Treffpunkt  der kleinen Riesen

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.02

Treffpunkt der kleinen Riesen

Eine US-Biologin beobachtet in Zentralafrika Waldelefanten und schützt sie vor Wilderern.


Alles ist ungewöhnlich am täglichen Weg zur Arbeit der Andrea Turkalo: In drückender Schwüle marschiert sie durch matschige, ins Dickicht getretene Trampelpfade, durchwatet ein Flüsschen und erreicht schließlich nach 30 Minuten ihren Arbeitsplatz: eine sechs Meter hohe Plattform aus Holz, die das dichte, satte Grün des Urwaldes überragt. Wir sind im Süden der Zentralafrikanischen Republik, wo die Biologin aus Boston seit elf Jahren Elefanten der besonderen Art beobachtet: Waldelefanten, die etwas kleiner sind als ihre Verwandten in der Savanne – und rundere Ohren haben.

Von dem Hochstand aus überblickt Andrea Turkalo die ganze Lichtung von Dzanga Bai mit ihren sumpfigen Tümpeln. Nirgendwo sonst am Äquator versammeln sich Tag für Tag so viele Waldelefanten, die ihre Geheimnisse im dichten Tropenwald lange vor den neugierigen Blicken der Wissenschaftler bewahren konnten. "Meist bleibt der Eindruck flüchtig, weil der Elefant immer wieder schnell im Dickicht verschwindet", sagt die Biologin.

Doch auf dieser Lichtung im Nationalpark Dzanga Ndoki versammeln sich die Urwaldriesen lange und ausgiebig zu Dutzenden – ohne Angst vor Störungen durch Menschen. "Von meinem Aussichtsturm aus siehst du immer Waldelefanten", erzählt Andrea Turkalo, "an guten Tagen mehr als hundert." Der Grund: Das Wasser und der Schlamm sind in Dzanga Bai sehr salzreich. Mit Stoßzähnen und Rüssel graben die Tiere die Erde auf und nehmen lebenswichtige Mineralien auf. Oft beobachtet die Forscherin ihre Schützlinge, wie sie geduldig am Rande der Lichtung warten, bis sie an der Reihe sind.

So friedlich wie heute lebt der Waldelefant in Dzanga Ndoki erst seit 1986, als die Zentralafrikanische Republik mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und des WWF ein etwa 4500 Quadratkilometer großes Schutzgebiet einrichtete. Die Forschungsstation der Biologin schreckt Wilderer ab, die es auf Elfenbein und Fleisch der Elefanten abgesehen haben – oft sind es arme Menschen, die sich nicht um das seit 1990 geltende weltweite Jagdverbot für Elefanten scheren. "Wir sind Augen und Ohren des Urwaldes. Scheint uns etwas verdächtig, seien es Gewehrschüsse, Fußabdrücke oder auch nur ein ungewöhnliches Verhalten der Elefanten, melden wir das über Funk sofort dem WWF-Stützpunkt in Bayanga", berichtet Andrea Turkalo. Sie wird in ihrem Camp von Pygmäen unterstützt, die vom WWF als Wildhüter ausgebildet wurden. Jetzt trauen sich nur noch selten Wilderer in die Gegend – anders als früher und in vielen anderen Teilen der Tropenwälder im Kongobecken.

Auf Karteikarten, die sie für jedes ihrer Tiere angelegt hat, hält Andrea Turkalo alles fest, was sie beobachtet, selbst die kleinsten Veränderungen. Sie erforscht die Essgewohnheiten der Elefanten, ihr Sozialverhalten, die Familienstrukturen, seit kurzem auch die Verständigung zwischen den Tieren. "Elefanten sind sehr soziale Tiere, sie kommunizieren auf vielfältige Weise miteinander. So treffen zum Beispiel viele Gruppen immer wieder zur gleichen Zeit auf der Lichtung ein", berichtet die Forscherin. "Wir wissen inzwischen, dass sie einen sehr guten Geruchssinn haben und sich durch tiefe Töne verständigen, die der Mensch nicht hören kann." So halten die Elefanten auch über weite Distanzen Kontakt und koordinieren offenbar ihre Wanderungen.

Nur bei schlechtem Wetter, wenn Wolkenbrüche und Gewitter über ihrer Forschungsstation niedergehen, unterbricht Andrea Turkalo ihre Feldstudien. Dann wertet sie in ihrem Buschcamp am Rande des Nationalparks ihre Aufzeichnungen aus. Hier lebt sie mit drei Pygmäen in strohgedeckten Hütten. Ein Brunnen versorgt die Bewohner mit Trinkwasser, Sonnenkollektoren liefern Strom für Computer und Leselampe. In einem kleinen Garten wird Gemüse angebaut, zum Einkaufen von Lebensmitteln fährt die Biologin einmal wöchentlich ins zwölf Kilometer entfernte Dorf Bayanga.

Alles andere, wie Werkzeug oder Ersatzteile für den Jeep, gibt es nur in der eine Tagesreise entfernten Hauptstadt Bangui. "Die Lebensumstände im Busch sind manchmal sehr hart", sagt Andrea Turkalo. "Aber ich genieße das Leben hier, und ich genieße meine Unabhängigkeit."

Andrea Turkalo schätzt, dass in ihrem Schutzgebiet noch etwa 5000 Waldelefanten leben. Die Forscherin, die von der New Yorker "Wildlife Conservation Society" unterstützt wird, hat mehr als 2800 von ihnen registriert und ihnen Namen gegeben. Manche kamen nur ein, zwei Mal und dann nie wieder. Andere sind regelmäßige Besucher, die sie an Körpermerkmalen, an Narben oder Rissen im Ohr erkennt. "Einige der Tiere sind mir so vertraut", sagt sie, "dass ich sie an ihrer Körperhaltung und der Art ihrer Bewegungen auf Anhieb erkenne."



ZENTRALAFRIKA / DZANGA BAI / WALDELEFANT

Regenwälder des Kongobeckens -> Die meisten Urwälder Afrikas sind bereits zerstört. Selbst in Zentralafrika, wo noch Gorillas und Schimpansen leben, schwinden sie immer schneller. Von 1980 bis 1995 wurden allein in Kamerun 20.000 Quadratkilometer gerodet — meist von europäischen Konzernen. -> 100.000 Pygmäen, die im und vom Wald leben, verlieren ihre Existenzgrundlage.

Waldelefant -> Loxodonta cyclotis. Mit zweieinhalb Metern Schulterhöhe deutlich kleiner als der Savannenelefant. Forscher entdeckten kürzlich, dass der Waldelefant schon seit 2,5 Millionen Jahren genetisch von seinen Verwandten getrennt ist, demnach ist er eine eigene Art. Noch etwa 140.000 Tiere streifen durch Afrikas Urwälder. -> Vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele.