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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.13

Umkämpfter Korridor

Text: Andrea Hösch

Dank unserer Abo-Minenräumaktion wurden 2012 zwei weitere Flächen in Bosnien geräumt

Pavao Vukovic ist erleichtert. Im Dezember hatte der Chef der Deutschen Minenräumer (Demira) jeden Tag befürchtet, der Boden könnte gefrieren, bevor seine Teams fertig sind. Doch kurz vor Wintereinbruch waren die zwei Verdachtsflächen im Brcko-Korridor mit insgesamt 215.000 Quadratmetern gesäubert. Da das Gelände flach und nicht zu stark bewachsen ist, konnte Demira mit der Minenräummaschine „Rex“ arbeiten (Greenpeace Magazin 1.12), ebenfalls im Einsatz waren Minensuchhunde und Hand-Entminer.

Allerdings fanden die Trupps auf den Feldern und Wiesen diesmal keine einzige Mine. „Das war nicht zu erwarten“, sagt Vukovic erstaunt, denn auf einem Grundstück in direkter Nachbarschaft hatte Demira im Jahr zuvor eine Killermine vom Typ PMR-2 unschädlich gemacht.

Außerdem war der Brcko-Distrikt im Bosnienkrieg besonders umkämpft: Der gut drei Kilometer breite Gürtel war die einzige Verbindung zwischen den östlichen und westlichen Serbengebieten. Nach Kriegsende bekam der Nordzipfel des Landes einen Sonderstatus, da sich die Kriegsparteien nicht über eine Aufsplittung der Zone einigen konnten. Der Brcko-Distrikt gehört weder zur Serbischen Republik noch zur Föderation Bosnien und Herzegowina, der Korridor ist de facto ein autonomes, selbstverwaltetes Gebiet unter Aufsicht eines Supervisors der internationalen Gemeinschaft. Unter dieser Voraussetzung konnten die einst verfeindeten Volksgruppen in der Stadt Brcko und den umliegenden Gemeinden wieder zusammenwachsen. „Brcko ist die einzige wirklich multi-ethnische Stadt in Bosnien“, schrieb der Economist 2008.

Vor kurzem hat die internationale Gemeinschaft das Supervisor-Büro in Brcko geschlossen und die Verantwortung an die örtlichen Behörden übergeben. „Sie können stolz darauf sein, dass sie eine zerrüttete Gesellschaft wieder aufgebaut und es ihren vertriebenen Nachbarn ermöglicht haben, zurückzukehren“, sagte der Stellvertreter des Hohen Repräsentanten und bisherige Brcko-Supervisor Roderick Moore in einer Botschaft an die Bevölkerung im August 2012. Angesichts der Wirtschaftskrise und zunehmender Korruption in der Region fügte er dem Lob aber auch eine deutliche Mahnung hinzu: Um das friedliche Zusammenleben auch in Zukunft zu sichern, müssten die Menschen Transparenz einfordern und darauf achten, dass die Politiker nicht eigene, sondern öffentliche Interessen vertreten.

Bis heute zählt der Brcko-Korridor zu den am stärksten minenverseuchten Gebieten Bosniens. Die Demira-Minenräumteams dürften nicht das letzte Mal in die nordöstliche Grenzregion ausgerückt sein.