Als typisch britisch gilt der Hang zu exzentrischen Hobbys – und inzwischen auch zu erbittertem Dauerstreit. Beides spielt eine Rolle in einem Ökokrimi, von dem Forscher jetzt im Fachblatt „Nature Communications“ berichteten. Ein Team um die Ornithologin Megan Murgatroyd hat die GPS-Signale von 58 sendertragenden Kornweihen ausgewertet und Belege dafür gefunden, dass die streng geschützten Greifvögel in großer Zahl illegal getötet werden. Nur noch sieben Paare der eleganten Jäger brüten in den englischen Uplands. Im Verdacht stehen Jäger, die unliebsame Beutekonkurrenten aus dem Weg räumen.

Nicht nur „Birdwatching“, die friedliche Vogelbeobachtung, ist nämlich in England ein Volkssport, auch die Moorhuhnjagd gilt vielen als nationales Kulturgut – den Deutschen ist sie vor allem durch das gleichnamige Computerspiel ein Begriff. Große Teile Nordenglands und Schottlands sind von Heide- und Moorlandschaften bedeckt, sogenannten grouse moors, in denen das Schottische Moorschneehuhn (grouse) lebt. Rund eine halbe Million der schnell flatternden Vögel werden jährlich mit Trillerpfeifen und Fahnen vor die Flinten von Jägern gescheucht, die dafür aus aller Welt anreisen und rund 75 Pfund pro Huhn an den Landbesitzer zahlen.

Doch die Jagdsitte aus viktorianischer Zeit steht in der Kritik von Tier-, Umwelt- und Artenschützern, die Demos und Onlineproteste organisieren. Die neue Studie wird den Druck auf die Jagdlobby erhöhen. Denn von den 58 Kornweihen, denen der Biologe Stephen Murphy von der Organisation „Natural England“ seit 2007 Sender umband, verschwanden 38 spurlos und ließen sich trotz intensiver Suche im Gelände nicht finden – „ein starkes Indiz, dass die Sender zerstört und die Kadaver entfernt wurden“, so die Forscher, die auf absichtliche Abschüsse schlossen. Drei verendete Vögel spürten sie mithilfe der GPS-Signale dennoch auf: Sie waren in die Beine getroffen worden und zunächst entkommen. Dass Moorhuhnjäger etwas mit den Taten zu tun haben, legt die Verteilung der Orte nahe, an denen die verschollenen Kornweihen ihr letztes Signal funkten: Mit erhöhter Wahrscheinlichkeit lagen diese in oder nahe von grouse moors (siehe Karte).

© Carsten Raffel

Die baumlosen Heiden, obgleich oft Schutzgebiete, seien ohnehin stark vom Menschen geprägt, erklären Jagdfreunde. So wird oft das Heidekraut niedergebrannt, um die Vegetation niedrig zu halten und das Federwild zu fördern. Nun haben staatliche Naturschützer einen Plan ersonnen, der den Dauerstreit um die Greifvögel entschärfen soll: Küken von Kornweihen, die in grouse moors brüten, sollen testweise aus den Nestern genommen, von Hand aufgezogen und in moorfernen Regionen ausgewildert werden. Man kann die Idee exzentrisch finden.

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