Guten Abend,

windzerzaust bin ich aus dem Urlaub zurückgekehrt und kann berichten: Von einer Hitzewelle war auf Deutschlands nördlichster Insel Sylt, meiner alten Heimat, wenig zu spüren. Für unsereinen, unterwegs auf Fahrrädern ohne Elektroantrieb, wird die Fortbewegung bei strammem Gegenwind zu einer echten Herausforderung. Aber auch an weniger windigen Tagen kann man nicht unbeschwert drauflosradeln: Auf der zum Rad- und Wanderweg umgebauten ehemaligen Trasse der 1970 stillgelegten Inselbahn etwa, einer auch als Rasende Emma oder Nivea-Express bekannten Schmalspurbahn, begegnet man ständig E-Bikes, und die sind mit Vorsicht zu genießen, weil oft Ungeübte damit herumsausen. 120 Unfälle mit den schnellen Rädern verzeichnet die Statistik für 2018.

Überhaupt, die Fortbewegung: Wer nicht radelt, wandert oder sich in die vor allem bei schlechtem Wetter vollen Busse quetscht, fährt die neuesten, teuersten, schicksten und dicksten Modelle aus dem Premiumsegment deutscher Autohersteller spazieren, und das sind sehr, sehr viele. Nach ein paar Tagen auf Sylt verfestigt sich der Eindruck, dass SUVs die Artenvielfalt in der Autowelt doch ganz erheblich dezimiert haben. Dabei ist auf der Insel auch nicht mehr Platz als in den aus den Nähten platzenden Innenstädten, im Gegenteil: Biegt so ein Monster in eine der vielen schmalen Dorfstraßen ein, ist diese gut ausgefüllt – für Gegenverkehr, Räder oder Fußgänger bleibt kein Raum mehr.

Aber auf das gute Stück verzichten will kaum jemand, auch wenn es bei der Autoverladung Probleme gibt, denn die adipösen Fahrzeuge müssen schließlich vom Festland mit Doppelstockzügen nach Sylt befördert werden. Verschleißerscheinungen an den Auf- und Abfahrten der oberen Ebene führen jedoch dazu, dass manche von ihnen nicht beladen werden können. Die Folge: Engpässe bei der Verladung. Das trifft nicht nur SUVs und Pkws, sondern auch die zahlreichen Lieferwagen und Transportfahrzeuge der Handwerksfirmen, die auf den Pendelverkehr angewiesen sind.

Ebenso wie diejenigen, ohne die in der Hochsaison gar nichts geht: Reinigungskräfte, Personal für Läden, Hotels, Gastronomie, Arztpraxen, Büros und so fort. 4500 von ihnen pendeln täglich. Denn eins können Sie auf Sylt vergessen – bezahlbaren Wohnraum. Bauen oder Kaufen ist nur was für Millionäre, Mietwohnungen sind knapp und unerschwinglich. Sollten Sie mal in einem der Pendlerzüge sitzen, belauschen Sie eine spezielle nordfriesische Variante der Wutbürger: Auf die Bahn ist hier niemand gut zu sprechen. Ungezählte Zugausfälle und Verspätungen setzen den Leuten zu, und die Sanierung der maroden Strecke wird noch ein paar Jahre dauern.

Die Feriengäste grummeln zwar auch, haben aber eine praktikable Lösung für ihre An- und Abreise: Sie fliegen. Von Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Kassel, Mannheim, Stuttgart, München oder Zürich. Dann wird flott ein Auto gemietet, und schon ist das individuelle Transportproblem gelöst. Flugscham? Was soll das sein?

Sylt zeigt wie unter einem Brennglas, was bei Klimaschutz und Verkehrswende alles im Argen liegt. Dabei ist Klimawandel durchaus ein Thema. „Fridays for Future“ ist auch hier schon in Erscheinung getreten, Studien werden erstellt, Veranstaltungen organisiert. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, mitten in den Neunzigerjahren gelandet zu sein. Wegen der dicken Autos und all des Bling-Bling, das man im Promi-Hotspot Kampen, aber auch im einst beschaulichen Keitum und in anderen Dörfern antrifft; wegen des Dreiklangs bei der ungebremsten Bautätigkeit (kaufen, abreißen, neu bauen) und der lärmenden Schwadronen, die tagtäglich mit schwerem Gerät und verdächtigen Spritzpistolen über die Gärten herfallen, den Rasen scheren, die Hecken zu Kugeln trimmen und auch dem letzten Insekt den Garaus machen. Kampen sehe aus wie der Ohlsdorfer Friedhof, spottet eine alte Sylterin, und sei auch ebenso tot. Wo sie Recht hat, hat sie Recht, denn außer Flora und Fauna sterben langsam auch die Einwohner aus.

Warum tue ich mir das trotzdem jedes Jahr an, wo doch alles immer irrer wird? Nun, das Meer, der Strand, der Himmel, die Dünen sind zum Glück noch da, und zu bestimmten Tageszeiten hat man das alles fast für sich allein. Weitere Erklärungen überlasse ich Theodor Storm. In der letzten Strophe seines berühmten Gedichts „Die Stadt“ – gemeint ist Husum – heißt es:

„Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.“

Verkehrswende nach Sylter Art // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

PS: Gute Parolen am laufenden Band: Unser Papierklebeband „Planet Earth First“ hilft beim Verpacken von Sendungen aller Art, zum Beispiel nach Sylt. Jetzt eine Woche 20 Prozent reduziert.

image description
Greenpeace Warenhaus Button
Tu Was Kids Tu Was Kids Tu Was Kids Tu Was Kids Tu Was Kids
19,00 €
Tu Was Kids
Tier-Memo Tier-Memo
15,00 €
Tier-Memo

Eine Arche Noah fürs Gedächtnis. Alle 48 Tierarten unseres Memo-Spiels treten als Zwillingspaare auf. Vorgestellt werden sie auf der beiliegenden Spielanleitung.

10,00 € 8,00 €

Poster "Tierrechte"

Das Poster zum Cover! Unser Magazincover „Tierrechte“ (Ausgabe 2.19) als hochwertiges Poster.