Regierungsbehörden müssen ihre Arbeit zu großen Teilen einstellen und können nur noch als unerlässlich angesehene Aufgaben erledigen.

Von dem Zwangsurlaub sind Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden am wenigsten betroffen. In der Regel bleiben staatliche Museen, Nationalparks oder Zoos geschlossen. Auch Mitarbeiter vieler Ministerien bleiben Zuhause.

Schumer beschuldigte Trump, er wolle bewusst den Stillstand der Regierung in Kauf nehmen. Trump agiere nach dem Motto: «Wir sprengen alles in die Luft und fahren die Regierung herunter, wenn wir die Mauer nicht bekommen».

Bloß keine Experimente: Die Christsozialen wollen 2017 bei der Bundestagswahl und 2018 bei der Landtagswahl mit ihrem langjährigen Parteichef an alte Erfolge anknüpfen. Die nächste Generation muss sich gedulden.

München (dpa) - Die CSU legt ihr politisches Schicksal bei den anstehenden Wahlen komplett in die Hände von Parteichef Horst Seehofer. Der Vorstand votierte am Montag einstimmig für die Pläne des 67-Jährigen, sein eigentlich für 2018 angekündigtes Karriereende auf zunächst unbestimmte Zeit zu verschieben. Stattdessen will sich Seehofer im Herbst auf dem CSU-Parteitag erneut zum Parteichef küren lassen und 2018 auch für eine erneute Amtszeit als bayerischer Ministerpräsident kandidieren.

«Ich sehe heute eine andere weltpolitische und parteipolitische Landschaft», sagte Seehofer nach der Sitzung vor Journalisten in München. Er sei seit 37 Jahren Berufspolitiker, «da ist man dann schon mit Leidenschaft unterwegs, die hat mich keinen Tag losgelassen». Gleichwohl sei ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen. Am Ende sei sie mit 51 zu 49 ausgefallen.

Zudem kürte die CSU-Spitze Joachim Herrmann zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. «Ich bin überzeugt, da brennt es, da ist Herzblut dabei», sagte Seehofer über seinen «loyalen» Innenminister, der «wie kein Zweiter» für Glaubwürdigkeit und innere Sicherheit stehe.

Die CSU hätte den 60-Jährigen bei einem Wahlerfolg der Union im Herbst gerne als neuen Bundesinnenminister. Auf Platz zwei der CSU-Liste folgt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Offiziell wird die Landesliste erst Anfang Mai beschlossen.

Fast vier Stunden hatte das Parteigremium hinter verschlossenen Türen über die personelle Situation beraten. Mit Seehofer setzt die CSU in unruhigen Zeiten auf personelle Konstanz. Seit 2008 ist er Ministerpräsident und Parteichef - 2013 hatte der Ingolstädter angekündigt, 2018 seine politische Karriere beenden zu wollen.

Die Entscheidung, Seehofers Pensionseintritt zu verschieben, hat dem Vernehmen nach aber auch ganz andere Beweggründe: Die CSU kann personell derzeit niemanden aufbieten, der sowohl bei der Bundestagswahl am 24. September als auch 2018 bei der Bayern-Wahl an die vergangenen Wahlerfolge anschließen kann. 2013 holte Seehofer für die CSU in Bayern die 2008 verlorene absolute Mehrheit zurück, bei der Bundestagswahl holte die CSU unter seiner Führung 49,3 Prozent in Bayern. Er habe in der Vergangenheit bewiesen, dass er die CSU bei Wahlen zum Erfolg führen könne, betonte Seehofer.

Darüber hinaus fürchtet die CSU ohne Seehofer in Berlin an Einfluss zu verlieren, nicht wenige Parteianhänger rechnen mit sieben Fraktionen im Bundestag. Deshalb hatte Seehofer auch schon vor Monaten dafür geworben, dass der nächste Parteichef auch in Berlin am Kabinettstisch sitzen müsse. Der 67-Jährige kündigte an, seine Macht schrittweise auf mehr Schultern verteilen zu wollen, die Gesamtverantwortung bleibe aber bis auf Weiteres bei ihm. Wann er seine Karriere nun beenden werde, sagte Seehofer nicht.

Zur Wahrheit gehört aber, dass die CSU derzeit keinen Kandidaten aufbieten kann, der in Bayern wie in Berlin gleichermaßen akzeptiert würde. Der aussichtsreichste Anwärter ist nach wie vor Finanzminister Markus Söder, der lehnte aber einen Umzug nach Berlin wiederholt kategorisch ab und wird außerhalb der Landtagsfraktion - etwa von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Parteivize Manfred Weber - überaus kritisch gesehen.

