Ein sendertragender Vogel, der durch seine unerwartete Flugroute gewaltige Mobilfunkkosten verursacht und damit das Forschungsbudget sprengt – diese Nachricht verleitete im Oktober Medien in aller Welt zu schadenfroher Berichterstattung. Elena Schneider, Ornithologin aus dem sibirischen Nowosibirsk, erzählt jedoch lachend von dem Vorfall, der sich zum Glücksfall wendete. Aber der Reihe nach.

Im Sommer 2018 hatten Schneider und ihre Mitstreiter vom Russischen Netzwerk für Greifvogelforschung und -schutz (RRRCN) einem Dutzend Steppenadler-Nestlingen in Zentralasien GPS-Geräte auf den Rücken gebunden. Die Art Aquila nipalensis steht seit 2016 auf der Roten Liste der bedrohten Tiere, weil ihre Population beständig schrumpft – in Osteuropa etwa gibt es kaum noch Steppenadler. Nun wollen die Vogelkundler Wanderrouten, Rast- und Überwinterungsgebiete der Art ergründen, um sie besser schützen zu können.

Im ersten Herbst flogen die besenderten Jungtiere wie erwartet gen Süden, um in Pakistan, Indien oder auf der Arabischen Halbinsel zu überwintern. Im Frühjahr 2019 zog es sie dann wieder nordwärts, zu Schneiders Überraschung aber nicht dorthin, wo sie aus dem Ei geschlüpft waren, sondern in oft Tausende Kilometer weiter westlich liegende Gebiete. Das Adlermännchen Min etwa, gebürtig unweit des russischen Krasnojarsk, zog es in die kasachische Steppe – wo es zunächst für fünf Monate in einem Funkloch verschwand.

„Als Min wieder auftauchte, waren wir natürlich glücklich“, erzählt Elena Schneider. Da hatte der Adler jedoch Kasachstan schon verlassen und sendete aus dem Iran, wo vielfach höhere Roamingkosten gelten. Das Gerät auf seinem Rücken hatte den ganzen Sommer über viermal täglich die Koordinaten aufgezeichnet – und verschickte nun die gespeicherten Daten in Hunderten SMS à 49 Rubel (siebzig Cent).

© Carsten Raffel

Für die kleine NGO war die Rechnung von umgerechnet mehreren Hundert Euro ein Schlag – doch der Wirbel um Min brachte dem Forschungsprojekt, das sonst unter dem Radar der Medien läuft, viel Publicity. „Per Crowdfunding konnten wir in kurzer Zeit so viel Geld einsammeln, dass die Mobilfunkkosten nun für zwei Jahre gesichert sind“, erzählt Schneider zufrieden. Innerhalb Russlands können Unterstützer direkt auf die SIM-Karten der Adlersender einzahlen, wer andernorts lebt, kann an das „Altai Project“ spenden, das mit den russischen Vogelschützern kooperiert.

Min hat mittlerweile Saudi-Arabien überflogen und verbringt seinen zweiten Winter im Oman. Natürlich ist Schneider stets in Sorge um „ihre“ Adler, denen Gefahren durch Stromleitungen, Vergiftungen und vor allem Wilderer drohen („Die haben Gewehre, aber keine Gehirne“). Nimmt Min jedoch alle Hürden, wird er mit vier oder fünf Jahren in seine Heimat zurückkehren, um selbst eine Familie zu gründen.

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