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Und sie bewegt sich noch

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Und sie bewegt sich noch

Text: Pepe Egger

Seattle, Genua, Heiligendamm – um die Jahrtausendwende waren Globalisierungsgegner die Avantgarde der außerparlamentarischen Linken. In der Kampagne gegen das Freihandelsabkommen TTIP wurde die Bewegung noch einmal groß, zugleich mischte sich manch nationalistischer Abwehrreflex in den Protest. Wo aber steht sie heute?

Irgendwann kommt das Chlorhühnchen doch noch auf den Tisch. Natürlich kein echtes. Hier, im „Bundesbüro“ von Attac nahe dem Frankfurter Hauptbahnhof, zwischen alten Transparenten an den Wänden und Flyern in den Regalen, hätte dieses sehr spezielle Federvieh im Dezember 2017 aus vielerlei Gründen nichts verloren. Vielmehr geht es um die Frage, wie ein gerupftes Klischee den vielleicht größten Kampagnenerfolg der Antiglobalisierungsbewegung in den letzten zehn Jahren mit herbeigeführt hat, darin gipfelnd, dass im September 2016 nach Veranstalterangaben deutschlandweit rund 320.000 Menschen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta auf die Straße gingen.

Denn das Chlorhühnchen, die in Chemikalien gebadete und zum Verzehr freigegebene Kreatur, versorgte die Antiglobalisierungsbewegung mit leicht verdaulicher Systemkritik: Hier die überkapitalistischen USA und ihre tier-, natur- und menschenfeindliche Deregulierung, dort die nicht gar so schlimme EU, deren Verbraucherstandards mit einem Freihandelsabkommen geschleift werden sollen. Das sorgte für Zorn auf der Straße und Geld in der Spendenkasse. Mehr kann sich eine Organisation wie Attac doch nicht wünschen. Oder?

„Wir hatten das Chlorhühnchen erwähnt“, sagt Roland Süß jetzt, und man sieht, dass ihm das Hühnchen bis hier oben steht, „um zu verdeutlichen, dass es in den Regelungen zwischen der EU und den USA Unterschiede gibt. Das war ein Punkt in einer ganzen Argumentationskette, aber es wurde von den Medien aufgegriffen und immer wieder hochgespielt. Am Ende wurden wir gefragt, wieso fokussiert ihr euch so auf das Chlorhühnchen?“

Sein Mitstreiter Werner Rätz, wie Süß einer von knapp 30.000 deutschen Attac-Mitgliedern, hält das Chlorhühnchen sogar für problematisch, weil es eine ganz falsche Vorstellung der tatsächlichen Kritik an TTIP transportiert habe: „TTIP war ja zu keinem Zeitpunkt ein Versuch der USA, die EU über den Tisch zu ziehen“, sagt Rätz. „Im Gegenteil: TTIP war immer der Versuch der großen Konzerne, in beiden Vertragsregionen hohe Normen zu schleifen.“ Weswegen Attac schon früh vor antiamerikanischen Untertönen in der TTIP-Kritik gewarnt habe.

Doch machten nicht auch diese Untertöne den TTIP-Protest so erfolgreich, dass sogar die SPD schließlich von dem Abkommen abrückte? Und war das nicht immer schon ein Problem der Bewegung: dass knappe Slogans und knallige Feindbilder eher die Massen mobilisieren als Arbeitsgruppen zu komplexen Themen wie der Finanztransaktionssteuer? Letztere trägt Attac – wörtlich Association pour la taxation des transactions financières et pour l‘action citoyenne – zwar immer noch im Namen. Als ihr mächtigster Befürworter auf EU-Ebene machte aber zuletzt, ausgerechnet, Wolfgang Schäuble von sich reden.

Freilich: Bei Attac sind sie der Ansicht, Schäuble habe ihre Forderung bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Aber dass er sie überhaupt aufgegriffen hat, lässt sich auch auf den Druck der Bewegung zurückführen, die seit der WTO-Konferenz 1999 in Seattle und über die Krise von 2008 hinaus beharrlich für eine andere Globalisierung warb. Die Frage ist nur, auch nachdem sich die Wahrnehmung der Proteste zum G20-Gipfel im Juli in Hamburg weitgehend in der Polarisierung zwischen Polizei und Krawallmachern verlor: Hat sie sich in diesem Kampf erschöpft?