Seehofers neue Karrierepläne riefen in Bayern und bundesweit viele unterschiedliche Reaktionen hervor. «Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und einen erfolgreichen Wahlkampf», schrieb CDU-Generalsekretär Peter Tauber im Kurznachrichtendienst Twitter. Innerhalb der CDU wird die verlängerte Amtszeit von Seehofer aber auch skeptisch gesehen - seine Angriffe auf Kanzlerin Angela Merkel im Zuge der Flüchtlingspolitik sind noch nicht vergessen. FDP-Chef Christian Lindner sprach von einer Schwächung der Union.

«Ich finde es gut, dass er weitermacht», sagte CSU-Vize Manfred Weber. Seehofer sei ein exzellenter Ministerpräsident, mit ihm bleibe Bayern durchsetzungsfähig. Man solle kein erfolgreiches Pferd wechseln, wenn es nicht sein müsse, sagte Thomas Kreuzer, Chef der CSU-Landtagsfraktion. Selbst Söder kündigte «ehrliche Unterstützung» an. Für den CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber ist Seehofer ein «Zugpferd» und das «stärkste Kaliber» der CSU.

Die Opposition im Landtag reagierte durchweg kritisch: «Seehofer ist ein Kandidat des Gestern und der alten CSU. Bayerns Zukunft sieht anders aus», sagte Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze. Die SPD sprach von einem vorprogrammierten Wahlbetrug, und die Freien Wähler sehen in Seehofer einen Ministerpräsidenten ohne Visionen.

München (dpa) - Trotz seines erst nachträglich einkassierten Karriereendes sieht sich CSU-Chef Horst Seehofer für die Zukunft genauso motiviert wie in den vergangenen neun Jahren. Er sei seit 37 Jahren Berufspolitiker, «da ist man dann schon mit Leidenschaft unterwegs, die hat mich keinen Tag losgelassen», sagte Seehofer am Montag nach einer Sitzung des CSU-Vorstands in München. Zudem sei er körperlich fit und könne die beiden «sehr anspruchsvollen Ämter» so erfüllen, wie die Bevölkerung es erwarte. Das 2013 angekündigte Karriereende sei ein großer Fehler gewesen, den er nie wieder machen werde.

Zuvor hatte der Parteivorstand einstimmig für die Pläne Seehofers gestimmt, sich sowohl als Parteichef als auch als Ministerpräsident für eine weitere Amtszeit bewerben zu wollen. In Bayern wird 2018 ein neuer Landtag gewählt, die Neuwahl des Parteivorsitzes ist für November terminiert. Drei Dinge seien maßgeblich für seine Entscheidung gewesen, sagte Seehofer: «dass man solche Ämter will, dass man sie ausüben kann und dass man auch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Erfolg bei einer Wahl gewährleisten kann».

Seit seiner Ankündigung, 2018 die politische Karriere zu beenden, habe sich sowohl die weltpolitische als auch die parteipolitische Landschaft geändert. «Das hat so 2013 niemand vorausgesehen», sagte Seehofer. Es gebe viele zusätzliche Herausforderungen - als Beispiele nannte er die internationale Kriminalität, den Kampf gegen den Terrorismus und die Steuerung der Zuwanderung.

Auf der Karibikinsel Curacao steht eine der einst größten Raffinerien der Welt - völlig marode, betrieben vom venezolanischen Ölkonzern PDVSA. Alle Grenzwerte in der einstigen Kolonie der Niederlande werden massiv überschritten, das gefährdet den wichtigen Tourismus.

Willemstad (dpa) - Nachts stinkt es besonders. Dann, wenn die Flammen meterhoch aus den Schornsteinen schlagen, wirkt die Isla-Raffinerie in Willemstad auf der Karibikinsel Curacao noch bedrohlicher, als bei Tageslicht. Nachts sind die Ausstoßwerte besonders hoch. Dann riecht es, als würden alte Autoreifen verbrannt. Eine gesundheitsgefährdende Dreckschleuder, die so gar nicht passen mag zu den Traumwelten mit Korallenriffen, türkisem Meer und weißen Karibikstränden.

Laut einer Erhebung der Universität Süd-Florida gehört Curacao wegen der Raffinerie gemessen an der Bevölkerung zu den Top Ten der Gebiete mit den schlimmsten Emissionswerten, 60 Prozent der Kinder im Alter bis 14 Jahren litten an Asthma, hat Forscher Erin Pulster ermittelt.

Am 30. September sollen die 140 000 Einwohner der Insel eine neue Regierung wählen. Diese wird dann die sechste sein, in sechs Jahren Autonomie. 21 Parteien kämpfen um die 21 Parlamentssitze. Das politische System ist zerfasert. Koalitionen mit vier, fünf oder mehr Parteien sind meist sehr fragil. Das macht das Regieren schwer.

