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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Und nun zum Klima – Teil 2

Text: Wolfgang Hassenstein

Unser Fachredakteur Wolfgang Hassenstein erklärt, was der zunehmende Schneemangel und die bayerische Abneigung gegen Windräder miteinander zu tun haben

Was mir Sorgen macht
Alles still! In Theodor Fontanes gleichnamigem Jugendgedicht aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt jede Strophe mit diesem Ausruf über die Akustik des Schnees. „Alles still! Nichts hör ich klopfen / Als mein Herze durch die Nacht...“ Dabei könnte man doch annehmen, dass es damals, als noch kein Auto fuhr, ohnehin deutlich leiser zuging in Deutschland.

Wenn es heute schneit, überrascht mich jedenfalls immer wieder die Abwesenheit des Verkehrslärms. Aufgrund seiner porösen Struktur schluckt der Schnee die Fahrgeräusche der Autos, die wegen der Glätte sowieso nur noch untertourig schleichen. Trotzdem hält kaum jemand inne, um wie Fontane in die Stille hineinzuhorchen. Schnee gilt vor allem als riskantes Ärgernis, das die Abläufe stört.

Da trifft es sich doch gut, dass er in Deutschland immer seltener fällt oder liegen bleibt. Autos, die mithilfe fossiler Treibstoffe fahren, helfen mit, ihren größten Widersacher loszuwerden – den Frost. Hier mildert der Klimawandel also ausnahmsweise mal ein Risiko, anstatt es zu verstärken. Deshalb wird der Schneemangel außer an Weihnachten im Flachland auch nur selten beklagt.

Anders sieht es in den Bergen aus. Die Skiorte müssen immer häufiger ihre Schneekanonen anwerfen – und dabei stehen sie gerade erst am Anfang eines grundlegenden Wandels. Forscher um Christoph Marty vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos haben errechnet, dass die alpine Schneedecke bis Ende des Jahrhunderts um voraussichtlich siebzig Prozent zurückgehen wird, wenn die globalen Treibhausgasemissionen weiter steigen. Für ihre Studie, die Anfang 2017 im Fachblatt „The Cryosphere“ erschien, haben sie verschiedene Klimaszenarien mit ihrem Schneedeckenmodell Alpine3D kombiniert, das sie und Forscher in aller Welt sonst dazu nutzen, die täglichen Lawinenwarnungen herauszugeben.

Demnach wird die durchschnittliche Schneehöhe sogar in Skigebieten über 3000 Metern um vierzig Prozent abnehmen, während es in Lagen unter 1200 Metern – dem Höhenbereich, in dem zwei Drittel der bayerischen Skigebiete liegen – im Jahr 2100 kaum noch geschlossene Schneedecken geben wird. Am stärksten werde die Zahl der Schneetage, sofern es keine unvorhergesehenen Verschiebungen im Klimasystem gibt, in den Regionen unter 500 Metern sinken, nämlich von derzeit zwanzig im Jahr auf „null bis zwei“. „Wintereinbrüche kann es auch dort künftig noch geben“, erklärt Marty. „Aber gegen Ende des Jahrhunderts sind sie womöglich ein Ereignis wie heute in Israel.“

Wenn ich mir das bewusst mache, schwindelt es mir: Wir sind gerade dabei, einen Naturzustand zu eliminieren, der die gesamte mitteleuropäische Kulturgeschichte begleitet hat – und nehmen unseren Nachkommen damit die Möglichkeit einer Urerfahrung. An meinen Kindern beobachte ich, was Schnee, wenn er denn doch noch mal fällt, für sie bedeutet: pures Glück in kristallisierter Form.

Vielleicht lesen heute Geborene im Jahr 2100 ihren Enkeln zum Advent noch Wintergedichte vor, vielleicht können sie ihnen gar noch aus erster Hand von jenem wundersamen Aggregatzustand des Wassers und der zauberhaften Stille bei Neuschnee erzählen. Doch nur in den Hochalpen, so die nasskalten Aussichten für die Zeit nach dem gescheiterten Klimaschutz, wird dann der Winter, wie wir ihn kennen, mithilfe von Schneekanonen noch punktuell aufrechterhalten.

