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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Und nun zum Klima – Teil 5

Text: Wolfgang Hassenstein

Wirbelstürme werden heftiger – und bewegen sich langsamer fort, was sie noch gefährlicher macht. Die Ironie dabei: In der Kraft des Windes liegt auch die Rettung

Was mir Sorgen macht
Vor bald einem Jahr, am 20. September 2017, fegte Hurrikan „Maria“ über Puerto Rico hinweg. Die Karibikinsel hat sich davon noch immer nicht erholt, Tausende Haushalte sind weiterhin ohne Strom – im April fiel die Versorgung sogar kurzzeitig auf der ganzen Insel aus. In armen Ländern kann das tödliche Folgen haben.

Wissenschaftler der Harvard University haben nun die Zahl der Opfer von „Maria“ radikal nach oben korrigiert: Nicht 64, wie es zuvor offiziell hieß, sondern mehr als 4600 Menschenleben hat der Wirbelsturm laut einer im New England Journal of Medicine erschienenen Studie in dem US-Außengebiet gefordert. Die Forscher hatten zu Jahresbeginn Tausende Puerto Ricaner besucht und nach den Folgen der Katastrophe gefragt. Im Schnitt, so das Ergebnis, mussten die Haushalte 84 Tage ohne Strom, 64 Tage ohne Wasser und 41 Tage ohne Mobilfunknetz auskommen.

Zur Berechnung der Opferzahl zogen die Wissenschaftler die Kriterien der US-Gesundheitsbehörde CDC heran: Sie zählten nicht nur direkte Todesfälle etwa durch herumfliegende Trümmer und umstürzende Bäume, sondern bezogen auch die Folgen verschlechterter Lebensbedingungen mit ein. Fatal war der Kollaps des Gesundheitssystems. Ein Drittel der Todesfälle geht darauf zurück, dass Verletzte und Kranke wegen Stromausfällen und unterbrochenen Straßenverbindungen nicht rechtzeitig medizinisch versorgt werden konnten.

Inzwischen blicken die Menschen auf Puerto Rico wieder nach vorn, doch zugleich herrscht dort die Angst vor möglichen neuen Stürmen. Tatsächlich kann es Länder in die Knie zwingen, wenn Katastrophen in so dichter Abfolge eintreten, dass sie die Schäden dazwischen nicht vollständig bewältigen können. Haiti, auf Puerto Ricos Nachbarinsel gelegen, ist dafür das beste Beispiel.

Mir erscheinen vor diesem Hintergrund neue Erkenntnisse der Klimaforschung besonders schwerwiegend. Inzwischen wird ein Trend sichtbar, den Experten lange vorhergesagt hatten: Besonders starke und verheerende tropische Wirbelstürme werden infolge der Meereserwärmung häufiger. Denn warmes Wasser ist der Motor von Hurrikans, Taifunen und Zyklonen.

So gab es in den vergangenen Jahren – die heißer waren denn je – in allen Ozeanbecken neue Spitzenwerte bei den Wirbelstürmen: „Haiyan“, 2013, war der stärkste je gemessene Sturm im Nordwestpazifik; „Patricia“, 2015 im Nordostpazifik, der stärkste Sturm weltweit. „Winston“, 2016: Rekord im Südpazifik, „Fantala“, 2016: Rekord im südlichen Indischen Ozean. Und dann kam das Hurrikanjahr 2017 mit „Irma“, die länger als je zuvor ein Sturm der Kategorie 5 blieb, mit „Harvey“, der beispiellose Regenmengen nach Texas brachte – und eben „Maria“. Kerry Emanuel, weltweit renommierter Hurrikanexperte vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), der die Zunahme von Wirbelstürmen der stärksten Kategorien als Erster prognostiziert hatte, nannte die Saison 2017 einen „Vorgeschmack auf die Zukunft“.

Nun belegt eine im Fachblatt Nature erschienene Studie eine weitere Veränderung: Wirbelstürme werden nicht nur stärker, sie bewegen sich auch langsamer von der Stelle. Ihre Zuggeschwindigkeit habe seit 1946 global um zehn Prozent abgenommen, so die Forscher von der US-Klima-und Ozeanbehörde NOAA, im Westpazifik sogar um zwanzig Prozent. Die Entwicklung, die offenbar ebenfalls mit dem Klimawandel in Verbindung stehe, erhöhe die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen durch Regen – und „das Risiko, durch die Naturereignisse zu sterben“.

Im Jahr 2018 purzeln übrigens weiterhin weltweit die Hitzerekorde. Wir Hamburger hatten bisher einen fantastischen Sommer. In der Karibik ist erneut ein starkes Hurrikanjahr angesagt.

