„Wir berichten über die erste Satellitenverfolgung der Ausbreitung eines Polarfuchses zwischen Kontinenten“, begann im Juni ein Fachartikel im Magazin des Norwegischen Polarinstituts. „Ein junges Weibchen verließ am 26. März 2018 Spitzbergen und erreichte 76 Tage später die Ellesmere-Insel in Nunavut, Kanada, nachdem es eine Strecke von 3506 Kilometern zurückgelegt und sich damit rund 1789 Kilometer (Luftlinie) von seinem Geburtsort entfernt hatte.“

Weniger nüchtern reagierten Medien rund um den Globus auf die Wissenschaftsmeldung: Sie überschlugen sich in begeistertem Lob des „fantastischen Fuchses“, dessen „epische Reise“ nicht nur Experten „verblüffte“, „sprachlos machte“, „tief beeindruckte“. Eine Füchsin als unfreiwilliger Weltstar.

Dabei ist schon länger bekannt, dass die kleineren Verwandten unseres Rotfuchses auf dem Meereis ordentlich Strecke machen. „Gestern war ich nicht wenig überrascht, als ich plötzlich eine Tierspur im Schnee sah“, notierte am 26. April 1895 der Polarforscher Fridtjof Nansen während seiner legendären Nordpolexpedition – auf 85 Grad Nord. „Es war die eines Polarfuchses. Sie war noch frisch. Was in der Welt hat der Fuchs hier oben auf der wilden See gemacht?“

Polarfüchse bilden in weiten Teilen der Arktis eine zusammenhängende Population. Die Frage, was sie zu ihren langen Wanderungen antreibt, stellt sich aber bis heute. Deshalb fingen die Biologen Eva Fuglei und Arnaud Tarroux am 1. März 2018 an der Westküste Spitzbergens das inzwischen berühmte Tier in einer Käfigfalle, die sie mit dem Fernglas beobachteten. Sie wogen es (1,9 Kilo), bestimmten sein Geschlecht (weiblich) und schätzten sein Alter (Jungtier). Zuletzt legten sie ihm ein Halsband mit Satellitensender um.

So ausgerüstet machte sich die Füchsin auf den Weg. Einige Wochen blieb sie auf der Insel, dann lief sie übers Meereis los. Sie legte im Schnitt 46,3 Kilometer am Tag zurück, einmal gar 155 Kilometer. „Soweit wir wissen, ist das die schnellste Bewegungsrate, die für diese Art je gemessen wurde“, schreiben Fuglei und Tarroux. Nördlich von Spitzbergen legte das Tier zwei Pausen ein. Ob es fraß, Schneestürme abwetterte oder von Lücken in der Eisdecke aufgehalten wurde, ist unklar. Am 16. April erreichte es Grönland, wo es – mit besonders weiten Märschen – einen Abstecher übers Landeis machte. Schließlich überquerte es die Nares-Straße und erreichte Kanada. Am 1. Juli verlor sich das Signal, Ursache unbekannt.

© Carsten Raffel

Was lässt sich nun über den Grund der Reise sagen? Fuglei und Tarroux können nur spekulieren: Nahrungsmangel auf Spitzbergen oder die Suche nach neuen Habitaten könnten eine Rolle gespielt haben.

Sicher ist allerdings, dass Fernreisen dieser Art künftig immer schwieriger werden. „Wenn Spitzbergen ganzjährig eisfrei wird“, so die Biologen, „wird die dortige Population isoliert sein.“

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