Greenpeace Magazin Ausgabe 1.02

Tödliche Post aus dem US-Labor?

"Ich bin New Yorkerin. Meine Stadt wurde angegriffen, zuerst durch ausländische Terroristen. Und dann von einem Amerikaner mit einem waffenfähigen biologischen Erreger – Anthrax, das fast sicher aus einem US-Biowaffenabwehr-Labor stammt", sagte die Mikrobiologin Barbara Rosenberg Ende November auf der Biowaf- fen-Konferenz in Genf. Inoffiziell bestätigte ihre These sogar ein Experte der US-Armee, der zur amerikanischen Delegation gehört: Es war ein hochrangiger Forscher aus den eigenen Reihen, der die mit heimtückischen Anthrax-Briefe verschickte – brisante Informationen über Täter und Labor, die Washington bislang geheim hielt. Anthrax (Bacillus anthracis, zu deutsch: Milzbranderreger) tötete seit Anfang Oktober in den USA fünf Menschen und verletzte 13 schwer.

Als das Greenpeace Magazin die These vom Insider-Job meldete, lösten die Recherchen eine weltweite Wende in der Berichterstattung aus – vor allem in den USA. Noch einen Tag vor der Veröffentlichung des Greenpeace Magazins hatte die New York Times spekuliert, ob zwei pakistanische Wissenschaftler für die Milzbrand-Anschläge verantwortlich seien. Wenige Tage später berichtete das Blatt, die Spur führe nunmehr zur eigenen Armee: "Das Puder ist praktisch nicht unterscheidbar von der Variante, die das US-Militär einsetzt." Dabei kam auch heraus, dass die Fahnder der Bundespolizei FBI in den USA nach einem Killer mit Fachwissen, Laborerfahrung und Zugang zu Anthrax suchten.

Barbara Rosenberg stützt ihre These unter anderem darauf, dass vor allem die Beimengung des Trennmittels Silica "eine typische US-Geheimrezeptur" für Biowaffen sei. Neuere wissenschaftliche Analysen bestätigen: Der Anthrax-Brief an den demokratischen Senator Tom Daschle enthielt Sporen in einer Konzentration, wie sie nur US-Regierungslabors herzustellen vermögen. Die "Dichte" übertreffe bei weitem die Möglichkeit von Terroristen, berichtete die New York Times. Das wissenschaftliche Knowhow nötige sogar ihm Respekt ab, erklärte auch John Ezzell, Anthrax-Experte der US-Army. Und Ken Alibek, früherer sowjetischer Biowaffenforscher, inzwischen Präsident der amerikanischen Firma Advanced Biosystems, sekundierte: "So etwas produziert man nicht in Höhlen."

Eine derart ausgeklügelte Waffe könnte millionenfach Tod und Verderben bringen – etwa indem die Sporen in Manhattan versprüht würden. Doch darum ging es dem Attentäter offensichtlich nicht. Im Gegenteil, einige seiner Briefe enthielten die ausdrückliche Warnung: Vorsicht Anthrax! Wer das Kuvert öffne, müsse unverzüglich Antibiotika einnehmen. Für Barbara Rosenberg zeigt dies, dass der Absender versuchte, Aufmerksamkeit zu erregen und Panik zu verbreiten. Ihrer Ansicht nach wollte er erzwingen, dass die US-Biowaffenforschung mit noch mehr Geld ausgestattet wird. Was auch erkläre, warum er die Terror-Briefe an Politiker und Medien schickte.

Das erreichte der Attentäter: Biowaffen gerieten plötzlich in den Fokus einer hysterischen Öffentlichkeit. Seit die ersten Anthrax-Briefe eingingen, berichten die Medien unaufhörlich über das Thema; werfen sich Experten und Politiker gegenseitig vor, den Schutz der Bürger gegen die neue Bedrohung vernachlässigt zu haben. Die Nachforderungen der Biowaffen-Forscher belaufen sich auf drei Milliarden Dollar – allein für Sofortmaßnahmen. Doch nicht nur Wissenschaftler in den Waffenprogrammen schlugen aus der Terrorangst Kapital. Während liberale Meinungen in den USA fast verstummt sind, mussten die Anthrax-Anschläge für die Konservativen als Begründung herhalten, den Anti-Terror-Krieg auszuweiten und die Bürgerrechte einzuschränken.

Gleichzeitig torpedierte US-Präsident George Bush die Bemühungen der Vereinten Nationen um die schärfere Kontrolle biologischer Waffen. Bereits am ersten Tag der Genfer Konferenz beschuldigte der Leiter der US-Delegation Staaten wie Nordkorea, Iran, Irak, Libyen, Sudan und Syrien, die heimtückischen Killer zu produzieren – ohne jedoch einen einzigen Beweis vorzulegen. Verstöße gegen das Verbot offensiver Biowaffen-Forschung hätten durch Inspektionen vor Ort überprüft werden können. Doch eben das lehnten die amerikanischen Unterhändler für die eigenen Labors kategorisch ab – und machten damit sechs Jahre mühsamer Verhandlungen auf einen Schlag zunichte.

"Die USA wollen die eigene biologische Aufrüstung geheimhalten", kommentiert der Hamburger Biowaffen-Experte Jan van Aken, der die Verhandlungen begleitete. In der Wüste von Nevada hatten die USA 1997 eine Biowaffen-Fabrik errichtet. Außerdem bauten sie eine Biobombe der früheren Sowjetunion nach, mit der sich tödliche Sporen als feiner Nebel großflächig versprühen ließen – angeblich, um rein defensiv deren Gefährdungspotenzial zu untersuchen. Die Forschung, die unter der Oberaufsicht des Geheimdienstes CIA steht, bewegt sich laut New York Times "am Rande der Legalität" und widerspricht zumindest dem Geist der Biowaffen-Konvention – und den Sicherheitsinteressen auch der eigenen Bevölkerung.

Denn nach Angaben von Experten wie van Aken sind die eigentliche Gefahr bei Biowaffen die staatlichen Programme und nicht etwa versprengte Terroristen. So hatte beispielsweise die japanische Aum-Sekte neunmal vergeblich versucht, Anschläge mit Biowaffen zu verüben, ehe sie schließlich 1995 in der Tokioter U-Bahn das chemische Nervengas Sarin versprühte.

"Die Mittel, tödliche Biowaffen herzustellen und zu erproben, liegen allein in den Händen von Regierungen", betonte Barbara Rosenberg bereits Mitte 2000 in einem Interview mit dem Greenpeace Magazin (GPM 4/00). Der britische Biologe und Friedensforscher Malcolm Dando von der University of Bradford warnt, dass biologische Waffen seither noch gefährlicher wurden. In staatlichen Programmen werde derzeit an gentechnisch hochgerüsteten Erregern gearbeitet, gegen die jeder Schutz wie Antibiotika oder Impfungen versage.

Angesichts solcher Entwicklungen setzten vor allem die europäischen Staaten ihre Hoffnungen auf eine verbesserte Biowaffen-Konvention. Doch die USA ließen Anfang Dezember nicht nur die Genfer Konferenz scheitern. Sie erklärten, dass sie auch alle künftigen Gesprächsrunden blockieren werden. "In Jahrzehnten multilateraler Verhandlungen", kommentierte ein EU-Diplomat verbittert, "sind wir noch niemals so erniedrigend behandelt worden."

Von KIRSTEN BRODDE