Was mich hoffen lässt
Dass ausgerechnet in starkem Wind, dieser hochgefährlichen Folge des Klimawandels, auch das stärkste Gegenmittel steckt, erscheint mir fast wie eine Ironie des Schicksals. Windkraft bildet ja mit ihrer sonnigen Schwester das Rückgrat der Energiewende.

So bescherte Ende 2017 eine Serie von Sturmtiefs den deutschen Windmühlenbetreibern enorme Stromausbeuten: Erst wehte „Xavier“, dann „Sebastian“ – übrigens ziemlich normale Herbststürme und keine Klimawandelboten. Den Rekord brachte anschließend „Herwart“: Am 28. Oktober um 19 Uhr erzeugten die Windräder zwei Drittel unseres Stroms, vierzig Gigawatt, so viel wie vierzig Kohle- und Atommeiler.

Weil es nicht nur ein hervorragendes Windjahr war, sondern auch der Zubau neuer Anlagen auf Hochtouren lief, stand Ende 2017 ein sattes Plus von 32 Prozent Windstrom gegenüber dem Vorjahr in der Bilanz. Der Wind war erstmals zweitwichtigste Stromquelle – und lieferte mit den Solaranlagen sogar mehr Kilowattstunden als die Braunkohle.

Doch ist die Freude über den Erfolg mit einem Wermutstropfen verbunden, einem ziemlich dicken sogar: Im laufenden Jahr ist der Zubau eingebrochen, es werden voraussichtlich nur noch Windräder mit vier Gigawatt Leistung errichtet, ein Viertel weniger als im Vorjahr, und für die Zeit danach lassen aktuelle Planungen sogar noch schlechtere Zahlen erwarten. Grund dafür ist die seit 2017 geltende Ausschreibungspraxis, die Investitionen hemmt, und wohl auch der gewachsene Widerstand gegen neue Projekte vor Ort.

Doch wenn die schwarz-rote Bundesregierung ihr im Koalitionsvertrag festgeschriebenes Ziel wahr machen möchte, den Erneuerbaren-Anteil von derzeit 36 auf 65 Prozent im Jahr 2030 zu erhöhen, dann, so hat die Denkfabrik Agora Energiewende errechnet, darf der Windkraftzubau an Land nicht weiter schrumpfen, sondern muss bei mindestens vier Gigawatt jährlich stabilisiert werden. Überdies müssen die Ziele für die Offshore-Windkraft angehoben und der Solarzubau verdoppelt werden. Berlin sollte Hürden abbauen anstatt neue zu errichten.

Das Ziel steht ja fest: Deutschland, dessen historische Klimaschuld so groß ist wie seine Innovationskraft, muss schnellstmöglich aus der klimaschädlichen Kohleverstromung aussteigen. Im Juni hat die Kohlekommission ihre Arbeit aufgenommen, die bis Jahresende einen sozialverträglichen Ausstiegsfahrplan erarbeiten soll – man darf gespannt sein, wie das angesichts widerstreitender Interessen ihrer Mitglieder gelingt. Die großen Stromkonzerne, die um ihre Pfründe fürchten, bringen sich jedenfalls schon in Stellung. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz warnte vor Stromengpässen und hohen Kosten. Ein Kohleausstieg bis 2030 sei „nicht zu schaffen“.

Auf Puerto Rico, wo viele Menschen im Dunkeln sitzen, muss es wie Hohn klingen, wenn in Deutschland der größte CO2-Emittent mit angeblich mangelnder Versorgungssicherheit argumentiert. Der Strom fließt hierzulande so zuverlässig wie kaum irgendwo sonst auf der Welt, und daran wird sich auch bei einer schnellen Reduzierung der Kohleverstromung nichts ändern, wie die Bundesnetzagentur bestätigt.

Überdies gibt es raffinierte Pläne, wie mittelfristig eine neue Energiequelle einspringen kann, wenn der Wind über Deutschland nicht weht und die Sonne nicht scheint. Sogenanntes Elektrolysegas, das in Überschusssituationen aus Wind- und Solarstrom erzeugt und in bestehenden Gasspeichern gelagert wird, kann nach einer Studie der Agentur Energy Brainpool im Auftrag des Stromversorgers Greenpeace Energy schon in den 2030er-Jahren günstiger erzeugt werden als Erdgas, für das CO2-Zertifikate bezahlt werden müssen.

Die Braunkohle hingegen ist, wenn man alle Umweltkosten mit einberechnet, der teuerste Energieträger von allen.