Greenpeace Magazin Ausgabe 5.03

Tote ohne Zahl

Auch ein halbes Jahr nach Ende des jüngsten Golfkriegs weiß niemand, wie viele irakische Soldaten starben. Das scheint auch kaum jemanden zu interessieren.

Bei Cannae 216 vor Christus 70.000 römische Legionäre; 17.000 schwedische Landsknechte 1635 nahe Nördlingen; 335.000 deutsche Landser 1916 vor Verdun – von den meisten Schlachten der Weltgeschichte ist die Zahl der gefallenen Soldaten bekannt. Nur nicht von der amerikanischen Eroberung des Irak im Frühling 2003, obwohl über diesen Feldzug ausführlicher berichtet wurde als über jeden anderen Krieg zuvor.

Selbstverständlich gilt das nicht für tote US-Soldaten und ihre Hilfstruppen: 138 gefallene amerikanische und 33 britische Soldaten wurden bis zum offiziellen Ende der Kampfhandlungen gezählt und in der Heimat gebührend betrauert. Und dass die Besatzungsmächte seither ständig weitere Verluste zu beklagen haben, sind an manchen Tagen die einzigen Nachrichten, die aus dem Irak herausdringen. Um die Zahl toter irakischer Zivilisten kümmerte sich das US-Militär dagegen nicht, was Pentagon-Sprecher Jim Cassella so erklärt: „Unsere Anstrengungen richteten sich auf die Zerstörung feindlicher Militäreinrichtungen. Wir zielen nicht auf Zivilisten und haben deshalb auch keine Veranlassung, die unbeabsichtigten Todesfälle zu zählen.“ Doch viele unabhängige Beobachter sehen das anders. Für sie ist das Ausmaß der Verluste in der Zivilbevölkerung Gradmesser für die Brutalität, mit der die US-geführte Koalition bei der Eroberung des Irak vorging. Die Nachrichtenagentur „Associated Press“ ließ zahlreiche Reporter über Wochen recherchieren, ehe AP bekanntgab, dass „mindestens 3240 Zivilis-ten, davon 1896 allein in Bagdad ums Leben kamen“. Der angesehene britische „Guardian“ kommt nach eigenen Untersuchungen zum Schluss, dass sogar rund 10.000 irakische Zivilisten starben.

Anders bei irakischen Soldaten. Weder Regierungsstellen, noch das Rote Kreuz oder angesehene Medien haben Schätzungen über die Höhe der Verluste veröffentlicht. Für den Hamburger Friedensforscher Peter Lock ist das „ein unglaublicher Skandal: Wahrscheinlich sind Zehntausende in den Schützengräben verreckt, und nun kräht kein Hahn danach“.

Dass die Nachrichtenagentur AP die toten Soldaten nicht ebenso zu zählen versuchte, begründete ein Sprecher mit den „unglaublichen Schwierigkeiten: Wir können die Aufzeichnungen der militärischen Feldlazerette nicht einsehen, viele Gefallene landeten zudem ungezählt in Massengräbern oder liegen noch immer in Bunkern und Schützengräben.“ Friedensforscher Lock ist hingegen überzeugt, dass die Gleichgültigkeit gegenüber den toten irakischen Soldaten damit zu erklären ist, dass sie im Gegensatz zu den „unschuldigen“ Zivilisten als Schergen eines Verbrecherregimes noch posthum mit Missachtung gestraft würden – „als ob das irakische Militär eine Freiwilligenorganisation gewesen wäre“.

Das Pentagon hat zudem während des Vietnamkriegs gelernt, dass die täglichen Bulletins über getötete Vietkong daheim die Anti-Kriegs-Stimmung anstachelten. Der US-Befehlshaber im Irakkrieg, General Tommy Franks, erklärte deshalb kategorisch: „Wir machen keine ,body counts‘.“

Von MARCEL KEIFFENHEIM