1. Station: Der bewusste Konsum
Anfang September 2001 erhielten die Globalisierungsgegner Zuspruch von unvermuteter Stelle. Der G8-Gipfel von Genua lag zu diesem Zeitpunkt erst einen guten Monat zurück. Die Gewalt des Schwarzen Blocks und der Polizei, die zum tragischen Tod von Carlo Giuliani geführt hatten, den friedlichen Protest der Mehrheit der Demonstranten, all das musste die Welt erst einmal verarbeiten, sich ein Bild dieser damals in Berichten oft so genannten „neuen linken Sammlungsbewegung“ machen. Da verteidigte sie Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einer Wirtschaftstagung der SPD: Die vielen Menschen etwa aus kirchlichen Gruppen oder Dritte-Welt-Initiativen, die eine unkontrollierte Herrschaft der internationalen Finanzmärkte und Großkonzerne befürchteten, seien keineswegs „nur Spinner“. Es könnten vielmehr jene sein, die „übermorgen in Verantwortung für die Länder eintreten“.

Gute 16 Jahre später reiht sich in einer riesigen Halle am Gleisdreieck in Berlin Stand an Stand, ein unerschöpfliches Angebot: faire Kleider, faire Kosmetik, faire Brotaufstriche und ebensolche Investmentfonds. Der hier stattfindende „Heldenmarkt“ ist in gewisser Weise die Jahreshauptversammlung aller Eine-Welt-Läden, die „Messe für alle, die was besser machen wollen“. Wenn der TTIP-Protest die jüngste kämpferische Manifestation der Bewegung ist, ist das hier ihre sanfte und zugleich geschäftstüchtige: Statt südamerikanischer Häkelromantik gibt es durchdesignte Logos von sozial orientierten Start-ups. „Spinner“ geben sich hier nicht zu erkennen. Aber wird hier wirklich noch für etwas Grundsätzliches gekämpft?

Stichprobe: An einem Tisch bietet CAN, das „Conscious Action Network“, Schokolade an. Ein Teil des Erlöses jeder Tafel dient dazu, Elefanten in Tansania zu schützen oder Kinder in Kolumbien mit Solartaschenlampen auszustatten. Tom Zachmeier macht die Filme dazu, er trägt noch die olivgrüne Mütze und Jacke des Solidaritäts-Tropenreisenden. Und des zupackenden Machers, der Gutes tun will. „Wir, denen es gut geht“, sagt Tom, „können mit einem Knopfdruck, einem Klick bewirken, dass es jemand anderem besser geht, einem Schulkind, einer Bäuerin, einem Elefanten. Und weil wir das können, sollten wir es auch tun, nicht allein für das Kind, sondern auch für uns selbst.“

Auf die Frage, ob er sich selbst der globalisierungskritischen Bewegung zurechnet, muss Tom erst einmal nachdenken. Eigentlich nicht. Globalisierung, da könne man ja gar nicht so pauschal dagegen sein, findet Tom, denn die „Interconnectedness“, um die es ihm geht, das sei ja auch eine Art globale Verbundenheit. Überhaupt mag Tom nicht „gegen“ etwas sein. „Für mich ist das Einzige, was zählt“, sagt er, „zu handeln, etwas zu tun. Sobald jemand gegen etwas ist, interessiert es mich nicht mehr. Kann man gerne machen, aber ohne mich.“

Erste Erkenntnis: Wer Dinge bewegt, ist noch lange nicht Teil einer Bewegung.

2. Station: Das bewusste Leben
Die Interconnectedness treibt auch Anna um, aber doch ein bisschen anders, vielleicht: politischer. Anna kommt aus Stralsund, aber sie sagt, sie habe immer schon gedacht, „dass es so zufällig und willkürlich ist, wo du geboren bist und was für Privilegien dir das einräumt“. Anna ist 37, sie hat halblanges dunkelblondes Haar und die Fähigkeit, über etwas wie „internationale Solidarität“ so klischeelos und beiläufig überzeugend zu sprechen, dass man gleich aufspringen und mitmachen will. Wenn es zufällig ist, meint sie, wo man geboren wird, dann heißt das im Umkehrschluss für sie, „dass Leute, die im Süden geboren sind, den gleichen Anspruch auf Respekt und gute Arbeits- und Lebensbedingungen haben wie wir hier auch“.

Aber, sagt Anna, dazu müsste man die Welt halt irgendwie anders organisieren.

Sie zum Beispiel fing irgendwann an, sich daran zu stören, wenn sie „so billige T-Shirts“ kaufte. Und zwar billig mit System, also so, dass eine Firma allein nichts dagegen tun könne, weil sie ja untergehe gegen die billigeren anderen. Anna wusste auch, dass das zu umgehen für sie allein unmöglich wäre, weil sie dann ja mit ihrem Budget fast nichts mehr kaufen könnte. Da hat sie beschlossen, sich zumindest dafür einzusetzen, „dass das System sich ändert“. (...)

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