Was mich hoffen lässt
Wer auch künftig noch Schnee für alle will, der sollte statt auf „technische Beschneiung“ wohl doch lieber auf technische Ursachenbekämpfung setzen. In ihrer Schneestudie lieferten die Forscher aus Davos denn auch eine motivierende Zahl mit: Gelinge es, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, werde die alpine Schneedecke um „nur“ dreißig Prozent kleiner. Noch besser, die Welt hält das 1,5-Grad-Ziel ein.

Allerdings kommt auf Deutschland, sofern es die Pariser Klimaziele ernst nimmt, ein Wandel ganz anderer Art zu. Die Wissenschaftsakademien – Leopoldina, Acatech und die Union der deutschen Akademien – haben jüngst „Optionen für die nächste Phase der Energiewende“ ausgelotet. Ihr Befund: Eine Reduktion der CO2-Emissionen bis 2050 um 85 Prozent „erscheint machbar“, sei jedoch mit „hohen technischen und gesellschaftlichen Herausforderungen verbunden“.

Die vorsichtige Formulierung enthält eine sehr gute Nachricht: Die hochkarätigen Experten aus 15 Institutionen haben eine recht genaue Vorstellung davon, wie die Dekarbonisierung eines Industrielandes mit 82 Millionen Einwohnern funktionieren kann. Klimaschutz ist machbar! Allerdings, so ihr Fazit, sei die Energiewende ein „gesamtgesellschaftliches Großprojekt“, das auch „Veränderungen im Landschaftsbild“ mit sich bringt.

Die Forscher sind sich nämlich sicher, dass es ohne einen massiven Ausbau von Windkraft und Fotovoltaik nicht geht. Die Erneuerbaren müssen ja nicht nur Kohle- und Atommeiler ersetzen, sondern auch Fahrzeuge antreiben und Häuser wärmen: „Sektorkopplung“ nennt man diese große Elektrifizierung. Nach einer Phase, in der Strom vermehrt direkt genutzt wird – etwa in Wärmepumpenheizungen und E-Autos – wird er ab 2025 zunehmend dazu verwendet, Wasserstoff, Methan und synthetische Kraftstoffe herzustellen, also speicherbare Erneuerbare mit hoher Energiedichte. Sie werden im dekarbonisierten Deutschland helfen, „Dunkelflauten“ zu überbrücken und schließlich auch Lkws, Flugzeuge und Schiffe CO2-neutral antreiben.

Das alles ist raffiniert und plausibel, aber „anlagentechnisch wesentlich aufwendiger als heute“. Es sei „denkbar“, so die Akademien, dass Deutschland im Jahr 2050 fast doppelt so viel Strom verbrauche wie heute. Um den Bedarf zu decken, seien Wind- und Fotovoltaikanlagen mit einer Leistung von 500 Gigawatt nötig – sechsmal mehr als heute. Hinzu kämen Tausende Elektrolyseure zur Herstellung von erneuerbarem Gas und Treibstoff, Batteriespeicher sowie Reservekraftwerke für die Versorgungssicherheit. Die volkswirtschaftliche Dimension der Energiewende werde „an die Wiedervereinigung heranreichen“.

Puh. Aber wenigstens liegen damit die Fakten auf dem Tisch. Die Studie benennt auch die Gefahr, dass das Vorhaben an „Akzeptanzproblemen“ scheitern könnte. Deshalb solle der Bau von Windparks und Stromleitungen so weit wie möglich minimiert werden – durch größere Anstrengungen bei Effizienz und Energiesparen sowie den ergänzenden Ausbau anderer Erneuerbarer wie Biomasse und Geothermie. Studienleiter Hans-Martin Henning, Direktor des Fraunhofer-Instituts Solare Energiesysteme in Freiburg, betont das Positive: „Wir können die Fotovoltaik in die Städte bringen.“ Auch seien neue Windräder leistungsfähiger. Laut Windkraftbranche reichen zwei Prozent der Landesfläche aus.

Dumm nur, dass nach Bayern nun auch das schwarz-gelb regierte Kohleland Nordrhein-Westfalen eine Abstandsregelung für Windräder plant, die deren Bau weitgehend zum Erliegen brächte. Nun ja, Schnee gab es am Rhein schon bisher vor allem in Form von Matsch. Aber Bayern? Das wird sich entscheiden müssen. Das Projekt Winterrettung kann seine konsequente Unterstützung gut gebrauchen.