Das wichtigste Thema findet im Wahlkampf aber so gut wie gar nicht statt: Die Zukunft der 100 Jahre alten Raffinerie. Dabei drängt die Zeit. 2019 läuft der Leasingvertrag mit dem venezolanischen Staatskonzern PDVSA aus. Und bislang scheint niemand so recht zu wissen, wie es mit der Anlage weitergehen soll. Am 30. August war der Ausstoß von Schwefeldioxid besonders hoch, er lag bei fast 800 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Den ganzen Monat August über lagen die Tageshöchstwerte um die 500er-Marke.

Zum Vergleich: Liegt in einem EU-Staat der Messwert an drei aufeinanderfolgenden Stunden über 500 Mikrogramm, «muss der betroffene Mitgliedsstaat umgehend geeignete Maßnahmen ergreifen». So sieht es die Richtlinie 2008/50/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Mai 2008 vor. Schwefeldioxid gilt, wenn es eingeatmet wird, als krebserregend.

Hinzu kommen andere Substanzen wie die Schwermetalle Nickel oder Vanadiumpentoxid. Letzterer ist dafür verantwortlich, dass viele Gebäude und Straßenlaternen auf der Windseite der Insel einen grünen Bezug haben. Und auch dieser Stoff verursacht Krebs. Curacao war einst niederländische Kolonie, ist seit dem 10. Oktober 2010 politisch weitgehend autonom, aber noch immer Teil des Königreichs Niederlande und somit auch Teil Europas, wenn auch ein 7800 Kilometer entfernter.

Aber nicht ganz: Es gehört zu dem Bereich «überseeische Länder und Hoheitsgebiete» der Europäischen Union. In diesen Gebieten gelten nur einzelne Aspekte des Europarechts. Die Raffinerie stammt noch aus der Zeit, als Curacao Kolonie war. Während des Ersten Weltkriegs baute Shell die Anlage, bis heute eine der größten Raffinerien der Welt. Von dort aus wurde der karibische Raum bis hinauf zu den USA mit Treibstoffen versorgt.

Mitte der 80er Jahre verkaufte Shell die Raffinerie für einen symbolischen Gulden an die Inselregierung. Im Paket enthalten eine ganze Reihe von Problemen und Altlasten. Schon damals galt die Anlage als technisch überaltert, zudem war Shell nicht besonders rücksichtsvoll mit der Umwelt umgegangen.

Die Inselregierung, über Nacht Ölraffineriebesitzer, fand im venezolanischen Staatskonzern PDSVA einen dankbaren Mieter. 20 Millionen US-Dollar fließen jährlich an Miete. Investiert hat der Eigentümer, also die Inselregierung, seither kaum. Die Raffinerie läuft schon seit Jahren auf Sparflamme, der Ausstoß liegt bei rund 200 000 Barrel Öl - die Kapazität lag einmal bei 340 000 Barrel.

Das liegt vor allem an der völlig veralteten Technik und dem miserablen Zustand der Anlage. Dort ist man nur noch in der Lage, sehr schwefelhaltige Treibstoffe herzustellen, für die es aber im Grunde kaum noch Abnehmer gibt. Darum werden die hergestellten Treibstoffe zum Teil auch in den werkseigenen Kraftwerken für den energiehungrigen Raffinerieprozess und die gesamte Energieversorgung eingesetzt. Das Nebenprodukt in Form eines hochkonzentrierten Abgascocktail mit Schwermetallen müssen rund 25 000 Bewohner der westlichen Stadtteile Rosendaal, Habaai, Charo, Wishi und die Hotelgäste entlang der Piscadera Bay täglich einatmen. Denn auf Curacao weht der Wind fast immer von Ost nach West.

Die Zukunft ist offen. Venezuela wird von einer schweren Wirtschaftskrise geplagt, es gibt derzeit kein ernst zu nehmendes Szenario, woher die nötigen zwei bis drei Milliarden US-Dollar kommen sollen, um die Anlage zukunftsfähig zu machen. PDVSA hat diese nicht, der Inselstaat Curacao auch nicht.

Suzy Camelia-Römer, Ministerin für Verkehr und Städtebau ist die einzige Politikerin, die bereit ist, sich zu der Thematik zu äußern. «Wir standen vor der Entscheidung: mit der Raffinerie weitermachen oder ohne sie. Wir haben uns für die Raffinerie entschieden», sagt sie. Inzwischen gebe es Pläne, wie die Raffinerie künftig mit Gas betrieben werden könnte. Das würde einen Teil der Emissionen reduzieren. Hoffnungen konzentrieren sich auf China, das in der ganzen Region Lateinamerika immer stärker Fuß fasst und sich wie in Afrika durch eine Investitionsoffensive Rohstoffzugänge sichert.

Nun gibt es mit dem Unternehmen Guangdong Zhenrong Energy eine Absichtserklärung. Demnach sollen die Chinesen interessiert sein, die Raffinerie nach Ablauf des Vertrags mit der venezolanischen PDVSA umzurüsten und zu betreiben - aber ob das was wird, ist abzuwarten.

Zwischen vier und neun Prozent trägt die Anlage in Curacao zum Bruttoinlandsprodukt bei. Während des Zweiten Weltkriegs war fast jeder vierte der damals 50 000 Inselbewohner wirtschaftlich von der Raffinerie abhängig. Heute arbeiten dort nur noch 1000 Leute.

Der Tourismus hat die Raffinerie längst als Zugpferd der Wirtschaft hinter sich gelassen. Im Jahr kommen rund eine halbe Million Touristen nur mit Kreuzfahrtschiffen. Air Berlin hat Mitte August angekündigt, die Insel vom Winterflugplan an zweimal wöchentlich direkt von Düsseldorf anzufliegen. Aber der Tourismus ist abhängig von intakter Natur. Schließlich kommen die Touristen vornehmlich zum Tauchen und Schnorcheln. Für das Ökosystem ist die Raffinerie nicht nur jetzt schon eine Belastung, sie ist eine Bedrohung.

«Wir sagen ja gar nicht: ihr müsst die Raffinerie schließen», sagt Peter van Leeuwen. Der Pharmazeut ist Vorsitzender der Umweltorganisation Stichting SMOC, die seit 15 Jahren auf die Missstände rund um die Raffinerie aufmerksam macht. Stichting SMOC- Mitglied Arjen Linthorst zeigt die grünen Ablagerungen, die vom Vanadiumpentoxid aus der Isla-Raffinerie stammen. «Aber die Luft auf Curacao muss atembar sein und die Gesetze müssen eingehalten werden», betont van Leeuwen. Eine Verbesserung könnte sofort eintreten, würden in der Raffinerie weniger schwefelhaltige Rohöle verarbeitet. «Das würde die Emissionen auf einen Schlag um 50 Prozent senken.»

Ob für die Produkte der Raffinerie dann jedoch ein Markt vorhanden wäre, ist für Gerrit Schotte, Oppositionspolitiker und Kopf der MFK-Partei, die zurzeit fünf Sitze im Parlament hält, fraglich. Deswegen aber 500 Millionen Dollar in die Umrüstung zu investieren, hält er für einen fahrlässigen Rückschritt. «Die Umrüstung dauert fünf Jahre. Was passiert in der Zwischenzeit?» Schotte war der erste Premierminister, als Curacao am 10. Oktober 2010 unabhängig wurde.

Nach knapp zwei Jahren wurde er des Amtes enthoben. Im März verurteilte ihn ein Gericht zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe wegen Bestechung und Vorteilsnahme. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil Schotte Rechtsmittel eingelegt hat. Solange macht er weiter Wahlkampf. Er ist weiter das Gesicht und das Zugpferd seiner Partei. Und es sieht sogar ganz danach aus, als könnte Schottes Partei nach dem 30. September darauf hoffen, politisch wieder mehr mitreden zu dürfen. Sein Wahlprogramm hat einen recht grünen Anstrich, setzt auf erneuerbare Energien. Wind, zwei Windparks gibt es bereits, und Solarenergie. Auf Curacao scheint das ganze Jahr die Sonne bei durchschnittlich 30 Grad Celsius. Ob er die Raffinerie denn schließen würde - bei dieser Frage druckst der sonst sehr eloquent wirkende Schotte herum - zu viele Jobs hängen noch daran.

Immerhin: Die Causa Isla-Raffinerie beschäftigte im Februar das niederländische Parlament in Den Haag. Dort stellte man mehrheitlich fest, dass durch die Tatenlosigkeit der Regierung im Grunde eine Menschenrechtsverletzung vorliegt. Das wiederum würde die niederländische Regierung, so sie denn wollte, dazu ermächtigen, die Regierung in Willemstad zu überstimmen, um Maßnahmen zu ergreifen.

Die Insel-Regierung stecke in einem Dilemma, die wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen gegeneinander abzuwägen, sagt der Minister für Innere Angelegenheiten, Ronald Plasterk. Nach einem Durchregieren, über die lokale Regierung hinweg, sieht es aber nicht aus: «Das ist Aufgabe der autonomen Regierung, da auch mit den Folgen einer Entscheidung lokal umgegangen werden muss», sagt Plasterk. Es wird wohl noch viele Nächte geben, an denen Flammen aus den Schloten der Raffinerie schlagen und es stinkt, als würden alte Autoreifen verbrannt. Zum Leidwesen der Bürger und der vielen Touristen auf Curacao.